MEIN KAMPF Von Adolf Hitler Erster Band Eine Abrechnung FEN 1934 Verlag Franz Eher Nachfolger, G.m.b.H. Mnchen 2, NO Alle Rechte vorbehalten Copyright Band I 1925 by Franz Eher Nachf. G.m.b.H., Mnchen 2, NO Printed in Germany --------------------------------------------------- Mein Kampf, Elektronische Version 1.1 (MK-EV) --------------------------------------------------- fr den IBM Personal Computer Copyright (c)1991 by Neue Rechte/International (NRI) All rights reserved. Erster Band Eine Abrechnung 1 1. Kapitel Im Elternhaus Als glckliche Bestimmung gilt es mir heute, daá das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies. Liegt doch dieses St„dtchen an der Grenze jener zwei deutschen Staaten, deren Wiedervereinigung mindestens uns Jngeren als eine mit allen Mitteln durchzufhrende Lebensaufgabe erscheint! Deutsch”sterreich muá wieder zurck zum groáen deutschen Mutterlande, und zwar nicht aus Grnden irgendwelcher wirtschaftlichen Erw„gungen heraus. Nein, nein: Auch wenn diese Vereinigung, wirtschaftlich gedacht, gleichgltig, ja selbst wenn sie sch„dlich w„re, sie máte dennoch stattfinden. Gleiches Blut geh”rt in ein gemeinsames Reich. Das deutsche Volk besitzt solange kein moralisches Recht zu kolonialpolitischer T„tigkeit, solange es nicht einmal seine eigenen S”hne in einem gemeinsamen Staat zu fassen vermag. Erst wenn des Reiches Grenze auch den letzten Deutschen umschlieát, ohne mehr die Sicherheit seiner Ern„hrung bieten zu k”nnen, ersteht aus der Not des eigenen Volkes das moralische Recht zur Erwerbung fremden Grund und Bodens. Der Pflug ist dann das Schwert, und aus den Tr„nen des Krieges erw„chst fr die Nachwelt das t„gliche Brot. So scheint mir dieses kleine Grenzst„dtchen das Symbol einer groáen Aufgabe zu sein. Allein auch noch in einer anderen Hinsicht ragt es mahnend in unsere heutige Zeit. Vor mehr als hundert Jahren hatte dieses unscheinbare Nest, als Schauplatz eines die ganze deutsche Nation ergreifenden tragischen Unglcks, den Vorzug, fr immer in den Annalen wenigstens der deutschen Geschichte verewigt zu werden. In der Zeit der tiefsten 2 Im Elternhaus Erniedrigung unseres Vaterlandes fiel dort fr sein auch im Unglck heiágeliebtes Deutschland der Nrnberger Johannes Palm, brgerlicher Buchh„ndler, verstockter "Nationalist" und Franzosenfeind. Hartn„ckig hatte er sich geweigert, seine Mit-, besser Hauptschuldigen anzugeben. Also wie Leo Schlageter. Er wurde allerdings auch, genau wie dieser, durch einen Regierungsvertreter an Frankreich denunziert. Ein Augsburger Polizeidirektor erwarb sich diesen traurigen Ruhm und gab so das Vorbild neudeutscher Beh”rden im Reiche des Herrn Severing. In diesem von den Strahlen deutschen M„rtyrertums vergoldeten Innst„dtchen, bayerisch dem Blute, ”sterreichisch dem Staate nach, wohnten am Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts meine Eltern; der Vater als pflichtgetreuer Staatsbeamter, die Mutter im Haushalt aufgehend und vor allem uns Kindern in ewig gleicher liebevoller Sorge zugetan. Nur wenig haftet aus dieser Zeit noch in meiner Erinnerung, denn schon nach wenigen Jahren muáte der Vater das liebgewonnene Grenzst„dtchen wieder verlassen, um innabw„rts zu gehen und in Passau eine neue Stelle zu beziehen; also in Deutschland selber. Allein das Los eines ”sterreichischen Zollbeamten hieá damals h„ufig "wandern". Schon kurze Zeit sp„ter kam der Vater nach Linz und ging endlich dort auch in Pension. Freilich "Ruhe" sollte dies fr den alten Herrn nicht bedeuten. Als Sohn eines armen, kleinen H„uslers hatte es ihn schon einst nicht zu Hause gelitten. Mit noch nicht einmal dreizehn Jahren schnrte der damalige kleine Junge sein R„nzlein und lief aus der Heimat, dem Waldviertel, fort. Trotz des Abratens "erfahrener" Dorfinsassen war er nach Wien gewandert, um dort ein Handwerk zu lernen. Das war in den fnfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Ein bitterer Entschluá, sich mit drei Gulden Wegzehrung so auf die Straáe zu machen ins Ungewisse hinein. Als der Dreizehnj„hrige aber siebzehn alt geworden war, hatte er seine Gesellenprfung abgelegt, jedoch nicht die Zufriedenheit gewonnen. Eher das Gegenteil. Die lange Zeit der damaligen Not, des ewigen Elends und Jammers 3 Der kleine R„delsfhrer festigte den Entschluá, das Handwerk nun doch wieder aufzugeben, um etwas "H”heres" zu werden. Wenn einst dem armen Jungen im Dorfe der Herr Pfarrer als Inbegriff aller menschlich erreichbaren H”he erschien, so nun in der den Gesichtskreis m„chtig erweiternden Groástadt die Wrde eines Staatsbeamten. Mit der ganzen Z„higkeit eines durch Not und Harm schon in halber Kindheit "alt" Gewordenen verbohrte sich der Siebzehnj„hrige in seinen neuen Entschluá - und wurde Beamter. Nach fast dreiundzwanzig Jahren, glaube ich, war das Ziel erreicht. Nun schien auch die Voraussetzung zu einem Gelbte erfllt, das sich der arme Junge einst gelobt hatte, n„mlich nicht eher in das v„terliche Dorf zurckzukehren, als bis er etwas geworden w„re. Jetzt war das Ziel erreicht, allein aus dem Dorfe konnte sich niemand mehr des einstigen kleinen Knaben erinnern, und ihm selber war das Dorf fremd geworden. Da er endlich als Sechsundfnfzigj„hriger in den Ruhestand ging, h„tte er doch diese Ruhe keinen Tag als "Nichtstuer" zu ertragen vermocht. Er kaufte in der N„he des ober”sterreichischen Marktfleckens Lambach ein Gut, bewirtschaftete es und kehrte so im Kreislauf eines langen, arbeitsreichen Lebens wieder zum Ursprung seiner V„ter zurck. In dieser Zeit bildeten sich mir wohl die ersten Ideale. Das viele Herumtollen im Freien, der weite Weg zur Schule, sowie ein besonders die Mutter manchmal mit bitterer Sorge erfllender Umgang mit „uáerst robusten Jungen, lieá mich zu allem anderen eher werden als zu einem Stubenhocker. Wenn ich mir also auch damals kaum ernstliche Gedanken ber meinen einstigen Lebensberuf machte, so lag doch von vornherein meine Sympathie auf keinen Fall in der Linie des Lebenslaufes meines Vaters. Ich glaube, daá schon damals mein rednerisches Talent sich in Form mehr oder minder eindringlicher Auseinandersetzungen mit meinen Kameraden schulte. Ich war ein kleiner R„delsfhrer geworden, der in der Schule leicht und damals auch sehr gut lernte, sonst aber ziemlich schwierig zu behandeln war. Da ich in meiner freien Zeit im Chorherrenstift 4 Kriegsbegeisterung zu Lambach Gesangsunterricht erhielt, hatte ich beste Gelegenheit, mich oft und oft am feierlichen Prunke der „uáerst glanzvollen kirchlichen Feste zu berauschen. Was war natrlicher, als daá, genau so wie einst dem Vater der kleine Herr Dorfpfarrer nun mir der Herr Abt als h”chst erstrebenswertes Ideal erschien. Wenigstens zeitweise war dies der Fall Nachdem aber der Herr Vater bei seinem streitschtigen Jungen die rednerischen Talente aus begreiflichen Grnden nicht so zu sch„tzen vermochte, um aus ihnen etwas gnstige Schlsse fr die Zukunft seines Spr”álings zu ziehen, konnte er natrlich auch ein Verst„ndnis fr solche Jugendgedanken nicht gewinnen. Besorgt beobachtete er wohl diesen Zwiespalt der Natur. Tats„chlich verlor sich denn auch die zeitweilige Sehnsucht nach diesem Berufe sehr bald, um nun meinem Temperamente besser entsprechenden Hoffnungen Platz zu machen. Beim Durchst”bern der v„terlichen Bibliothek war ich ber verschiedene Bcher milit„rischen Inhalts gekommen, darunter eine Volksausgabe des Deutsch-Franz”sichen Krieges 1870/71. Es waren zwei B„nde einer illustrierten Zeitschrift aus diesen Jahren, die nun meine Lieblingslektre wurden. Nicht lange dauerte es, und der groáe Heldenkampf war mir zum gr”áten inneren Erlebnis geworden. Von nun an schw„rmte ich mehr und mehr fr alles, was irgendwie mit Krieg oder doch mit Soldatentum zusammenhing. Aber auch in anderer Hinsicht sollte dies von Bedeutung fr mich werden. Zum ersten Male wurde mir, wenn auch in noch so unklarer Vorstellung, die Frage aufgedr„ngt, ob und welch ein Unterschied denn zwischen den diese Schlachten schlagenden Deutschen und den anderen sei? Warum hat denn nicht auch ™sterreich mitgek„mpft in diesem Kriege, warum nicht der Vater und nicht all die anderen auch? Sind wir denn nicht auch dasselbe wie eben alle anderen Deutschen? Geh”ren wir denn nicht alle zusammen? Dieses Problem begann zum ersten Male in meinem kleinen Gehirn zu 5 Berufs-"Wahl" whlen. Mit innerem Neide muáte ich auf vorsichtige Fragen die Antwort vernehmen, daá nicht jeder Deutsche das Glck besitze, dem Reich Bismarcks anzugeh”ren. Ich konnte dies nicht begreifen. * Ich sollte studieren. Aus meinem ganzen Wesen und noch mehr aus meinem Temperament glaubte der Vater den Schluá ziehen zu k”nnen, daá das humanistische Gymnasium einen Widerspruch zu meiner Veranlagung darstellen wrde. Besser schien ihm eine Realschule zu entsprechen. Besonders wurde er in dieser Meinung noch best„rkt durch eine ersichtliche F„higkeit zum Zeichnen; ein Gegenstand, der in den ”sterreichischen Gymnasien seiner šberzeugung nach vernachl„ssigt wurde. Vielleicht war aber auch seine eigene schwere Lebensarbeit noch mitbestimmend, die ihn das humanistische Studium, als in seinen Augen unpraktisch, weniger sch„tzen lieá. Grunds„tzlich war er aber der Willensmeinung, daá, so wie er, natrlich auch sein Sohn Staatsbeamter werden wrde, ja máte. Seine bittere Jugend lieá ihm ganz natrlich das sp„ter Erreichte um so gr”áer erscheinen, als dieses doch nur ausschlieáliches Ergebnis seines eisernen Fleiáes und eigener Tatkraft war. Es war der Stolz des Selbstgewordenen, der ihn bewog, auch seinen Sohn in die gleiche, wenn m”glich natrlich h”here Lebensstellung bringen zu wollen, um so mehr, als er doch durch den Fleiá des eigenen Lebens seinem Kinde das Werden um so viel zu erleichtern vermochte. Der Gedanke einer Ablehnung dessen, was ihm einst zum Inhalt eines ganzen Lebens wurde, erschien ihm doch als unfaábar. So war der Entschluá des Vaters einfach, bestimmt und klar, in seinen eigenen Augen selbstverst„ndlich. Endlich w„re es seiner in dem bitteren Existenzkampfe eines ganzen Lebens herrisch gewordenen Natur aber auch ganz unertr„glich vorgekommen, in solchen Dingen etwa die letzte Entscheidung dem in seinen Augen unerfahrenen und damit eben noch nicht verantwortlichen Jungen selber zu 6 Niemals Staatsbeamter berlassen.Es wrde dies auch als schlecht und verwerfliche Schw„che in der Ausbung der ihm zukommenden v„terlichen Autorit„t und Verantwortung fr das sp„tere Leben seines Kindes unm”glich zu seiner sonstigen Auffassung von Pflichterfllung gepaát haben. Und dennoch sollte es anders kommen Zum ersten Male in meinem Leben wurde ich, als damals noch kaum Elfj„hriger, in Opposition gedr„ngt. So hart und entschlossen auch der Vater sein mochte in der Durchsetzung einmal ins Auge gefaáter Pl„ne und Absichten, so verbohrt und widerspenstig war aber auch sein Junge in der Ablehnung eines ihm nicht oder nur wenig zusagenden Gedankens. Ich wollte nicht Beamter werden. Weder Zureden noch "ernste" Vorstellungen vermochten an diesem Widerstande etwas zu „ndern. Ich wollte nicht Beamter werden, nein und nochmals nein. Alle Versuche, mir durch Schilderungen aus des Vaters eigenem Leben Liebe oder Lust zu diesem Berufe erwecken zu wollen, schlugen in das Gegenteil um. Mir wurde g„hnend bel bei dem Gedanken, als unfreier Mann einst in einem Bureau sitzen zu drfen; nicht Herr sein zu k”nnen der eigenen Zeit, sondern in auszufllende Formulare den Inhalt eines ganzen Leben zw„ngen zu mssen. Welche Gedanken konnte dies auch erwecken bei einem Jungen, der wirklich alles andere war, aber nur nicht "brav" im landl„ufigen Sinne! Das l„cherliche leichte Lernen in der Schule gab mir so viel freie Zeit, daá mich mehr die Sonne als das Zimmer sah. Wenn mir heute durch meine politischen Gegner in liebevoller Aufmerksamkeit mein Leben durchgeprft wird bis in die Zeit meiner damaligen Jugend, um endlich mit Erleichterung feststellen zu k”nnen, welch unertr„gliche Streiche dieser "Hitler" schon in seiner Jugend verbt hatte, so danke ich dem Himmel, daá er mir so auch jetzt noch etwas abgibt aus den Erinnerungen dieser glckseligen Zeit. Wiese und Wald waren damals der Fechtboden, auf dem die immer vorhandenen "Gegens„tze" zur Austragung kamen. 7 Sondern Kunstmaler Auch der nun erfolgende Besuch der Realschule konnte dem wenig Einhalt tun. Freilich muáte nun aber auch ein anderer Gegensatz ausgefochten werden. Solange der Absicht des Vaters, mich Staatsbeamter werden zu lassen, nur meine prinzipielle Abneigung zum Beamtenberuf an sich gegenber stand, war der Konflikt leicht ertr„glich. Ich konnte solange auch mit meinen inneren Anschauungen etwas zurckhalten, brauchte ja nicht immer gleich zu widersprechen. Es gengte mein eigener fester Entschluá, sp„ter einmal nicht Beamter zu werden, um mich innerlich vollst„ndig zu beruhigen. Diesen Entschluá besaá ich aber unab„nderlich. Schwerer wurde die Frage, wenn dem Plane des Vaters ein eigener gegenbertrat. Schon mit zw”lf Jahren traf dies ein. Wie es nun kam, weiá ich heute selber nicht, aber eines Tages war mir klar, daá ich Maler werden wrde, Kunstmaler. Mein Talent zum Zeichnen stand allerdings fest, war es doch sogar mit ein Grund fr den Vater, mich auf die Realschule zu schicken, allein nie und niemals h„tte dieser daran gedacht, mich etwa beruflich in einer solchen Richtung ausbilden zu lassen. Im Gegenteil. Als ich zum ersten Male, nach erneuter Ablehnung des v„terlichen Lieblingsgedankens, die Frage gestellt bekam, was ich denn nun eigentlich selber werden wollte und ziemlich unvermittelt mit meinem unterdessen fest gefaáten Entschluá herausplatzte, war der Vater zun„chst sprachlos. "Maler? Kunstmaler?" Er zweifelte an meiner Vernunft, glaubte vielleicht auch nicht recht geh”rt oder verstanden zu haben. Nachdem er allerdings darber aufgekl„rt war und besonders die Ernsthaftigkeit meiner Absicht fhlte, warf er sich denn auch mit der ganzen Entschlossenheit seines Wesens dagegen. Seine Entscheidung war hier nur sehr einfach, wobei irgendein Abw„gen meiner etwa wirklich vorhandenen F„higkeiten gar nicht in Frage kommen konnte. "Kunstmaler, nein, solange ich lebe, niemals." Da nun aber sein Sohn eben mit verschiedenen sonstigen Eigenschaften 8 Der junge Nationalist wohl auch die einer „hnlichen Starrheit geerbt haben mochte, so kam auch eine „hnliche Antwort zurck. Nur natrlich umgekehrt den Sinne nach. Auf beiden Seiten blieb es dabei bestehen. Der Vater verlieá nicht sein "Niemals" und ich verst„rkte mein "Trotzdem". Freilich hatte dies nun nicht sehr erfreuliche Folgen. Der alte Herr ward verbittert und, so sehr ich ihn auch liebt, ich auch. Der Vater verbat sich jede Hoffnung, daá ich jemals zum Maler ausgebildet werden wrde. Ich ging einen Schritt weiter und erkl„rte, daá ich dann berhaupt nicht mehr lernen wollte. Da ich nun natrlich mit solchen "Erkl„rungen" doch den Krzeren zog, insoferne der alte Herr jetzt seine Autorit„t rcksichtslos durchzusetzen sich anschickte, schwieg ich knftig, setzte meine Drohung aber in die Wirklichkeit um. Ich glaubte, daá, wenn der Vater erst den mangelnden Fortschritt in der Realschule s„he, er gut oder bel eben doch mich meinem ertr„umten Glck wrde zugehen lassen. Ich weiá nicht, ob diese Rechnung gestimmt h„tte. Sicher war zun„chst nur mein ersichtlicher Miáerfolg in der Schule. Was mich freute, lernte ich, vor allem auch alles, was ich meiner Meinung nach sp„ter als Maler brauchen wrde. Was mir in dieser Hinsicht bedeutungslos erschien, oder mich auch sonst nicht so anzog, sabotierte ich vollkommen. Meine Zeugnisse dieser Zeit stellten, je nach dem Gegenstande und seiner Einsch„tzung, immer Extreme dar. Neben "lobenswert" und "vorzglich" "gengend" oder auch "nicht gengend". Am weitaus besten waren meine Leistungen in Geographie und mehr noch in Weltgeschichte. Die beiden Lieblingsf„cher, in denen ich der Klasse vorschoá. Wenn ich nun nach so viel Jahren mir das Ergebnis dieser Zeit prfend vor Augen halte, so sehe ich zwei hervorstechende Tatsachen als besonders bedeutungsvoll an: Erstens: ich wurde Nationalist. Zweitens: ich lernte Geschichte ihrem Sinne nach verstehen und begreifen. 9 Die deutsche Ostmark Das alte ™sterreich war ein "Nationalit„tenstaat". Der Angeh”rige des Deutschen Reiches konnte im Grunde genommen, wenigstens damals, gar nicht erfassen, welche Bedeutung dies Tatsache fr das allt„gliche Leben des einzelnen in einem solchen Staate besitzt. Man hatte sich nach dem wundervollen Siegeszuge der Heldenheere im Deutsch-Franz”sischen Kriege allm„hlich immer mehr dem Deutschtum des Auslandes entfremdet, zum Teil dieses auch gar nicht mehr zu wrdigen vermocht oder wohl auch nicht mehr gekonnt. Man verwechselte besonders in bezug auf den Deutsch”sterreicher nur zu leicht die verkommene Dynastie mit dem im Kerne urgesunden Volke. Man begriff nicht, daá, w„re nicht der Deutsche in ™sterreich wirklich noch von bestem Blute, er niemand die Kraft h„tte besitzen k”nnen, einem 52-Millionen-Staate so sehr seinen Stempel aufzupr„gen, daá ja gerade in Deutschland sogar die irrige Meinung entstehen konnte, ™sterreich w„re ein deutscher Staat. Ein Unsinn von schwersten Folgen, aber ein doch gl„nzendes Zeugnis fr die zehn Millionen Deutschen der Ostmark. Von dem ewigen unerbittlichen Kampfe um die deutsche Sprache, um deutsche Schule und deutsches Wesen hatten nur ganz wenige Deutsche aus dem Reiche eine Ahnung. Erst heut, da diese traurige Not vielen Millionen unseres Volkes aus dem Reiche selber aufgezwungen ist, die unter fremder Herrschaft vom gemeinsamen Vaterlande tr„umen und, sich sehnend nach ihm, wenigstens das heilige Anspruchsrecht der Muttersprache zu erhalten versuchen, versteht man in gr”áerem Kreise, was es heiát, fr sein Volkstum k„mpfen zu mssen. Nun vermag auch vielleicht der eine oder andere die Gr”áe des Deutschtums aus der alten Ostmark des Reiches zu messen, das, nur auf sich selbst gestellt, Jahrhunderte lang das Reich erst nach Osten beschirmte, um endlich in zermrbendem Kleinkrieg die deutsche Sprachgrenze zu halten, in einer Zeit, da das Reich sich wohl fr Kolonien interessierte, aber nicht fr das eigene Fleisch und Blut vor seinen Tren. Wie berall und immer, in jeglichem Kampf, gab es 10 Der Kampf ums Deutschtum auch im Sprachenkampf des alten ™sterreich drei Schichten: die K„mpfer, die Lauen und die Verr„ter. Schon in der Schule begann diese Siebung einzutreten. Denn es ist das Bemerkenswerte des Sprachenkampfes wohl berhaupt, daá seine Wellen vielleicht am schwersten gerade die Schule, als Pflanzst„tte der kommenden Generation, umsplen. Um das Kind wird dieser Kampf gefhrt und an das Kind richtet sich der erste Appell dieses Streites: "Deutscher Knabe, vergiá nicht, daá du ein Deutscher bist", und "M„dchen, gedenke, daá du eine deutsche Mutter werden sollst". Wer der Jugend Seele kennt, der wird verstehen k”nnen, daá gerade sie am freudigsten die Ohren fr einen solchen Kampfruf ”ffnet. In hunderterlei Formen pflegt sie diesen Kampf dann zu fhren, auf ihre Art und mit ihren Waffen. Sie lehnt es ab, undeutsche Lieder zu singen, schw„rmt um so mehr fr deutsche Heldengr”áe, je mehr man versucht, sie dieser zu entfremden; sammelt an vom Munde abgesparten Hellern zu Kampfschatz der Groáen; sie ist unglaublich hellh”rig dem undeutschen Lehrer gegenber und widerhaarig zugleich; tr„gt die verbotenen Abzeichen des eigenen Volkstums und ist glcklich, dafr bestraft oder gar geschlagen zu werden. Sie ist also im kleinen ein getreues Spiegelbild der Groáen, nur oft in besserer und aufrichtigerer Gesinnung. Auch ich hatte so einst die M”glichkeit, schon in verh„ltnism„áig frher Jugend am Nationalit„tenkampf des alten ™sterreich teilzunehmen. Fr Sdmark und Schulverein wurde da gesammelt, durch Kornblumen und schwarzrotgoldne Farben die Gesinnung betont, mit "Heil" begrát, und statt des Kaiserliedes lieber "Deutschland ber alles" gesungen, trotz Verwarnung und Strafen. Der Junge ward dabei politisch geschult in einer Zeit, da der Angeh”rige seines sogenannten Nationalstaates meist noch von seinem Volkstum wenig mehr als die Sprache kennt. Daá ich damals schon nicht zu den Lauen geh”rt habe, versteht sich von selbst. In kurzer Zeit war ich zum fanatischen "Deutschnationalen" 11 Der Kampf ums Deutschtum geworden, wobei dies allerdings nicht identisch ist mit unserem heutigen Parteibegriff. Diese Entwicklung machte bei mir sehr schnelle Fortschritte, so daá ich schon mit fnfzehn Jahren zum Verst„ndnis des Unterschiedes von dynastischem "Patriotismus" und v”lkischem "Nationalismus" gelangte; und ich kannte damals schon nur mehr das letztere. Fr den, der sich niemals die Mhe nahm, die inneren Verh„ltnisse der Habsburgermonarchie zu studieren, mag ein solcher Vorgang vielleicht nicht ganz erkl„rlich sein. Nur der Unterricht in der Schule ber die Weltgeschichte muáte in diesem Staate schon den Keim zu dieser Entwicklung legen, gibt es doch eine spezifisch ”sterreichische Geschichte nur in kleinsten Maáe. Das Schicksal dieses Staates ist so verbunden, daá eine Scheidung der Geschichte etwa in eine deutsche und ”sterreichische gar nicht denkbar erscheint. Ja, als endlich Deutschland sich in zwei Machtbereiche zu trennen begann, wurde eben diese Trennung zur deutschen Geschichte. Die zu Wien bewahrten Kaiserinsignien einstiger Reichsherrlichkeit scheinen als wundervoller Zauber weiter zu wirken als Unterpfand einer ewigen Gemeinschaft. Der elementare Aufschrei des deutsch”sterreichischen Volkes in den Tagen des Zusammenbruches des Habsburgerstaates nach Vereinigung mit dem deutschen Mutterland war ja nur das Ergebnis eines tief im Herzen des gesamten Volkes schlummernden Gefhls der Sehnsucht nach dieser Rckkehr in das nie vergessene Vaterhaus. Niemals aber wrde dies erkl„rlich sein, wenn nicht die geschichtliche Erziehung des einzelnen Deutsch”sterreichers Ursache einer solchen allgemeinen Sehnsucht gewesen w„re. In ihr liegt ein Brunnen, der nie versiegt; der besonders in Zeiten des Vergessens als stiller Mahner, ber augenblickliches Wohlleben hinweg, immer wieder durch die Erinnerung an die Vergangenheit von neuer Zukunft raunen wird. Der Unterricht ber Weltgeschichte in den sogenannten Mittelschulen liegt nun freilich auch heute noch sehr im 12 Geschichtsunterricht Argen. Wenige Lehrer begreifen, daá das Ziel gerade des geschichtlichen Unterrichtes nie und nimmer im Auswendiglernen und Herunterhaspeln geschichtlicher Daten und Ereignisse liegen kann; daá es nicht darauf ankommt, ob der Junge nun genau weiá, wann dies oder jene Schlacht geschlagen, ein Feldherr geboren wurde, oder gar ein (meistens sehr unbedeutender) Monarch die Krone seiner Ahnen auf das Haupt gesetzt erhielt. Nein, wahrhaftiger Gott, darauf kommt es wenig an. Geschichte "lernen" heiát die Kr„fte suchen und finden, die als Ursachen zu jenen Wirkungen fhren, die wir dann als geschichtliche Ereignisse vor unseren Augen sehen. Die Kunst des Lesens wie des Lernens ist auch hier: Wesentliches behalten, Unwesentliches vergessen. Es wurde vielleicht bestimmend fr mein ganzes sp„teres Leben, daá mir das Glck einst gerade fr Geschichte einen Lehrer gab, der es als einer der ganz wenigen verstand, fr Unterricht und Prfung diesen Gesichtspunkt zum beherrschenden zu machen. In meinem damaligen Professor Dr. Leopold P”tsch, an der Realschule zu Linz, war diese Forderung in wahrhaft idealer Weise verk”rpert. Ein alter Herr, von ebenso gtigem als aber auch bestimmten Auftreten, vermocht er besonders durch eine blendende Beredsamkeit uns nicht nur zu fesseln, sondern wahrhaft mitzureiáen. Noch heute erinnere ich mich mit leiser Rhrung an den grauen Mann, der uns im Feuer seiner Darstellung manchmal die Gegenwart vergessen lieá, uns zurckzauberte in vergangene Zeiten und aus dem Nebelschleier der Jahrtausende die trockene geschichtliche Erinnerung zur lebendigen Wirklichkeit formte. Wir saáen dann da, oft zu heller Glut begeistert, mitunter sogar zu Tr„nen gerhrt. Das Glck ward um so gr”áer, als dieser Lehrer es verstand, aus Gegenwart Vergangenes zu erleuchten, aus Vergangenheit aber die Konsequenzen fr die Gegenwart zu ziehen. So brachte er denn auch, mehr als sonst einer, Verst„ndnis fr all die Tagesprobleme, die uns damals in Atem hielten. Unser kleiner nationaler Fanatismus 13 Geschichte Lieblingsfach ward ihm ein Mittel zu unserer Erziehung, indem er ”fters als einmal an das nationale Ehrgefhl appellierend, dadurch allein uns Rangen schneller in Ordnung brachte, als dies durch andere Mittel je m”glich gewesen w„re. Mir hat dieser Lehrer Geschichte zum Lieblingsfach gemacht. Freilich wurde ich, wohl ungewollt von ihm, auch damals schon zum jungen Revolution„r. Wer konnte auch unter einem solchen Lehrer deutsche Geschichte studieren, ohne zum Feinde des Staates zu werden, der durch sein Herrscherhaus in so unheilvoller Weise die Schicksale der Nation beeinfluáte? Wer endlich konnte noch Kaisertreue bewahren einer Dynastie gegenber, die in Vergangenheit und Gegenwart die Belange des deutschen Volkes immer und immer wieder um schm„hlicher eigener Vorteile wegen verriet? Wuáten wir nicht als Jungen schon, daá dieser ”sterreichische Staat keine Liebe zu uns, Deutschen, besaá, ja berhaupt gar nicht besitzen konnte? Die geschichtliche Erkenntnis des Wirkens des Habsburgerhauses wurde noch untersttzt durch die t„gliche Erfahrung. Im Norden und im Sden fraá das fremde V”lkergift am K”rper unseres Volkstums, und selbst Wien wurde zusehends mehr und mehr zur undeutschen Stadt. Das "Erzhaus" tschechisierte, wo immer nur m”glich, und es war die Faust der G”ttin ewigen Rechtes und unerbittlicher Vergeltung, die den t”dlichsten Feind des ”sterreichischen Deutschtums, Erzherzog Franz Ferdinand, gerade durch die Kugeln fallen lieá, die er selber mithalf zu gieáen. War er doch der Patronatsherr der von oben herunter bet„tigten Slawisierung ™sterreichs! Ungeheuer waren die Lasten, die man dem deutschen Volke zumutete, unerh”rt seine Opfer an Steuern und an Blut, und dennoch muáte jeder nicht g„nzlich Blinde erkennen, daá dieses alles umsonst sein wrde. Was uns dabei am meisten schmerzte, war noch die Tatsache, daá dieses ganze System moralisch gedeckt wurde durch das Bndnis mit Deutschland, womit der langsamen Ausrottung des 14 Geschichtliche Erkenntnisse Deutschtums in der alten Monarchie auch noch gewissermaáen von Deutschland aus selber die Sanktion erteilt wurde. Die habsburgische Heuchelei, mit der man es verstand, nach auáen den Anschein zu erwecken, als ob ™sterreich noch immer ein deutscher Staat w„re, steigerte den Haá gegen dieses Haus zur hellen Emp”rung und Verachtung zugleich. Nur im Reiche selber sahen die auch damals schon allein "Berufenen" von all dem nichts. Wie mit Blindheit geschlagen wandelten sie an der Seite eines Leichnams und glaubten in den Anzeichen der Verwesung gar noch Merkmale "neuen" Lebens zu entdecken. In der unseligen Verbindung des jungen Reiches mit dem ”sterreichischen Scheinstaat lag der Keim zum sp„teren Weltkrieg, aber auch zum Zusammenbruch. Ich werde im Verlaufe dieses Buches mich noch grndlich mit diesem Problem zu besch„ftigen haben. Es gengt her nur festzustellen, daá ich im Grunde genommen schon in der frhesten Jugend zu einer Einsicht kam, die mich niemals mehr verlieá, sondern nur noch vertiefte: Das n„mlich die Sicherung des Deutschtums die Vernichtung ™sterreichs voraussetzte, und daá weiter Nationalgefhl in nicht identisch ist mit dynastischem Patriotismus; daá vor allem das habsburgische Erzhaus zum Unglck der deutschen Nation bestimmt war. Ich hatte schon damals die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis gezogen: heiáe Liebe zu meiner deutsch”sterreichischen Heimat, tiefen Haá gegen den ”sterreichischen Staat. * Die Art des geschichtlichen Denkens, die mir so in der Schule beigebracht wurde, hat mich in der Folgezeit nicht mehr verlassen. Weltgeschichte ward mir immer mehr zu einem unersch”pflichen Quell des Verst„ndnisses fr das geschichtliche Handeln der Gegenwart, also fr Politik. Ich will sie dabei nicht "lernen", sondern sie soll mich lehren. 15 Wagner-Verehrung War ich so frhzeitig zum politischen "Revolution„r" geworden, so nicht minder frh auch zum knstlerischen. Die ”sterreichische Landeshauptstadt besaá damals ein verh„ltnism„áig nicht schlechtes Theater. Gespielt wurde so ziemlich alles. Mit zw”lf Jahren sah ich da zum ersten Male "Wilhelm Tell", wenige Monate darauf als erste Oper meines Lebens "Lohengrin". Mit einem Schlage war ich gefesselt. Die jugendliche Begeisterung fr den Bayreuther Meister kannte keine Grenzen. Immer wieder zog es mich zu seinen Werken, und ich empfinde es heute als besonderes Glck, daá mir durch die Bescheidenheit der provinzialen Auffhrung die M”glichkeit einer sp„teren Steigerung erhalten blieb. Dies alles festigte, besonders nach šberwindung der Flegeljahre (was bei mir sich nur sehr schmerzlich vollzog), meine tiefinnere Abneigung gegen einen Beruf, wie ihn der Vater fr mich erw„hlt hatte. Immer mehr kam ich zur šberzeugung, daá ich als Beamter niemals glcklich werden wrde. Seit nun auch in der Realschule meine zeichnerische Begabung anerkannt wurde, stand mein Entschluá nur noch fester. Daran konnte weder Bitten noch Drohungen mehr etwas „ndern. Ich wollte Maler werden und um keine Macht der Welt Beamter. Eigentmlich war es nur, daá mit steigenden Jahren sich immer mehr Interesse fr Baukunst einstellte. Ich hielt dies damals fr die selbstverst„ndliche Erg„nzung meiner malerischen Bef„higung und freute mich nur innerlich ber diese Erweiterung meines knstlerischen Rahmen. Daá es einmal ander kommen sollte, ahnte ich nicht. * Die Frage meines Berufes sollte nun doch schneller entschieden werden, als ich vorher erwarten durfte. Mit dem 13.Lebensjahr verlor ich urpl”tzlich den Vater. Ein Schlaganfall traf den sonst noch so rstigen Herrn und 16 Tod der Eltern beendete auf schmerzloseste Weise seine irdische Wanderung, uns alle in tiefstes Leid versenken. Was er am meisten ersehnte, seinem Kinde die Existenz mitzuschaffen, um es so vor dem eigenen bitteren Werdegang zu bewahren, schien ihm damals wohl nicht gelungen zu sein. Allein er legte, wenn auch g„nzlich unbewuát, die Keime fr eine Zukunft, die damals weder er noch ich begriffen h„tte. Zun„chst „nderte sich ja „uáerlich nichts. Die Mutter fhlte sich wohl verpflichtet, gem„á dem Wunsche des Vaters meine Erziehung weiter zu leiten, d.h. also mich fr die Beamtenlaufbahn studieren zu lassen. Ich selber war mehr als je zuvor entschlossen, unter einen Umst„nden Beamter zu werden. In eben dem Maáe nun, in dem die Mittelschule sich in Lehrstoff und Ausbildung von meinem Ideal entfernte, wurde ich innerlich gleichgltiger. Da kam mir pl”tzlich eine Krankheit zu Hilfe und entschied die Streitfrage des v„terlichen Hauses. Mein schweres Lungenleiden lieá einen Arzt der Mutter auf das dringendste anraten, mich sp„ter einmal unter keinen Umst„nden in ein Bureau zu geben. Der Besuch der Realschule muáte ebenfalls auf mindestens ein Jahr eingestellt werden. Was ich so lange im stillen ersehnt, fr was ich immer gestritten hatte, war nun durch dieses Ereignis mit einem Male fast von selber zur Wirklichkeit geworden. Unter dem Eindruck meiner Erkrankung willigte die Mutter endlich ein, mich sp„ter aus der Realschule nehmen zu wollen und die Akademie besuchen zu lassen. Es waren die glcklichsten Tage, die mir nahezu als ein sch”ner Traum erschienen; und ein Traum sollte es ja auch nur sein. Zwei Jahre sp„ter machte der Tod der Mutter all den sch”nen Pl„nen ein j„hes Ende. Es war der Abschluá einer langen, schmerzhaften Krankheit, die von Anfang an wenig Aussicht auf Genesung lieá. Dennoch traf besonders mich der Schlag entsetzlich. Ich hatte den Vater verehrt, die Mutter jedoch geliebt. Not und harte Wirklichkeit zwangen mich nun, einen schnellen Entschluá zu fassen. Die geringen v„terlichen Mittel 17 šbersiedlung nach Wien waren durch die schwere Krankheit der Mutter zum groáen Teile verbraucht worden; die mir zukommende Waisenpension gengte nicht, um auch nur leben zu k”nnen, als war ich nun angewiesen, mir irgendwie mein Brot selber zu verdienen. Einen Koffer mit Kleidern und W„sche in den H„nden, mit einem unerschtterlichen Willen im Herzen, fuhr ich so nach Wien. Was dem Vater 50 Jahre vorher gelungen, hoffte auch ich dem Schicksal abzujagen; auch ich wollte "etwas" werden, allerdings - auf keinen Fall Beamter. 2. Kapitel Wiener Lehr- und Leidensjahre Als die Mutter starb, hatte das Schicksal in einer Hinsicht bereits seine Entscheidung getroffen. In deren letzten Leidensmonaten war ich nach Wien gefahren, um die Aufnahmeprfung in die Akademie zu machen. Ausgerstet mit einem dicken Pack von Zeichnungen, hatte ich mich damals auf den Weg gemacht, berzeugt, die Prfung spielend leicht bestehen zu k”nnen. In der Realschule war ich schon weitaus der beste Zeichner meiner Klasse gewesen; seitdem war meine F„higkeit noch ganz auáerordentlich weiter entwickelt worden, so daá meine eigene Zufriedenheit mich stolz und glcklich das Beste hoffen lieá. Eine einzige Trbung trat manchmal ein: mein malerisches Talent schien bertroffen zu werden von meinem zeichnerischen, besonders auf fast allen Gebieten der Architektur. Ebenso aber wuchs auch mein Interesse fr die Baukunst an und fr sich immer mehr. Beschleunigt wurde dies noch, seit ich, noch nicht 16 Jahre alt, zum ersten Male zu einem Besuche auf zwei Wochen nach Wien fahren durfte. Ich fuhr hin, um die Gem„ldegalerie des Hofmuseums zu studieren, hatte aber fast nur Augen fr das Museum selber. Ich lief die Tage vom frhen Morgen bis in die sp„te Nacht von einer Sehenswrdigkeit zu anderen, allein es waren immer nur Bauten, die mich in erster Linie fesselten. Stundenlang konnte ich so vor der Oper stehen, stundenlang das Parlament bewundern; die ganze Ringstraáe wirkte auf mich wie ein Zauber aus Tausendundeiner Nacht. Nun also war ich zum zweiten Male in der sch”nen Stadt und wartete mit brennender Ungeduld, aber auch stolzer 19 Bef„higung zum Baumeister Zuversicht auf das Ergebnis meiner Aufnahmeprfung. Ich war vom Erfolge so berzeugt, daá die mir verkndete Ablehnung mich wie ein j„her Schlag aus heiterem Himmel traf. Und doch war es so. Als ich mich dem Rektor vorstellen lieá und die Bitte um Erkl„rung der Grnde wegen meiner Nichtaufnahme in die allgemeine Malerschule der Akademie vorbrachte, versicherte mir der Herr, daá aus meinen mitgebrachten Zeichnungen einwandfrei meine Nichteignung zum Maler hervorgehe, sondern meine F„higkeit doch ersichtlich auf dem Gebiete der Architektur liege; fr mich k„me niemals die Malerschule, sondern nur die Architekturschule der Akademie in Frage. Daá ich bisher weder eine Bauschule besucht noch sonst einen Unterricht in Architektur erhalten hatte, konnte man zun„chst gar nicht verstehen. Geschlagen verlieá ich den Hansenschen Prachtbau am Schillerplatz, zum ersten Male in meinem jungen Leben uneins mit mir selber. Denn was ich ber meine F„higkeit geh”rt hatte, schien mir nun auf einmal wie ein greller Blitz einen Zwiespalt aufzudecken, unter dem ich schon l„ngst gelitten hatte, ohne bisher mir eine klare Rechenschaft ber das Warum und Weshalb geben zu k”nnen. In wenigen Tagen wuáte ich nun auch selber, daá ich einst Baumeister werden wrde. Freilich war der Weg unerh”rt schwer; denn was ich bisher aus Trotz in der Realschule vers„umt hatte, sollte sich nun bitter r„chen. Der Besuch der Architekturschule der Akademie war abh„ngig vom Besuch der Bauschule der Technik, und den Eintritt in diese bedingte eine vorher abgelegte Matura an einer Mittelschule. Dieses alles fehlte mir vollst„ndig. Nach menschlichem Ermessen also war eine Erfllung meines Knstlertraumes nicht mehr m”glich. Als ich nun nach dem Tode der Mutter zum dritten Male nach Wien und dieses Mal fr viele Jahre zog, war bei mir mit der unterdessen verstrichenen Zeit Ruhe und Entschlossenheit zurckgekehrt. Der frhere Trotz war wieder gekommen, und mein Ziel endgltig ins Auge gefaát. Ich wollte Baumeister werden, und Widerst„nde sind nicht da, daá 20 Fnf Jahre Elend man vor ihnen kapituliert, sondern daá man sie bricht. Und brechen wollte ich diese Widerst„nde, immer das Bild des Vaters vor Augen, der sich einst vom armen Dorf- und Schusterjungen zum Staatsbeamten emporgerungen hatte. Da war mein Boden doch schon besser, die M”glichkeit des Kampfes um so viel leichter; und was damals mir als H„rte des Schicksals erschien, preise ich heute als Weisheit der Vorsehung. Indem mich die G”ttin der Not in ihre Arme nahm und mich oft zu zerbrechen drohte, wuchs der Wille zum Widerstand, und endlich blieb der Wille Sieger. Das danke ich der damaligen Zeit, daá ich hart geworden bin und hart sein kann. Und mehr noch als dieses preise ich sie dafr, daá sie mich losriá von der Hohlheit des gem„chlichen Lebens, daá sie das Mutters”hnchen aus den weichen Daunen zog und ihm Frau Sorge zur neuen Mutter gab, daá sie den Widerstrebenden hineinwarf in die Welt des Elends und der Armut und ihn so die kennen lernen lieá, fr die er sp„ter k„mpfen sollte. * In dieser Zeit sollte mir auch da Auge ge”ffnet werden fr zwei Gefahren, die ich beide vordem kaum dem Namen nach kannte, auf keinen Fall aber in ihrer entsetzlichen Bedeutung fr die Existenz des deutschen Volkes begriff: Marxismus und Judentum. Wien, die Stadt, die so vielen als Inbegriff harmloser Fr”hlichkeit gilt, als festlicher Raum vergngter Menschen, ist fr mich leider nur die lebendige Erinnerung an die traurigste Zeit meines Lebens. Auch heute noch kann diese Stadt nur trbe Gedanken in mir erwecken. Fnf Jahre Elend und Jammer sind im Namen dieser Ph„akenstadt fr mich enthalten. Fnf Jahre, in denen ich erst als Hilfsarbeiter, dann als kleiner Maler mir mein Brot verdienen muáte; mein wahrhaft k„rglich Brot, das doch nie langte, um auch nur den gew”hnlichen Hunger zu stillen. Er war damals mein getreuer W„chter, der mich als einziger fast nie verlieá, der in allem redlich mit mir 21 Bildung der Weltanschauung teilte. Jedes Buch, das ich mir erwarb, erregte seine Teilnahme; ein Besuch der Oper lieá ihn mir dann wieder Gesellschaft leisten auf Tage hinaus; es war ein dauernder Kampf mit meinem mitleidslosen Freunde. Und doch habe ich in dieser Zeit gelernt, wie nie zuvor. Auáer meiner Baukunst, dem seltenen, vom Munde abgesparten Besuch der Oper, hatte ich als einzige Freude nur mehr Bcher. Ich las damals unendlich viel, und zwar grndlich. Was mir so an freier Zeit von meiner Arbeit brig blieb, ging restlos fr mein Studium auf. In wenigen Jahren schuf ich mir damit die Grundlagen meines Wissens, von denen ich auch heute noch zehre. Aber mehr noch als dieses. In dieser Zeit bildete sich mir ein Weltbild und eine Weltanschauung, die zum granitenen Fundament meines derzeitigen Handelns wurden. Ich habe zu dem, was ich mir so einst schuf, nur weniges hinzulernen mssen, zu „ndern brauchte ich nichts. Im Gegenteil. Ich glaube heute fest daran, daá im allgemeinen s„mtliche sch”pferischen Gedanken schon in der Jugend grunds„tzlich erscheinen, soferne solche berhaupt vorhanden sind. Ich unterscheide zwischen der Weisheit des Alters, die nur in einer gr”áeren Grndlichkeit und Vorsicht als Ergebnis der Erfahrungen eines langen Lebens gelten kann, und der Genialit„t der Jugend, die in unersch”pflicher Fruchtbarkeit Gedanken und Ideen ausschttet, ohne sie zun„chst auch nur verarbeiten zu k”nne, infolge der Flle ihrer Zahl. Sie liefert die Baustoffe und Zukunftspl„ne, aus denen das weisere Alter die Steine nimmt, behaut und den Bau auffhrt, soweit nicht die sogenannte Weisheit des Alters die Genialit„t der Jugend erstickt hat. * Das Leben, das ich bis dorthin im v„terlichen Hause gefhrt hatte, unterschied sich eben wenig oder in nichts von dem all der anderen. Sorgenlos konnte ich den neuen Tag erwarten, und ein soziales Problem gab es fr mich nicht. 22 Ablegen kleinbrgerlicher Scheuklappen Die Umgebung meiner Jugend setzte sich zusammen aus den Kreisen kleinen Brgertums, also aus einer Welt, die zu dem reinen Handarbeiter nur sehr wenig Beziehungen besitzt. Denn so sonderbar es auch auf den ersten Blick scheinen mag, so ist doch die Kluft gerade zwischen diesen durchaus wirtschaftlich nicht gl„nzend gestellten Schichten und dem Arbeiter der Faust oft tiefer als man denkt. Der Grund dieser, sagen wir fast Feindschaft, liegt in der Furcht einer Gesellschaftsgruppe, die sich erst ganz kurze Zeit aus dem Niveau der Handarbeiter herausgehoben hat, wieder zurckzusinken in den alten, wenig geachteten Stand, oder wenigstens noch zu ihm gerechnet zu werden. Dazu kommt noch bei vielen die widerliche Erinnerung an das kulturelle Elend dieser unteren Klasse, die h„ufige Roheit des Umgangs unter einander, wobei die eigene, auch noch so geringe Stellung im gesellschaftlichen Leben jede Berhrung mit dieser berwundenen Kultur- und Lebensstufe zu einer unertr„glichen Belastung werden l„át. So kommt es, daá h„ufig der H”herstehende unbefangener zu seinem letzten Mitmenschen herabsteigt, als es dem "Empork”mmling" auch nur m”glich erscheint. Denn Empork”mmling ist nun einmal jeder, der sich durch eigene Tatkraft aus einer bisherigen Lebensstellung in eine h”here emporringt. Endlich aber l„át dieser h„ufig sehr herbe Kampf das Mitleid absterben. Das eigene schmerzliche Ringen um das Dasein t”tet die Empfindung fr das Elend der Zurckgebliebenen. Mit mir besaá das Schicksal in dieser Hinsicht Erbarmen. Indem es mich zwang, wieder in diese Welt der Armut und der Unsicherheit zurckzukehren, die einst der Vater im Laufe seines Lebens schon verlassen hatte, zog es mir die Scheuklappen einer beschr„nkten kleinbrgerlichen Erziehung von den Augen. Nun erst lernte ich die Menschen kennen; lernte unterscheiden zwischen hohlem Scheine oder brutalem Žuáeren und ihrem inneren Wesen. Wien geh”rte nach der Jahrhundertwende schon zu den sozial ungnstigen St„dten. 23 Soziale Gegens„tze Wiens Strahlender Reichtum und abstoáende Armut l”sten einander in schroffem Wechsel ab. Im Zentrum und in den inneren Bezirken fhlte man so recht den Pulsschlag des 52-Millionen-Reiches, mit all dem bedenklichen Zauber des Nationalit„tenstaates. Der Hof in seiner blendenden Pracht wirkte „hnlich einem Magneten auf Reichtum und Intelligenz des brigen Staates. Dazu kam noch die starke Zentralisierung der Habsburgermonarchie an und fr sich. In ihr bot sich die einzige M”glichkeit, diesen V”lkerbrei in fester Form zusammenzuhalten. Die Folge davon aber war eine auáerordentliche Konzentration von hohen und h”chsten Beh”rden in der Haupt- und Residenzstadt. Doch Wien war nicht nur politisch und geistig die Zentrale der alten Donaumonarchie, sondern auch wirtschaftlich. Dem Heer von hohen Offizieren, Staatsbeamten, Knstlern und Gelehrten stand eine noch gr”áere Armee von Arbeitern gegenber, dem Reichtum der Aristokratie und des Handels eine blutige Armut. Vor den Pal„sten der Ringstraáe lungerten Tausende von Arbeitslosen, und unter dieser VIA TRIUMPHALIS des alten ™sterreich hausten im Zwielicht und Schlamm der Kan„le die Obdachlosen. Kaum in einer deutschen Stadt war die soziale Frage besser zu studieren als in Wien. Aber man t„usche sich nicht. Dieses "Studieren" kann nicht von oben herunter geschehen. Wer nicht selber in den Klammern dieser wrgenden Natter sich befindet, lernt ihre Giftz„hne niemals kennen. Im anderen Falle kommt nichts heraus als oberfl„chliches Geschw„tz oder verlogene Sentimentalit„t. Beides ist von Schaden. Das eine, weil nie bis zum Kerne des Problems zu dringen vermag, das andere, weil es an ihm vorbergeht. Ich weiá nicht, was verheerender ist: die Nichtbeachtung der sozialen Not, wie dies die Mehrzahl der vom Glck Begnstigten oder auch durch eigenes Verdienst Gehobenen tagt„glich sehen l„át, oder jene ebenso hochn„sige wie manchmal wieder zudringlich taktlose, aber immer gn„dige Herablassung gewisser mit dem "Volk empfindender" Modeweiber in R”cken und Hosen. Diese Menschen sndigen jedenfalls mehr, als sie in ihrem instinktlosen Verstande 24 Der Hilfsarbeiter berhaupt nur zu begreifen verm”gen. Daher ist dann zu ihrem eigenen Erstaunen das Ergebnis einer durch sie bet„tigten sozialen "Gesinnung" immer null, h„ufig aber sogar emp”rte Ablehnung; was dann freilich als Beweis der Undankbarkeit des Volkes gilt. Daá eine soziale T„tigkeit damit gar nichts zu tun hat, vor allem auf Dank berhaupt keinen Anspruch erheben darf, da sie ja nicht Gnaden verteilen, sondern Rechte herstellen soll, leuchtet einer solchen Art von K”pfen nur ungern ein. Ich wurde bewahrt davor, die soziale Frage in solcher Weise zu lernen. Indem sie mich in den Bannkreis ihres Leidens zog, schien sie mich nicht zum "Lernen" einzuladen, als vielmehr sich an mir selber erproben zu wollen. Es war nicht ihr Verdienst, daá das Kaninchen dennoch heil und gesund die Operationen berstand. * Wenn ich nun versuchen will, die Reihe meiner damaligen Empfindungen heute wiederzugeben, so kann dies niemals auch nur ann„hernd vollst„ndig sein; nur die wesentlichsten und fr mich oft erschtterndsten Eindrcke sollen hier dargestellt werden mit den wenigen Lehren, wie ich sie in dieser Zeit schon zog. * Es wurde mir damals meist nicht sehr schwer, Arbeit an sich zu finden, da ich ja nicht gelernter Handwerker war, sondern nur als sogenannter Hilfsarbeiter und manches Mal als Gelegenheitsarbeiter versuchen muáte, mir das t„gliche Brot zu schaffen. Ich stellte mich dabei auf den Standpunkt aller jener, die den Staub Europas von den Fáen schtteln, mit dem unerbittlichen Vorsatz, sich in der Neuen Welt auch eine neue Existenz zu grnden, eine neue Heimat zu erobern. Losgel”st von allen bisherigen l„hmenden Vorstellungen des 25 Die Unsicherheit des Brotverdienstes Berufes und Standes, von Umgebung und Tradition, greifen sie nun nach jedem Verdienst, der sich ihnen bietet, packen jede Arbeit an, sich so immer mehr zur Auffassung durchringend, daá ehrliche Arbeit niemals sch„ndet, ganz gleich, welcher Art sie auch sein m”ge. So war auch ich entschlossen, mit beiden Fáen in die fr mich neue Welt hineinzuspringen und mich durchzuschlagen. Daá es da irgendeine Arbeit immer gibt, lernte ich bald kennen, allein ebenso schnell auch, wie leicht sie wieder zu verlieren ist. Die Unsicherheit des t„glichen Brotverdienstes erschien mir in kurzer Zeit als eine der schwersten Schattenseiten des neuen Lebens. Wohl wird der "gelernte" Arbeiter nicht so h„ufig auf die Straáe gesetzt sein, als dies beim ungelernten der Fall ist; allein ganz ist doch auch er nicht vor diesem Schicksal gefeit. Bei ihm tritt eben an Stelle des Brotverlustes aus Arbeitsmangel die Aussperrung oder sein eigener Streik. Hier r„cht sich die Unsicherheit des t„glichen Verdienstes schon auf das bitterste an der ganzen Wirtschaft selber. Der Bauernbursche, der in die Groástadt wandert, angezogen von der vermeintlich oder wohl auch wirklich leichteren Arbeit, der krzeren Arbeitszeit, am meisten aber durch das blendende Licht, das die Groástadt nun einmal auszustrahlen vermag, ist noch an eine gewisse Sicherheit des Verdienstes gew„hnt. Er pflegt den alten Posten auch nur dann zu verlassen, wenn ein neuer mindestens in Aussicht steht. Endlich ist der Mangel an Landarbeitern groá, die Wahrscheinlichkeit eines l„ngeren Arbeitsmangels also an und fr sich sehr gering. Es ist nun ein Fehler, zu glauben, daá der sich in die Groástadt begebende junge Bursche etwa schon von vornherein aus schlechterem Holze geschnitzt w„re, als der sich auch weiter redlich auf der b„uerlichen Scholle ern„hrende. Nein, im Gegenteil: die Erfahrung zeigt, daá alle auswandernden Elemente eher aus den gesndesten und tatkr„ftigsten Naturen bestehen, als etwa umgekehrt. Zu diesen "Auswanderern" aber z„hlt nicht nur der Amerikawanderer, sondern auch schon der junge Knecht, der 26 Das Schicksal des Arbeiters sich entschlieát, das heimatliche Dorf zu verlassen, um nach der fremden Groástadt zu ziehen. Auch er ist bereit, ein ungewisses Schicksal auf sich zu nehmen. Meist kommt er mit etwas Geld in die groáe Stadt, braucht also nicht schon am ersten Tage zu verzagen, wenn das Unglck ihn l„ngere Zeit keine Arbeit finden l„át. Schlimmer aber wird es, wenn er eine gefundene Arbeitsstelle in kurzer Zeit wieder verliert. Das Finden einer neuen ist besonders im Winter h„ufig schwer, wenn nicht unm”glich. Die ersten Wochen geht es dann noch. Er erh„lt Arbeitslosenuntersttzung aus den Kassen seiner Gewerkschaft und schl„gt sich durch so gut als eben m”glich. Allein, wenn der letzte eigene Heller und Pfennig verbraucht ist, die Kasse infolge der langen Dauer der Arbeitslosigkeit die Untersttzung auch einstellt, kommt die groáe Not. Nun lungert er hungernd herum, versetzt und verkauft oft noch das Letzte, kommt so in seiner Kleidung immer mehr herunter und sinkt damit auch „uáerlich in eine Umgebung herab, die ihn nun zum k”rperlichen Unglck noch seelisch vergiftet. Wird er dann noch obdachlos, und ist dies (wie es oft der Fall zu sein pflegt) im Winter, so wird der Jammer schon sehr groá. Endlich findet er wieder irgendeine Arbeit. Allein, das Spiel wiederholt sich. Ein zweites Mal trifft es ihn „hnlich, ein drittes Mal vielleicht noch schwerer, so daá er das ewig Unsichere nach und nach gleichgltiger ertragen lernt. Endlich wird die Wiederholung zur Gewohnheit. So lockert sich der sonst fleiáige Mensch in seiner ganzen Lebensauffassung, um allm„hlich zum Instrument jener heranzureifen, die sich seiner nur bedienen um niedriger Vorteile willen. Er war so oft ohne eigenes Verschulden arbeitslos, daá es nun auf einmal mehr oder weniger auch nicht ankommt, selbst wenn es sich dabei nicht mehr um das Erk„mpfen wirtschaftlicher Rechte, sondern um das Vernichten staatlicher , gesellschaftlicher oder allgemein kultureller Werte handelt. Er wird, wenn schon nicht streiklustig, so doch streikgleichgltig sein. Diesen Prozeá konnte ich an tausend Beispielen mit offenen Augen verfolgen. Je l„nger ich das Spiel sah, um so 27 Das Schicksal des Arbeiters mehr wuchs meine Abneigung gegen die Millionenstadt, die die Menschen erst gierig an sich zog, um sie dann so grausam zu zerreiben. Wenn sie kamen, z„hlten sie noch immer zu ihrem Volke; wenn sie blieben, gingen sie ihm verloren. Auch ich war so vom Leben in der Weltstadt herumgeworfen worden und konnte also am eigenen Leibe die Wirkungen dieses Schicksals erproben und seelisch durchkosten. Ich sah da noch eines: der schnelle Wechsel von Arbeit zur Nichtarbeit und umgekehrt, sowie die dadurch bedingte ewige Schwankung des Ein- und Auskommens, zerst”rt auf die Dauer bei vielen das Gefhl fr Sparsamkeit ebenso wie das Verst„ndnis fr eine kluge Lebenseinteilung. Der K”rper gew”hnt sich scheinbar langsam daran, in guten Zeiten aus dem Vollen zu leben und in schlechten zu hungern. Ja, der Hunger wirft jeden Vorsatz fr sp„tere vernnftige Einteilung in der besseren Zeit des Verdienstes um, indem er dem von ihm Gequ„lten in einer dauernden Fata Morgana die Bilder eines satten Wohllebens vorgaukelt und diesen Traum zu einer solchen Sehnsucht zu steigern versteht, daá solch ein krankhaftes Verlangen zum Ende jeder Selbstbeschr„nkung wird, sobald Verdienst und Lohn dies irgendwie gestatten. Daher kommt es, daá der kaum eine Arbeit Erlangende sofort auf das unvernnftigste jede Einteilung vergiát, um statt dessen aus vollen Zgen in den Tag hinein zu leben. Dies fhrt selbst bis zur Umstoáung des kleinen Wochenhaushaltes, da sogar hier die kluge Einteilung ausbleibt; es langt anfangs noch fr fnf Tage statt fr sieben, sp„ter nur mehr fr drei, endlich fr kaum noch einen Tag, um am Schlusse in der ersten Nacht schon verjubelt zu werden. Zu Hause sind dann oft Weib und Kinder. Manches Mal werden auch sie von diesem Leben angesteckt, besonders wenn der Mann zu ihnen an und fr sich gut ist, ja sie auf seine Art und Weise sogar liebt. Dann wird der Wochenlohn in zwei, drei Tagen zu Hause gemeinsam vertan; es wird gegessen und getrunken, solange das Geld h„lt, und die letzten Tage werden ebenso gemeinsam durchgehungert. 28 Das Schicksal des Arbeiters Dann schleicht die Frau in die Nachbarschaft und Umgebung, borgt sich ein weniges aus, macht kleine Schulden beim Kr„mer und sucht so die b”sen letzten Tage der Woche durchzuhalten. Mittags sitzen sie alle beisammen vor mageren Schsseln, manchmal auch vor nichts, und warten auf den kommenden Lohntag, reden von ihm, machen Pl„ne, und w„hrend sie hungern, tr„umen sie schon wieder vom kommenden Glck. So werden die kleinen Kinder in ihrer frhesten Jugend mit diesem Jammer vertraut gemacht. šbel aber endet es, wenn der Mann von Anfang an seine eigenen Wege geht und das Weib, gerade den Kindern zuliebe, dagegen auftritt. Dann gibt es Streit und Hader, und in dem Maáe, in dem der Mann der Frau nun fremder wird, kommt er dem Alkohol n„her. Jeden Samstag ist er nun betrunken, und im Selbsterhaltungstrieb fr sich und ihre Kinder rauft sich das Weib und die wenigen Groschen, die sie ihm, noch dazu meistens auf dem Wege von der Fabrik zur Spelunke, abjagen muá. Kommt er endlich Sonntag oder Montag nachts selber nach Hause, betrunken und brutal, immer aber befreit vom letzten Heller und Pfennig, dann spielen sich oft Szenen ab, daá Gott erbarm. In Hunderten von Beispielen habe ich dieses alles miterlebt, anfangs angewidert oder wohl auch emp”rt, um sp„ter die ganze Tragik dieses Leides zu begreifen, die tieferen Ursachen zu verstehen. Unglckliche Opfer schlechter Verh„ltnisse. Fast trber noch waren damals die Wohnungsverh„ltnisse. das Wohnungselend des Wiener Hilfsarbeiters war ein entsetzliches. Mich schaudert noch heute, wenn ich an diese jammervollen Wohnh”hlen denke, an Herberge und Massenquartier, an dies dsteren Bilder von Unrat, widerlichem Schmutz und Žrgerem. Wie muáte und wie muá dies einst werden, wenn aus diesen Elendsh”hlen der Strom losgelassener Sklaven ber die andere, so gedankenlose Mitwelt und Mitmenschen sich ergieát! Denn gedankenlos ist diese andere Welt. 29 Der Weg zur Besserung Gedankenlos l„át sie die Dinge eben treiben, ohne in ihrer Instinktlosigkeit auch nur zu ahnen, daá frher oder sp„ter das Schicksal zur Vergeltung schreiten muá, wenn nicht die Menschen zur Zeit noch das Schicksal vers”hnen. Wie bin ich heute dankbar jener Vorsehung, die mich in diese Schule gehen lieá. In ihr konnte ich nicht mehr sabotieren, was mir nicht gefiel. Sie hat mich schnell und grndlich erzogen. Wollte ich nicht verzweifeln an den Menschen meiner Umgebung von damals, muáte ich unterscheiden lernen zwischen ihrem „uáeren Wesen und Leben und den Grnden ihrer Entwicklung. Nur dann lieá sich dies alles ertragen, ohne verzagen zu mssen. Dann wuchsen aus all dem Unglck und Jammer, aus Unrat und „uáerer Verkommenheit nicht mehr Menschen heraus, sondern traurige Ergebnisse trauriger Gesetze; wobei mich die Schwere des eigenen, doch nicht leichteren Lebenskampfes davor bewahrte, nun etwa in j„mmerlicher Sentimentalit„t vor den verkommenen Schluáprodukten dieses Entwicklungsprozesses zu kapitulieren. Nein, so soll dies nicht verstanden werden. Schon damals ersah ich, daá hier nur ein doppelter Weg zum Ziele einer Besserung dieser Zust„nde fhren k”nne: Tiefstes soziales Verantwortungsgefhl zur Herstellung besserer Grundlagen unserer Entwicklung, gepaart mit brutaler Entschlossenheit in der Niederbrechung unverbesserlicher Auswchse. So wie die Natur ihre gr”áte Aufmerksamkeit nicht auf die Erhaltung des Bestehenden, sondern auf die Zchtung des Nachwuchses, als des Tr„gers der Art, konzentriert, so kann es sich auch im menschlichen Leben weniger darum handeln, bestehendes Schlechtes knstlich zu veredeln, was bei der Veranlagung des Menschen zu neunundneunzig Prozent unm”glich ist, als darum, einer kommenden Entwicklung gesndere Bahnen von Anfang an zu sichern. 30 Das Wesen sozialer T„tigkeit Schon w„hren meines Wiener Existenzkampfes war mir klar geworden, daá die soziale T„tigkeit nie und nimmer in ebenso l„cherlichen wie zwecklosen Wohlfahrtsduseleien ihre Aufgabe zu erblicken hat, als vielmehr in der Beseitigung solcher grunds„tzlicher M„ngel in der Organisation unseres Wirtschafts- und Kulturlebens, die zu Entartungen einzelner fhren mssen oder wenigstens verleiten k”nnen. Die Schwierigkeit des Vorgehens mit letzten und brutalsten Mitteln gegen das staatsfeindliche Verbrechertum liegt ja nicht zu wenigsten gerade in der Unsicherheit des Urteils ber die inneren Beweggrnde oder Ursachen solcher Zeiterscheinungen. Diese Unsicherheit ist nur zu begrndet im Gefhl einer eigenen Schuld an solchen Trag”dien der Verkommenheit; sie l„hmt aber nun jeden ernsten und festen Entschluá und hilft so mit an der, weil schwankend, auch schwachen und halben Durchfhrung selbst der notwendigsten Maánahmen der Selbsterhaltung. Erst wenn einmal eine Zeit nicht mehr von den Schatten des eigenen Schuldbewuátseins umgeistert ist, erh„lt sie mit der inneren Ruhe auch die „uáere Kraft, brutal und rcksichtslos die wilden Sch”álinge herauszuschneiden, das Unkraut auszuj„ten. Da der ”sterreichische Staat eine soziale Rechtsprechung und Gesetzgebung berhaupt so gut als gar nicht kannte, war auch seine Schw„che in der Niederk„mpfung selbst b”ser Auswchse in die Augen springend groá. * Ich weiá nicht, was mich nun zu dieser Zeit am meisten entsetzte: das wirtschaftliche Elend meiner damaligen Mitgef„hrten, dies sittliche und moralische Roheit oder der Tiefstand ihrer geistigen Kultur. 31 Der Mangel an "Nationalstolz" Wie oft f„hrt nicht unser Brgertum in aller moralischen Entrstung empor, wenn es aus dem Munde irgendeines j„mmerlichen Landstreichers die Žuáerung vernimmt, daá es sich ihm gleich bleibe, Deutscher zu sein oder auch nicht, daá er sich berall gleich wohl fhle, soferne er nur sein n”tiges Auskommen habe. Dieser Mangel an "Nationalstolz" wird dann auf das tiefste beklagt und dem Abscheu vor einer solchen Gesinnung kr„ftig Ausdruck gegeben. Wie viele haben sich aber schon die Frage vorgelegt, was denn nun eigentlich bei ihnen selber die Ursache ihrer besseren Gesinnung bildet? Wie viele begreifen denn die Unzahl einzelner Erinnerungen an die Gr”áe des Vaterlandes, der Nation, auf allen Gebieten des kulturellen und knstlerischen Lebens, die ihnen als Sammelergebnis eben den berechtigten Stolz vermitteln, Angeh”rige eines so begnadeten Volkes sein zu drfen? Wie viele ahnen denn, wie sehr der Stolz auf das Vaterland abh„ngig ist von der Kenntnis der Gr”áe desselben auf allen diesen Gebieten? Denken nun unsere brgerlichen Kreise darber nach, in welch l„cherlichem Umfange diese Voraussetzung zum Stolz auf das Vaterland dem "Volke" vermittelt wird? Man rede sich nicht darauf hinaus, daá in "anderen L„ndern dies ja auch nicht anders" sei, der Arbeiter dort aber "dennoch" zu seinem Volkstum st„nde. Selbst wenn dies so w„re, wrde es nicht zur Entschuldigung eigener Vers„umnisse dienen k”nnen. Es ist aber nicht so. Denn was wir immer mit einer "chauvinistischen" Erziehung z.B. des franz”sischen Volkes bezeichnen, ist doch nichts anderes, als das berm„áige Herausheben der Gr”áe Frankreichs auf allen Gebieten der Kultur, oder wie der Franzose zu sagen pflegt, der "Zivilisation". Der junge Franzose wird eben nicht zur Objektivit„t erzogen, sondern zur subjektivsten Ansicht, die man sich nur denken kann, soferne es sich um die Bedeutung der politischen oder kulturellen Gr”áe seines Vaterlandes handelt. 32 Der Leidensweg des Arbeiterkindes Diese Erziehung wird sich dabei immer auf allgemeine, ganz groáe Gesichtspunkte zu beschr„nken haben, die, wenn n”tig, in ewiger Wiederholung dem Ged„chtnis und dem Empfinden des Volkes einzupr„gen sind. Nun kommt aber bei uns zur negativen Unterlassungssnde noch die positive Zerst”rung des Wenigen , das der einzelne das Glck hat, in der Schule zu lernen. Die Ratten der politischen Vergiftung unseres Volkes fressen auch dieses Wenige noch aus dem Herzen und der Erinnerung der breiten masse heraus, soweit nicht Not und Jammer schon das Ihrigen besorgten. Man stelle sich doch einmal folgendes vor: In einer Kellerwohnung, aus zwei dumpfen Zimmern bestehend, haust eine siebenk”pfige Arbeiterfamilie. Unter den fnf Kindern auch ein Junge von, nehmen wir an, drei Jahren. Es ist dies das Alter, in dem die ersten Eindrcke einem Kinde zum Bewuátsein kommen. Bei Begabten finden sich noch bis in das hohe Alter Spuren der Erinnerung aus dieser Zeit. Schon die Enge und šberfllung des Raumes fhrt nicht zu gnstigen Verh„ltnissen. Streit und Hader werden sehr h„ufig schon auf diese Weise entstehen. Die Menschen leben ja so nicht miteinander, sondern drcken aufeinander. Jede, wenn auch kleinste Auseinandersetzung, die in ger„umiger Wohnung schon durch ein leichtes Absondern ausgeglichen werden kann, sich so von selbst wieder l”st, fhrt hier zu einem nicht mehr ausgehenden widerlichen Streit. Bei den Kindern ist dies natrlich noch ertr„glich; sie streiten in solchen Verh„ltnissen ja immer und vergessen es untereinander wieder schnell und grndlich. Wenn dieser Kampf unter den Eltern selber ausgefochten wird, und zwar fast jeden Tag, in Formen, die an innerer Roheit oft wirklich nichts zu wnschen brig lassen, dann mssen sich, wenn auch noch so langsam, endlich die Resultate eines solchen Anschauungsunterrichtes bei den Kleinen zeigen. Welcher Art sie sein mssen, wenn dieser gegenseitige Zwist die Form roher Ausschreitungen des Vaters gegen die Mutter annimmt, zu Miáhandlungen in betrunkenem Zustande fhrt, kann sich 33 Junge Autorit„ts-Ver„chter der ein solches Milieu eben nicht Kennende nur schwer vorstellen. Mit sechs Jahren ahnt der kleine, zu bedauernde Junge Dinge, vor denen auch ein Erwachsener nur Grauen empfinden kann. Moralisch angegiftet, k”rperlich unterern„hrt, das arme K”pfchen verlaust, so wandert der junge "Staatsbrger" in die Volksschule. Das es mit Ach und Krach bis zum Lesen und Schreiben kommt, ist auch so ziemlich alles. Von einem Lernen zu Hause kann keine Rede sein. Im Gegenteil. Mutter und Vater reden ja selbst, und zwar den Kindern gegenber, in nicht wiederzugebender Weise ber Lehrer und Schule, sind viel eher bereit, jenen Grobheiten zu sagen, als etwa ihren kleinen Spr”áling ber da Knie zu legen und zur Vernunft zu bringen. Was der kleine Kerl sonst noch alles zu Hause h”rt, fhrt auch nicht zu einer St„rkung der Achtung vor der lieben Mitwelt. Nichts Gutes wird hier an der Menschheit gelassen, keine Institution bleibt unangefochten; vom Lehrer angefangen bis hinauf zur Spitze des Staates. Mag es sich um Religion handeln oder um Moral an sich, um den Staat oder die Gesellschaft, einerlei, es wird alles beschimpft, in der unfl„tigsten Weise in den Schmutz einer niedrigsten Gesinnung gezerrt. Wenn der junge Mensch nun mit vierzehn Jahren aus der Schule entlassen wird, ist es schon schwer mehr zu entscheiden, was gr”áer ist an ihm: die unglaubliche Dummheit, insoferne es sich um wirkliches Wissen und K”nnen handelt, oder die „tzende Frechheit seines Auftretens, verbunden mit einer Unmoral schon in diesem Alter, daá einem die Haare zu Berge stehen k”nnten. Welche Stellung aber kann dieser Mensch, dem jetzt schon kaum mehr etwas heilig ist, der eben so sehr nicht Groáes kennen gelernt hat, wie er umgekehrt jede Niederung des Lebens ahnt und weiá, im Leben einnehmen, in das er ja nun hinauszutreten sich anschickt? Aus dem dreij„hrigen Kinde ist ein fnzehnj„hriger Ver„chter jeder Autorit„t geworden. Auáer Schmutz und Unrat hat der junge Mensch noch nichts kennengelernt, das ihn zu irgendeiner h”heren Begeisterung anzuregen verm”chte. 34 Die Vorbedingungen der "Nationalisierung" Jetzt aber kommt er erst noch in die hohe Schule dieses Daseins. Nun setzt das gleiche Leben ein, daá er vom Vater die Jahre der Kindheit entlang in sich aufgenommen hatte. Er streunt herum und kommt weiá Gott wann nach Hause, prgelt zur Abwechslung auch noch selber das zusammengerissene Wesen, das einst seine Mutter war, flucht ber Gott und die Welt und wird endlich aus irgendeinem besonderen Anlaá verurteilt und in ein Jugendlichengef„ngnis verbracht. Dort erh„lt er den letzten Schliff. Die liebe brgerliche Mitwelt aber ist ganz erstaunt ber die mangelnde "nationale Begeisterung" dieses jungen "Staatsbrgers". Sie sieht, wie in Theater und Kino, in Schundliteratur und Schmutzpresse Tag fr Tag das Gift kbelweise in das Volk hineingeschttet wird und staunt dann ber den geringen "sittlichen Gehalt", die"nationale Gleichgltigkeit" der Massen dieses Volkes. Als ob Kinokitsch, Schundpresse und Žhnliches die Grundlagen der Erkenntnis vaterl„ndischer Gr”áe abgeben wrden. Von der frheren Erziehung des einzelnen ganz abgesehen. Was ich ehedem nie geahnt hatte, lernte ich damals schnell und grndlich verstehen: Die Frage der "Nationalisierung" eines Volkes ist mit in erster Linie eine Frage der Schaffung gesunder sozialer Verh„ltnisse als Fundament einer Erziehungsm”glichkeit des einzelnen. Denn nur wer durch Erziehung und Schule die kulturelle, wirtschaftliche, vor allem aber politische Gr”áe des eigenen Vaterlandes kennen lernt, vermag und wird auch jenen inneren Stolz gewinnen, Angeh”riger eines solchen Volkes sein zu drfen. Und k„mpfen kann ich nur fr etwas, das ich liebe, lieben nur, was ich 35 Zeichner und Aquarellist achte, und achten, was ich mindestens kenne. * Soweit mein Interesse fr die soziale Frage erweckt war, begann ich sie auch mit aller Grndlichkeit zu studieren. Es war eine neue, bisher unbekannte Welt, die sich mir so erschloá. In den Jahren 1909 auf 1910 hatte sich auch meine eigene Lage insofern etwas ge„ndert, als ich nun selber nicht mehr als Hilfsarbeiter mir mein t„gliches Brot zu verdienen brauchte. Ich arbeitete damals schon selbst„ndig als kleiner Zeichner und Aquarellist. So bitter dies in bezug auf den Verdienst war - es langte wirklich kaum zum Leben - so gut war es aber fr meinen erw„hlten Beruf. Nun war ich nicht mehr wie frher des Abends nach der Rckkehr von der Arbeitsstelle todmde, unf„hig, in ein Buch zu sehen, ohne in kurzer Zeit einzunicken. Meine jetzige Arbeit verlief ja parallel meinem knftigen Berufe. Auch konnte ich nun als Herr meiner eigenen Zeit mir diese wesentlich besser einteilen, als dies frher m”glich war. Ich malte zum Brotverdienen und lernte zur Freude. So war es mir auch m”glich, zu meinem Anschauungsunterricht ber das soziale Problem die notwendige theoretische Erg„nzung gewinnen zu k”nnen. Ich studierte so ziemlich alles, was ich ber dieses ganze Gebiet an Bchern erhalten konnte, und vertiefte mich im brigen in meine eigenen Gedanken. Ich glaube, meine Umgebung von damals hielt mich wohl fr einen Sonderling. Daá ich dabei mit Feuereifer meiner Liebe zur Baukunst diente, war natrlich. Sie erschien mir neben der Musik als die K”nigin der Knste: meine Besch„ftigung mit ihr war unter solchen Umst„nden auch keine "Arbeit", sondern h”chstes Glck. Ich konnte bis in die sp„te Nacht hinein lesen oder zeichnen, mde wurde ich da nie. So verst„rkte sich mein Glaube, daá mir mein sch”ner Zukunftstraum, wenn auch nach langen Jahren, doch Wirklichkeit werden 36 Die Kunst des Lesens wrde. Ich war fest berzeugt, als Baumeister mir dereinst einen Namen zu machen. Daá ich nebenbei auch das gr”áte Interesse fr alles, was mit Politik zusammenhing, besaá, schien mir nicht viel zu bedeuten. Im Gegenteil: dies war in meinen Augen ja die selbstverst„ndliche Pflicht jedes denkenden Menschen berhaupt. Wer dafr kein Verst„ndnis besaá, verlor eben das Recht zu jeglicher Kritik und jeglicher Beschwerde. Auch hier las und lernte ich also viel. Freilich verstehe ich unter "lesen" vielleicht etwas anderes als der groáe Durchschnitt unserer sogenannten "Intelligenz". Ich kenne Menschen, die unendlich viel "lesen", und zwar Buch fr Buch, Buchstaben um Buchstaben, und die ich doch nicht als "belesen" bezeichnen m”chte. Sie besitzen freilich eine Unmenge von "Wissen", allein ihr Gehirn versteht nicht, eine Einteilung und Registratur dieses in sich aufgenommenen Materials durchzufhren. Es fehlt ihnen die Kunst, im Buche das fr sie Wertvolle vom Wertlosen zu sondern, das eine dann im Kopfe zu behalten fr immer, das andere, wenn m”glich, gar nicht zu sehen, auf jeden Fall aber nicht als zwecklosen Ballast mitzuschleppen. Auch das Lesen ist ja nicht Selbstzweck, sondern Mittel zu einem solchen. Es soll in erster Linie mithelfen, den Rahmen zu fllen, den Veranlagung und Bef„higung jedem ziehen; mithin soll es Werkzeug und Baustoffe liefern, die der einzelne zu seinem Lebensberufe n”tig hat, ganz gleich, ob dieser nur dem primitiven Broterwerbe dient oder die Befriedigung einer h”heren Bestimmung darstellt; in zweiter Linie aber soll es ein allgemeines Weltbild vermitteln. In beiden F„llen ist es aber n”tig, daá der Inhalt des jeweiligen Gelesenen nicht in der Reihenfolge des Buches oder gar der Bcherfolge zur Aufbewahrung bergeben wird, sondern als Mosaiksteinchen in dem allgemeinen Weltbilde seinen Platz an der ihm zukommenden Stelle erh„lt und so eben mithilft, dieses Bild im Kopfe des Lesers zu formen. Im anderen Falle entsteht ein wirres Durcheinander von eingelerntem Zeug, das ebenso 37 Die Kunst des Lesens wertlos ist, wie es andererseits den unglcklichen Besitzer eingebildet macht. Denn dieser glaubt nun wirklich allen Ernstes, "gebildet" zu sein, vom Leben etwas zu verstehen, Kenntnisse zu besitzen, w„hrend er mit jedem neuen Zuwachs dieser Art von "Bildung" in Wahrheit der Welt sich mehr und mehr entfremdet, bis er nicht selten entweder in einem Sanatorium oder als "Politiker" in einem Parlamente endet. Niemals wird es so einem Kopfe gelingen, aus dem Durcheinander seines "Wissens" das fr die Forderung einer Stunde Passende herauszuholen, da ja sein geistiger Ballast nicht in den Linien des Lebens geordnet liegt, sondern in der Reihenfolge der Bcher, wie er sie las und wie ihr Inhalt ihm nun im Kopfe sitzt, Wrde das Schicksal bei seinen Anforderungen des t„glichen Lebens ihn immer an die richtige Anwendung des einst Gelesenen erinnern, so máte es aber auch noch Buch und Seitenzahl erw„hnen, da der arme Tropf sonst in aller Ewigkeit das Richtige nicht finden wrde. Da es dies nun aber nicht tut, geraten diese neunmal Klugen bei jeder kritischen Stunde in die schrecklichste Verlegenheit, suchen krampfhaft nach analogen F„llen und erwischen mit t”dlicher Sicherheit natrlich die falschen Rezepte. W„re es nicht so, k”nnte man die politischen Leistungen unserer gelehrten Regierungsheroen in h”chsten Stellen nicht begreifen, auáer man entschl”sse sich, anstatt pathologischer Veranlagung schurkenhaft Niedertracht anzunehmen. Wer aber die Kunst des richtigen Lesens inne hat, den wird das Gefhl beim Studieren jedes Buches, jeder Zeitschrift oder Broschre augenblicklich auf all das aufmerksam machen, was seiner Meinung nach fr ihn zur dauernden Festhaltung geeignet ist, weil entweder zweckm„áig oder allgemein wissenswert. Sowie das auf solche Weise Gewonnene seine sinngem„áe Eingliederung in das immer schon irgendwie vorhandene Bild, das sich die Vorstellung von dieser oder jener Sache geschaffen hat, findet, wird es entweder korrigierend oder erg„nzend wirken, also 38 Die Kunst des Lesens entweder die Richtigkeit oder Deutlichkeit desselben erh”hen. Legt nun das Leben pl”tzlich irgendeine Frage zur Prfung oder Beantwortung vor, so wird bei einer solchen Art des Lesens das Ged„chtnis augenblicklich zum Maástabe des schon vorhandenen Anschauungsbildes greifen und aus ihm alle die in Jahrzehnten gesammelten einzelnen diese Fragen betreffenden Beitr„ge herausholen, dem Verstande unterbreiten zur Prfung und neuen Einsichtnahme, bis die Frage gekl„rt oder beantwortet ist. Nur so hat das Lesen dann Sinn und Zweck. Ein Redner zum Beispiel, der nicht auf solche Weise seinem Verstande die n”tigen Unterlagen liefert, wird nie in der Lage sein, bei Widerspruch zwingend seine Ansicht zu vertreten, mag sie auch tausendmal der Wahrheit oder Wirklichkeit entsprechen. Bei jeder Diskussion wird ihn das Ged„chtnis schn”de im Stiche lassen; er wird weder Grnde zur Erh„rtung des von ihm Behaupteten, noch solche zur Widerlegung des Gegners finden. Solange es sich dabei, wie bei einem Redner, in erster Linie nur um die Blamage der eigenen Person handelt, mag dies noch eingehen, b”se aber wird es, wenn das Schicksal einen solchen Vielwisser aber Nichtsk”nner zum Leiter eines Staates bestellt. Ich habe mich seit frher Jugend bemht, auf richtige Art zu lesen und wurde dabei in glcklichster Weise von Ged„chtnis und Verstand untersttzt. Und in solchem Sinne betrachtet, war fr mich besonders die Wiener Zeit fruchtbar und wertvoll. Die Erfahrungen des t„glichen Lebens bildeten die Anregung zu immer neuem Studium der verschiedensten Probleme. Indem ich endlich so in der Lage war, die Wirklichkeit theoretisch zu begrnden, die Theorie an der Wirklichkeit zu prfen, wurde ich davor bewahrt, weder in der Theorie zu ersticken, noch in der Wirklichkeit zu verflachen. So wurde in dieser Zeit in zwei wichtigsten Fragen, auáer der sozialen, die Erfahrung des t„glichen Lebens bestimmend und anregend fr grndlichstes theoretisches Studium. 39 Die Sozialdemokratie Wer weiá, wann ich mich in die Lehren und das Wesen des Marxismus einmal vertieft h„tte, wenn mich nicht die damalige Zeit f”rmlich mit dem Kopfe auf dieses Problem gestoáen h„tte! * Was ich in meiner Jugend von der Sozialdemokratie wuáte, war herzlich wenig und reichlich unrichtig. Daá sie den Kampf um das allgemeine und geheime Wahlrecht fhrte, freute mich innerlich. Sagte mir doch mein Verstand schon damals, daá dies zu einer Schw„chung des mir so sehr verhaáten Habsburgerregiments fhren máte. In der šberzeugung, daá der Donaustaat, auáer unter Opferung des Deutschtums, doch nie zu halten sein werde, daá aber selbst der Preis einer langsamen Slawisierung des deutschen Elements noch keineswegs die Garantie eines dann auch wirklich lebensf„higen Reiches bedeutet h„tte, da die staatserhaltende Kraft des Slawentums h”chst zweifelhaft eingesch„tzt werden muá, begráte ich jede Entwicklung, die meiner šberzeugung nach zum Zusammenbruch dieses unm”glichen, das Deutschtum in zehn Millionen Menschen zum Tode verurteilenden Staates fhren muáte. Je mehr das Sprachentohuwabohu auch das Parlament zerfraá und zerfetzte, muáte die Stunde des Zerfalles dieses babylonischen Reiches n„herrcken und damit aber auch die Stunde der Freiheit meines deutsch”sterreichischen Volkes. Nur so konnte dann dereinst der Anschluá an das alte Mutterland wieder kommen. So war mir also diese T„tigkeit der Sozialdemokratie nicht unsympatisch. Daá sie endlich, wie mein damaliges harmloses Gemt noch dumm genug war zu glauben, die Lebensbedingungen des Arbeiters zu heben trachtete, schien mir ebenfalls eher fr sie, als gegen sie zu sprechen. Was mich am meisten abstieá, war ihre feindselige Stellung gegenber dem Kampf um die Erhaltung des Deutschtums, das j„mmerliche Buhlen um die Gunst der slawischen "Genossen", die diese Liebeswerbung, soferne sie mit praktischen Zugest„ndnissen verbunden war, wohl entgegennahmen, 40 Erstes Zusammentreffen mit Sozialdemokraten sonst sich aber arrogant hochn„sig zurckhielten, den zudringlichen Bettlern auf diese Weise den verdienten Lohn gebend. So war mir im Alter von siebzehn Jahren das Wort "Marxismus" noch wenig bekannt, w„hrend mir "Sozialdemokratie" und Sozialismus als identische Begriffe erschienen. Es bedurfte auch hier erst der Faust des Schicksals, um mir das Auge ber diesen unerh”rtesten V”lkerbetrug zu ”ffnen. Hatte ich bis dorthin die Sozialdemokratische Partei nur als Zuschauer bei einigen Massendemonstrationen kennengelernt, ohne auch nur den geringsten Einblick in die Mentalit„t ihrer Anh„nger oder gar in das Wesen der Lehre zu besitzen, so kam ich nun mit einem Schlage mit den Produkten ihrer Erziehung und "Weltanschauung" in Berhrung. Und was sonst vielleicht erst nach Jahrzehnten eingetreten w„re, erhielt ich jetzt im Laufe weniger Monate: das Verst„ndnis fr eine unter der Larve sozialer Tugend und N„chstenliebe wandelnde Pestilenz, von der m”glichst die Menschheit schnell die Erde befreien m”ge, da sonst gar leicht die Erde von der Menschheit frei werden k”nnte. Am Bau fand mein erstes Zusammentreffen mit Sozialdemokraten statt. Es war schon von Anfang an nicht sehr erfreulich. Meine Kleidung war noch etwas in Ordnung, meine Sprache gepflegt und mein Wesen zurckhaltend. Ich hatte mit meinem Schicksal noch so viel zu tun, daá ich mich um meine Umwelt nur wenig zu kmmern vermochte. Ich suchte nur nach Arbeit, um nicht zu verhungern, um damit die M”glichkeit einer wenn auch noch so langsamen Weiterbildung zu erhalten. Ich wrde mich um meine neue Umgebung vielleicht berhaupt nicht gekmmert haben, wenn nicht schon am dritten oder vierten Tage ein Ereignis eingetreten w„re, das mich sofort zu einer Stellungnahme zwang. Ich wurde aufgefordert, in die Organisation einzutreten. Meine Kenntnisse der gewerkschaftlichen Organisation waren damals noch gleich Null. Weder die Zweckm„áigkeit noch die Unzweckm„áigkeit ihres Bestehens h„tte ich zu beweisen 41 Erstes Zusammentreffen mit Sozialdemokraten vermocht. Da man mir erkl„rte, daá ich eintreten msse, lehnte ich ab. Ich begrndete dies damit, daá ich die Sache nicht verstnde, mich aber berhaupt zu nichts zwingen lasse. Vielleicht war das erstere der Grund, warum man mich nicht sofort hinauswarf. Man mochte vielleicht hoffen, mich in einigen Tagen bekehrt oder mrbe gemacht zu haben. Jedenfalls hatte man sich darin grndlich get„uscht. Nach vierzehn Tagen konnte ich dann aber nicht mehr, auch wenn ich sonst noch gewollt h„tte. In diesen vierzehn Tagen lernte ich meine Umgebung n„her kennen, so daá mich keine Macht der Welt mehr zum Eintritt in eine Organisation h„tte bewegen k”nnen deren Tr„ger mir inzwischen in so ungnstigem Lichte erschienen waren. Die ersten Tage war ich „rgerlich. Mittags ging ein Teil in die zun„chst gelegenen Wirtsh„user, w„hrend ein anderer am Bauplatz verblieb und dort ein meist sehr „rmliches Mittagsmahl verzehrte. Es waren dies die Verheirateten, denen ihre Frauen in armseligen Geschirren die Mittagssuppe brachten. Gegen Ende der Woche wurde diese Zahl immer gr”áer; warum begriff ich erst sp„ter. Nun wurde politisiert. Ich trank meine Flasche Milch und aá mein Stck Brot irgendwo seitw„rts und studierte vorsichtig meine neue Umgebung oder dachte ber mein elendes Los nach. Dennoch h”rte ich mehr als genug; auch schien es mir oft, als ob man mit Absicht an mich heranrckte, um mich so vielleicht zu einer Stellungnahme zu veranlassen. Jedenfalls war das, was ich so vernahm, geeignet, mich aufs „uáerste aufzureizen. Man lehnte da alles ab: die Nation, als eine Erfindung der "kapitalistischen" - wie oft muáte ich nur allein dieses Wort h”ren - Klassen; das Vaterland, als Instrument der Bourgeoisie zur Ausbeutung der Arbeiterschaft; die Autorit„t des Gesetzes, als Mittel zur Unterdrckung des Proletariats; die Schule, als Institut zur Zchtung des Sklavenmaterials, aber auch der Sklavenhalter; die Religion, als Mittel der Verbl”dung des zur Ausbeutung bestimmten Volkes; die Moral, als Zeichen dummer Schafsgeduld usw. Es gab da aber rein gar nichts, 42 Der erste Terror was so nicht in den Kot einer entsetzlichen Tiefe gezogen wurde. Anfangs versuchte ich zu schweigen. Endlich ging es aber nicht mehr. Ich begann Stellung zu nehmen, begann zu widersprechen. Da muáte ich allerdings erkennen, daá dies solange vollkommen aussichtslos war, solange ich nicht wenigstens bestimmte Kenntnisse ber die nun einmal umstrittenen Punkte besaá. So begann ich in den Quellen zu spren, aus denen sie ihre vermeintliche Weisheit zogen. Buch um Buch, Broschre um Broschre kam jetzt an die Reihe. Am Bau aber ging es nun oft heiá her. Ich stritt, von Tag zu Tag besser auch ber ihr eigenes Wissen informiert als meine Widersacher selber, bis eines Tages jenes Mittel zur Anwendung kam, das freilich die Vernunft am leichtesten besiegt: der Terror, die Gewalt. Einige der Wortfhrer der Gegenseite zwangen mich, entweder den Bau sofort zu verlassen oder vom Gerst hinunterzufliegen. Da ich allein war, Widerstand aussichtslos erschien, zog ich es, um eine Erfahrung reicher, vor , dem ersten Rat zu folgen. Ich ging, von Ekel erfllt, aber zugleich doch so ergriffen, daá es mir ganz unm”glich gewesen w„re, der ganzen Sache nun den Rcken zu kehren. Nein, nach dem Aufschieáen der ersten Emp”rung gewann die Halsstarrigkeit wieder die Oberhand. Ich war fest entschlossen, dennoch wieder auf einen Bau zu gehen. Best„rkt wurde ich in diesem Entschlusse noch durch die Not, die einige Wochen sp„ter, nach dem Verzehren des geringen ersparten Lohnes, mich in ihre herzlosen Arme schloá. Nun muáte ich, ob ich wollte oder nicht. Und das Spiel ging denn auch wieder von vorne los, um „hnlich wie beim ersten Male zu enden. Damals rang ich mit meinem Inneren: Sind dies noch Menschen, wert, einem groáen Volke anzugeh”ren?! Eine qualvolle Frage; denn wird sie mit Ja beantwortet, so ist der Kampf um ein Volkstum wirklich nicht mehr der Mhen und Opfer wert, die die Besten fr einen solchen Auswurf zu bringen haben; heiát die Antwort aber Nein, dann ist unser Volk schon arm an Menschen. 43 Die sozialdemokratische Presse Mit unruhiger Beklommenheit sah ich in solchen Tagen des Grbelns und Hineinbohrens die Masse der nicht mehr zu ihrem Volke zu Rechnenden anschwellen zu einem bedrohlichen Heere. Mit welch anderen Gefhlen starrte ich nun in die endlosen Viererreihen einer eines Tages stattfindenden Massendemonstration Wiener Arbeiter. Fast zwei Stunden lang stand ich so da und beobachtete mit angehaltenem Atem den ungeheuren menschlichen Drachenwurm, der sich da langsam vorbeiw„lzte. In banger Gedrcktheit verlieá ich endlich den Platz und wanderte heimw„rts. Unterwegs erblickte ich in einem Tabakladen die "Arbeiterzeitung", das Zentralorgan der ”sterreichischen Sozialdemokratie. In einem billigen Volkscaf‚, in das ich ”fters ging, um Zeitungen zu lesen, lag sie auch auf; allein ich konnte es bisher nicht ber mich bringen, in das elende Blatt, dessen ganzer Ton auf mich wie geistiges Bitriol wirkte, l„nger als zwei Minuten hineinzusehen. Unter dem deprimierenden Eindruck der Demonstration trieb mich nun eine innere Stimme an, das Blatt einmal zu kaufen und es dann grndlich zu lesen. Abends besorgte ich dies denn auch unter šberwindung des in mir manchmal aufsteigenden J„hzorns ber diese konzentrierte Lgenl”sung. Mehr als aus aller theoretischen Literatur konnte ich nun aus dem t„glichen Lesen der sozialdemokratischen Presse das innere Wesen dieser Gedankeng„nge studieren. Denn welch ein Unterschied zwischen den in der theoretischen Literatur schillernden Phrasen von Freiheit, Sch”nheit und Wrde, dem irrlichternden, scheinbar tiefste Weisheit mhsam ausdrckenden Wortgeflungker, der widerlich humanen Moral - alles mit der eisernen Stirne einer prophetischen Sicherheit hingeschrieben - und der brutalen, vor keiner Niedertracht zurckschreckenden, mit jedem Mittel der Verleumdung und einer wahrhaft balkenbiegenden Lgenvirtuosit„t arbeitenden Tagespresse dieser Heilslehre der neuen Menschheit! Das eine ist bestimmt fr die dummen Gimpel aus mittleren und natrlich auch h”heren "Intelligenzschichten", das andere fr die Masse. 44 Die Psyche der Masse Fr mich bedeutete das Vertiefen in Literatur und Presse dieser Lehre und Organisation das Wiederfinden zu meinem Volke. Was mir erst als unberbrckbare Kluft erschien, sollte nun Anlaá zu einer gr”áeren Liebe als jemals zuvor werden. Nur ein Narr vermag bei Kenntnis dieser ungeheuren Vergiftungsarbeit das Opfer auch noch zu verdammen. Je mehr ich mich in den n„chsten Jahren selbst„ndig machte, um so mehr wuchs mit steigender Entfernung der Blick fr die inneren Ursachen der sozialdemokratischen Erfolge. Nun begriff ich die Bedeutung der brutalen Forderung, nur rote Zeitungen zu halten, nur rote Versammlungen zu besuchen, rote Bcher zu lesen usw. In plastischer Klarheit sah ich das zwangsl„ufige Ergebnis dieser Lehre der Unduldsamkeit vor Augen. Die Psyche der breiten Masse ist nicht empf„nglich fr alles Halbe und Schwache. Gleich dem Weibe, dessen seelisches Empfinden weniger durch Grnde abstrakter Vernunft bestimmt wird, als durch solche einer undefinierbaren, gefhlsm„áigen Sehnsucht nach erg„nzender Kraft, und das sich deshalb lieber dem Starken beugt, als den Schw„chling beherrscht, liebt auch die Masse mehr den Herrscher als den Bittenden, und fhlt sich im Inneren mehr befriedigt durch eine Lehre, die keine andere neben sich duldet, als durch die Genehmigung liberaler Freiheit; sie weiá mit ihr auch meist nur wenig anzufangen und fhlt sich sogar leicht verlassen. Die Unversch„mtheit ihrer geistigen Terrorisierung kommt ihr ebensowenig zum Bewuátsein, wie die emp”rende Miáhandlung ihrer menschlichen Freiheit, ahnt sie doch den inneren Irrsinn der ganzen Lehre in keiner Weise. So sieht sie nur die rcksichtslose Kraft und Brutalit„t ihrer zielbewuáten Žuáerungen, der sie sich endlich immer beugt. Wird der Sozialdemokratie eine Lehre von besserer Wahrhaftigkeit aber gleicher Brutalit„t der Durchfhrung entgegengestellt, 45 Die Taktik der Sozialdemokratie wird diese siegen, wenn auch nach schwerstem Kampfe. Ehe nur zwei Jahre vergangen waren, war mir sowohl die Lehre als auch das technische Werkzeug der Sozialdemokratie klar. Ich begriff den infamen geistigen Terror, den diese Bewegung vor allem auf das solchen Angriffen weder moralisch noch seelisch gewachsene Brgertum ausbt, indem sie auf ein gegebenes Zeichen immer ein f”rmliches Trommelfeuer von Lgen und Verleumdungen gegen den ihr am gef„hrlichsten erscheinenden Gegner losprasseln l„át, so lange, bis die nerven der Angegriffenen brechen, und sie, um nur wieder Ruhe zu haben, den Verhaáten opfern. Allein die Ruhe erhalten die Toren dennoch nicht. Das Spiel beginnt von neuem und wird so oft wiederholt, bis die Furcht vor dem wilden K”ter zur suggestiven L„hmung wird. Da die Sozialdemokratie den Wert der Kraft aus eigener Erfahrung am besten kennt, l„uft sie auch am meisten Sturm gegen diejenigen, in deren Wesen sie etwas von diesem ohnehin so seltenen Stoffe wittert. Umgekehrt lobt sie jeden Schw„chling der anderen Seite, bald vorsichtig, bald lauter, je nach der erkannten oder vermuteten geistigen Qualit„t. Sie frchtet ein ohnm„chtiges, willenloses Genie weniger als eine Kraftnatur, wenn auch bescheidenen Geistes. Am eindringlichsten empfiehlt sie Schw„chlinge am Geist und Kraft zusammen. Sie versteht es, den Anschein zu erwecken, als ob nur so die Ruhe zu erhalten w„re, w„hrend sie dabei in kluger Vorsicht, aber dennoch unentwegt, eine Position nach der anderen erobert, bald durch stille Erpressung, bald durch tats„chlichen Diebstahl in Momenten, da die allgemeine Aufmerksamkeit anderen Dingen zugewendet, entweder nicht gest”rt sein will oder die Angelegenheit fr zu klein h„lt, um groáes Aufsehen zu erregen und den b”sen Gegner neu zu reizen. Es ist eine unter genauer Berechnung aller menschlichen 46 Die Taktik der Sozialdemokratie Schw„chen gefundene Taktik, deren Ergebnis fast mathematisch zum Erfolge fhren muá, wenn eben nicht auch die Gegenseite lernt, gegen Giftgas mit Giftgas zu k„mpfen. Schw„chlichen Naturen muá dabei gesagt werden, daá es sich hierbei eben um Sein oder Nichtsein handelt. Nicht minder verst„ndlich wurde mir die Bedeutung des k”rperlichen Terrors dem einzelnen, der Masse gegenber. Auch hier genaue Berechnung der psychologischen Wirkung. Der Terror auf der Arbeitsst„tte, in der Fabrik, im Versammlungslokal und anl„álich von Massenkundgebung wird immer von Erfolg begleitet sein, solange nicht ein gleich groáer Terror entgegentritt. Dann freilich wird die Partei in entsetzlichem Geschrei Zeter und Mordio jammern, wird als alte Ver„chterin jeder Staatsautorit„t kreischend nach dieser rufen, um in den meisten F„llen in der allgemeinen Verwirrung tats„chlich das Ziel zu erreichen - n„mlich: sie wird das Hornvieh eines h”heren Beamten finden, der, in der bl”dseligen Hoffnung, sich vielleicht dadurch fr sp„ter den gefrchteten Gegner geneigt zu machen, den Widersacher dieser Weltpest brechen hilft. Welchen Eindruck ein solcher Erfolg auf die Sinne der breiten Masse sowohl der Anh„nger als auch der Gegner ausbt, kann dann nur der ermessen, der die Seele eines Volkes nicht aus Bchern, sondern aus dem Leben kennt. Denn w„hrend in den Reichen ihrer Anh„nger der erlangte Sieg nunmehr als ein Triumph des Rechtes der eigenen Sache gilt, verzweifelt der geschlagene Gegner in den meisten F„llen am Gelingen eines weiteren Widerstandes berhaupt. Je mehr ich vor allem die Methoden des k”rperlichen Terrors kennen lernte, um so gr”áer wurde meine Abbitte den Hunderttausenden gegenber, die ihm erlagen. Das danke ich am inst„ndigsten meiner damaligen Lebenszeit, daá sie allein mir mein Volk wiedergegeben 47 Die Snden des Brgertums hat, daá ich die Opfer unterscheiden lernte von den Verfhrern. Anders als Opfer sind die Ergebnisse dieser Menschenverfhrung nicht zu bezeichnen. Denn wenn ich nun in einigen Bildern mich bemhte, das Wesen dieser "untersten" Schichten aus dem Leben heraus zu zeichnen, so wrde dies nicht vollst„ndig sein, ohne die Versicherung, daá ich aber in diesen Tiefen auch wieder Lichter fand in den Formen einer oft seltenen Opferwilligkeit, treuester Kameradschaft, auáerordentlicher Gengsamkeit und zurckhaltender Bescheidenheit, besonders soweit es die damals „ltere Arbeiterschaft betraf. Wenn auch diese Tugenden in der jungen Generation mehr und mehrt, schon durch die allgemeinen Einwirkungen der Groástadt, verloren wurden, so gab es selbst hier noch viele, bei denen das vorhandene kerngesunde Blut ber die gemeinen Niedertr„chtigkeiten des Lebens Herr wurde. Wenn dann diese oft seelenguten, braven Menschen in ihrer politischen Bet„tigung dennoch in die Reihen der Todfeinde unseres Volkstums eintraten und diese so schlieáen halfen, dann lag dies daran, daá sie ja die Niedertracht der neuen Lehre weder verstanden noch verstehen konnten, daá niemand sonst sich die Mhe nahm, sich um sie zu kmmern, und daá endlich die sozialen Verh„ltnisse st„rker waren als aller sonstige etwa vorhandene gegenteilige Wille. Die Not, der sie eines Tages so oder so verfielen, trieb sie in das Lager der Sozialdemokratie doch noch hinein. Da nun das Brgertum unz„hlige Male in der ungeschicktesten, aber auch unmoralischsten Weise gegen selbst allgemein menschlich berechtigte Forderungen Front machte, ja oft ohne einen Nutzen aus einer solchen Haltung zu erlangen oder gar berhaupt erwarten zu drfen, wurde selbst der anst„ndigste Arbeiter aus der gewerkschaftlichen Organisation in die politische T„tigkeit hineingetrieben. Millionen von Arbeitern waren sicher in ihrem Inneren 48 Die Gewerkschafts-Frage anfangs Feinde der sozialdemokratischen Partei, wurden aber in ihrem Widerstande besiegt durch eine manches Mal denn doch irrsinnige Art und Weise, in der seitens der brgerlichen Parteien gegen jede Forderung sozialer Art Stellung genommen wurde. Die einfach bornierte Ablehnung aller Versuche einer Besserung der Arbeitsverh„ltnisse, der Schutzvorrichtungen an Maschinen, der Unterbindung von Kinderarbeit sowie des Schutzes der Frau wenigstens in den Monaten, da sie unter dem Herzen schon den kommenden Volksgenossen tr„gt, half mit, der Sozialdemokratie, die dankbar jeden solchen Fall erb„rmlicher Gesinnung aufgriff, die Massen in das Netz zu treiben. Niemals kann unser politisches "Brgertum" wieder gut machen, was so gesndigt wurde. Denn indem es gegen alle Versuche einer Beseitigung sozialer Miást„nde Widerstand leistete, s„te es Haá und rechtfertigte scheinbar selber die Behauptungen der Todfeinde des ganzen Volkstums, daá nur die sozialdemokratische Partei allein die Interessen des schaffenden Volkes vertr„te. Es schuf so in erster Linie die moralische Begrndung fr den tats„chlichen Bestand der Gewerkschaften, der Organisation, die der politischen Partei die gr”áten Zutreiberdienste von jeher geleistet hat. In meinen Wiener Lehrjahren wurde ich gezwungen, ob ich wollte oder nicht, auch zur Frage der Gewerkschaften Stellung zu nehmen. Da ich sie als einen unzertrennlichen Bestandteil der sozialdemokratischen Partei an sich ansah, war meine Entscheidung schnell und - falsch. Ich lehnte sie selbstverst„ndlich glatt ab. Auch in dieser so unendlich wichtigen Frage gab mir das Schicksal selber Unterricht. Das Ergebnis war ein Umsturz meines ersten Urteils. Mit zwanzig Jahren hatte ich unterscheiden gelernt zwischen der Gewerkschaft als Mittel zur Verteidigung allgemeiner sozialer Rechte des Arbeitnehmers und zur Erk„mpfung besserer Lebensbedingungen desselben im einzelnen 49 Die Gewerkschafts-Frage und der Gewerkschaft als Instrument der Partei des politischen Klassenkampfes. Daá die Sozialdemokratie die enorme Bedeutung der gewerkschaftlichen Bewegung begriff, sicherte ihr das Instrument und damit den Erfolg; daá das Brgertum dies nicht verstand, kostete es seine politische Stellung. Es glaubte, mit einer naseweisen "Ablehnung" einer logischen Entwicklung den Garaus machen zu k”nnen, um in Wirklichkeit dieselbe nun in unlogische Bahnen zu zwingen. Denn daá die Gewerkschaftsbewegung etwa an sich vaterlandsfeindlich sei, ist ein Unsinn und auáerdem eine Unwahrheit. Richtig ist eher das Gegenteil. Wenn eine gewerkschaftliche Bet„tigung als Ziel die Besserstellung eines mit zu den Grundpfeilern der Nation geh”renden Standes im Auge hat und durchfhrt, wirkt sie nicht nur nicht vaterlands- oder staatsfeindlich, sondern im wahrsten Sinne des Wortes "national". Hilft sie doch so mit, die sozialen Voraussetzungen zu schaffen, ohne die eine allgemein nationale Erziehung gar nicht zu denken ist. Sie erwirbt sich h”chstens Verdienst, indem sie durch Beseitigung sozialer Krebssch„den sowohl geistigen als aber auch k”rperlichen Krankheitserregern an den Leib rckt und so zu einer allgemeinen Gesundheit des Volksk”rpers mit beitr„gt. Die Frage nach ihrer Notwendigkeit also ist wirklich berflssig. Solange es unter Arbeitgebern Menschen mit geringem sozialen Verst„ndnis oder gar mangelndem Rechts- und Billigkeitsgefhl gibt, ist es nicht nur das Recht, sondern die Pflicht der von ihnen Angestellten, die doch einen Teil unseres Volkstums bilden, die Interessen der Allgemeinheit gegenber der Habsucht oder der Unvernunft eines Einzelnen zu schtzen; denn die Erhaltung von Treu und Glauben in einem Volksk”rper ist ein Interesse der Nation,genau so wie die Erhaltung der Gesundheit des Volkes. Beides wird durch unwrdige Unternehmer, die sich nicht als Glied der ganzen Volksgemeinschaft fhlen, schwer bedroht. Aus dem blen Wirken ihrer Habsucht oder Rcksichtslosigkeit erwachsen tiefe Sch„den fr die Zukunft. 50 Die Gewerkschafts-Frage Die Ursachen einer solchen Entwicklung beseitigen, heiát sich ein Verdienst um die Nation erwerben, und nicht etwa umgekehrt. Man sage dabei nicht, daá es ja jedem Einzelnen freistnde, die Folgerungen aus einem ihm tats„chlich oder vermeintlich zugefgten Unrecht zu ziehen, also zu gehen. Nein! Dies ist Spiegelfechterei und muá als Versuch angesehen werden, die Aufmerksamkeit abzulenken. Entweder ist die Beseitigung schlechter, unsozialer Vorg„nge im Interesse der Nation gelegen oder nicht. Wenn ja, dann muá der Kampf gegen sie mit den Waffen aufgenommen werden, die die Aussicht auf Erfolg bieten. Der einzelne Arbeiter aber ist niemals in der Lage, sich gegenber der Macht des groáen Unternehmers durchzusetzen, da es sich hier nicht um eine Frage des Sieges des h”heren Rechtes handeln kann - da ja bei Anerkennung desselben der ganze Streit infolge des Mangels jeder Veranlassung gar nicht vorhanden w„re -, sondern um die Frage der gr”áeren Macht. Im anderen Falle wrde das vorhandene Rechtsgefhl allein schon den Streit in ehrlicher Weise beenden, oder richtiger, es k”nnte nie zu einem solchen kommen. Nein, wenn unsoziale oder unwrdige Behandlung von Menschen zum Widerstande auffordert, dann kann dieser Kampf, solange nicht gesetzliche, richterliche Beh”rden zur Beseitigung dieser Sch„den geschaffen werden, nur durch die gr”áere Macht zur Entscheidung kommen. Damit aber ist es selbstverst„ndlich, daá der Einzelperson und mithin konzentrierten Kraft des Unternehmens allein die zur Einzelperson zusammengefaáte Zahl der Arbeitnehmer gegenbertreten kann, um nicht von Anbeginn schon auf die M”glichkeit des Sieges verzichten zu mssen. So kann die gewerkschaftliche Organisation zu einer St„rkung des sozialen Gedankens in dessen praktischer Auswirkung im t„glichen Leben fhren und damit zu einer Beseitigung 51 Die Politisierung der Gewerkschaften von Reizursachen, die immer wieder die Veranlassung zur Unzufriedenheit und zu Klagen geben. Daá es nicht so ist, kommt zu einem sehr groáen Teil auf das Schuldkonto derjenigen, die jeder gesetzlichen Regelung sozialer Miást„nde Hindernisse in den Weg zu legen verstanden oder sie mittels ihres politischen Einflusses unterbanden. In eben dem Maáe, in dem das politische Brgertum dann die Bedeutung der gewerkschaftlichen Organisation nicht verstand, oder besser, nicht verstehen wollte, und sich zum Widerstand dagegen stemmte, nahm sich die Sozialdemokratie der umstrittenen Bewegung an. Sie schuf damit weitschauend eine feste Unterlage, die sich schon einigemal in kritischen Stunden als letzte Sttze bew„hrte. Freilich ging damit der innere Zweck allm„hlich unter, um neuen Zielen Raum zu geben. Die Sozialdemokratie dachte nie daran, die von ihr umfaáte Berufsbewegung der ursprnglichen Aufgabe zu erhalten. Nein, so meinte sie dies allerdings nicht. In wenigen Jahrzehnten war unter ihrer kundigen Hand aus dem Hilfsmittel einer Verteidigung sozialer Menschenrechte das Instrument zur Zertrmmerung der nationalen Wirtschaft geworden. Die Interessen der Arbeiter sollten sie dabei nicht im geringsten behindern. Denn auch politisch gestattet die Anwendung wirtschaftlicher Druckmittel, jederzeit Erpressungen auszuben, sowie nur die n”tige Gewissenlosigkeit auf der einen und dumme Schafsgeduld auf der anderen Seite in ausreichendem Maáe vorhanden ist. Etwas, das in diesem Falle beiderseits zutrifft. * Schon um die Jahrhundertwende hatte die Gewerkschaftsbewegung l„ngst aufgeh”rt, ihrer frheren Aufgabe zu dienen. Von Jahr zu Jahr war sie mehr und mehr in den Bannkreis sozialdemokratischer Politik geraten, um endlich nur noch als Ramme des Klassenkampfes Anwendung zu finden. Sie sollte den ganzen, mhselig aufgebauten Wirtschaftsk”rper 52 Die Politisierung der Gewerkschaften durch dauernde St”áe endlich zum Einsturz bringen, um so dem Staatsbau, nach Entzug seiner wirtschaftlichen Grundmauern, das gleiche Schicksal leichter zufgen zu k”nnen. Die Vertretung aller wirklichen Bedrfnisse der Arbeiterschaft kam damit immer weniger in Frage, bis die politische Klugheit es endlich berhaupt nicht mehr als wnschenswert erscheinen lieá, die sozialen und gar kulturellen N”te der breiten Masse zu beheben, da man sonst ja Gefahr lief, diese, in ihren Wnschen befriedigt, nicht mehr als willenlose Kampftruppe ewig weiterbentzen zu k”nnen. Eine derartige, ahnungsvoll gewitterte Entwicklung jagte den klassenk„mpferischen Fhrern solche Furcht ein, daá sie endlich kurzerhand jede wirklich segensvolle soziale Hebung ablehnten, ja auf das entschlossenste dagegen Stellung nahmen. Um eine Begrndung eines vermeintlich so unverst„ndlichen Verhaltens brauchte ihnen dabei nie bange zu sein. Indem man die Forderungen immer h”her spannte, erschien die m”gliche Erfllung derselben so klein und unbedeutend, daá man der Masse jederzeit einzureden vermochte, es handle sich hierbei nur um den teuflischen Versuch, durch solch eine l„cherliche Befriedigung heiligster Anrechte die Stoákraft der Arbeiterschaft auf billige Weise zu schw„chen, ja wenn m”glich lahmzulegen. Bei der geringen Denkf„higkeit der breiten Masse wundere man sich nicht ber den Erfolg. Im brgerlichen Lager war man emp”rt ber solche ersichtliche Unwahrhaftigkeit sozialdemokratischer Taktik, ohne daraus aber auch nur die geringsten Schlsse zu ziehen fr die Richtlinien eines eigenen Handelns. Gerade die Furcht der Sozialdemokratie vor jeder tats„chlichen Hebung der Arbeiterschaft aus der Tiefe ihres bisherigen kulturellen und sozialen Elends h„tte zu gr”áten Anstrengungen eben in dieser Zielrichtung fhren mssen, um nach und nach den Vertretern des Klassenkampfes das Instrument aus der Hand zu winden. Dies geschah jedoch nicht. 53 Der Schlssel zur Sozialdemokratie Statt in eigenem Angriff die gegnerische Stellung zu nehmen, lieá man sich lieber drcken und dr„ngen, um endlich zu g„nzlich unzureichenden Aushilfen zu greifen, die, weil zu sp„t, wirkungslos blieben, weil zu unbedeutend, auch noch leicht abzulehnen waren. So blieb in Wahrheit alles beim alten, nur die Unzufriedenheit war gr”áer als vorher. Gleich einer drohenden Gewitterwolke hing schon damals die "freie Gewerkschaft" ber dem politischen Horizont und ber dem Dasein des Einzelnen. Sie war eines der frchterlichsten Terrorinstrumente gegen die Sicherheit und Unabh„ngigkeit der nationalen Wirtschaft, die Festigkeit des Staates und die Freiheit der Person. Sie war es vor allem, die den Begriff der Demokratie zu einer widerlich-l„cherlichen Phrase machte, die Freiheit sch„ndete und die Brderlichkeit in dem Satze "Und willst du nicht Genosse sein, so schlagen wir dir den Sch„del ein" unsterblich verh”hnte. So lernte ich damals diese Menschheitsfreundin kennen. Im Laufe der Jahre hat sich meine Anschauung ber sie erweitert und vertieft, zu „ndern brauchte ich sie nicht. * Je mehr ich Einblick in das „uáere Wesen der Sozialdemokratie erhielt, um so gr”áer wurde die Sehnsucht, den inneren Kern dieser Lehre zu erfassen. Die offizielle Parteiliteratur konnte hierbei freilich nur wenig ntzen. Sie ist, soweit es sich um wirtschaftliche Fragen handelt, unrichtig in Behauptung und Beweis; soweit die politischen Ziele behandelt werden, verlogen. Dazu kam, daá ich mich besonders von der neueren rabulistischen Ausdrucksweise und der Art der Darstellung innerlich abgestoáen fhlte. Mit einem ungeheueren Aufwand von Worten unklaren Inhalts oder unverst„ndlicher Bedeutung werden da S„tze zusammengestammelt, die ebenso geistreich sein sollen, wie sie sinnlos sind. Nur die Dekadenz unserer GroástadtbohŠme mag sich in diesem Irrgarten der Vernunft 54 Die Judenfrage wohlig zu Hause fhlen, um aus dem Mist dieses literarischen Dadaismus "inneres Erleben" herauszuklauben, untersttzt von der sprichw”rtlichen Bescheidenheit eines Teiles unseres Volkes, die im pers”nlich Unverst„ndlichsten immer um so tiefere Weisheit wittert. Allein, indem ich so theoretische Unwahrheit und Unsinn dieser Lehre abwog mit der Wirklichkeit ihrer Erscheinung, bekam ich allm„hlich ein klares Bild ihres inneren Wollens. In solchen Stunden beschlichen mich trbe Ahnungen und b”se Furcht. Ich sah dann eine Lehre vor mir, bestehend aus Egoismus und Haá, die nach mathematischen Gesetzen zu Siege fhren kann, der Menschheit aber damit auch das Ende bringen muá. Ich hatte ja unterdessen den Zusammenhang zwischen dieser Lehre der Zerst”rung und dem Wesen eines Volkes verstehen gelernt, das mir bis dahin so gut wie unbekannt war. Nur die Kenntnis des Judentums allein bietet den Schlssel zum Erfassen der inneren und damit wirklichen Absichten der Sozialdemokratie. Wer diese Volk kennt, dem sinken die Schleier irriger Vorstellungen ber Ziel und Sinn dieser Partei vom Auge, und aus dem Dunst und Nebel sozialer Phrasen erhebt sich grinsend die Fratze des Marxismus. * Es ist fr mich heute schwer, wenn nicht unm”glich, zu sagen, wann mir zum ersten Mal das Wort "Jude" Anlaá zu besonderen Gedanken gab. Im v„terlichen Hause erinnere ich mich berhaupt nicht, zu Lebzeiten des Vaters das Wort auch nur geh”rt zu haben. Ich glaube, der alte Herr wrde schon in der besonderen Betonung dieser Bezeichnung eine kulturelle Rckst„ndigkeit erblickt haben. Er war im Laufe seines Lebens zu mehr oder minder weltbrgerlichen Anschauungen gelangt, die sich bei schroffster nationaler Gesinnung nicht nur erhalten hatten, sondern auch auf mich abf„rbten. 55 Die Judenfrage Auch in der Schule fand sich keine Veranlassung, die bei mir zu einer Ver„nderung diese bernommenen Bildes h„tte fhren k”nnen. In der Realschule lernte ich wohl einen jdischen Knaben kennen, der von uns allen mit Vorsicht behandelt wurde, jedoch nur, weil wir ihm in bezug auf seine Schweigsamkeit, durch verschiedene Erfahrungen gewitzigt, nicht sonderlich vertrauten; irgendein Gedanke kam mir dabei so wenig wie den anderen. Erst in meinem vierzehnten bis fnfzehnten Jahre stieá ich ”fters auf das Wort Jude, zum Teil im Zusammenhange mit politischen Gespr„chen. Ich empfand dagegen eine leichte Abneigung und konnte mich eines unangenehmen Gefhls nicht erwehren, das mich immer beschlich, wenn konfessionelle St„nkereien vor mir ausgetragen wurden. Als etwas anderes sah ich aber damals die Frage nicht an. Linz besaá nur sehr wenig Juden. Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich ihr Žuáeres europ„isiert und war menschlich geworden; ja ich hielt sie sogar fr Deutsche. Der Unsinn dieser Einbildung war mir wenig klar, weil ich das einzige Unterscheidungsmerkmal ja nur in der fremden Konfession erblickte. Daá sie deshalb verfolgt worden waren, wie ich glaubte, lieá manchmal meine Abneigung gegenber ungnstigen Žuáerungen ber sie fast zum Abscheu werden. Vom Vorhandensein einer planm„áigen Judengegnerschaft ahnte ich berhaupt noch nichts. So kam ich nach Wien. Befangen von der Flle der Eindrcke auf architektonischem Gebiete, niedergedrckt von der Schwere des eigenen Loses, besaá ich in der ersten Zeit keinen Blick fr die innere Schichtung des Volkes in der Riesenstadt. Trotzdem Wien in diesen Jahren schon nahe an die zweihunderttausend Juden unter seinen zwei Millionen Menschen z„hlte, sah ich diese nicht. Mein Auge und mein Sinn waren dem Einstrmen so vieler Werte und Gedanken in den ersten Wochen noch nicht gewachsen. Erst als allm„hlich 56 Die sogenannte Weltpresse die Ruhe wiederkehrte und sich das aufgeregte Bild zu kl„ren begann, sah ich mich in meiner neuen Welt grndlicher um und stieá nun auch auf die Judenfrage. Ich will nicht behaupten, daá die Art und Weise, in der ich sie kennenlernen sollte, mir besonders angenehm erschien. Noch sah ich im Juden nur die Konfession und hielt deshalb aus Grnden menschlicher Toleranz die Ablehnung religi”ser Bek„mpfung auch in diesem Falle aufrecht. So erschien mir der Ton, vor allem der, den die antisemitische Wiener Presse anschlug, unwrdig der kulturellen šberlieferung eines groáen Volkes. Mich bedrckte die Erinnerung an gewisse Vorg„nge des Mittelalters, die ich nicht gerne wiederholt sehen wollte. Da die betreffenden Zeitungen allgemein als nicht hervorragend galten - woher dies kam, wuáte ich damals selber nicht genau -, sah ich in ihnen mehr die Produkte „rgerlichen Neides als Ergebnisse einer grunds„tzlichen, wenn auch falschen Anschauung berhaupt. Best„rkt wurde ich in dieser meiner Meinung durch die, wie mir schien, unendlich wrdigere Form, in der die wirklich groáe Presse auf all diese Angriffe antwortete oder sie, was mir noch dankenswerter vorkam, gar nicht erw„hnte, sondern einfach totschwieg. Ich las eifrig die sogenannte Weltpresse ("Neue Freie Presse", "Wiener Tagblatt" usw.) und erstaunte ber den Umfang des in ihr dem Leser Gebotenen sowie ber die Objektivit„t der Darstellung im einzelnen. Ich wrdigte den vornehmen Ton und war eigentlich nur von der šberschwenglichkeit des Stils manches Mal innerlich nicht recht befriedigt oder selbst unangenehm berhrt. Doch mochte dies im Schwunge der ganzen Weltstadt liegen. Da ich Wien damals fr eine solche hielt, glaubte ich diese mir selbst gegebene Erkl„rung wohl aus Entschuldigung gelten lassen zu drfen. Was mich aber wiederholt abstieá, war die unwrdige Form, in der diese Presse den Hof umbuhlte. Es gab kaum ein Ereignis in der Hofburg, das da nicht dem Leser entweder in T”nen verzckter Begeisterung oder klagender 57 Die Kritik an Wilhelm II. Betroffenheit mitgeteilt wurde, ein Getue, das besonders, wenn es sich um den "weisesten Monarchen" aller Zeiten selber handelte, fast dem Balzen eines Auerhahnes glich. Mir schien die Sache gemacht. Damit erhielt die liberale Demokratie in meinen Augen Flecken. Um die Gunst dieses Hofes buhlen und in so unanst„ndigen Formen hieá die Wrde der Nation preisgeben. Dies war der erste Schatten, der mein geistiges Verh„ltnis zur "groáen" Wiener Presse trben sollte. Wie vorher schon immer, verfolgte ich auch in Wien alle Ereignisse in Deutschland mit gr”átem Feuereifer, ganz gleich, ob es sich dabei um politische oder kulturelle Fragen handeln mochte. In stolzer Bewunderung verglich ich den Aufstieg des Reiches mit dem Dahinsiechen des ”sterreichischen Staates. Wenn aber die auáenpolitischen Vorg„nge meist ungeteilte Freude erregten, dann die nicht so erfreulichen des innerpolitischen Lebens oft trbe Bekmmernis. Der Kampf, der zu dieser Zeit gegen Wilhelm II. gefhrt wurde, fand damals nicht meine Billigung. Ich sah in ihm nicht nur den Deutschen Kaiser, sondern in erster Linie den Sch”pfer einer deutschen Flotte. Die Redeverbote, die dem Kaiser vom Reichstag auferlegt wurden, „rgerten mich deshalb so auáerordentlich, weil sie von einer Stelle ausgingen, die in meinen Augen dazu aber auch wirklich keine Veranlassung besaá, sintemalen doch in einer einzigen Sitzungsperiode diese parlamentarischen G„nseriche mehr Unsinn zusammenschnatterten, als dies einer ganzen Dynastie von Kaisern in Jahrhunderten, eingerechnet ihre allerschw„chsten Nummern, je gelingen konnte. Ich war emp”rt, daá in einem Staat, in dem jeder Halbnarr nicht nur das Wort zu seiner Kritik fr sich in Anspruch nahm, ja im Reichstag sogar als "Gesetzgeber" auf die Nation losgelassen wurde, der Tr„ger der Kaiserkrone von der seichtesten Schw„tzerinstitution aller Zeiten "Verweise" erhalten konnte. Ich war aber noch mehr entrstet, daá die gleiche Wiener Presse, die doch vor dem letzten Hofgaul noch die ehrerbietigste 58 Frankreich-Kult der Presse Verbeugung riá und ber ein zuf„lliges Schweifwedeln auáer Rand und Band geriet, nun mit scheinbar besorgter Miene, aber, wie mir schien, schlecht verhehlter Boshaftigkeit ihren Bedenken gegen den Deutschen Kaiser Ausdruck verlieh. Es l„ge ihr ferne, sich etwa in die Verh„ltnisse des Deutschen Reiches einmischen zu wollen - nein, Gott bewahre -, aber indem man in so freundschaftlicher Weise die Finger auf diese Wunden lege, erflle man ebensosehr die Pflicht, die der Geist des gegenseitigen Bndnisses auferlege, wie man umgekehrt auch der journalistischen Wahrheit genge usw. Und nun bohrte dann dieser Finger in der Wunde nach Herzenslust herum. Mir schoá in solchen F„llen das Blut in den Kopf. Das war es, was mich die groáe Presse schon nach und nach vorsichtiger betrachten lieá. Daá eine der antisemitischen Zeitungen, das "Deutsche Volksblatt", anl„álich einer solchen Angelegenheit sich anst„ndiger verhielt, muáte ich einmal anerkennen. Was mir weiter auf die Nerven ging, war der doch widerliche Kult, den die groáe Presse schon damals mit Frankreich trieb. Man muáte sich geradezu sch„men, Deutscher zu sein, wenn man diese sálichen Lobeshymnen auf die "groáe Kulturnation" zu Gesicht bekam. Dieses erb„rmliche Franz”seln lieá mich ”fter als einmal eine dieser "Weltzeitungen" aus der Hand legen. Ich griff nun berhaupt manchmal nach dem "Volksblatt", das mir freilich viel kleiner, aber in diesen Dingen etwas reinlicher vorkam. Mit dem scharfen antisemitischen Tone war ich nicht einverstanden, allein ich las auch hin und wieder Begrndungen, die mir einiges Nachdenken verursachten. Jedenfalls lernte ich aus solchen Anl„ssen langsam den Mann und die Bewegung kennen, die damals Wiens Schicksal bestimmten: Dr. Karl Lueger und die christlich-soziale Partei. Als ich nach Wien kam, stand ich beiden feindselig gegenber. Der Mann und die Bewegung galten in meinen Augen als "reaktion„r". 59 Wandlung zum Antisemiten Das gew”hnliche Gerechtigkeitsgefhl aber muáte dieses Urteil in eben dem Maáe ab„ndern, in dem ich Gelegenheit erhielt, Mann und Werk kennenzulernen; und langsam wuchs die gerechte Beurteilung zur unverhohlenen Bewunderung. Heute sehe ich in dem Manne mehr noch als frher den gewaltigsten deutschen Brgermeister aller Zeiten. Wie viele meiner vors„tzlichen Anschauungen wurden aber durch eine solche Žnderung meiner Stellungnahme zur christlich-sozialen Bewegung umgeworfen! Wenn dadurch langsam auch meine Ansichten in bezug auf den Antisemitismus dem Wechsel der Zeit unterlagen, dann war dies wohl meine schwerste Wandlung berhaupt. Sie hat mir die meisten inneren seelischen K„mpfe gekostet, und erst nach monatelangem Ringen zwischen Verstand und Gefhl begann der Sieg sich auf die Seite des Verstandes zu schlagen. Zwei Jahre sp„ter war das Gefhl dem Verstande gefolgt, um von nun an dessen treuester W„chter und Warner zu sein. In der Zeit dieses bitteren Ringens zwischen seelischer Erziehung und kalter Vernunft hatte mir der Anschauungsunterricht der Wiener Straáe unsch„tzbare Dienste geleistet. Es kam die Zeit, da ich nicht mehr wie in den ersten Tagen blind durch die m„chtige Stadt wandelte, sondern mir offenem Auge auáer den Bauten auch die Menschen besah. Als ich einmal so durch die innere Stadt strich, stieá ich pl”tzlich auf eine Erscheinung in langem Kastan mit schwarzen Locken. Ist dies auch ein Jude? war mein erster Gedanke. So sahen sie freilich in Linz nicht aus. Ich beobachtete den Mann verstohlen und vorsichtig, allein je l„nger ich in dieses fremde Gesicht starrte und forschend Zug um Zug prfte, um so mehr wandelte sich in meinem Gehirn die erste Frage zu einer anderen Fassung: Ist dies auch ein Deutscher? Wie immer in solchen F„llen begann ich nun zu versuchen, mir die Zweifel durch Bcher zu beheben. Ich kaufte mir damals um wenige Heller die ersten antisemitischen 60 Wandlung zum Antisemiten Broschren meines Lebens. Sie gingen leider nur alle von dem Standpunkt aus, daá im Prinzip der Leser wohl schon die Judenfrage bis zu einem gewissen Grade mindestens kenne oder gar begreife. Endlich war die Tonart meistens so, daá mir wieder Zweifel kamen infolge der zum Teil so flachen und auáerordentlich unwissenschaftlichen Beweisfhrung fr die Behauptung. Ich wurde dann wieder rckf„llig auf Wochen, ja einmal auf Monate hinaus. Die Sache schien mir so ungeheuerlich, die Bezichtigung so maálos zu sein, daá ich gequ„lt von der Furcht, Unrecht zu tun, wieder „ngstlich und unsicher wurde. Freilich daran, daá es sich hier nicht um Deutsche einer besonderen Konfession handelte, sondern um ein Volk fr sich, konnte auch ich nicht mehr gut zweifeln; denn seit ich mich mit dieser Frage zu besch„ftigen begonnen hatte, auf den Juden erst einmal aufmerksam wurde, erschien mir Wien in einem anderen Lichte als vorher. Wo immer ich ging, sah ich nun Juden, und je mehr ich sah, um so sch„rfer sonderten sie sich fr das Auge von den anderen Menschen ab. Besonders die innere Stadt und die Bezirke n”rdlich des Donaukanals wimmelten von einem Volke, das schon „uáerlich eine Žhnlichkeit mit dem deutschen nicht mehr besaá. Aber wenn ich daran noch gezweifelt h„tte, so wurde das Schwanken endgltig behoben durch die Stellungnahme eines Teiles der Juden selber. Eine groáe Bewegung unter ihnen, die in Wien nicht wenig umfangreich war, trat auf das sch„rfste fr die Best„tigung des v”lkischen Charakters der Judenschaft ein: der Zionismus. Wohl hatte es den Anschein, als ob nur ein Teil der Juden diese Stellungnahme billigen wrde, die groáe Mehrheit aber eine solche Festlegung verurteile, ja innerlich ablehne. Bei n„herem Hinsehen zerflatterte aber dieser Anschein in einen blen Dunst von aus reinen Zweckm„áigkeitsgrnden vorgebrachten Ausreden, um nicht zu sagen Lgen. Denn das sogenannte Judentum liberaler 61 Wandlung zum Antisemiten Denkart lehnte ja die Zionisten nicht als Nichtjuden ab, sondern nur als Juden von einem unpraktischen, ja vielleicht sogar gef„hrlichen ”ffentlichen Bekenntnis zu ihrem Judentum. An ihrer inneren Zusammengeh”rigkeit „nderte sich gar nichts. Dieser scheinbare Kampf zwischen zionistischen und liberalen Juden ekelte mich in kurzer Zeit schon an; war er doch durch und durch unwahr, mithin verlogen und dann aber wenig passend zu der immer behaupteten sittlichen H”he und Reinheit dieses Volkes. šberhaupt war die sittliche und sonstige Reinlichkeit dieses Volkes ein Punkt fr sich. Daá es sich hier um keine Wasserliebhaber handelte, konnte man ihnen ja schon am Žuáeren ansehen, leider sehr oft sogar bei geschlossenem Auge. Mir wurde bei dem Geruche dieser Kastantr„ger sp„ter manchmal ber. Dazu kam noch die unsaubere Kleidung und die wenig heldische Erscheinung. Dies alles konnte schon nicht sehr anziehend wirken; abgestoáen muáte man aber werden, wenn man ber die k”rperliche Unsauberkeit hinaus pl”tzlich die moralischen Schmutzflecken des auserw„hlten Volkes entdeckte. Nichts hatte mich in kurzer Zeit so nachdenklich gestimmt als die langsam aufsteigende Einsicht in die Art der Bet„tigung der Juden auf gewissen Gebieten. Gab es denn da einen Unrat, eine Schamlosigkeit in irgendeiner Form, vor allem des kulturellen Lebens, an der nicht wenigstens ein Jude beteiligt gewesen w„re? Sowie man nur vorsichtig in eine solche Geschwulst hineinschnitt, fand man, wie die Made im faulenden Leibe, oft ganz geblendet vom pl”tzlichen Lichte, ein Jdlein. Es war eine schwere Belastung, die das Judentum in meinen Augen erhielt, als ich seine T„tigkeit in der Presse, in Kunst, Literatur und Theater kennenlernte. Da konnten nun alle salbungsvollen Beteuerungen wenig oder nichts mehr ntzen. Es gengte schon, eine der Anschlags„ulen zu betrachten, die Namen der geistigen Erzeuger dieser gr„álichen Machwerke fr Kino und Theater, die da angepriesen 62 Wandlung zum Antisemiten wurden, zu studieren, um auf l„ngere Zeit hart zu werden. Das war Pestilenz, geistige Pestilenz, schlimmer als der schwarze Tod von einst, mit der man da das Volk infizierte. Und in welcher Menge dabei dieses Gift erzeugt und verbreitet wurde! Natrlich, je niedriger das geistige und sittliche Niveau eines solchen Kunstfabrikanten ist, um so unbegrenzter aber seine Fruchtbarkeit, bis so ein Bursche schon mehr wie eine Schleudermaschine seinen Unrat der anderen Menschheit ins Antlitz spritzt. Dabei bedenke man noch die Unbegrenztheit ihrer Zahl; man bedenke daá auf einen Goethe die Natur immer noch leicht zehntausend solcher Schmierer der Mitwelt in den Pelz setzt, die nun als Bazillentr„ger schlimmster Art die Seelen vergiften. Es war entsetzlich, aber nicht zu bersehen, daá gerade der Jude in berreichlicher Anzahl von der Natur zu dieser schmachvollen Bestimmung auserlesen schien. Sollte seine Auserw„hltheit darin zu suchen sein? Ich begann damals sorgf„ltig die Namen all der Erzeuger dieser unsauberen Produkte des ”ffentlichen Kunstlebens zu prfen. Das Ergebnis war ein immer b”seres fr meine bisherige Haltung der Juden gegenber. Mochte sich da das Gefhl auch noch tausendmal str„uben, der Verstand muáte seine Schlsse ziehen. Die Tatsache, daá neun Zehntel alles literarischen Schmutzes, knstlerischen Kitsches und theatralischen Bl”dsinns auf das Schuldkonto eines Volkes zu schreiben sind, das kaum ein Hundertstel aller Einwohner im Lande betr„gt, lieá sich einfach nicht wegleugnen; es war eben so. Auch meine liebe "Weltpresse" begann ich nun von solchen Gesichtspunkten aus zu prfen. Je grndlicher ich aber hier die Sonde anlegte, um so mehr schrumpfte der Gegenstand meiner einstigen Bewunderung zusammen. Der Stil war immer unertr„glicher, den Inhalt muáte ich als innerlich seicht und flach ablehnen, die Objektivit„t der Darstellung schien mir nun mehr Lge zu sein als ehrliche Wahrheit; die Verfasser aber waren - Juden. 63 Wandlung zum Antisemiten Tausend Dinge, die ich frher kaum gesehen, fielen mir nun als bemerkenswert auf, andere wieder, die mir schon einst zu denken gaben, lernte ich begreifen und verstehen. Die liberale Gesinnung dieser Presse sah ich nun in einem anderen Lichte, ihr vornehmer Ton im Beantworten von Angriffen sowie das Totschweigen derselben enthllte sich mir jetzt als ebenso kluger wie niedertr„chtiger Trick; ihre verkl„rt geschriebenen Theaterkritiken galten immer dem jdischen Verfasser, und nie traf ihre Ablehnung jemand anderen als den Deutschen. Das leise Sticheln gegen Wilhelm II. lieá in der Beharrlichkeit die Methode erkennen, genau so wie das Empfehlen franz”sischer Kultur und Zivilisation. Der kitschige Inhalt der Novelle wurde nun zur Unanst„ndigkeit, und aus der Sprache vernahm ich Laute eines fremden Volkes; der Sinn des Ganzen aber war dem Deutschtum so ersichtlich abtr„glich, daá dies nur gewollt sein konnte. Wer aber besaá daran ein Interesse? War dies alles nur Zufall? So wurde ich langsam unsicher. Beschleunigt wurde die Entwicklung aber durch Einblicke, die ich in eine Reihe anderer Vorg„nge erhielt. Es war dies die allgemeine Auffassung von Sitte und Moral, wie man sie von einem groáen Teil des Judentums ganz offen zur Schau getragen und bet„tigt sehen konnte. Hier bot wieder die Straáe einen manchmal wahrhaft b”sen Anschauungsunterricht. Das Verh„ltnis des Judentums zur Prostitution und mehr noch zum M„dchenhandel selber konnte man in Wien studieren wie wohl in keiner sonstigen westeurop„ischen Stadt, sdfranz”siche Hafenorte vielleicht ausgenommen. Wenn man abends so durch die Straáen und Gassen der Leopoldstadt lief, wurde man auf Schritt und Tritt, ob man wollte oder nicht, Zeuge von Vorg„ngen, die dem Groáteil des deutschen Volkes verborgen geblieben waren, bis der Krieg den K„mpfern an der Ostfront Gelegenheit gab, Žhnliches ansehen zu k”nnen, besser gesagt, ansehen zu mssen. 64 Der Jude als Fhrer der Sozialdemokratie Als ich zum ersten Male den Juden in solcher Weise als den ebenso eisig kalten wie schamlos gesch„ftstchtigen Dirigenten dieses emp”renden Lasterbetriebes des Auswurfes der Groástadt erkannte, lief mir ein leichtes Fr”steln ber den Rcken. Dann aber flammte es auf. Nun wich ich der Er”rterung der Judenfrage mich nicht mehr aus, nein, nun wollte ich sie. Wie ich aber so in allen Richtungen des kulturellen und knstlerischen Lebens und seinen verschiedenen Žuáerungen nach dem Juden suchen lernte, stieá ich pl”tzlich an einer Stelle auf ihn, an der ich ihn am wenigsten vermutet h„tte. Indem ich den Juden als Fhrer der Sozialdemokratie erkannte, begann es mir wie Schuppen von den Augen zu fallen. Ein langer innerer Seelenkampf fand damit seinen Abschluá. Schon im tagt„glichen Verkehr mit meinen Arbeitsgenossen fiel mir die erstaunliche Wandlungsf„higkeit auf, mit der sie zu einer gleichen Frage verschiedene Stellungen einnahmen, manchmal in einem Zeitraume von wenigen Tagen oft auch nur wenigen Stunden. Ich konnte schwer verstehen, wie Menschen, die, allein gesprochen, immer noch vernnftige Anschauungen besaáen, diese pl”tzlich verloren, sowie sie in den Bannkreis der Masse gelangten. Es war oft zum Verzweifeln. Wenn ich nach stundenlangem Zureden schon berzeugt war, dieses Mal endlich das Eis gebrochen oder einen Unsinn aufgekl„rt zu haben und mich schon des Erfolges herzlich freute, dann muáte ich zu meinem Jammer am n„chsten Tage wieder von vorne beginnen; es war alles umsonst gewesen. Wie ein ewiges Pendel schien der Wahnsinn ihrer Anschauungen immer von neuem zurckzuschlagen. Alles vermochte ich dabei noch zu begreifen: daá sie mit ihrem Lose unzufrieden waren, das Schicksal verdammten, welches sie oft so herbe schlug; die Unternehmer haáten, die ihnen als herzlose Zwangsvollstrecker dieses Schicksals erschienen; auf die Beh”rden schimpften, die in ihren Augen kein Gefhl fr die Lage besaáen; daá sie gegen Lebensmittelpreise 65 Der Jude als Fhrer der Sozialdemokratie demonstrierten und fr ihre Forderungen auf die Straáe zogen, alles dies konnte man mit Rcksicht auf Vernunft mindestens noch verstehen. Was aber unverst„ndlich bleiben muáte, war der grenzenlose Haá, mit dem sie ihr eigenes Volkstum belegten, die Gr”áe desselben schm„hten, seine Geschichte verunreinigten und groáe M„nner in die Gosse zogen. Dieser Kampf gegen die eigene Art, das eigene Nest, die eigene Heimat war ebenso sinnlos wie unbegreiflich. Das war unnatrlich. Man konnte sie von diesem Laster vorbergehend heilen, jedoch nur auf Tage, h”chstens Wochen. Traf man aber sp„ter den vermeintlich Bekehrten, dann war er wieder der alte geworden. Die Unnatur hatte ihn wieder in ihrem Besitze. * Daá die sozialdemokratische Presse berwiegend von Juden geleitet war, lernte ich allm„hlich kennen; allein, ich schrieb diesem Umstande keine besondere Bedeutung zu, lagen doch die Verh„ltnisse bei den anderen Zeitungen genau so. Nur eines war vielleicht auffallend; es gab nicht ein Blatt, bei dem sich Juden befanden, das als wirklich national angesprochen h„tte werden k”nnen, so wie dies in der Linie meiner Erziehung und Auffassung gelegen war. Da ich mich nun berwand und diese Art von marxistischen Presseerzeugnissen zu lesen versuchte, die Abneigung aber in eben diesem Maáe ins Unendliche wuchs, suchte ich nun auch die Fabrikanten dieser zusammengefaáten Schurkereien n„her kennenzulernen. Es waren, vom Herausgeber angefangen, lauter Juden. Ich nahm die mir irgendwie erreichbaren sozialdemokratischen Broschren und suchte die Namen ihrer Verfasser: Juden. Ich merkte mir die Namen fast aller Fhrer; es waren zum weitaus gr”áten Teil ebenfalls Angeh”rige des "auserw„hlten Volkes", mochte es sich dabei um die Vertreter im Reichsrat handeln oder um die Sekret„re der 66 Jdischer Dialekt Gewerkschaften, die Vorsitzenden der Organisationen oder die Agitatoren der Straáe. Es ergab sich immer das gleiche unheimliche Bild. Die Namen der Austerlitz, David, Adler, Ellenbogen usw. werden mir ewig in Erinnerung bleiben. Das eine war mir nun klar geworden: die Partei, mit deren kleinen Vertretern ich seit Monaten den heftigsten Kampf auszufechten hatte, lag in ihrer Fhrung fast ausschlieálich in den H„nden eines fremden Volkes; denn daá der Jude kein Deutscher war, wuáte ich zu meiner inneren glcklichen Zufriedenheit schon endgltig. Nun aber erst lernte ich den Verfhrer unseres Volkes ganz kennen. Schon ein Jahr meines Wiener Aufenthaltes hatte gengt, um mir die šberzeugung beizubringen, daá kein Arbeiter so verbohrt sein konnte, als daá er nicht besserem Wissen und besserer Erkl„rung erlegen w„re. Ich war langsam Kenner ihrer eigenen Lehre geworden und verwendete sie als Waffe im Kampfe fr meine innere šberzeugung. Fast immer legte sich nun der Erfolg auf meine Seite. Die groáe Masse war zu retten, wenn auch nur nach schwersten Opfern an Zeit und Geduld. Niemals aber war ein Jude von seiner Anschauung zu befreien. Ich war damals noch kindlich genug, ihnen den Wahnsinn ihrer Lehre klarmachen zu wollen, redete mir in meinem kleinen Kreise die Zunge wund und die Kehle heiser und vermeinte, es máte mir gelingen, sie von der Verderblichkeit ihres marxistischen Irrsinns zu berzeugen; allein dann erreichte ich erst recht nur das Gegenteil. Es schien, als ob die steigende Einsicht von der vernichtenden Wirkung sozialdemokratischer Theorien und ihrer Erfllung nur zur Verst„rkung ihrer Entschlossenheit dienen wrde. Je mehr ich dann so mit ihnen stritt, um so mehr lernte ich ihre Dialektik kennen. Erst rechneten sie mit der Dummheit ihres Gegners, um dann, wenn sich ein Ausweg nicht mehr fand, sich selber einfach dumm zu stellen. Ntzte alles nicht, so verstanden sie nicht recht oder sprangen, gestellt, 67 Jdischer Dial