MEIN KAMPF Von Adolf Hitler Erster Band Eine Abrechnung FEN 1934 Verlag Franz Eher Nachfolger, G.m.b.H. Mnchen 2, NO Alle Rechte vorbehalten Copyright Band I 1925 by Franz Eher Nachf. G.m.b.H., Mnchen 2, NO Printed in Germany --------------------------------------------------- Mein Kampf, Elektronische Version 1.1 (MK-EV) --------------------------------------------------- fr den IBM Personal Computer Copyright (c)1991 by Neue Rechte/International (NRI) All rights reserved. Erster Band Eine Abrechnung 1 1. Kapitel Im Elternhaus Als glckliche Bestimmung gilt es mir heute, daá das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies. Liegt doch dieses St„dtchen an der Grenze jener zwei deutschen Staaten, deren Wiedervereinigung mindestens uns Jngeren als eine mit allen Mitteln durchzufhrende Lebensaufgabe erscheint! Deutsch”sterreich muá wieder zurck zum groáen deutschen Mutterlande, und zwar nicht aus Grnden irgendwelcher wirtschaftlichen Erw„gungen heraus. Nein, nein: Auch wenn diese Vereinigung, wirtschaftlich gedacht, gleichgltig, ja selbst wenn sie sch„dlich w„re, sie máte dennoch stattfinden. Gleiches Blut geh”rt in ein gemeinsames Reich. Das deutsche Volk besitzt solange kein moralisches Recht zu kolonialpolitischer T„tigkeit, solange es nicht einmal seine eigenen S”hne in einem gemeinsamen Staat zu fassen vermag. Erst wenn des Reiches Grenze auch den letzten Deutschen umschlieát, ohne mehr die Sicherheit seiner Ern„hrung bieten zu k”nnen, ersteht aus der Not des eigenen Volkes das moralische Recht zur Erwerbung fremden Grund und Bodens. Der Pflug ist dann das Schwert, und aus den Tr„nen des Krieges erw„chst fr die Nachwelt das t„gliche Brot. So scheint mir dieses kleine Grenzst„dtchen das Symbol einer groáen Aufgabe zu sein. Allein auch noch in einer anderen Hinsicht ragt es mahnend in unsere heutige Zeit. Vor mehr als hundert Jahren hatte dieses unscheinbare Nest, als Schauplatz eines die ganze deutsche Nation ergreifenden tragischen Unglcks, den Vorzug, fr immer in den Annalen wenigstens der deutschen Geschichte verewigt zu werden. In der Zeit der tiefsten 2 Im Elternhaus Erniedrigung unseres Vaterlandes fiel dort fr sein auch im Unglck heiágeliebtes Deutschland der Nrnberger Johannes Palm, brgerlicher Buchh„ndler, verstockter "Nationalist" und Franzosenfeind. Hartn„ckig hatte er sich geweigert, seine Mit-, besser Hauptschuldigen anzugeben. Also wie Leo Schlageter. Er wurde allerdings auch, genau wie dieser, durch einen Regierungsvertreter an Frankreich denunziert. Ein Augsburger Polizeidirektor erwarb sich diesen traurigen Ruhm und gab so das Vorbild neudeutscher Beh”rden im Reiche des Herrn Severing. In diesem von den Strahlen deutschen M„rtyrertums vergoldeten Innst„dtchen, bayerisch dem Blute, ”sterreichisch dem Staate nach, wohnten am Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts meine Eltern; der Vater als pflichtgetreuer Staatsbeamter, die Mutter im Haushalt aufgehend und vor allem uns Kindern in ewig gleicher liebevoller Sorge zugetan. Nur wenig haftet aus dieser Zeit noch in meiner Erinnerung, denn schon nach wenigen Jahren muáte der Vater das liebgewonnene Grenzst„dtchen wieder verlassen, um innabw„rts zu gehen und in Passau eine neue Stelle zu beziehen; also in Deutschland selber. Allein das Los eines ”sterreichischen Zollbeamten hieá damals h„ufig "wandern". Schon kurze Zeit sp„ter kam der Vater nach Linz und ging endlich dort auch in Pension. Freilich "Ruhe" sollte dies fr den alten Herrn nicht bedeuten. Als Sohn eines armen, kleinen H„uslers hatte es ihn schon einst nicht zu Hause gelitten. Mit noch nicht einmal dreizehn Jahren schnrte der damalige kleine Junge sein R„nzlein und lief aus der Heimat, dem Waldviertel, fort. Trotz des Abratens "erfahrener" Dorfinsassen war er nach Wien gewandert, um dort ein Handwerk zu lernen. Das war in den fnfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Ein bitterer Entschluá, sich mit drei Gulden Wegzehrung so auf die Straáe zu machen ins Ungewisse hinein. Als der Dreizehnj„hrige aber siebzehn alt geworden war, hatte er seine Gesellenprfung abgelegt, jedoch nicht die Zufriedenheit gewonnen. Eher das Gegenteil. Die lange Zeit der damaligen Not, des ewigen Elends und Jammers 3 Der kleine R„delsfhrer festigte den Entschluá, das Handwerk nun doch wieder aufzugeben, um etwas "H”heres" zu werden. Wenn einst dem armen Jungen im Dorfe der Herr Pfarrer als Inbegriff aller menschlich erreichbaren H”he erschien, so nun in der den Gesichtskreis m„chtig erweiternden Groástadt die Wrde eines Staatsbeamten. Mit der ganzen Z„higkeit eines durch Not und Harm schon in halber Kindheit "alt" Gewordenen verbohrte sich der Siebzehnj„hrige in seinen neuen Entschluá - und wurde Beamter. Nach fast dreiundzwanzig Jahren, glaube ich, war das Ziel erreicht. Nun schien auch die Voraussetzung zu einem Gelbte erfllt, das sich der arme Junge einst gelobt hatte, n„mlich nicht eher in das v„terliche Dorf zurckzukehren, als bis er etwas geworden w„re. Jetzt war das Ziel erreicht, allein aus dem Dorfe konnte sich niemand mehr des einstigen kleinen Knaben erinnern, und ihm selber war das Dorf fremd geworden. Da er endlich als Sechsundfnfzigj„hriger in den Ruhestand ging, h„tte er doch diese Ruhe keinen Tag als "Nichtstuer" zu ertragen vermocht. Er kaufte in der N„he des ober”sterreichischen Marktfleckens Lambach ein Gut, bewirtschaftete es und kehrte so im Kreislauf eines langen, arbeitsreichen Lebens wieder zum Ursprung seiner V„ter zurck. In dieser Zeit bildeten sich mir wohl die ersten Ideale. Das viele Herumtollen im Freien, der weite Weg zur Schule, sowie ein besonders die Mutter manchmal mit bitterer Sorge erfllender Umgang mit „uáerst robusten Jungen, lieá mich zu allem anderen eher werden als zu einem Stubenhocker. Wenn ich mir also auch damals kaum ernstliche Gedanken ber meinen einstigen Lebensberuf machte, so lag doch von vornherein meine Sympathie auf keinen Fall in der Linie des Lebenslaufes meines Vaters. Ich glaube, daá schon damals mein rednerisches Talent sich in Form mehr oder minder eindringlicher Auseinandersetzungen mit meinen Kameraden schulte. Ich war ein kleiner R„delsfhrer geworden, der in der Schule leicht und damals auch sehr gut lernte, sonst aber ziemlich schwierig zu behandeln war. Da ich in meiner freien Zeit im Chorherrenstift 4 Kriegsbegeisterung zu Lambach Gesangsunterricht erhielt, hatte ich beste Gelegenheit, mich oft und oft am feierlichen Prunke der „uáerst glanzvollen kirchlichen Feste zu berauschen. Was war natrlicher, als daá, genau so wie einst dem Vater der kleine Herr Dorfpfarrer nun mir der Herr Abt als h”chst erstrebenswertes Ideal erschien. Wenigstens zeitweise war dies der Fall Nachdem aber der Herr Vater bei seinem streitschtigen Jungen die rednerischen Talente aus begreiflichen Grnden nicht so zu sch„tzen vermochte, um aus ihnen etwas gnstige Schlsse fr die Zukunft seines Spr”álings zu ziehen, konnte er natrlich auch ein Verst„ndnis fr solche Jugendgedanken nicht gewinnen. Besorgt beobachtete er wohl diesen Zwiespalt der Natur. Tats„chlich verlor sich denn auch die zeitweilige Sehnsucht nach diesem Berufe sehr bald, um nun meinem Temperamente besser entsprechenden Hoffnungen Platz zu machen. Beim Durchst”bern der v„terlichen Bibliothek war ich ber verschiedene Bcher milit„rischen Inhalts gekommen, darunter eine Volksausgabe des Deutsch-Franz”sichen Krieges 1870/71. Es waren zwei B„nde einer illustrierten Zeitschrift aus diesen Jahren, die nun meine Lieblingslektre wurden. Nicht lange dauerte es, und der groáe Heldenkampf war mir zum gr”áten inneren Erlebnis geworden. Von nun an schw„rmte ich mehr und mehr fr alles, was irgendwie mit Krieg oder doch mit Soldatentum zusammenhing. Aber auch in anderer Hinsicht sollte dies von Bedeutung fr mich werden. Zum ersten Male wurde mir, wenn auch in noch so unklarer Vorstellung, die Frage aufgedr„ngt, ob und welch ein Unterschied denn zwischen den diese Schlachten schlagenden Deutschen und den anderen sei? Warum hat denn nicht auch ™sterreich mitgek„mpft in diesem Kriege, warum nicht der Vater und nicht all die anderen auch? Sind wir denn nicht auch dasselbe wie eben alle anderen Deutschen? Geh”ren wir denn nicht alle zusammen? Dieses Problem begann zum ersten Male in meinem kleinen Gehirn zu 5 Berufs-"Wahl" whlen. Mit innerem Neide muáte ich auf vorsichtige Fragen die Antwort vernehmen, daá nicht jeder Deutsche das Glck besitze, dem Reich Bismarcks anzugeh”ren. Ich konnte dies nicht begreifen. * Ich sollte studieren. Aus meinem ganzen Wesen und noch mehr aus meinem Temperament glaubte der Vater den Schluá ziehen zu k”nnen, daá das humanistische Gymnasium einen Widerspruch zu meiner Veranlagung darstellen wrde. Besser schien ihm eine Realschule zu entsprechen. Besonders wurde er in dieser Meinung noch best„rkt durch eine ersichtliche F„higkeit zum Zeichnen; ein Gegenstand, der in den ”sterreichischen Gymnasien seiner šberzeugung nach vernachl„ssigt wurde. Vielleicht war aber auch seine eigene schwere Lebensarbeit noch mitbestimmend, die ihn das humanistische Studium, als in seinen Augen unpraktisch, weniger sch„tzen lieá. Grunds„tzlich war er aber der Willensmeinung, daá, so wie er, natrlich auch sein Sohn Staatsbeamter werden wrde, ja máte. Seine bittere Jugend lieá ihm ganz natrlich das sp„ter Erreichte um so gr”áer erscheinen, als dieses doch nur ausschlieáliches Ergebnis seines eisernen Fleiáes und eigener Tatkraft war. Es war der Stolz des Selbstgewordenen, der ihn bewog, auch seinen Sohn in die gleiche, wenn m”glich natrlich h”here Lebensstellung bringen zu wollen, um so mehr, als er doch durch den Fleiá des eigenen Lebens seinem Kinde das Werden um so viel zu erleichtern vermochte. Der Gedanke einer Ablehnung dessen, was ihm einst zum Inhalt eines ganzen Lebens wurde, erschien ihm doch als unfaábar. So war der Entschluá des Vaters einfach, bestimmt und klar, in seinen eigenen Augen selbstverst„ndlich. Endlich w„re es seiner in dem bitteren Existenzkampfe eines ganzen Lebens herrisch gewordenen Natur aber auch ganz unertr„glich vorgekommen, in solchen Dingen etwa die letzte Entscheidung dem in seinen Augen unerfahrenen und damit eben noch nicht verantwortlichen Jungen selber zu 6 Niemals Staatsbeamter berlassen.Es wrde dies auch als schlecht und verwerfliche Schw„che in der Ausbung der ihm zukommenden v„terlichen Autorit„t und Verantwortung fr das sp„tere Leben seines Kindes unm”glich zu seiner sonstigen Auffassung von Pflichterfllung gepaát haben. Und dennoch sollte es anders kommen Zum ersten Male in meinem Leben wurde ich, als damals noch kaum Elfj„hriger, in Opposition gedr„ngt. So hart und entschlossen auch der Vater sein mochte in der Durchsetzung einmal ins Auge gefaáter Pl„ne und Absichten, so verbohrt und widerspenstig war aber auch sein Junge in der Ablehnung eines ihm nicht oder nur wenig zusagenden Gedankens. Ich wollte nicht Beamter werden. Weder Zureden noch "ernste" Vorstellungen vermochten an diesem Widerstande etwas zu „ndern. Ich wollte nicht Beamter werden, nein und nochmals nein. Alle Versuche, mir durch Schilderungen aus des Vaters eigenem Leben Liebe oder Lust zu diesem Berufe erwecken zu wollen, schlugen in das Gegenteil um. Mir wurde g„hnend bel bei dem Gedanken, als unfreier Mann einst in einem Bureau sitzen zu drfen; nicht Herr sein zu k”nnen der eigenen Zeit, sondern in auszufllende Formulare den Inhalt eines ganzen Leben zw„ngen zu mssen. Welche Gedanken konnte dies auch erwecken bei einem Jungen, der wirklich alles andere war, aber nur nicht "brav" im landl„ufigen Sinne! Das l„cherliche leichte Lernen in der Schule gab mir so viel freie Zeit, daá mich mehr die Sonne als das Zimmer sah. Wenn mir heute durch meine politischen Gegner in liebevoller Aufmerksamkeit mein Leben durchgeprft wird bis in die Zeit meiner damaligen Jugend, um endlich mit Erleichterung feststellen zu k”nnen, welch unertr„gliche Streiche dieser "Hitler" schon in seiner Jugend verbt hatte, so danke ich dem Himmel, daá er mir so auch jetzt noch etwas abgibt aus den Erinnerungen dieser glckseligen Zeit. Wiese und Wald waren damals der Fechtboden, auf dem die immer vorhandenen "Gegens„tze" zur Austragung kamen. 7 Sondern Kunstmaler Auch der nun erfolgende Besuch der Realschule konnte dem wenig Einhalt tun. Freilich muáte nun aber auch ein anderer Gegensatz ausgefochten werden. Solange der Absicht des Vaters, mich Staatsbeamter werden zu lassen, nur meine prinzipielle Abneigung zum Beamtenberuf an sich gegenber stand, war der Konflikt leicht ertr„glich. Ich konnte solange auch mit meinen inneren Anschauungen etwas zurckhalten, brauchte ja nicht immer gleich zu widersprechen. Es gengte mein eigener fester Entschluá, sp„ter einmal nicht Beamter zu werden, um mich innerlich vollst„ndig zu beruhigen. Diesen Entschluá besaá ich aber unab„nderlich. Schwerer wurde die Frage, wenn dem Plane des Vaters ein eigener gegenbertrat. Schon mit zw”lf Jahren traf dies ein. Wie es nun kam, weiá ich heute selber nicht, aber eines Tages war mir klar, daá ich Maler werden wrde, Kunstmaler. Mein Talent zum Zeichnen stand allerdings fest, war es doch sogar mit ein Grund fr den Vater, mich auf die Realschule zu schicken, allein nie und niemals h„tte dieser daran gedacht, mich etwa beruflich in einer solchen Richtung ausbilden zu lassen. Im Gegenteil. Als ich zum ersten Male, nach erneuter Ablehnung des v„terlichen Lieblingsgedankens, die Frage gestellt bekam, was ich denn nun eigentlich selber werden wollte und ziemlich unvermittelt mit meinem unterdessen fest gefaáten Entschluá herausplatzte, war der Vater zun„chst sprachlos. "Maler? Kunstmaler?" Er zweifelte an meiner Vernunft, glaubte vielleicht auch nicht recht geh”rt oder verstanden zu haben. Nachdem er allerdings darber aufgekl„rt war und besonders die Ernsthaftigkeit meiner Absicht fhlte, warf er sich denn auch mit der ganzen Entschlossenheit seines Wesens dagegen. Seine Entscheidung war hier nur sehr einfach, wobei irgendein Abw„gen meiner etwa wirklich vorhandenen F„higkeiten gar nicht in Frage kommen konnte. "Kunstmaler, nein, solange ich lebe, niemals." Da nun aber sein Sohn eben mit verschiedenen sonstigen Eigenschaften 8 Der junge Nationalist wohl auch die einer „hnlichen Starrheit geerbt haben mochte, so kam auch eine „hnliche Antwort zurck. Nur natrlich umgekehrt den Sinne nach. Auf beiden Seiten blieb es dabei bestehen. Der Vater verlieá nicht sein "Niemals" und ich verst„rkte mein "Trotzdem". Freilich hatte dies nun nicht sehr erfreuliche Folgen. Der alte Herr ward verbittert und, so sehr ich ihn auch liebt, ich auch. Der Vater verbat sich jede Hoffnung, daá ich jemals zum Maler ausgebildet werden wrde. Ich ging einen Schritt weiter und erkl„rte, daá ich dann berhaupt nicht mehr lernen wollte. Da ich nun natrlich mit solchen "Erkl„rungen" doch den Krzeren zog, insoferne der alte Herr jetzt seine Autorit„t rcksichtslos durchzusetzen sich anschickte, schwieg ich knftig, setzte meine Drohung aber in die Wirklichkeit um. Ich glaubte, daá, wenn der Vater erst den mangelnden Fortschritt in der Realschule s„he, er gut oder bel eben doch mich meinem ertr„umten Glck wrde zugehen lassen. Ich weiá nicht, ob diese Rechnung gestimmt h„tte. Sicher war zun„chst nur mein ersichtlicher Miáerfolg in der Schule. Was mich freute, lernte ich, vor allem auch alles, was ich meiner Meinung nach sp„ter als Maler brauchen wrde. Was mir in dieser Hinsicht bedeutungslos erschien, oder mich auch sonst nicht so anzog, sabotierte ich vollkommen. Meine Zeugnisse dieser Zeit stellten, je nach dem Gegenstande und seiner Einsch„tzung, immer Extreme dar. Neben "lobenswert" und "vorzglich" "gengend" oder auch "nicht gengend". Am weitaus besten waren meine Leistungen in Geographie und mehr noch in Weltgeschichte. Die beiden Lieblingsf„cher, in denen ich der Klasse vorschoá. Wenn ich nun nach so viel Jahren mir das Ergebnis dieser Zeit prfend vor Augen halte, so sehe ich zwei hervorstechende Tatsachen als besonders bedeutungsvoll an: Erstens: ich wurde Nationalist. Zweitens: ich lernte Geschichte ihrem Sinne nach verstehen und begreifen. 9 Die deutsche Ostmark Das alte ™sterreich war ein "Nationalit„tenstaat". Der Angeh”rige des Deutschen Reiches konnte im Grunde genommen, wenigstens damals, gar nicht erfassen, welche Bedeutung dies Tatsache fr das allt„gliche Leben des einzelnen in einem solchen Staate besitzt. Man hatte sich nach dem wundervollen Siegeszuge der Heldenheere im Deutsch-Franz”sischen Kriege allm„hlich immer mehr dem Deutschtum des Auslandes entfremdet, zum Teil dieses auch gar nicht mehr zu wrdigen vermocht oder wohl auch nicht mehr gekonnt. Man verwechselte besonders in bezug auf den Deutsch”sterreicher nur zu leicht die verkommene Dynastie mit dem im Kerne urgesunden Volke. Man begriff nicht, daá, w„re nicht der Deutsche in ™sterreich wirklich noch von bestem Blute, er niemand die Kraft h„tte besitzen k”nnen, einem 52-Millionen-Staate so sehr seinen Stempel aufzupr„gen, daá ja gerade in Deutschland sogar die irrige Meinung entstehen konnte, ™sterreich w„re ein deutscher Staat. Ein Unsinn von schwersten Folgen, aber ein doch gl„nzendes Zeugnis fr die zehn Millionen Deutschen der Ostmark. Von dem ewigen unerbittlichen Kampfe um die deutsche Sprache, um deutsche Schule und deutsches Wesen hatten nur ganz wenige Deutsche aus dem Reiche eine Ahnung. Erst heut, da diese traurige Not vielen Millionen unseres Volkes aus dem Reiche selber aufgezwungen ist, die unter fremder Herrschaft vom gemeinsamen Vaterlande tr„umen und, sich sehnend nach ihm, wenigstens das heilige Anspruchsrecht der Muttersprache zu erhalten versuchen, versteht man in gr”áerem Kreise, was es heiát, fr sein Volkstum k„mpfen zu mssen. Nun vermag auch vielleicht der eine oder andere die Gr”áe des Deutschtums aus der alten Ostmark des Reiches zu messen, das, nur auf sich selbst gestellt, Jahrhunderte lang das Reich erst nach Osten beschirmte, um endlich in zermrbendem Kleinkrieg die deutsche Sprachgrenze zu halten, in einer Zeit, da das Reich sich wohl fr Kolonien interessierte, aber nicht fr das eigene Fleisch und Blut vor seinen Tren. Wie berall und immer, in jeglichem Kampf, gab es 10 Der Kampf ums Deutschtum auch im Sprachenkampf des alten ™sterreich drei Schichten: die K„mpfer, die Lauen und die Verr„ter. Schon in der Schule begann diese Siebung einzutreten. Denn es ist das Bemerkenswerte des Sprachenkampfes wohl berhaupt, daá seine Wellen vielleicht am schwersten gerade die Schule, als Pflanzst„tte der kommenden Generation, umsplen. Um das Kind wird dieser Kampf gefhrt und an das Kind richtet sich der erste Appell dieses Streites: "Deutscher Knabe, vergiá nicht, daá du ein Deutscher bist", und "M„dchen, gedenke, daá du eine deutsche Mutter werden sollst". Wer der Jugend Seele kennt, der wird verstehen k”nnen, daá gerade sie am freudigsten die Ohren fr einen solchen Kampfruf ”ffnet. In hunderterlei Formen pflegt sie diesen Kampf dann zu fhren, auf ihre Art und mit ihren Waffen. Sie lehnt es ab, undeutsche Lieder zu singen, schw„rmt um so mehr fr deutsche Heldengr”áe, je mehr man versucht, sie dieser zu entfremden; sammelt an vom Munde abgesparten Hellern zu Kampfschatz der Groáen; sie ist unglaublich hellh”rig dem undeutschen Lehrer gegenber und widerhaarig zugleich; tr„gt die verbotenen Abzeichen des eigenen Volkstums und ist glcklich, dafr bestraft oder gar geschlagen zu werden. Sie ist also im kleinen ein getreues Spiegelbild der Groáen, nur oft in besserer und aufrichtigerer Gesinnung. Auch ich hatte so einst die M”glichkeit, schon in verh„ltnism„áig frher Jugend am Nationalit„tenkampf des alten ™sterreich teilzunehmen. Fr Sdmark und Schulverein wurde da gesammelt, durch Kornblumen und schwarzrotgoldne Farben die Gesinnung betont, mit "Heil" begrát, und statt des Kaiserliedes lieber "Deutschland ber alles" gesungen, trotz Verwarnung und Strafen. Der Junge ward dabei politisch geschult in einer Zeit, da der Angeh”rige seines sogenannten Nationalstaates meist noch von seinem Volkstum wenig mehr als die Sprache kennt. Daá ich damals schon nicht zu den Lauen geh”rt habe, versteht sich von selbst. In kurzer Zeit war ich zum fanatischen "Deutschnationalen" 11 Der Kampf ums Deutschtum geworden, wobei dies allerdings nicht identisch ist mit unserem heutigen Parteibegriff. Diese Entwicklung machte bei mir sehr schnelle Fortschritte, so daá ich schon mit fnfzehn Jahren zum Verst„ndnis des Unterschiedes von dynastischem "Patriotismus" und v”lkischem "Nationalismus" gelangte; und ich kannte damals schon nur mehr das letztere. Fr den, der sich niemals die Mhe nahm, die inneren Verh„ltnisse der Habsburgermonarchie zu studieren, mag ein solcher Vorgang vielleicht nicht ganz erkl„rlich sein. Nur der Unterricht in der Schule ber die Weltgeschichte muáte in diesem Staate schon den Keim zu dieser Entwicklung legen, gibt es doch eine spezifisch ”sterreichische Geschichte nur in kleinsten Maáe. Das Schicksal dieses Staates ist so verbunden, daá eine Scheidung der Geschichte etwa in eine deutsche und ”sterreichische gar nicht denkbar erscheint. Ja, als endlich Deutschland sich in zwei Machtbereiche zu trennen begann, wurde eben diese Trennung zur deutschen Geschichte. Die zu Wien bewahrten Kaiserinsignien einstiger Reichsherrlichkeit scheinen als wundervoller Zauber weiter zu wirken als Unterpfand einer ewigen Gemeinschaft. Der elementare Aufschrei des deutsch”sterreichischen Volkes in den Tagen des Zusammenbruches des Habsburgerstaates nach Vereinigung mit dem deutschen Mutterland war ja nur das Ergebnis eines tief im Herzen des gesamten Volkes schlummernden Gefhls der Sehnsucht nach dieser Rckkehr in das nie vergessene Vaterhaus. Niemals aber wrde dies erkl„rlich sein, wenn nicht die geschichtliche Erziehung des einzelnen Deutsch”sterreichers Ursache einer solchen allgemeinen Sehnsucht gewesen w„re. In ihr liegt ein Brunnen, der nie versiegt; der besonders in Zeiten des Vergessens als stiller Mahner, ber augenblickliches Wohlleben hinweg, immer wieder durch die Erinnerung an die Vergangenheit von neuer Zukunft raunen wird. Der Unterricht ber Weltgeschichte in den sogenannten Mittelschulen liegt nun freilich auch heute noch sehr im 12 Geschichtsunterricht Argen. Wenige Lehrer begreifen, daá das Ziel gerade des geschichtlichen Unterrichtes nie und nimmer im Auswendiglernen und Herunterhaspeln geschichtlicher Daten und Ereignisse liegen kann; daá es nicht darauf ankommt, ob der Junge nun genau weiá, wann dies oder jene Schlacht geschlagen, ein Feldherr geboren wurde, oder gar ein (meistens sehr unbedeutender) Monarch die Krone seiner Ahnen auf das Haupt gesetzt erhielt. Nein, wahrhaftiger Gott, darauf kommt es wenig an. Geschichte "lernen" heiát die Kr„fte suchen und finden, die als Ursachen zu jenen Wirkungen fhren, die wir dann als geschichtliche Ereignisse vor unseren Augen sehen. Die Kunst des Lesens wie des Lernens ist auch hier: Wesentliches behalten, Unwesentliches vergessen. Es wurde vielleicht bestimmend fr mein ganzes sp„teres Leben, daá mir das Glck einst gerade fr Geschichte einen Lehrer gab, der es als einer der ganz wenigen verstand, fr Unterricht und Prfung diesen Gesichtspunkt zum beherrschenden zu machen. In meinem damaligen Professor Dr. Leopold P”tsch, an der Realschule zu Linz, war diese Forderung in wahrhaft idealer Weise verk”rpert. Ein alter Herr, von ebenso gtigem als aber auch bestimmten Auftreten, vermocht er besonders durch eine blendende Beredsamkeit uns nicht nur zu fesseln, sondern wahrhaft mitzureiáen. Noch heute erinnere ich mich mit leiser Rhrung an den grauen Mann, der uns im Feuer seiner Darstellung manchmal die Gegenwart vergessen lieá, uns zurckzauberte in vergangene Zeiten und aus dem Nebelschleier der Jahrtausende die trockene geschichtliche Erinnerung zur lebendigen Wirklichkeit formte. Wir saáen dann da, oft zu heller Glut begeistert, mitunter sogar zu Tr„nen gerhrt. Das Glck ward um so gr”áer, als dieser Lehrer es verstand, aus Gegenwart Vergangenes zu erleuchten, aus Vergangenheit aber die Konsequenzen fr die Gegenwart zu ziehen. So brachte er denn auch, mehr als sonst einer, Verst„ndnis fr all die Tagesprobleme, die uns damals in Atem hielten. Unser kleiner nationaler Fanatismus 13 Geschichte Lieblingsfach ward ihm ein Mittel zu unserer Erziehung, indem er ”fters als einmal an das nationale Ehrgefhl appellierend, dadurch allein uns Rangen schneller in Ordnung brachte, als dies durch andere Mittel je m”glich gewesen w„re. Mir hat dieser Lehrer Geschichte zum Lieblingsfach gemacht. Freilich wurde ich, wohl ungewollt von ihm, auch damals schon zum jungen Revolution„r. Wer konnte auch unter einem solchen Lehrer deutsche Geschichte studieren, ohne zum Feinde des Staates zu werden, der durch sein Herrscherhaus in so unheilvoller Weise die Schicksale der Nation beeinfluáte? Wer endlich konnte noch Kaisertreue bewahren einer Dynastie gegenber, die in Vergangenheit und Gegenwart die Belange des deutschen Volkes immer und immer wieder um schm„hlicher eigener Vorteile wegen verriet? Wuáten wir nicht als Jungen schon, daá dieser ”sterreichische Staat keine Liebe zu uns, Deutschen, besaá, ja berhaupt gar nicht besitzen konnte? Die geschichtliche Erkenntnis des Wirkens des Habsburgerhauses wurde noch untersttzt durch die t„gliche Erfahrung. Im Norden und im Sden fraá das fremde V”lkergift am K”rper unseres Volkstums, und selbst Wien wurde zusehends mehr und mehr zur undeutschen Stadt. Das "Erzhaus" tschechisierte, wo immer nur m”glich, und es war die Faust der G”ttin ewigen Rechtes und unerbittlicher Vergeltung, die den t”dlichsten Feind des ”sterreichischen Deutschtums, Erzherzog Franz Ferdinand, gerade durch die Kugeln fallen lieá, die er selber mithalf zu gieáen. War er doch der Patronatsherr der von oben herunter bet„tigten Slawisierung ™sterreichs! Ungeheuer waren die Lasten, die man dem deutschen Volke zumutete, unerh”rt seine Opfer an Steuern und an Blut, und dennoch muáte jeder nicht g„nzlich Blinde erkennen, daá dieses alles umsonst sein wrde. Was uns dabei am meisten schmerzte, war noch die Tatsache, daá dieses ganze System moralisch gedeckt wurde durch das Bndnis mit Deutschland, womit der langsamen Ausrottung des 14 Geschichtliche Erkenntnisse Deutschtums in der alten Monarchie auch noch gewissermaáen von Deutschland aus selber die Sanktion erteilt wurde. Die habsburgische Heuchelei, mit der man es verstand, nach auáen den Anschein zu erwecken, als ob ™sterreich noch immer ein deutscher Staat w„re, steigerte den Haá gegen dieses Haus zur hellen Emp”rung und Verachtung zugleich. Nur im Reiche selber sahen die auch damals schon allein "Berufenen" von all dem nichts. Wie mit Blindheit geschlagen wandelten sie an der Seite eines Leichnams und glaubten in den Anzeichen der Verwesung gar noch Merkmale "neuen" Lebens zu entdecken. In der unseligen Verbindung des jungen Reiches mit dem ”sterreichischen Scheinstaat lag der Keim zum sp„teren Weltkrieg, aber auch zum Zusammenbruch. Ich werde im Verlaufe dieses Buches mich noch grndlich mit diesem Problem zu besch„ftigen haben. Es gengt her nur festzustellen, daá ich im Grunde genommen schon in der frhesten Jugend zu einer Einsicht kam, die mich niemals mehr verlieá, sondern nur noch vertiefte: Das n„mlich die Sicherung des Deutschtums die Vernichtung ™sterreichs voraussetzte, und daá weiter Nationalgefhl in nicht identisch ist mit dynastischem Patriotismus; daá vor allem das habsburgische Erzhaus zum Unglck der deutschen Nation bestimmt war. Ich hatte schon damals die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis gezogen: heiáe Liebe zu meiner deutsch”sterreichischen Heimat, tiefen Haá gegen den ”sterreichischen Staat. * Die Art des geschichtlichen Denkens, die mir so in der Schule beigebracht wurde, hat mich in der Folgezeit nicht mehr verlassen. Weltgeschichte ward mir immer mehr zu einem unersch”pflichen Quell des Verst„ndnisses fr das geschichtliche Handeln der Gegenwart, also fr Politik. Ich will sie dabei nicht "lernen", sondern sie soll mich lehren. 15 Wagner-Verehrung War ich so frhzeitig zum politischen "Revolution„r" geworden, so nicht minder frh auch zum knstlerischen. Die ”sterreichische Landeshauptstadt besaá damals ein verh„ltnism„áig nicht schlechtes Theater. Gespielt wurde so ziemlich alles. Mit zw”lf Jahren sah ich da zum ersten Male "Wilhelm Tell", wenige Monate darauf als erste Oper meines Lebens "Lohengrin". Mit einem Schlage war ich gefesselt. Die jugendliche Begeisterung fr den Bayreuther Meister kannte keine Grenzen. Immer wieder zog es mich zu seinen Werken, und ich empfinde es heute als besonderes Glck, daá mir durch die Bescheidenheit der provinzialen Auffhrung die M”glichkeit einer sp„teren Steigerung erhalten blieb. Dies alles festigte, besonders nach šberwindung der Flegeljahre (was bei mir sich nur sehr schmerzlich vollzog), meine tiefinnere Abneigung gegen einen Beruf, wie ihn der Vater fr mich erw„hlt hatte. Immer mehr kam ich zur šberzeugung, daá ich als Beamter niemals glcklich werden wrde. Seit nun auch in der Realschule meine zeichnerische Begabung anerkannt wurde, stand mein Entschluá nur noch fester. Daran konnte weder Bitten noch Drohungen mehr etwas „ndern. Ich wollte Maler werden und um keine Macht der Welt Beamter. Eigentmlich war es nur, daá mit steigenden Jahren sich immer mehr Interesse fr Baukunst einstellte. Ich hielt dies damals fr die selbstverst„ndliche Erg„nzung meiner malerischen Bef„higung und freute mich nur innerlich ber diese Erweiterung meines knstlerischen Rahmen. Daá es einmal ander kommen sollte, ahnte ich nicht. * Die Frage meines Berufes sollte nun doch schneller entschieden werden, als ich vorher erwarten durfte. Mit dem 13.Lebensjahr verlor ich urpl”tzlich den Vater. Ein Schlaganfall traf den sonst noch so rstigen Herrn und 16 Tod der Eltern beendete auf schmerzloseste Weise seine irdische Wanderung, uns alle in tiefstes Leid versenken. Was er am meisten ersehnte, seinem Kinde die Existenz mitzuschaffen, um es so vor dem eigenen bitteren Werdegang zu bewahren, schien ihm damals wohl nicht gelungen zu sein. Allein er legte, wenn auch g„nzlich unbewuát, die Keime fr eine Zukunft, die damals weder er noch ich begriffen h„tte. Zun„chst „nderte sich ja „uáerlich nichts. Die Mutter fhlte sich wohl verpflichtet, gem„á dem Wunsche des Vaters meine Erziehung weiter zu leiten, d.h. also mich fr die Beamtenlaufbahn studieren zu lassen. Ich selber war mehr als je zuvor entschlossen, unter einen Umst„nden Beamter zu werden. In eben dem Maáe nun, in dem die Mittelschule sich in Lehrstoff und Ausbildung von meinem Ideal entfernte, wurde ich innerlich gleichgltiger. Da kam mir pl”tzlich eine Krankheit zu Hilfe und entschied die Streitfrage des v„terlichen Hauses. Mein schweres Lungenleiden lieá einen Arzt der Mutter auf das dringendste anraten, mich sp„ter einmal unter keinen Umst„nden in ein Bureau zu geben. Der Besuch der Realschule muáte ebenfalls auf mindestens ein Jahr eingestellt werden. Was ich so lange im stillen ersehnt, fr was ich immer gestritten hatte, war nun durch dieses Ereignis mit einem Male fast von selber zur Wirklichkeit geworden. Unter dem Eindruck meiner Erkrankung willigte die Mutter endlich ein, mich sp„ter aus der Realschule nehmen zu wollen und die Akademie besuchen zu lassen. Es waren die glcklichsten Tage, die mir nahezu als ein sch”ner Traum erschienen; und ein Traum sollte es ja auch nur sein. Zwei Jahre sp„ter machte der Tod der Mutter all den sch”nen Pl„nen ein j„hes Ende. Es war der Abschluá einer langen, schmerzhaften Krankheit, die von Anfang an wenig Aussicht auf Genesung lieá. Dennoch traf besonders mich der Schlag entsetzlich. Ich hatte den Vater verehrt, die Mutter jedoch geliebt. Not und harte Wirklichkeit zwangen mich nun, einen schnellen Entschluá zu fassen. Die geringen v„terlichen Mittel 17 šbersiedlung nach Wien waren durch die schwere Krankheit der Mutter zum groáen Teile verbraucht worden; die mir zukommende Waisenpension gengte nicht, um auch nur leben zu k”nnen, als war ich nun angewiesen, mir irgendwie mein Brot selber zu verdienen. Einen Koffer mit Kleidern und W„sche in den H„nden, mit einem unerschtterlichen Willen im Herzen, fuhr ich so nach Wien. Was dem Vater 50 Jahre vorher gelungen, hoffte auch ich dem Schicksal abzujagen; auch ich wollte "etwas" werden, allerdings - auf keinen Fall Beamter. 2. Kapitel Wiener Lehr- und Leidensjahre Als die Mutter starb, hatte das Schicksal in einer Hinsicht bereits seine Entscheidung getroffen. In deren letzten Leidensmonaten war ich nach Wien gefahren, um die Aufnahmeprfung in die Akademie zu machen. Ausgerstet mit einem dicken Pack von Zeichnungen, hatte ich mich damals auf den Weg gemacht, berzeugt, die Prfung spielend leicht bestehen zu k”nnen. In der Realschule war ich schon weitaus der beste Zeichner meiner Klasse gewesen; seitdem war meine F„higkeit noch ganz auáerordentlich weiter entwickelt worden, so daá meine eigene Zufriedenheit mich stolz und glcklich das Beste hoffen lieá. Eine einzige Trbung trat manchmal ein: mein malerisches Talent schien bertroffen zu werden von meinem zeichnerischen, besonders auf fast allen Gebieten der Architektur. Ebenso aber wuchs auch mein Interesse fr die Baukunst an und fr sich immer mehr. Beschleunigt wurde dies noch, seit ich, noch nicht 16 Jahre alt, zum ersten Male zu einem Besuche auf zwei Wochen nach Wien fahren durfte. Ich fuhr hin, um die Gem„ldegalerie des Hofmuseums zu studieren, hatte aber fast nur Augen fr das Museum selber. Ich lief die Tage vom frhen Morgen bis in die sp„te Nacht von einer Sehenswrdigkeit zu anderen, allein es waren immer nur Bauten, die mich in erster Linie fesselten. Stundenlang konnte ich so vor der Oper stehen, stundenlang das Parlament bewundern; die ganze Ringstraáe wirkte auf mich wie ein Zauber aus Tausendundeiner Nacht. Nun also war ich zum zweiten Male in der sch”nen Stadt und wartete mit brennender Ungeduld, aber auch stolzer 19 Bef„higung zum Baumeister Zuversicht auf das Ergebnis meiner Aufnahmeprfung. Ich war vom Erfolge so berzeugt, daá die mir verkndete Ablehnung mich wie ein j„her Schlag aus heiterem Himmel traf. Und doch war es so. Als ich mich dem Rektor vorstellen lieá und die Bitte um Erkl„rung der Grnde wegen meiner Nichtaufnahme in die allgemeine Malerschule der Akademie vorbrachte, versicherte mir der Herr, daá aus meinen mitgebrachten Zeichnungen einwandfrei meine Nichteignung zum Maler hervorgehe, sondern meine F„higkeit doch ersichtlich auf dem Gebiete der Architektur liege; fr mich k„me niemals die Malerschule, sondern nur die Architekturschule der Akademie in Frage. Daá ich bisher weder eine Bauschule besucht noch sonst einen Unterricht in Architektur erhalten hatte, konnte man zun„chst gar nicht verstehen. Geschlagen verlieá ich den Hansenschen Prachtbau am Schillerplatz, zum ersten Male in meinem jungen Leben uneins mit mir selber. Denn was ich ber meine F„higkeit geh”rt hatte, schien mir nun auf einmal wie ein greller Blitz einen Zwiespalt aufzudecken, unter dem ich schon l„ngst gelitten hatte, ohne bisher mir eine klare Rechenschaft ber das Warum und Weshalb geben zu k”nnen. In wenigen Tagen wuáte ich nun auch selber, daá ich einst Baumeister werden wrde. Freilich war der Weg unerh”rt schwer; denn was ich bisher aus Trotz in der Realschule vers„umt hatte, sollte sich nun bitter r„chen. Der Besuch der Architekturschule der Akademie war abh„ngig vom Besuch der Bauschule der Technik, und den Eintritt in diese bedingte eine vorher abgelegte Matura an einer Mittelschule. Dieses alles fehlte mir vollst„ndig. Nach menschlichem Ermessen also war eine Erfllung meines Knstlertraumes nicht mehr m”glich. Als ich nun nach dem Tode der Mutter zum dritten Male nach Wien und dieses Mal fr viele Jahre zog, war bei mir mit der unterdessen verstrichenen Zeit Ruhe und Entschlossenheit zurckgekehrt. Der frhere Trotz war wieder gekommen, und mein Ziel endgltig ins Auge gefaát. Ich wollte Baumeister werden, und Widerst„nde sind nicht da, daá 20 Fnf Jahre Elend man vor ihnen kapituliert, sondern daá man sie bricht. Und brechen wollte ich diese Widerst„nde, immer das Bild des Vaters vor Augen, der sich einst vom armen Dorf- und Schusterjungen zum Staatsbeamten emporgerungen hatte. Da war mein Boden doch schon besser, die M”glichkeit des Kampfes um so viel leichter; und was damals mir als H„rte des Schicksals erschien, preise ich heute als Weisheit der Vorsehung. Indem mich die G”ttin der Not in ihre Arme nahm und mich oft zu zerbrechen drohte, wuchs der Wille zum Widerstand, und endlich blieb der Wille Sieger. Das danke ich der damaligen Zeit, daá ich hart geworden bin und hart sein kann. Und mehr noch als dieses preise ich sie dafr, daá sie mich losriá von der Hohlheit des gem„chlichen Lebens, daá sie das Mutters”hnchen aus den weichen Daunen zog und ihm Frau Sorge zur neuen Mutter gab, daá sie den Widerstrebenden hineinwarf in die Welt des Elends und der Armut und ihn so die kennen lernen lieá, fr die er sp„ter k„mpfen sollte. * In dieser Zeit sollte mir auch da Auge ge”ffnet werden fr zwei Gefahren, die ich beide vordem kaum dem Namen nach kannte, auf keinen Fall aber in ihrer entsetzlichen Bedeutung fr die Existenz des deutschen Volkes begriff: Marxismus und Judentum. Wien, die Stadt, die so vielen als Inbegriff harmloser Fr”hlichkeit gilt, als festlicher Raum vergngter Menschen, ist fr mich leider nur die lebendige Erinnerung an die traurigste Zeit meines Lebens. Auch heute noch kann diese Stadt nur trbe Gedanken in mir erwecken. Fnf Jahre Elend und Jammer sind im Namen dieser Ph„akenstadt fr mich enthalten. Fnf Jahre, in denen ich erst als Hilfsarbeiter, dann als kleiner Maler mir mein Brot verdienen muáte; mein wahrhaft k„rglich Brot, das doch nie langte, um auch nur den gew”hnlichen Hunger zu stillen. Er war damals mein getreuer W„chter, der mich als einziger fast nie verlieá, der in allem redlich mit mir 21 Bildung der Weltanschauung teilte. Jedes Buch, das ich mir erwarb, erregte seine Teilnahme; ein Besuch der Oper lieá ihn mir dann wieder Gesellschaft leisten auf Tage hinaus; es war ein dauernder Kampf mit meinem mitleidslosen Freunde. Und doch habe ich in dieser Zeit gelernt, wie nie zuvor. Auáer meiner Baukunst, dem seltenen, vom Munde abgesparten Besuch der Oper, hatte ich als einzige Freude nur mehr Bcher. Ich las damals unendlich viel, und zwar grndlich. Was mir so an freier Zeit von meiner Arbeit brig blieb, ging restlos fr mein Studium auf. In wenigen Jahren schuf ich mir damit die Grundlagen meines Wissens, von denen ich auch heute noch zehre. Aber mehr noch als dieses. In dieser Zeit bildete sich mir ein Weltbild und eine Weltanschauung, die zum granitenen Fundament meines derzeitigen Handelns wurden. Ich habe zu dem, was ich mir so einst schuf, nur weniges hinzulernen mssen, zu „ndern brauchte ich nichts. Im Gegenteil. Ich glaube heute fest daran, daá im allgemeinen s„mtliche sch”pferischen Gedanken schon in der Jugend grunds„tzlich erscheinen, soferne solche berhaupt vorhanden sind. Ich unterscheide zwischen der Weisheit des Alters, die nur in einer gr”áeren Grndlichkeit und Vorsicht als Ergebnis der Erfahrungen eines langen Lebens gelten kann, und der Genialit„t der Jugend, die in unersch”pflicher Fruchtbarkeit Gedanken und Ideen ausschttet, ohne sie zun„chst auch nur verarbeiten zu k”nne, infolge der Flle ihrer Zahl. Sie liefert die Baustoffe und Zukunftspl„ne, aus denen das weisere Alter die Steine nimmt, behaut und den Bau auffhrt, soweit nicht die sogenannte Weisheit des Alters die Genialit„t der Jugend erstickt hat. * Das Leben, das ich bis dorthin im v„terlichen Hause gefhrt hatte, unterschied sich eben wenig oder in nichts von dem all der anderen. Sorgenlos konnte ich den neuen Tag erwarten, und ein soziales Problem gab es fr mich nicht. 22 Ablegen kleinbrgerlicher Scheuklappen Die Umgebung meiner Jugend setzte sich zusammen aus den Kreisen kleinen Brgertums, also aus einer Welt, die zu dem reinen Handarbeiter nur sehr wenig Beziehungen besitzt. Denn so sonderbar es auch auf den ersten Blick scheinen mag, so ist doch die Kluft gerade zwischen diesen durchaus wirtschaftlich nicht gl„nzend gestellten Schichten und dem Arbeiter der Faust oft tiefer als man denkt. Der Grund dieser, sagen wir fast Feindschaft, liegt in der Furcht einer Gesellschaftsgruppe, die sich erst ganz kurze Zeit aus dem Niveau der Handarbeiter herausgehoben hat, wieder zurckzusinken in den alten, wenig geachteten Stand, oder wenigstens noch zu ihm gerechnet zu werden. Dazu kommt noch bei vielen die widerliche Erinnerung an das kulturelle Elend dieser unteren Klasse, die h„ufige Roheit des Umgangs unter einander, wobei die eigene, auch noch so geringe Stellung im gesellschaftlichen Leben jede Berhrung mit dieser berwundenen Kultur- und Lebensstufe zu einer unertr„glichen Belastung werden l„át. So kommt es, daá h„ufig der H”herstehende unbefangener zu seinem letzten Mitmenschen herabsteigt, als es dem "Empork”mmling" auch nur m”glich erscheint. Denn Empork”mmling ist nun einmal jeder, der sich durch eigene Tatkraft aus einer bisherigen Lebensstellung in eine h”here emporringt. Endlich aber l„át dieser h„ufig sehr herbe Kampf das Mitleid absterben. Das eigene schmerzliche Ringen um das Dasein t”tet die Empfindung fr das Elend der Zurckgebliebenen. Mit mir besaá das Schicksal in dieser Hinsicht Erbarmen. Indem es mich zwang, wieder in diese Welt der Armut und der Unsicherheit zurckzukehren, die einst der Vater im Laufe seines Lebens schon verlassen hatte, zog es mir die Scheuklappen einer beschr„nkten kleinbrgerlichen Erziehung von den Augen. Nun erst lernte ich die Menschen kennen; lernte unterscheiden zwischen hohlem Scheine oder brutalem Žuáeren und ihrem inneren Wesen. Wien geh”rte nach der Jahrhundertwende schon zu den sozial ungnstigen St„dten. 23 Soziale Gegens„tze Wiens Strahlender Reichtum und abstoáende Armut l”sten einander in schroffem Wechsel ab. Im Zentrum und in den inneren Bezirken fhlte man so recht den Pulsschlag des 52-Millionen-Reiches, mit all dem bedenklichen Zauber des Nationalit„tenstaates. Der Hof in seiner blendenden Pracht wirkte „hnlich einem Magneten auf Reichtum und Intelligenz des brigen Staates. Dazu kam noch die starke Zentralisierung der Habsburgermonarchie an und fr sich. In ihr bot sich die einzige M”glichkeit, diesen V”lkerbrei in fester Form zusammenzuhalten. Die Folge davon aber war eine auáerordentliche Konzentration von hohen und h”chsten Beh”rden in der Haupt- und Residenzstadt. Doch Wien war nicht nur politisch und geistig die Zentrale der alten Donaumonarchie, sondern auch wirtschaftlich. Dem Heer von hohen Offizieren, Staatsbeamten, Knstlern und Gelehrten stand eine noch gr”áere Armee von Arbeitern gegenber, dem Reichtum der Aristokratie und des Handels eine blutige Armut. Vor den Pal„sten der Ringstraáe lungerten Tausende von Arbeitslosen, und unter dieser VIA TRIUMPHALIS des alten ™sterreich hausten im Zwielicht und Schlamm der Kan„le die Obdachlosen. Kaum in einer deutschen Stadt war die soziale Frage besser zu studieren als in Wien. Aber man t„usche sich nicht. Dieses "Studieren" kann nicht von oben herunter geschehen. Wer nicht selber in den Klammern dieser wrgenden Natter sich befindet, lernt ihre Giftz„hne niemals kennen. Im anderen Falle kommt nichts heraus als oberfl„chliches Geschw„tz oder verlogene Sentimentalit„t. Beides ist von Schaden. Das eine, weil nie bis zum Kerne des Problems zu dringen vermag, das andere, weil es an ihm vorbergeht. Ich weiá nicht, was verheerender ist: die Nichtbeachtung der sozialen Not, wie dies die Mehrzahl der vom Glck Begnstigten oder auch durch eigenes Verdienst Gehobenen tagt„glich sehen l„át, oder jene ebenso hochn„sige wie manchmal wieder zudringlich taktlose, aber immer gn„dige Herablassung gewisser mit dem "Volk empfindender" Modeweiber in R”cken und Hosen. Diese Menschen sndigen jedenfalls mehr, als sie in ihrem instinktlosen Verstande 24 Der Hilfsarbeiter berhaupt nur zu begreifen verm”gen. Daher ist dann zu ihrem eigenen Erstaunen das Ergebnis einer durch sie bet„tigten sozialen "Gesinnung" immer null, h„ufig aber sogar emp”rte Ablehnung; was dann freilich als Beweis der Undankbarkeit des Volkes gilt. Daá eine soziale T„tigkeit damit gar nichts zu tun hat, vor allem auf Dank berhaupt keinen Anspruch erheben darf, da sie ja nicht Gnaden verteilen, sondern Rechte herstellen soll, leuchtet einer solchen Art von K”pfen nur ungern ein. Ich wurde bewahrt davor, die soziale Frage in solcher Weise zu lernen. Indem sie mich in den Bannkreis ihres Leidens zog, schien sie mich nicht zum "Lernen" einzuladen, als vielmehr sich an mir selber erproben zu wollen. Es war nicht ihr Verdienst, daá das Kaninchen dennoch heil und gesund die Operationen berstand. * Wenn ich nun versuchen will, die Reihe meiner damaligen Empfindungen heute wiederzugeben, so kann dies niemals auch nur ann„hernd vollst„ndig sein; nur die wesentlichsten und fr mich oft erschtterndsten Eindrcke sollen hier dargestellt werden mit den wenigen Lehren, wie ich sie in dieser Zeit schon zog. * Es wurde mir damals meist nicht sehr schwer, Arbeit an sich zu finden, da ich ja nicht gelernter Handwerker war, sondern nur als sogenannter Hilfsarbeiter und manches Mal als Gelegenheitsarbeiter versuchen muáte, mir das t„gliche Brot zu schaffen. Ich stellte mich dabei auf den Standpunkt aller jener, die den Staub Europas von den Fáen schtteln, mit dem unerbittlichen Vorsatz, sich in der Neuen Welt auch eine neue Existenz zu grnden, eine neue Heimat zu erobern. Losgel”st von allen bisherigen l„hmenden Vorstellungen des 25 Die Unsicherheit des Brotverdienstes Berufes und Standes, von Umgebung und Tradition, greifen sie nun nach jedem Verdienst, der sich ihnen bietet, packen jede Arbeit an, sich so immer mehr zur Auffassung durchringend, daá ehrliche Arbeit niemals sch„ndet, ganz gleich, welcher Art sie auch sein m”ge. So war auch ich entschlossen, mit beiden Fáen in die fr mich neue Welt hineinzuspringen und mich durchzuschlagen. Daá es da irgendeine Arbeit immer gibt, lernte ich bald kennen, allein ebenso schnell auch, wie leicht sie wieder zu verlieren ist. Die Unsicherheit des t„glichen Brotverdienstes erschien mir in kurzer Zeit als eine der schwersten Schattenseiten des neuen Lebens. Wohl wird der "gelernte" Arbeiter nicht so h„ufig auf die Straáe gesetzt sein, als dies beim ungelernten der Fall ist; allein ganz ist doch auch er nicht vor diesem Schicksal gefeit. Bei ihm tritt eben an Stelle des Brotverlustes aus Arbeitsmangel die Aussperrung oder sein eigener Streik. Hier r„cht sich die Unsicherheit des t„glichen Verdienstes schon auf das bitterste an der ganzen Wirtschaft selber. Der Bauernbursche, der in die Groástadt wandert, angezogen von der vermeintlich oder wohl auch wirklich leichteren Arbeit, der krzeren Arbeitszeit, am meisten aber durch das blendende Licht, das die Groástadt nun einmal auszustrahlen vermag, ist noch an eine gewisse Sicherheit des Verdienstes gew„hnt. Er pflegt den alten Posten auch nur dann zu verlassen, wenn ein neuer mindestens in Aussicht steht. Endlich ist der Mangel an Landarbeitern groá, die Wahrscheinlichkeit eines l„ngeren Arbeitsmangels also an und fr sich sehr gering. Es ist nun ein Fehler, zu glauben, daá der sich in die Groástadt begebende junge Bursche etwa schon von vornherein aus schlechterem Holze geschnitzt w„re, als der sich auch weiter redlich auf der b„uerlichen Scholle ern„hrende. Nein, im Gegenteil: die Erfahrung zeigt, daá alle auswandernden Elemente eher aus den gesndesten und tatkr„ftigsten Naturen bestehen, als etwa umgekehrt. Zu diesen "Auswanderern" aber z„hlt nicht nur der Amerikawanderer, sondern auch schon der junge Knecht, der 26 Das Schicksal des Arbeiters sich entschlieát, das heimatliche Dorf zu verlassen, um nach der fremden Groástadt zu ziehen. Auch er ist bereit, ein ungewisses Schicksal auf sich zu nehmen. Meist kommt er mit etwas Geld in die groáe Stadt, braucht also nicht schon am ersten Tage zu verzagen, wenn das Unglck ihn l„ngere Zeit keine Arbeit finden l„át. Schlimmer aber wird es, wenn er eine gefundene Arbeitsstelle in kurzer Zeit wieder verliert. Das Finden einer neuen ist besonders im Winter h„ufig schwer, wenn nicht unm”glich. Die ersten Wochen geht es dann noch. Er erh„lt Arbeitslosenuntersttzung aus den Kassen seiner Gewerkschaft und schl„gt sich durch so gut als eben m”glich. Allein, wenn der letzte eigene Heller und Pfennig verbraucht ist, die Kasse infolge der langen Dauer der Arbeitslosigkeit die Untersttzung auch einstellt, kommt die groáe Not. Nun lungert er hungernd herum, versetzt und verkauft oft noch das Letzte, kommt so in seiner Kleidung immer mehr herunter und sinkt damit auch „uáerlich in eine Umgebung herab, die ihn nun zum k”rperlichen Unglck noch seelisch vergiftet. Wird er dann noch obdachlos, und ist dies (wie es oft der Fall zu sein pflegt) im Winter, so wird der Jammer schon sehr groá. Endlich findet er wieder irgendeine Arbeit. Allein, das Spiel wiederholt sich. Ein zweites Mal trifft es ihn „hnlich, ein drittes Mal vielleicht noch schwerer, so daá er das ewig Unsichere nach und nach gleichgltiger ertragen lernt. Endlich wird die Wiederholung zur Gewohnheit. So lockert sich der sonst fleiáige Mensch in seiner ganzen Lebensauffassung, um allm„hlich zum Instrument jener heranzureifen, die sich seiner nur bedienen um niedriger Vorteile willen. Er war so oft ohne eigenes Verschulden arbeitslos, daá es nun auf einmal mehr oder weniger auch nicht ankommt, selbst wenn es sich dabei nicht mehr um das Erk„mpfen wirtschaftlicher Rechte, sondern um das Vernichten staatlicher , gesellschaftlicher oder allgemein kultureller Werte handelt. Er wird, wenn schon nicht streiklustig, so doch streikgleichgltig sein. Diesen Prozeá konnte ich an tausend Beispielen mit offenen Augen verfolgen. Je l„nger ich das Spiel sah, um so 27 Das Schicksal des Arbeiters mehr wuchs meine Abneigung gegen die Millionenstadt, die die Menschen erst gierig an sich zog, um sie dann so grausam zu zerreiben. Wenn sie kamen, z„hlten sie noch immer zu ihrem Volke; wenn sie blieben, gingen sie ihm verloren. Auch ich war so vom Leben in der Weltstadt herumgeworfen worden und konnte also am eigenen Leibe die Wirkungen dieses Schicksals erproben und seelisch durchkosten. Ich sah da noch eines: der schnelle Wechsel von Arbeit zur Nichtarbeit und umgekehrt, sowie die dadurch bedingte ewige Schwankung des Ein- und Auskommens, zerst”rt auf die Dauer bei vielen das Gefhl fr Sparsamkeit ebenso wie das Verst„ndnis fr eine kluge Lebenseinteilung. Der K”rper gew”hnt sich scheinbar langsam daran, in guten Zeiten aus dem Vollen zu leben und in schlechten zu hungern. Ja, der Hunger wirft jeden Vorsatz fr sp„tere vernnftige Einteilung in der besseren Zeit des Verdienstes um, indem er dem von ihm Gequ„lten in einer dauernden Fata Morgana die Bilder eines satten Wohllebens vorgaukelt und diesen Traum zu einer solchen Sehnsucht zu steigern versteht, daá solch ein krankhaftes Verlangen zum Ende jeder Selbstbeschr„nkung wird, sobald Verdienst und Lohn dies irgendwie gestatten. Daher kommt es, daá der kaum eine Arbeit Erlangende sofort auf das unvernnftigste jede Einteilung vergiát, um statt dessen aus vollen Zgen in den Tag hinein zu leben. Dies fhrt selbst bis zur Umstoáung des kleinen Wochenhaushaltes, da sogar hier die kluge Einteilung ausbleibt; es langt anfangs noch fr fnf Tage statt fr sieben, sp„ter nur mehr fr drei, endlich fr kaum noch einen Tag, um am Schlusse in der ersten Nacht schon verjubelt zu werden. Zu Hause sind dann oft Weib und Kinder. Manches Mal werden auch sie von diesem Leben angesteckt, besonders wenn der Mann zu ihnen an und fr sich gut ist, ja sie auf seine Art und Weise sogar liebt. Dann wird der Wochenlohn in zwei, drei Tagen zu Hause gemeinsam vertan; es wird gegessen und getrunken, solange das Geld h„lt, und die letzten Tage werden ebenso gemeinsam durchgehungert. 28 Das Schicksal des Arbeiters Dann schleicht die Frau in die Nachbarschaft und Umgebung, borgt sich ein weniges aus, macht kleine Schulden beim Kr„mer und sucht so die b”sen letzten Tage der Woche durchzuhalten. Mittags sitzen sie alle beisammen vor mageren Schsseln, manchmal auch vor nichts, und warten auf den kommenden Lohntag, reden von ihm, machen Pl„ne, und w„hrend sie hungern, tr„umen sie schon wieder vom kommenden Glck. So werden die kleinen Kinder in ihrer frhesten Jugend mit diesem Jammer vertraut gemacht. šbel aber endet es, wenn der Mann von Anfang an seine eigenen Wege geht und das Weib, gerade den Kindern zuliebe, dagegen auftritt. Dann gibt es Streit und Hader, und in dem Maáe, in dem der Mann der Frau nun fremder wird, kommt er dem Alkohol n„her. Jeden Samstag ist er nun betrunken, und im Selbsterhaltungstrieb fr sich und ihre Kinder rauft sich das Weib und die wenigen Groschen, die sie ihm, noch dazu meistens auf dem Wege von der Fabrik zur Spelunke, abjagen muá. Kommt er endlich Sonntag oder Montag nachts selber nach Hause, betrunken und brutal, immer aber befreit vom letzten Heller und Pfennig, dann spielen sich oft Szenen ab, daá Gott erbarm. In Hunderten von Beispielen habe ich dieses alles miterlebt, anfangs angewidert oder wohl auch emp”rt, um sp„ter die ganze Tragik dieses Leides zu begreifen, die tieferen Ursachen zu verstehen. Unglckliche Opfer schlechter Verh„ltnisse. Fast trber noch waren damals die Wohnungsverh„ltnisse. das Wohnungselend des Wiener Hilfsarbeiters war ein entsetzliches. Mich schaudert noch heute, wenn ich an diese jammervollen Wohnh”hlen denke, an Herberge und Massenquartier, an dies dsteren Bilder von Unrat, widerlichem Schmutz und Žrgerem. Wie muáte und wie muá dies einst werden, wenn aus diesen Elendsh”hlen der Strom losgelassener Sklaven ber die andere, so gedankenlose Mitwelt und Mitmenschen sich ergieát! Denn gedankenlos ist diese andere Welt. 29 Der Weg zur Besserung Gedankenlos l„át sie die Dinge eben treiben, ohne in ihrer Instinktlosigkeit auch nur zu ahnen, daá frher oder sp„ter das Schicksal zur Vergeltung schreiten muá, wenn nicht die Menschen zur Zeit noch das Schicksal vers”hnen. Wie bin ich heute dankbar jener Vorsehung, die mich in diese Schule gehen lieá. In ihr konnte ich nicht mehr sabotieren, was mir nicht gefiel. Sie hat mich schnell und grndlich erzogen. Wollte ich nicht verzweifeln an den Menschen meiner Umgebung von damals, muáte ich unterscheiden lernen zwischen ihrem „uáeren Wesen und Leben und den Grnden ihrer Entwicklung. Nur dann lieá sich dies alles ertragen, ohne verzagen zu mssen. Dann wuchsen aus all dem Unglck und Jammer, aus Unrat und „uáerer Verkommenheit nicht mehr Menschen heraus, sondern traurige Ergebnisse trauriger Gesetze; wobei mich die Schwere des eigenen, doch nicht leichteren Lebenskampfes davor bewahrte, nun etwa in j„mmerlicher Sentimentalit„t vor den verkommenen Schluáprodukten dieses Entwicklungsprozesses zu kapitulieren. Nein, so soll dies nicht verstanden werden. Schon damals ersah ich, daá hier nur ein doppelter Weg zum Ziele einer Besserung dieser Zust„nde fhren k”nne: Tiefstes soziales Verantwortungsgefhl zur Herstellung besserer Grundlagen unserer Entwicklung, gepaart mit brutaler Entschlossenheit in der Niederbrechung unverbesserlicher Auswchse. So wie die Natur ihre gr”áte Aufmerksamkeit nicht auf die Erhaltung des Bestehenden, sondern auf die Zchtung des Nachwuchses, als des Tr„gers der Art, konzentriert, so kann es sich auch im menschlichen Leben weniger darum handeln, bestehendes Schlechtes knstlich zu veredeln, was bei der Veranlagung des Menschen zu neunundneunzig Prozent unm”glich ist, als darum, einer kommenden Entwicklung gesndere Bahnen von Anfang an zu sichern. 30 Das Wesen sozialer T„tigkeit Schon w„hren meines Wiener Existenzkampfes war mir klar geworden, daá die soziale T„tigkeit nie und nimmer in ebenso l„cherlichen wie zwecklosen Wohlfahrtsduseleien ihre Aufgabe zu erblicken hat, als vielmehr in der Beseitigung solcher grunds„tzlicher M„ngel in der Organisation unseres Wirtschafts- und Kulturlebens, die zu Entartungen einzelner fhren mssen oder wenigstens verleiten k”nnen. Die Schwierigkeit des Vorgehens mit letzten und brutalsten Mitteln gegen das staatsfeindliche Verbrechertum liegt ja nicht zu wenigsten gerade in der Unsicherheit des Urteils ber die inneren Beweggrnde oder Ursachen solcher Zeiterscheinungen. Diese Unsicherheit ist nur zu begrndet im Gefhl einer eigenen Schuld an solchen Trag”dien der Verkommenheit; sie l„hmt aber nun jeden ernsten und festen Entschluá und hilft so mit an der, weil schwankend, auch schwachen und halben Durchfhrung selbst der notwendigsten Maánahmen der Selbsterhaltung. Erst wenn einmal eine Zeit nicht mehr von den Schatten des eigenen Schuldbewuátseins umgeistert ist, erh„lt sie mit der inneren Ruhe auch die „uáere Kraft, brutal und rcksichtslos die wilden Sch”álinge herauszuschneiden, das Unkraut auszuj„ten. Da der ”sterreichische Staat eine soziale Rechtsprechung und Gesetzgebung berhaupt so gut als gar nicht kannte, war auch seine Schw„che in der Niederk„mpfung selbst b”ser Auswchse in die Augen springend groá. * Ich weiá nicht, was mich nun zu dieser Zeit am meisten entsetzte: das wirtschaftliche Elend meiner damaligen Mitgef„hrten, dies sittliche und moralische Roheit oder der Tiefstand ihrer geistigen Kultur. 31 Der Mangel an "Nationalstolz" Wie oft f„hrt nicht unser Brgertum in aller moralischen Entrstung empor, wenn es aus dem Munde irgendeines j„mmerlichen Landstreichers die Žuáerung vernimmt, daá es sich ihm gleich bleibe, Deutscher zu sein oder auch nicht, daá er sich berall gleich wohl fhle, soferne er nur sein n”tiges Auskommen habe. Dieser Mangel an "Nationalstolz" wird dann auf das tiefste beklagt und dem Abscheu vor einer solchen Gesinnung kr„ftig Ausdruck gegeben. Wie viele haben sich aber schon die Frage vorgelegt, was denn nun eigentlich bei ihnen selber die Ursache ihrer besseren Gesinnung bildet? Wie viele begreifen denn die Unzahl einzelner Erinnerungen an die Gr”áe des Vaterlandes, der Nation, auf allen Gebieten des kulturellen und knstlerischen Lebens, die ihnen als Sammelergebnis eben den berechtigten Stolz vermitteln, Angeh”rige eines so begnadeten Volkes sein zu drfen? Wie viele ahnen denn, wie sehr der Stolz auf das Vaterland abh„ngig ist von der Kenntnis der Gr”áe desselben auf allen diesen Gebieten? Denken nun unsere brgerlichen Kreise darber nach, in welch l„cherlichem Umfange diese Voraussetzung zum Stolz auf das Vaterland dem "Volke" vermittelt wird? Man rede sich nicht darauf hinaus, daá in "anderen L„ndern dies ja auch nicht anders" sei, der Arbeiter dort aber "dennoch" zu seinem Volkstum st„nde. Selbst wenn dies so w„re, wrde es nicht zur Entschuldigung eigener Vers„umnisse dienen k”nnen. Es ist aber nicht so. Denn was wir immer mit einer "chauvinistischen" Erziehung z.B. des franz”sischen Volkes bezeichnen, ist doch nichts anderes, als das berm„áige Herausheben der Gr”áe Frankreichs auf allen Gebieten der Kultur, oder wie der Franzose zu sagen pflegt, der "Zivilisation". Der junge Franzose wird eben nicht zur Objektivit„t erzogen, sondern zur subjektivsten Ansicht, die man sich nur denken kann, soferne es sich um die Bedeutung der politischen oder kulturellen Gr”áe seines Vaterlandes handelt. 32 Der Leidensweg des Arbeiterkindes Diese Erziehung wird sich dabei immer auf allgemeine, ganz groáe Gesichtspunkte zu beschr„nken haben, die, wenn n”tig, in ewiger Wiederholung dem Ged„chtnis und dem Empfinden des Volkes einzupr„gen sind. Nun kommt aber bei uns zur negativen Unterlassungssnde noch die positive Zerst”rung des Wenigen , das der einzelne das Glck hat, in der Schule zu lernen. Die Ratten der politischen Vergiftung unseres Volkes fressen auch dieses Wenige noch aus dem Herzen und der Erinnerung der breiten masse heraus, soweit nicht Not und Jammer schon das Ihrigen besorgten. Man stelle sich doch einmal folgendes vor: In einer Kellerwohnung, aus zwei dumpfen Zimmern bestehend, haust eine siebenk”pfige Arbeiterfamilie. Unter den fnf Kindern auch ein Junge von, nehmen wir an, drei Jahren. Es ist dies das Alter, in dem die ersten Eindrcke einem Kinde zum Bewuátsein kommen. Bei Begabten finden sich noch bis in das hohe Alter Spuren der Erinnerung aus dieser Zeit. Schon die Enge und šberfllung des Raumes fhrt nicht zu gnstigen Verh„ltnissen. Streit und Hader werden sehr h„ufig schon auf diese Weise entstehen. Die Menschen leben ja so nicht miteinander, sondern drcken aufeinander. Jede, wenn auch kleinste Auseinandersetzung, die in ger„umiger Wohnung schon durch ein leichtes Absondern ausgeglichen werden kann, sich so von selbst wieder l”st, fhrt hier zu einem nicht mehr ausgehenden widerlichen Streit. Bei den Kindern ist dies natrlich noch ertr„glich; sie streiten in solchen Verh„ltnissen ja immer und vergessen es untereinander wieder schnell und grndlich. Wenn dieser Kampf unter den Eltern selber ausgefochten wird, und zwar fast jeden Tag, in Formen, die an innerer Roheit oft wirklich nichts zu wnschen brig lassen, dann mssen sich, wenn auch noch so langsam, endlich die Resultate eines solchen Anschauungsunterrichtes bei den Kleinen zeigen. Welcher Art sie sein mssen, wenn dieser gegenseitige Zwist die Form roher Ausschreitungen des Vaters gegen die Mutter annimmt, zu Miáhandlungen in betrunkenem Zustande fhrt, kann sich 33 Junge Autorit„ts-Ver„chter der ein solches Milieu eben nicht Kennende nur schwer vorstellen. Mit sechs Jahren ahnt der kleine, zu bedauernde Junge Dinge, vor denen auch ein Erwachsener nur Grauen empfinden kann. Moralisch angegiftet, k”rperlich unterern„hrt, das arme K”pfchen verlaust, so wandert der junge "Staatsbrger" in die Volksschule. Das es mit Ach und Krach bis zum Lesen und Schreiben kommt, ist auch so ziemlich alles. Von einem Lernen zu Hause kann keine Rede sein. Im Gegenteil. Mutter und Vater reden ja selbst, und zwar den Kindern gegenber, in nicht wiederzugebender Weise ber Lehrer und Schule, sind viel eher bereit, jenen Grobheiten zu sagen, als etwa ihren kleinen Spr”áling ber da Knie zu legen und zur Vernunft zu bringen. Was der kleine Kerl sonst noch alles zu Hause h”rt, fhrt auch nicht zu einer St„rkung der Achtung vor der lieben Mitwelt. Nichts Gutes wird hier an der Menschheit gelassen, keine Institution bleibt unangefochten; vom Lehrer angefangen bis hinauf zur Spitze des Staates. Mag es sich um Religion handeln oder um Moral an sich, um den Staat oder die Gesellschaft, einerlei, es wird alles beschimpft, in der unfl„tigsten Weise in den Schmutz einer niedrigsten Gesinnung gezerrt. Wenn der junge Mensch nun mit vierzehn Jahren aus der Schule entlassen wird, ist es schon schwer mehr zu entscheiden, was gr”áer ist an ihm: die unglaubliche Dummheit, insoferne es sich um wirkliches Wissen und K”nnen handelt, oder die „tzende Frechheit seines Auftretens, verbunden mit einer Unmoral schon in diesem Alter, daá einem die Haare zu Berge stehen k”nnten. Welche Stellung aber kann dieser Mensch, dem jetzt schon kaum mehr etwas heilig ist, der eben so sehr nicht Groáes kennen gelernt hat, wie er umgekehrt jede Niederung des Lebens ahnt und weiá, im Leben einnehmen, in das er ja nun hinauszutreten sich anschickt? Aus dem dreij„hrigen Kinde ist ein fnzehnj„hriger Ver„chter jeder Autorit„t geworden. Auáer Schmutz und Unrat hat der junge Mensch noch nichts kennengelernt, das ihn zu irgendeiner h”heren Begeisterung anzuregen verm”chte. 34 Die Vorbedingungen der "Nationalisierung" Jetzt aber kommt er erst noch in die hohe Schule dieses Daseins. Nun setzt das gleiche Leben ein, daá er vom Vater die Jahre der Kindheit entlang in sich aufgenommen hatte. Er streunt herum und kommt weiá Gott wann nach Hause, prgelt zur Abwechslung auch noch selber das zusammengerissene Wesen, das einst seine Mutter war, flucht ber Gott und die Welt und wird endlich aus irgendeinem besonderen Anlaá verurteilt und in ein Jugendlichengef„ngnis verbracht. Dort erh„lt er den letzten Schliff. Die liebe brgerliche Mitwelt aber ist ganz erstaunt ber die mangelnde "nationale Begeisterung" dieses jungen "Staatsbrgers". Sie sieht, wie in Theater und Kino, in Schundliteratur und Schmutzpresse Tag fr Tag das Gift kbelweise in das Volk hineingeschttet wird und staunt dann ber den geringen "sittlichen Gehalt", die"nationale Gleichgltigkeit" der Massen dieses Volkes. Als ob Kinokitsch, Schundpresse und Žhnliches die Grundlagen der Erkenntnis vaterl„ndischer Gr”áe abgeben wrden. Von der frheren Erziehung des einzelnen ganz abgesehen. Was ich ehedem nie geahnt hatte, lernte ich damals schnell und grndlich verstehen: Die Frage der "Nationalisierung" eines Volkes ist mit in erster Linie eine Frage der Schaffung gesunder sozialer Verh„ltnisse als Fundament einer Erziehungsm”glichkeit des einzelnen. Denn nur wer durch Erziehung und Schule die kulturelle, wirtschaftliche, vor allem aber politische Gr”áe des eigenen Vaterlandes kennen lernt, vermag und wird auch jenen inneren Stolz gewinnen, Angeh”riger eines solchen Volkes sein zu drfen. Und k„mpfen kann ich nur fr etwas, das ich liebe, lieben nur, was ich 35 Zeichner und Aquarellist achte, und achten, was ich mindestens kenne. * Soweit mein Interesse fr die soziale Frage erweckt war, begann ich sie auch mit aller Grndlichkeit zu studieren. Es war eine neue, bisher unbekannte Welt, die sich mir so erschloá. In den Jahren 1909 auf 1910 hatte sich auch meine eigene Lage insofern etwas ge„ndert, als ich nun selber nicht mehr als Hilfsarbeiter mir mein t„gliches Brot zu verdienen brauchte. Ich arbeitete damals schon selbst„ndig als kleiner Zeichner und Aquarellist. So bitter dies in bezug auf den Verdienst war - es langte wirklich kaum zum Leben - so gut war es aber fr meinen erw„hlten Beruf. Nun war ich nicht mehr wie frher des Abends nach der Rckkehr von der Arbeitsstelle todmde, unf„hig, in ein Buch zu sehen, ohne in kurzer Zeit einzunicken. Meine jetzige Arbeit verlief ja parallel meinem knftigen Berufe. Auch konnte ich nun als Herr meiner eigenen Zeit mir diese wesentlich besser einteilen, als dies frher m”glich war. Ich malte zum Brotverdienen und lernte zur Freude. So war es mir auch m”glich, zu meinem Anschauungsunterricht ber das soziale Problem die notwendige theoretische Erg„nzung gewinnen zu k”nnen. Ich studierte so ziemlich alles, was ich ber dieses ganze Gebiet an Bchern erhalten konnte, und vertiefte mich im brigen in meine eigenen Gedanken. Ich glaube, meine Umgebung von damals hielt mich wohl fr einen Sonderling. Daá ich dabei mit Feuereifer meiner Liebe zur Baukunst diente, war natrlich. Sie erschien mir neben der Musik als die K”nigin der Knste: meine Besch„ftigung mit ihr war unter solchen Umst„nden auch keine "Arbeit", sondern h”chstes Glck. Ich konnte bis in die sp„te Nacht hinein lesen oder zeichnen, mde wurde ich da nie. So verst„rkte sich mein Glaube, daá mir mein sch”ner Zukunftstraum, wenn auch nach langen Jahren, doch Wirklichkeit werden 36 Die Kunst des Lesens wrde. Ich war fest berzeugt, als Baumeister mir dereinst einen Namen zu machen. Daá ich nebenbei auch das gr”áte Interesse fr alles, was mit Politik zusammenhing, besaá, schien mir nicht viel zu bedeuten. Im Gegenteil: dies war in meinen Augen ja die selbstverst„ndliche Pflicht jedes denkenden Menschen berhaupt. Wer dafr kein Verst„ndnis besaá, verlor eben das Recht zu jeglicher Kritik und jeglicher Beschwerde. Auch hier las und lernte ich also viel. Freilich verstehe ich unter "lesen" vielleicht etwas anderes als der groáe Durchschnitt unserer sogenannten "Intelligenz". Ich kenne Menschen, die unendlich viel "lesen", und zwar Buch fr Buch, Buchstaben um Buchstaben, und die ich doch nicht als "belesen" bezeichnen m”chte. Sie besitzen freilich eine Unmenge von "Wissen", allein ihr Gehirn versteht nicht, eine Einteilung und Registratur dieses in sich aufgenommenen Materials durchzufhren. Es fehlt ihnen die Kunst, im Buche das fr sie Wertvolle vom Wertlosen zu sondern, das eine dann im Kopfe zu behalten fr immer, das andere, wenn m”glich, gar nicht zu sehen, auf jeden Fall aber nicht als zwecklosen Ballast mitzuschleppen. Auch das Lesen ist ja nicht Selbstzweck, sondern Mittel zu einem solchen. Es soll in erster Linie mithelfen, den Rahmen zu fllen, den Veranlagung und Bef„higung jedem ziehen; mithin soll es Werkzeug und Baustoffe liefern, die der einzelne zu seinem Lebensberufe n”tig hat, ganz gleich, ob dieser nur dem primitiven Broterwerbe dient oder die Befriedigung einer h”heren Bestimmung darstellt; in zweiter Linie aber soll es ein allgemeines Weltbild vermitteln. In beiden F„llen ist es aber n”tig, daá der Inhalt des jeweiligen Gelesenen nicht in der Reihenfolge des Buches oder gar der Bcherfolge zur Aufbewahrung bergeben wird, sondern als Mosaiksteinchen in dem allgemeinen Weltbilde seinen Platz an der ihm zukommenden Stelle erh„lt und so eben mithilft, dieses Bild im Kopfe des Lesers zu formen. Im anderen Falle entsteht ein wirres Durcheinander von eingelerntem Zeug, das ebenso 37 Die Kunst des Lesens wertlos ist, wie es andererseits den unglcklichen Besitzer eingebildet macht. Denn dieser glaubt nun wirklich allen Ernstes, "gebildet" zu sein, vom Leben etwas zu verstehen, Kenntnisse zu besitzen, w„hrend er mit jedem neuen Zuwachs dieser Art von "Bildung" in Wahrheit der Welt sich mehr und mehr entfremdet, bis er nicht selten entweder in einem Sanatorium oder als "Politiker" in einem Parlamente endet. Niemals wird es so einem Kopfe gelingen, aus dem Durcheinander seines "Wissens" das fr die Forderung einer Stunde Passende herauszuholen, da ja sein geistiger Ballast nicht in den Linien des Lebens geordnet liegt, sondern in der Reihenfolge der Bcher, wie er sie las und wie ihr Inhalt ihm nun im Kopfe sitzt, Wrde das Schicksal bei seinen Anforderungen des t„glichen Lebens ihn immer an die richtige Anwendung des einst Gelesenen erinnern, so máte es aber auch noch Buch und Seitenzahl erw„hnen, da der arme Tropf sonst in aller Ewigkeit das Richtige nicht finden wrde. Da es dies nun aber nicht tut, geraten diese neunmal Klugen bei jeder kritischen Stunde in die schrecklichste Verlegenheit, suchen krampfhaft nach analogen F„llen und erwischen mit t”dlicher Sicherheit natrlich die falschen Rezepte. W„re es nicht so, k”nnte man die politischen Leistungen unserer gelehrten Regierungsheroen in h”chsten Stellen nicht begreifen, auáer man entschl”sse sich, anstatt pathologischer Veranlagung schurkenhaft Niedertracht anzunehmen. Wer aber die Kunst des richtigen Lesens inne hat, den wird das Gefhl beim Studieren jedes Buches, jeder Zeitschrift oder Broschre augenblicklich auf all das aufmerksam machen, was seiner Meinung nach fr ihn zur dauernden Festhaltung geeignet ist, weil entweder zweckm„áig oder allgemein wissenswert. Sowie das auf solche Weise Gewonnene seine sinngem„áe Eingliederung in das immer schon irgendwie vorhandene Bild, das sich die Vorstellung von dieser oder jener Sache geschaffen hat, findet, wird es entweder korrigierend oder erg„nzend wirken, also 38 Die Kunst des Lesens entweder die Richtigkeit oder Deutlichkeit desselben erh”hen. Legt nun das Leben pl”tzlich irgendeine Frage zur Prfung oder Beantwortung vor, so wird bei einer solchen Art des Lesens das Ged„chtnis augenblicklich zum Maástabe des schon vorhandenen Anschauungsbildes greifen und aus ihm alle die in Jahrzehnten gesammelten einzelnen diese Fragen betreffenden Beitr„ge herausholen, dem Verstande unterbreiten zur Prfung und neuen Einsichtnahme, bis die Frage gekl„rt oder beantwortet ist. Nur so hat das Lesen dann Sinn und Zweck. Ein Redner zum Beispiel, der nicht auf solche Weise seinem Verstande die n”tigen Unterlagen liefert, wird nie in der Lage sein, bei Widerspruch zwingend seine Ansicht zu vertreten, mag sie auch tausendmal der Wahrheit oder Wirklichkeit entsprechen. Bei jeder Diskussion wird ihn das Ged„chtnis schn”de im Stiche lassen; er wird weder Grnde zur Erh„rtung des von ihm Behaupteten, noch solche zur Widerlegung des Gegners finden. Solange es sich dabei, wie bei einem Redner, in erster Linie nur um die Blamage der eigenen Person handelt, mag dies noch eingehen, b”se aber wird es, wenn das Schicksal einen solchen Vielwisser aber Nichtsk”nner zum Leiter eines Staates bestellt. Ich habe mich seit frher Jugend bemht, auf richtige Art zu lesen und wurde dabei in glcklichster Weise von Ged„chtnis und Verstand untersttzt. Und in solchem Sinne betrachtet, war fr mich besonders die Wiener Zeit fruchtbar und wertvoll. Die Erfahrungen des t„glichen Lebens bildeten die Anregung zu immer neuem Studium der verschiedensten Probleme. Indem ich endlich so in der Lage war, die Wirklichkeit theoretisch zu begrnden, die Theorie an der Wirklichkeit zu prfen, wurde ich davor bewahrt, weder in der Theorie zu ersticken, noch in der Wirklichkeit zu verflachen. So wurde in dieser Zeit in zwei wichtigsten Fragen, auáer der sozialen, die Erfahrung des t„glichen Lebens bestimmend und anregend fr grndlichstes theoretisches Studium. 39 Die Sozialdemokratie Wer weiá, wann ich mich in die Lehren und das Wesen des Marxismus einmal vertieft h„tte, wenn mich nicht die damalige Zeit f”rmlich mit dem Kopfe auf dieses Problem gestoáen h„tte! * Was ich in meiner Jugend von der Sozialdemokratie wuáte, war herzlich wenig und reichlich unrichtig. Daá sie den Kampf um das allgemeine und geheime Wahlrecht fhrte, freute mich innerlich. Sagte mir doch mein Verstand schon damals, daá dies zu einer Schw„chung des mir so sehr verhaáten Habsburgerregiments fhren máte. In der šberzeugung, daá der Donaustaat, auáer unter Opferung des Deutschtums, doch nie zu halten sein werde, daá aber selbst der Preis einer langsamen Slawisierung des deutschen Elements noch keineswegs die Garantie eines dann auch wirklich lebensf„higen Reiches bedeutet h„tte, da die staatserhaltende Kraft des Slawentums h”chst zweifelhaft eingesch„tzt werden muá, begráte ich jede Entwicklung, die meiner šberzeugung nach zum Zusammenbruch dieses unm”glichen, das Deutschtum in zehn Millionen Menschen zum Tode verurteilenden Staates fhren muáte. Je mehr das Sprachentohuwabohu auch das Parlament zerfraá und zerfetzte, muáte die Stunde des Zerfalles dieses babylonischen Reiches n„herrcken und damit aber auch die Stunde der Freiheit meines deutsch”sterreichischen Volkes. Nur so konnte dann dereinst der Anschluá an das alte Mutterland wieder kommen. So war mir also diese T„tigkeit der Sozialdemokratie nicht unsympatisch. Daá sie endlich, wie mein damaliges harmloses Gemt noch dumm genug war zu glauben, die Lebensbedingungen des Arbeiters zu heben trachtete, schien mir ebenfalls eher fr sie, als gegen sie zu sprechen. Was mich am meisten abstieá, war ihre feindselige Stellung gegenber dem Kampf um die Erhaltung des Deutschtums, das j„mmerliche Buhlen um die Gunst der slawischen "Genossen", die diese Liebeswerbung, soferne sie mit praktischen Zugest„ndnissen verbunden war, wohl entgegennahmen, 40 Erstes Zusammentreffen mit Sozialdemokraten sonst sich aber arrogant hochn„sig zurckhielten, den zudringlichen Bettlern auf diese Weise den verdienten Lohn gebend. So war mir im Alter von siebzehn Jahren das Wort "Marxismus" noch wenig bekannt, w„hrend mir "Sozialdemokratie" und Sozialismus als identische Begriffe erschienen. Es bedurfte auch hier erst der Faust des Schicksals, um mir das Auge ber diesen unerh”rtesten V”lkerbetrug zu ”ffnen. Hatte ich bis dorthin die Sozialdemokratische Partei nur als Zuschauer bei einigen Massendemonstrationen kennengelernt, ohne auch nur den geringsten Einblick in die Mentalit„t ihrer Anh„nger oder gar in das Wesen der Lehre zu besitzen, so kam ich nun mit einem Schlage mit den Produkten ihrer Erziehung und "Weltanschauung" in Berhrung. Und was sonst vielleicht erst nach Jahrzehnten eingetreten w„re, erhielt ich jetzt im Laufe weniger Monate: das Verst„ndnis fr eine unter der Larve sozialer Tugend und N„chstenliebe wandelnde Pestilenz, von der m”glichst die Menschheit schnell die Erde befreien m”ge, da sonst gar leicht die Erde von der Menschheit frei werden k”nnte. Am Bau fand mein erstes Zusammentreffen mit Sozialdemokraten statt. Es war schon von Anfang an nicht sehr erfreulich. Meine Kleidung war noch etwas in Ordnung, meine Sprache gepflegt und mein Wesen zurckhaltend. Ich hatte mit meinem Schicksal noch so viel zu tun, daá ich mich um meine Umwelt nur wenig zu kmmern vermochte. Ich suchte nur nach Arbeit, um nicht zu verhungern, um damit die M”glichkeit einer wenn auch noch so langsamen Weiterbildung zu erhalten. Ich wrde mich um meine neue Umgebung vielleicht berhaupt nicht gekmmert haben, wenn nicht schon am dritten oder vierten Tage ein Ereignis eingetreten w„re, das mich sofort zu einer Stellungnahme zwang. Ich wurde aufgefordert, in die Organisation einzutreten. Meine Kenntnisse der gewerkschaftlichen Organisation waren damals noch gleich Null. Weder die Zweckm„áigkeit noch die Unzweckm„áigkeit ihres Bestehens h„tte ich zu beweisen 41 Erstes Zusammentreffen mit Sozialdemokraten vermocht. Da man mir erkl„rte, daá ich eintreten msse, lehnte ich ab. Ich begrndete dies damit, daá ich die Sache nicht verstnde, mich aber berhaupt zu nichts zwingen lasse. Vielleicht war das erstere der Grund, warum man mich nicht sofort hinauswarf. Man mochte vielleicht hoffen, mich in einigen Tagen bekehrt oder mrbe gemacht zu haben. Jedenfalls hatte man sich darin grndlich get„uscht. Nach vierzehn Tagen konnte ich dann aber nicht mehr, auch wenn ich sonst noch gewollt h„tte. In diesen vierzehn Tagen lernte ich meine Umgebung n„her kennen, so daá mich keine Macht der Welt mehr zum Eintritt in eine Organisation h„tte bewegen k”nnen deren Tr„ger mir inzwischen in so ungnstigem Lichte erschienen waren. Die ersten Tage war ich „rgerlich. Mittags ging ein Teil in die zun„chst gelegenen Wirtsh„user, w„hrend ein anderer am Bauplatz verblieb und dort ein meist sehr „rmliches Mittagsmahl verzehrte. Es waren dies die Verheirateten, denen ihre Frauen in armseligen Geschirren die Mittagssuppe brachten. Gegen Ende der Woche wurde diese Zahl immer gr”áer; warum begriff ich erst sp„ter. Nun wurde politisiert. Ich trank meine Flasche Milch und aá mein Stck Brot irgendwo seitw„rts und studierte vorsichtig meine neue Umgebung oder dachte ber mein elendes Los nach. Dennoch h”rte ich mehr als genug; auch schien es mir oft, als ob man mit Absicht an mich heranrckte, um mich so vielleicht zu einer Stellungnahme zu veranlassen. Jedenfalls war das, was ich so vernahm, geeignet, mich aufs „uáerste aufzureizen. Man lehnte da alles ab: die Nation, als eine Erfindung der "kapitalistischen" - wie oft muáte ich nur allein dieses Wort h”ren - Klassen; das Vaterland, als Instrument der Bourgeoisie zur Ausbeutung der Arbeiterschaft; die Autorit„t des Gesetzes, als Mittel zur Unterdrckung des Proletariats; die Schule, als Institut zur Zchtung des Sklavenmaterials, aber auch der Sklavenhalter; die Religion, als Mittel der Verbl”dung des zur Ausbeutung bestimmten Volkes; die Moral, als Zeichen dummer Schafsgeduld usw. Es gab da aber rein gar nichts, 42 Der erste Terror was so nicht in den Kot einer entsetzlichen Tiefe gezogen wurde. Anfangs versuchte ich zu schweigen. Endlich ging es aber nicht mehr. Ich begann Stellung zu nehmen, begann zu widersprechen. Da muáte ich allerdings erkennen, daá dies solange vollkommen aussichtslos war, solange ich nicht wenigstens bestimmte Kenntnisse ber die nun einmal umstrittenen Punkte besaá. So begann ich in den Quellen zu spren, aus denen sie ihre vermeintliche Weisheit zogen. Buch um Buch, Broschre um Broschre kam jetzt an die Reihe. Am Bau aber ging es nun oft heiá her. Ich stritt, von Tag zu Tag besser auch ber ihr eigenes Wissen informiert als meine Widersacher selber, bis eines Tages jenes Mittel zur Anwendung kam, das freilich die Vernunft am leichtesten besiegt: der Terror, die Gewalt. Einige der Wortfhrer der Gegenseite zwangen mich, entweder den Bau sofort zu verlassen oder vom Gerst hinunterzufliegen. Da ich allein war, Widerstand aussichtslos erschien, zog ich es, um eine Erfahrung reicher, vor , dem ersten Rat zu folgen. Ich ging, von Ekel erfllt, aber zugleich doch so ergriffen, daá es mir ganz unm”glich gewesen w„re, der ganzen Sache nun den Rcken zu kehren. Nein, nach dem Aufschieáen der ersten Emp”rung gewann die Halsstarrigkeit wieder die Oberhand. Ich war fest entschlossen, dennoch wieder auf einen Bau zu gehen. Best„rkt wurde ich in diesem Entschlusse noch durch die Not, die einige Wochen sp„ter, nach dem Verzehren des geringen ersparten Lohnes, mich in ihre herzlosen Arme schloá. Nun muáte ich, ob ich wollte oder nicht. Und das Spiel ging denn auch wieder von vorne los, um „hnlich wie beim ersten Male zu enden. Damals rang ich mit meinem Inneren: Sind dies noch Menschen, wert, einem groáen Volke anzugeh”ren?! Eine qualvolle Frage; denn wird sie mit Ja beantwortet, so ist der Kampf um ein Volkstum wirklich nicht mehr der Mhen und Opfer wert, die die Besten fr einen solchen Auswurf zu bringen haben; heiát die Antwort aber Nein, dann ist unser Volk schon arm an Menschen. 43 Die sozialdemokratische Presse Mit unruhiger Beklommenheit sah ich in solchen Tagen des Grbelns und Hineinbohrens die Masse der nicht mehr zu ihrem Volke zu Rechnenden anschwellen zu einem bedrohlichen Heere. Mit welch anderen Gefhlen starrte ich nun in die endlosen Viererreihen einer eines Tages stattfindenden Massendemonstration Wiener Arbeiter. Fast zwei Stunden lang stand ich so da und beobachtete mit angehaltenem Atem den ungeheuren menschlichen Drachenwurm, der sich da langsam vorbeiw„lzte. In banger Gedrcktheit verlieá ich endlich den Platz und wanderte heimw„rts. Unterwegs erblickte ich in einem Tabakladen die "Arbeiterzeitung", das Zentralorgan der ”sterreichischen Sozialdemokratie. In einem billigen Volkscaf‚, in das ich ”fters ging, um Zeitungen zu lesen, lag sie auch auf; allein ich konnte es bisher nicht ber mich bringen, in das elende Blatt, dessen ganzer Ton auf mich wie geistiges Bitriol wirkte, l„nger als zwei Minuten hineinzusehen. Unter dem deprimierenden Eindruck der Demonstration trieb mich nun eine innere Stimme an, das Blatt einmal zu kaufen und es dann grndlich zu lesen. Abends besorgte ich dies denn auch unter šberwindung des in mir manchmal aufsteigenden J„hzorns ber diese konzentrierte Lgenl”sung. Mehr als aus aller theoretischen Literatur konnte ich nun aus dem t„glichen Lesen der sozialdemokratischen Presse das innere Wesen dieser Gedankeng„nge studieren. Denn welch ein Unterschied zwischen den in der theoretischen Literatur schillernden Phrasen von Freiheit, Sch”nheit und Wrde, dem irrlichternden, scheinbar tiefste Weisheit mhsam ausdrckenden Wortgeflungker, der widerlich humanen Moral - alles mit der eisernen Stirne einer prophetischen Sicherheit hingeschrieben - und der brutalen, vor keiner Niedertracht zurckschreckenden, mit jedem Mittel der Verleumdung und einer wahrhaft balkenbiegenden Lgenvirtuosit„t arbeitenden Tagespresse dieser Heilslehre der neuen Menschheit! Das eine ist bestimmt fr die dummen Gimpel aus mittleren und natrlich auch h”heren "Intelligenzschichten", das andere fr die Masse. 44 Die Psyche der Masse Fr mich bedeutete das Vertiefen in Literatur und Presse dieser Lehre und Organisation das Wiederfinden zu meinem Volke. Was mir erst als unberbrckbare Kluft erschien, sollte nun Anlaá zu einer gr”áeren Liebe als jemals zuvor werden. Nur ein Narr vermag bei Kenntnis dieser ungeheuren Vergiftungsarbeit das Opfer auch noch zu verdammen. Je mehr ich mich in den n„chsten Jahren selbst„ndig machte, um so mehr wuchs mit steigender Entfernung der Blick fr die inneren Ursachen der sozialdemokratischen Erfolge. Nun begriff ich die Bedeutung der brutalen Forderung, nur rote Zeitungen zu halten, nur rote Versammlungen zu besuchen, rote Bcher zu lesen usw. In plastischer Klarheit sah ich das zwangsl„ufige Ergebnis dieser Lehre der Unduldsamkeit vor Augen. Die Psyche der breiten Masse ist nicht empf„nglich fr alles Halbe und Schwache. Gleich dem Weibe, dessen seelisches Empfinden weniger durch Grnde abstrakter Vernunft bestimmt wird, als durch solche einer undefinierbaren, gefhlsm„áigen Sehnsucht nach erg„nzender Kraft, und das sich deshalb lieber dem Starken beugt, als den Schw„chling beherrscht, liebt auch die Masse mehr den Herrscher als den Bittenden, und fhlt sich im Inneren mehr befriedigt durch eine Lehre, die keine andere neben sich duldet, als durch die Genehmigung liberaler Freiheit; sie weiá mit ihr auch meist nur wenig anzufangen und fhlt sich sogar leicht verlassen. Die Unversch„mtheit ihrer geistigen Terrorisierung kommt ihr ebensowenig zum Bewuátsein, wie die emp”rende Miáhandlung ihrer menschlichen Freiheit, ahnt sie doch den inneren Irrsinn der ganzen Lehre in keiner Weise. So sieht sie nur die rcksichtslose Kraft und Brutalit„t ihrer zielbewuáten Žuáerungen, der sie sich endlich immer beugt. Wird der Sozialdemokratie eine Lehre von besserer Wahrhaftigkeit aber gleicher Brutalit„t der Durchfhrung entgegengestellt, 45 Die Taktik der Sozialdemokratie wird diese siegen, wenn auch nach schwerstem Kampfe. Ehe nur zwei Jahre vergangen waren, war mir sowohl die Lehre als auch das technische Werkzeug der Sozialdemokratie klar. Ich begriff den infamen geistigen Terror, den diese Bewegung vor allem auf das solchen Angriffen weder moralisch noch seelisch gewachsene Brgertum ausbt, indem sie auf ein gegebenes Zeichen immer ein f”rmliches Trommelfeuer von Lgen und Verleumdungen gegen den ihr am gef„hrlichsten erscheinenden Gegner losprasseln l„át, so lange, bis die nerven der Angegriffenen brechen, und sie, um nur wieder Ruhe zu haben, den Verhaáten opfern. Allein die Ruhe erhalten die Toren dennoch nicht. Das Spiel beginnt von neuem und wird so oft wiederholt, bis die Furcht vor dem wilden K”ter zur suggestiven L„hmung wird. Da die Sozialdemokratie den Wert der Kraft aus eigener Erfahrung am besten kennt, l„uft sie auch am meisten Sturm gegen diejenigen, in deren Wesen sie etwas von diesem ohnehin so seltenen Stoffe wittert. Umgekehrt lobt sie jeden Schw„chling der anderen Seite, bald vorsichtig, bald lauter, je nach der erkannten oder vermuteten geistigen Qualit„t. Sie frchtet ein ohnm„chtiges, willenloses Genie weniger als eine Kraftnatur, wenn auch bescheidenen Geistes. Am eindringlichsten empfiehlt sie Schw„chlinge am Geist und Kraft zusammen. Sie versteht es, den Anschein zu erwecken, als ob nur so die Ruhe zu erhalten w„re, w„hrend sie dabei in kluger Vorsicht, aber dennoch unentwegt, eine Position nach der anderen erobert, bald durch stille Erpressung, bald durch tats„chlichen Diebstahl in Momenten, da die allgemeine Aufmerksamkeit anderen Dingen zugewendet, entweder nicht gest”rt sein will oder die Angelegenheit fr zu klein h„lt, um groáes Aufsehen zu erregen und den b”sen Gegner neu zu reizen. Es ist eine unter genauer Berechnung aller menschlichen 46 Die Taktik der Sozialdemokratie Schw„chen gefundene Taktik, deren Ergebnis fast mathematisch zum Erfolge fhren muá, wenn eben nicht auch die Gegenseite lernt, gegen Giftgas mit Giftgas zu k„mpfen. Schw„chlichen Naturen muá dabei gesagt werden, daá es sich hierbei eben um Sein oder Nichtsein handelt. Nicht minder verst„ndlich wurde mir die Bedeutung des k”rperlichen Terrors dem einzelnen, der Masse gegenber. Auch hier genaue Berechnung der psychologischen Wirkung. Der Terror auf der Arbeitsst„tte, in der Fabrik, im Versammlungslokal und anl„álich von Massenkundgebung wird immer von Erfolg begleitet sein, solange nicht ein gleich groáer Terror entgegentritt. Dann freilich wird die Partei in entsetzlichem Geschrei Zeter und Mordio jammern, wird als alte Ver„chterin jeder Staatsautorit„t kreischend nach dieser rufen, um in den meisten F„llen in der allgemeinen Verwirrung tats„chlich das Ziel zu erreichen - n„mlich: sie wird das Hornvieh eines h”heren Beamten finden, der, in der bl”dseligen Hoffnung, sich vielleicht dadurch fr sp„ter den gefrchteten Gegner geneigt zu machen, den Widersacher dieser Weltpest brechen hilft. Welchen Eindruck ein solcher Erfolg auf die Sinne der breiten Masse sowohl der Anh„nger als auch der Gegner ausbt, kann dann nur der ermessen, der die Seele eines Volkes nicht aus Bchern, sondern aus dem Leben kennt. Denn w„hrend in den Reichen ihrer Anh„nger der erlangte Sieg nunmehr als ein Triumph des Rechtes der eigenen Sache gilt, verzweifelt der geschlagene Gegner in den meisten F„llen am Gelingen eines weiteren Widerstandes berhaupt. Je mehr ich vor allem die Methoden des k”rperlichen Terrors kennen lernte, um so gr”áer wurde meine Abbitte den Hunderttausenden gegenber, die ihm erlagen. Das danke ich am inst„ndigsten meiner damaligen Lebenszeit, daá sie allein mir mein Volk wiedergegeben 47 Die Snden des Brgertums hat, daá ich die Opfer unterscheiden lernte von den Verfhrern. Anders als Opfer sind die Ergebnisse dieser Menschenverfhrung nicht zu bezeichnen. Denn wenn ich nun in einigen Bildern mich bemhte, das Wesen dieser "untersten" Schichten aus dem Leben heraus zu zeichnen, so wrde dies nicht vollst„ndig sein, ohne die Versicherung, daá ich aber in diesen Tiefen auch wieder Lichter fand in den Formen einer oft seltenen Opferwilligkeit, treuester Kameradschaft, auáerordentlicher Gengsamkeit und zurckhaltender Bescheidenheit, besonders soweit es die damals „ltere Arbeiterschaft betraf. Wenn auch diese Tugenden in der jungen Generation mehr und mehrt, schon durch die allgemeinen Einwirkungen der Groástadt, verloren wurden, so gab es selbst hier noch viele, bei denen das vorhandene kerngesunde Blut ber die gemeinen Niedertr„chtigkeiten des Lebens Herr wurde. Wenn dann diese oft seelenguten, braven Menschen in ihrer politischen Bet„tigung dennoch in die Reihen der Todfeinde unseres Volkstums eintraten und diese so schlieáen halfen, dann lag dies daran, daá sie ja die Niedertracht der neuen Lehre weder verstanden noch verstehen konnten, daá niemand sonst sich die Mhe nahm, sich um sie zu kmmern, und daá endlich die sozialen Verh„ltnisse st„rker waren als aller sonstige etwa vorhandene gegenteilige Wille. Die Not, der sie eines Tages so oder so verfielen, trieb sie in das Lager der Sozialdemokratie doch noch hinein. Da nun das Brgertum unz„hlige Male in der ungeschicktesten, aber auch unmoralischsten Weise gegen selbst allgemein menschlich berechtigte Forderungen Front machte, ja oft ohne einen Nutzen aus einer solchen Haltung zu erlangen oder gar berhaupt erwarten zu drfen, wurde selbst der anst„ndigste Arbeiter aus der gewerkschaftlichen Organisation in die politische T„tigkeit hineingetrieben. Millionen von Arbeitern waren sicher in ihrem Inneren 48 Die Gewerkschafts-Frage anfangs Feinde der sozialdemokratischen Partei, wurden aber in ihrem Widerstande besiegt durch eine manches Mal denn doch irrsinnige Art und Weise, in der seitens der brgerlichen Parteien gegen jede Forderung sozialer Art Stellung genommen wurde. Die einfach bornierte Ablehnung aller Versuche einer Besserung der Arbeitsverh„ltnisse, der Schutzvorrichtungen an Maschinen, der Unterbindung von Kinderarbeit sowie des Schutzes der Frau wenigstens in den Monaten, da sie unter dem Herzen schon den kommenden Volksgenossen tr„gt, half mit, der Sozialdemokratie, die dankbar jeden solchen Fall erb„rmlicher Gesinnung aufgriff, die Massen in das Netz zu treiben. Niemals kann unser politisches "Brgertum" wieder gut machen, was so gesndigt wurde. Denn indem es gegen alle Versuche einer Beseitigung sozialer Miást„nde Widerstand leistete, s„te es Haá und rechtfertigte scheinbar selber die Behauptungen der Todfeinde des ganzen Volkstums, daá nur die sozialdemokratische Partei allein die Interessen des schaffenden Volkes vertr„te. Es schuf so in erster Linie die moralische Begrndung fr den tats„chlichen Bestand der Gewerkschaften, der Organisation, die der politischen Partei die gr”áten Zutreiberdienste von jeher geleistet hat. In meinen Wiener Lehrjahren wurde ich gezwungen, ob ich wollte oder nicht, auch zur Frage der Gewerkschaften Stellung zu nehmen. Da ich sie als einen unzertrennlichen Bestandteil der sozialdemokratischen Partei an sich ansah, war meine Entscheidung schnell und - falsch. Ich lehnte sie selbstverst„ndlich glatt ab. Auch in dieser so unendlich wichtigen Frage gab mir das Schicksal selber Unterricht. Das Ergebnis war ein Umsturz meines ersten Urteils. Mit zwanzig Jahren hatte ich unterscheiden gelernt zwischen der Gewerkschaft als Mittel zur Verteidigung allgemeiner sozialer Rechte des Arbeitnehmers und zur Erk„mpfung besserer Lebensbedingungen desselben im einzelnen 49 Die Gewerkschafts-Frage und der Gewerkschaft als Instrument der Partei des politischen Klassenkampfes. Daá die Sozialdemokratie die enorme Bedeutung der gewerkschaftlichen Bewegung begriff, sicherte ihr das Instrument und damit den Erfolg; daá das Brgertum dies nicht verstand, kostete es seine politische Stellung. Es glaubte, mit einer naseweisen "Ablehnung" einer logischen Entwicklung den Garaus machen zu k”nnen, um in Wirklichkeit dieselbe nun in unlogische Bahnen zu zwingen. Denn daá die Gewerkschaftsbewegung etwa an sich vaterlandsfeindlich sei, ist ein Unsinn und auáerdem eine Unwahrheit. Richtig ist eher das Gegenteil. Wenn eine gewerkschaftliche Bet„tigung als Ziel die Besserstellung eines mit zu den Grundpfeilern der Nation geh”renden Standes im Auge hat und durchfhrt, wirkt sie nicht nur nicht vaterlands- oder staatsfeindlich, sondern im wahrsten Sinne des Wortes "national". Hilft sie doch so mit, die sozialen Voraussetzungen zu schaffen, ohne die eine allgemein nationale Erziehung gar nicht zu denken ist. Sie erwirbt sich h”chstens Verdienst, indem sie durch Beseitigung sozialer Krebssch„den sowohl geistigen als aber auch k”rperlichen Krankheitserregern an den Leib rckt und so zu einer allgemeinen Gesundheit des Volksk”rpers mit beitr„gt. Die Frage nach ihrer Notwendigkeit also ist wirklich berflssig. Solange es unter Arbeitgebern Menschen mit geringem sozialen Verst„ndnis oder gar mangelndem Rechts- und Billigkeitsgefhl gibt, ist es nicht nur das Recht, sondern die Pflicht der von ihnen Angestellten, die doch einen Teil unseres Volkstums bilden, die Interessen der Allgemeinheit gegenber der Habsucht oder der Unvernunft eines Einzelnen zu schtzen; denn die Erhaltung von Treu und Glauben in einem Volksk”rper ist ein Interesse der Nation,genau so wie die Erhaltung der Gesundheit des Volkes. Beides wird durch unwrdige Unternehmer, die sich nicht als Glied der ganzen Volksgemeinschaft fhlen, schwer bedroht. Aus dem blen Wirken ihrer Habsucht oder Rcksichtslosigkeit erwachsen tiefe Sch„den fr die Zukunft. 50 Die Gewerkschafts-Frage Die Ursachen einer solchen Entwicklung beseitigen, heiát sich ein Verdienst um die Nation erwerben, und nicht etwa umgekehrt. Man sage dabei nicht, daá es ja jedem Einzelnen freistnde, die Folgerungen aus einem ihm tats„chlich oder vermeintlich zugefgten Unrecht zu ziehen, also zu gehen. Nein! Dies ist Spiegelfechterei und muá als Versuch angesehen werden, die Aufmerksamkeit abzulenken. Entweder ist die Beseitigung schlechter, unsozialer Vorg„nge im Interesse der Nation gelegen oder nicht. Wenn ja, dann muá der Kampf gegen sie mit den Waffen aufgenommen werden, die die Aussicht auf Erfolg bieten. Der einzelne Arbeiter aber ist niemals in der Lage, sich gegenber der Macht des groáen Unternehmers durchzusetzen, da es sich hier nicht um eine Frage des Sieges des h”heren Rechtes handeln kann - da ja bei Anerkennung desselben der ganze Streit infolge des Mangels jeder Veranlassung gar nicht vorhanden w„re -, sondern um die Frage der gr”áeren Macht. Im anderen Falle wrde das vorhandene Rechtsgefhl allein schon den Streit in ehrlicher Weise beenden, oder richtiger, es k”nnte nie zu einem solchen kommen. Nein, wenn unsoziale oder unwrdige Behandlung von Menschen zum Widerstande auffordert, dann kann dieser Kampf, solange nicht gesetzliche, richterliche Beh”rden zur Beseitigung dieser Sch„den geschaffen werden, nur durch die gr”áere Macht zur Entscheidung kommen. Damit aber ist es selbstverst„ndlich, daá der Einzelperson und mithin konzentrierten Kraft des Unternehmens allein die zur Einzelperson zusammengefaáte Zahl der Arbeitnehmer gegenbertreten kann, um nicht von Anbeginn schon auf die M”glichkeit des Sieges verzichten zu mssen. So kann die gewerkschaftliche Organisation zu einer St„rkung des sozialen Gedankens in dessen praktischer Auswirkung im t„glichen Leben fhren und damit zu einer Beseitigung 51 Die Politisierung der Gewerkschaften von Reizursachen, die immer wieder die Veranlassung zur Unzufriedenheit und zu Klagen geben. Daá es nicht so ist, kommt zu einem sehr groáen Teil auf das Schuldkonto derjenigen, die jeder gesetzlichen Regelung sozialer Miást„nde Hindernisse in den Weg zu legen verstanden oder sie mittels ihres politischen Einflusses unterbanden. In eben dem Maáe, in dem das politische Brgertum dann die Bedeutung der gewerkschaftlichen Organisation nicht verstand, oder besser, nicht verstehen wollte, und sich zum Widerstand dagegen stemmte, nahm sich die Sozialdemokratie der umstrittenen Bewegung an. Sie schuf damit weitschauend eine feste Unterlage, die sich schon einigemal in kritischen Stunden als letzte Sttze bew„hrte. Freilich ging damit der innere Zweck allm„hlich unter, um neuen Zielen Raum zu geben. Die Sozialdemokratie dachte nie daran, die von ihr umfaáte Berufsbewegung der ursprnglichen Aufgabe zu erhalten. Nein, so meinte sie dies allerdings nicht. In wenigen Jahrzehnten war unter ihrer kundigen Hand aus dem Hilfsmittel einer Verteidigung sozialer Menschenrechte das Instrument zur Zertrmmerung der nationalen Wirtschaft geworden. Die Interessen der Arbeiter sollten sie dabei nicht im geringsten behindern. Denn auch politisch gestattet die Anwendung wirtschaftlicher Druckmittel, jederzeit Erpressungen auszuben, sowie nur die n”tige Gewissenlosigkeit auf der einen und dumme Schafsgeduld auf der anderen Seite in ausreichendem Maáe vorhanden ist. Etwas, das in diesem Falle beiderseits zutrifft. * Schon um die Jahrhundertwende hatte die Gewerkschaftsbewegung l„ngst aufgeh”rt, ihrer frheren Aufgabe zu dienen. Von Jahr zu Jahr war sie mehr und mehr in den Bannkreis sozialdemokratischer Politik geraten, um endlich nur noch als Ramme des Klassenkampfes Anwendung zu finden. Sie sollte den ganzen, mhselig aufgebauten Wirtschaftsk”rper 52 Die Politisierung der Gewerkschaften durch dauernde St”áe endlich zum Einsturz bringen, um so dem Staatsbau, nach Entzug seiner wirtschaftlichen Grundmauern, das gleiche Schicksal leichter zufgen zu k”nnen. Die Vertretung aller wirklichen Bedrfnisse der Arbeiterschaft kam damit immer weniger in Frage, bis die politische Klugheit es endlich berhaupt nicht mehr als wnschenswert erscheinen lieá, die sozialen und gar kulturellen N”te der breiten Masse zu beheben, da man sonst ja Gefahr lief, diese, in ihren Wnschen befriedigt, nicht mehr als willenlose Kampftruppe ewig weiterbentzen zu k”nnen. Eine derartige, ahnungsvoll gewitterte Entwicklung jagte den klassenk„mpferischen Fhrern solche Furcht ein, daá sie endlich kurzerhand jede wirklich segensvolle soziale Hebung ablehnten, ja auf das entschlossenste dagegen Stellung nahmen. Um eine Begrndung eines vermeintlich so unverst„ndlichen Verhaltens brauchte ihnen dabei nie bange zu sein. Indem man die Forderungen immer h”her spannte, erschien die m”gliche Erfllung derselben so klein und unbedeutend, daá man der Masse jederzeit einzureden vermochte, es handle sich hierbei nur um den teuflischen Versuch, durch solch eine l„cherliche Befriedigung heiligster Anrechte die Stoákraft der Arbeiterschaft auf billige Weise zu schw„chen, ja wenn m”glich lahmzulegen. Bei der geringen Denkf„higkeit der breiten Masse wundere man sich nicht ber den Erfolg. Im brgerlichen Lager war man emp”rt ber solche ersichtliche Unwahrhaftigkeit sozialdemokratischer Taktik, ohne daraus aber auch nur die geringsten Schlsse zu ziehen fr die Richtlinien eines eigenen Handelns. Gerade die Furcht der Sozialdemokratie vor jeder tats„chlichen Hebung der Arbeiterschaft aus der Tiefe ihres bisherigen kulturellen und sozialen Elends h„tte zu gr”áten Anstrengungen eben in dieser Zielrichtung fhren mssen, um nach und nach den Vertretern des Klassenkampfes das Instrument aus der Hand zu winden. Dies geschah jedoch nicht. 53 Der Schlssel zur Sozialdemokratie Statt in eigenem Angriff die gegnerische Stellung zu nehmen, lieá man sich lieber drcken und dr„ngen, um endlich zu g„nzlich unzureichenden Aushilfen zu greifen, die, weil zu sp„t, wirkungslos blieben, weil zu unbedeutend, auch noch leicht abzulehnen waren. So blieb in Wahrheit alles beim alten, nur die Unzufriedenheit war gr”áer als vorher. Gleich einer drohenden Gewitterwolke hing schon damals die "freie Gewerkschaft" ber dem politischen Horizont und ber dem Dasein des Einzelnen. Sie war eines der frchterlichsten Terrorinstrumente gegen die Sicherheit und Unabh„ngigkeit der nationalen Wirtschaft, die Festigkeit des Staates und die Freiheit der Person. Sie war es vor allem, die den Begriff der Demokratie zu einer widerlich-l„cherlichen Phrase machte, die Freiheit sch„ndete und die Brderlichkeit in dem Satze "Und willst du nicht Genosse sein, so schlagen wir dir den Sch„del ein" unsterblich verh”hnte. So lernte ich damals diese Menschheitsfreundin kennen. Im Laufe der Jahre hat sich meine Anschauung ber sie erweitert und vertieft, zu „ndern brauchte ich sie nicht. * Je mehr ich Einblick in das „uáere Wesen der Sozialdemokratie erhielt, um so gr”áer wurde die Sehnsucht, den inneren Kern dieser Lehre zu erfassen. Die offizielle Parteiliteratur konnte hierbei freilich nur wenig ntzen. Sie ist, soweit es sich um wirtschaftliche Fragen handelt, unrichtig in Behauptung und Beweis; soweit die politischen Ziele behandelt werden, verlogen. Dazu kam, daá ich mich besonders von der neueren rabulistischen Ausdrucksweise und der Art der Darstellung innerlich abgestoáen fhlte. Mit einem ungeheueren Aufwand von Worten unklaren Inhalts oder unverst„ndlicher Bedeutung werden da S„tze zusammengestammelt, die ebenso geistreich sein sollen, wie sie sinnlos sind. Nur die Dekadenz unserer GroástadtbohŠme mag sich in diesem Irrgarten der Vernunft 54 Die Judenfrage wohlig zu Hause fhlen, um aus dem Mist dieses literarischen Dadaismus "inneres Erleben" herauszuklauben, untersttzt von der sprichw”rtlichen Bescheidenheit eines Teiles unseres Volkes, die im pers”nlich Unverst„ndlichsten immer um so tiefere Weisheit wittert. Allein, indem ich so theoretische Unwahrheit und Unsinn dieser Lehre abwog mit der Wirklichkeit ihrer Erscheinung, bekam ich allm„hlich ein klares Bild ihres inneren Wollens. In solchen Stunden beschlichen mich trbe Ahnungen und b”se Furcht. Ich sah dann eine Lehre vor mir, bestehend aus Egoismus und Haá, die nach mathematischen Gesetzen zu Siege fhren kann, der Menschheit aber damit auch das Ende bringen muá. Ich hatte ja unterdessen den Zusammenhang zwischen dieser Lehre der Zerst”rung und dem Wesen eines Volkes verstehen gelernt, das mir bis dahin so gut wie unbekannt war. Nur die Kenntnis des Judentums allein bietet den Schlssel zum Erfassen der inneren und damit wirklichen Absichten der Sozialdemokratie. Wer diese Volk kennt, dem sinken die Schleier irriger Vorstellungen ber Ziel und Sinn dieser Partei vom Auge, und aus dem Dunst und Nebel sozialer Phrasen erhebt sich grinsend die Fratze des Marxismus. * Es ist fr mich heute schwer, wenn nicht unm”glich, zu sagen, wann mir zum ersten Mal das Wort "Jude" Anlaá zu besonderen Gedanken gab. Im v„terlichen Hause erinnere ich mich berhaupt nicht, zu Lebzeiten des Vaters das Wort auch nur geh”rt zu haben. Ich glaube, der alte Herr wrde schon in der besonderen Betonung dieser Bezeichnung eine kulturelle Rckst„ndigkeit erblickt haben. Er war im Laufe seines Lebens zu mehr oder minder weltbrgerlichen Anschauungen gelangt, die sich bei schroffster nationaler Gesinnung nicht nur erhalten hatten, sondern auch auf mich abf„rbten. 55 Die Judenfrage Auch in der Schule fand sich keine Veranlassung, die bei mir zu einer Ver„nderung diese bernommenen Bildes h„tte fhren k”nnen. In der Realschule lernte ich wohl einen jdischen Knaben kennen, der von uns allen mit Vorsicht behandelt wurde, jedoch nur, weil wir ihm in bezug auf seine Schweigsamkeit, durch verschiedene Erfahrungen gewitzigt, nicht sonderlich vertrauten; irgendein Gedanke kam mir dabei so wenig wie den anderen. Erst in meinem vierzehnten bis fnfzehnten Jahre stieá ich ”fters auf das Wort Jude, zum Teil im Zusammenhange mit politischen Gespr„chen. Ich empfand dagegen eine leichte Abneigung und konnte mich eines unangenehmen Gefhls nicht erwehren, das mich immer beschlich, wenn konfessionelle St„nkereien vor mir ausgetragen wurden. Als etwas anderes sah ich aber damals die Frage nicht an. Linz besaá nur sehr wenig Juden. Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich ihr Žuáeres europ„isiert und war menschlich geworden; ja ich hielt sie sogar fr Deutsche. Der Unsinn dieser Einbildung war mir wenig klar, weil ich das einzige Unterscheidungsmerkmal ja nur in der fremden Konfession erblickte. Daá sie deshalb verfolgt worden waren, wie ich glaubte, lieá manchmal meine Abneigung gegenber ungnstigen Žuáerungen ber sie fast zum Abscheu werden. Vom Vorhandensein einer planm„áigen Judengegnerschaft ahnte ich berhaupt noch nichts. So kam ich nach Wien. Befangen von der Flle der Eindrcke auf architektonischem Gebiete, niedergedrckt von der Schwere des eigenen Loses, besaá ich in der ersten Zeit keinen Blick fr die innere Schichtung des Volkes in der Riesenstadt. Trotzdem Wien in diesen Jahren schon nahe an die zweihunderttausend Juden unter seinen zwei Millionen Menschen z„hlte, sah ich diese nicht. Mein Auge und mein Sinn waren dem Einstrmen so vieler Werte und Gedanken in den ersten Wochen noch nicht gewachsen. Erst als allm„hlich 56 Die sogenannte Weltpresse die Ruhe wiederkehrte und sich das aufgeregte Bild zu kl„ren begann, sah ich mich in meiner neuen Welt grndlicher um und stieá nun auch auf die Judenfrage. Ich will nicht behaupten, daá die Art und Weise, in der ich sie kennenlernen sollte, mir besonders angenehm erschien. Noch sah ich im Juden nur die Konfession und hielt deshalb aus Grnden menschlicher Toleranz die Ablehnung religi”ser Bek„mpfung auch in diesem Falle aufrecht. So erschien mir der Ton, vor allem der, den die antisemitische Wiener Presse anschlug, unwrdig der kulturellen šberlieferung eines groáen Volkes. Mich bedrckte die Erinnerung an gewisse Vorg„nge des Mittelalters, die ich nicht gerne wiederholt sehen wollte. Da die betreffenden Zeitungen allgemein als nicht hervorragend galten - woher dies kam, wuáte ich damals selber nicht genau -, sah ich in ihnen mehr die Produkte „rgerlichen Neides als Ergebnisse einer grunds„tzlichen, wenn auch falschen Anschauung berhaupt. Best„rkt wurde ich in dieser meiner Meinung durch die, wie mir schien, unendlich wrdigere Form, in der die wirklich groáe Presse auf all diese Angriffe antwortete oder sie, was mir noch dankenswerter vorkam, gar nicht erw„hnte, sondern einfach totschwieg. Ich las eifrig die sogenannte Weltpresse ("Neue Freie Presse", "Wiener Tagblatt" usw.) und erstaunte ber den Umfang des in ihr dem Leser Gebotenen sowie ber die Objektivit„t der Darstellung im einzelnen. Ich wrdigte den vornehmen Ton und war eigentlich nur von der šberschwenglichkeit des Stils manches Mal innerlich nicht recht befriedigt oder selbst unangenehm berhrt. Doch mochte dies im Schwunge der ganzen Weltstadt liegen. Da ich Wien damals fr eine solche hielt, glaubte ich diese mir selbst gegebene Erkl„rung wohl aus Entschuldigung gelten lassen zu drfen. Was mich aber wiederholt abstieá, war die unwrdige Form, in der diese Presse den Hof umbuhlte. Es gab kaum ein Ereignis in der Hofburg, das da nicht dem Leser entweder in T”nen verzckter Begeisterung oder klagender 57 Die Kritik an Wilhelm II. Betroffenheit mitgeteilt wurde, ein Getue, das besonders, wenn es sich um den "weisesten Monarchen" aller Zeiten selber handelte, fast dem Balzen eines Auerhahnes glich. Mir schien die Sache gemacht. Damit erhielt die liberale Demokratie in meinen Augen Flecken. Um die Gunst dieses Hofes buhlen und in so unanst„ndigen Formen hieá die Wrde der Nation preisgeben. Dies war der erste Schatten, der mein geistiges Verh„ltnis zur "groáen" Wiener Presse trben sollte. Wie vorher schon immer, verfolgte ich auch in Wien alle Ereignisse in Deutschland mit gr”átem Feuereifer, ganz gleich, ob es sich dabei um politische oder kulturelle Fragen handeln mochte. In stolzer Bewunderung verglich ich den Aufstieg des Reiches mit dem Dahinsiechen des ”sterreichischen Staates. Wenn aber die auáenpolitischen Vorg„nge meist ungeteilte Freude erregten, dann die nicht so erfreulichen des innerpolitischen Lebens oft trbe Bekmmernis. Der Kampf, der zu dieser Zeit gegen Wilhelm II. gefhrt wurde, fand damals nicht meine Billigung. Ich sah in ihm nicht nur den Deutschen Kaiser, sondern in erster Linie den Sch”pfer einer deutschen Flotte. Die Redeverbote, die dem Kaiser vom Reichstag auferlegt wurden, „rgerten mich deshalb so auáerordentlich, weil sie von einer Stelle ausgingen, die in meinen Augen dazu aber auch wirklich keine Veranlassung besaá, sintemalen doch in einer einzigen Sitzungsperiode diese parlamentarischen G„nseriche mehr Unsinn zusammenschnatterten, als dies einer ganzen Dynastie von Kaisern in Jahrhunderten, eingerechnet ihre allerschw„chsten Nummern, je gelingen konnte. Ich war emp”rt, daá in einem Staat, in dem jeder Halbnarr nicht nur das Wort zu seiner Kritik fr sich in Anspruch nahm, ja im Reichstag sogar als "Gesetzgeber" auf die Nation losgelassen wurde, der Tr„ger der Kaiserkrone von der seichtesten Schw„tzerinstitution aller Zeiten "Verweise" erhalten konnte. Ich war aber noch mehr entrstet, daá die gleiche Wiener Presse, die doch vor dem letzten Hofgaul noch die ehrerbietigste 58 Frankreich-Kult der Presse Verbeugung riá und ber ein zuf„lliges Schweifwedeln auáer Rand und Band geriet, nun mit scheinbar besorgter Miene, aber, wie mir schien, schlecht verhehlter Boshaftigkeit ihren Bedenken gegen den Deutschen Kaiser Ausdruck verlieh. Es l„ge ihr ferne, sich etwa in die Verh„ltnisse des Deutschen Reiches einmischen zu wollen - nein, Gott bewahre -, aber indem man in so freundschaftlicher Weise die Finger auf diese Wunden lege, erflle man ebensosehr die Pflicht, die der Geist des gegenseitigen Bndnisses auferlege, wie man umgekehrt auch der journalistischen Wahrheit genge usw. Und nun bohrte dann dieser Finger in der Wunde nach Herzenslust herum. Mir schoá in solchen F„llen das Blut in den Kopf. Das war es, was mich die groáe Presse schon nach und nach vorsichtiger betrachten lieá. Daá eine der antisemitischen Zeitungen, das "Deutsche Volksblatt", anl„álich einer solchen Angelegenheit sich anst„ndiger verhielt, muáte ich einmal anerkennen. Was mir weiter auf die Nerven ging, war der doch widerliche Kult, den die groáe Presse schon damals mit Frankreich trieb. Man muáte sich geradezu sch„men, Deutscher zu sein, wenn man diese sálichen Lobeshymnen auf die "groáe Kulturnation" zu Gesicht bekam. Dieses erb„rmliche Franz”seln lieá mich ”fter als einmal eine dieser "Weltzeitungen" aus der Hand legen. Ich griff nun berhaupt manchmal nach dem "Volksblatt", das mir freilich viel kleiner, aber in diesen Dingen etwas reinlicher vorkam. Mit dem scharfen antisemitischen Tone war ich nicht einverstanden, allein ich las auch hin und wieder Begrndungen, die mir einiges Nachdenken verursachten. Jedenfalls lernte ich aus solchen Anl„ssen langsam den Mann und die Bewegung kennen, die damals Wiens Schicksal bestimmten: Dr. Karl Lueger und die christlich-soziale Partei. Als ich nach Wien kam, stand ich beiden feindselig gegenber. Der Mann und die Bewegung galten in meinen Augen als "reaktion„r". 59 Wandlung zum Antisemiten Das gew”hnliche Gerechtigkeitsgefhl aber muáte dieses Urteil in eben dem Maáe ab„ndern, in dem ich Gelegenheit erhielt, Mann und Werk kennenzulernen; und langsam wuchs die gerechte Beurteilung zur unverhohlenen Bewunderung. Heute sehe ich in dem Manne mehr noch als frher den gewaltigsten deutschen Brgermeister aller Zeiten. Wie viele meiner vors„tzlichen Anschauungen wurden aber durch eine solche Žnderung meiner Stellungnahme zur christlich-sozialen Bewegung umgeworfen! Wenn dadurch langsam auch meine Ansichten in bezug auf den Antisemitismus dem Wechsel der Zeit unterlagen, dann war dies wohl meine schwerste Wandlung berhaupt. Sie hat mir die meisten inneren seelischen K„mpfe gekostet, und erst nach monatelangem Ringen zwischen Verstand und Gefhl begann der Sieg sich auf die Seite des Verstandes zu schlagen. Zwei Jahre sp„ter war das Gefhl dem Verstande gefolgt, um von nun an dessen treuester W„chter und Warner zu sein. In der Zeit dieses bitteren Ringens zwischen seelischer Erziehung und kalter Vernunft hatte mir der Anschauungsunterricht der Wiener Straáe unsch„tzbare Dienste geleistet. Es kam die Zeit, da ich nicht mehr wie in den ersten Tagen blind durch die m„chtige Stadt wandelte, sondern mir offenem Auge auáer den Bauten auch die Menschen besah. Als ich einmal so durch die innere Stadt strich, stieá ich pl”tzlich auf eine Erscheinung in langem Kastan mit schwarzen Locken. Ist dies auch ein Jude? war mein erster Gedanke. So sahen sie freilich in Linz nicht aus. Ich beobachtete den Mann verstohlen und vorsichtig, allein je l„nger ich in dieses fremde Gesicht starrte und forschend Zug um Zug prfte, um so mehr wandelte sich in meinem Gehirn die erste Frage zu einer anderen Fassung: Ist dies auch ein Deutscher? Wie immer in solchen F„llen begann ich nun zu versuchen, mir die Zweifel durch Bcher zu beheben. Ich kaufte mir damals um wenige Heller die ersten antisemitischen 60 Wandlung zum Antisemiten Broschren meines Lebens. Sie gingen leider nur alle von dem Standpunkt aus, daá im Prinzip der Leser wohl schon die Judenfrage bis zu einem gewissen Grade mindestens kenne oder gar begreife. Endlich war die Tonart meistens so, daá mir wieder Zweifel kamen infolge der zum Teil so flachen und auáerordentlich unwissenschaftlichen Beweisfhrung fr die Behauptung. Ich wurde dann wieder rckf„llig auf Wochen, ja einmal auf Monate hinaus. Die Sache schien mir so ungeheuerlich, die Bezichtigung so maálos zu sein, daá ich gequ„lt von der Furcht, Unrecht zu tun, wieder „ngstlich und unsicher wurde. Freilich daran, daá es sich hier nicht um Deutsche einer besonderen Konfession handelte, sondern um ein Volk fr sich, konnte auch ich nicht mehr gut zweifeln; denn seit ich mich mit dieser Frage zu besch„ftigen begonnen hatte, auf den Juden erst einmal aufmerksam wurde, erschien mir Wien in einem anderen Lichte als vorher. Wo immer ich ging, sah ich nun Juden, und je mehr ich sah, um so sch„rfer sonderten sie sich fr das Auge von den anderen Menschen ab. Besonders die innere Stadt und die Bezirke n”rdlich des Donaukanals wimmelten von einem Volke, das schon „uáerlich eine Žhnlichkeit mit dem deutschen nicht mehr besaá. Aber wenn ich daran noch gezweifelt h„tte, so wurde das Schwanken endgltig behoben durch die Stellungnahme eines Teiles der Juden selber. Eine groáe Bewegung unter ihnen, die in Wien nicht wenig umfangreich war, trat auf das sch„rfste fr die Best„tigung des v”lkischen Charakters der Judenschaft ein: der Zionismus. Wohl hatte es den Anschein, als ob nur ein Teil der Juden diese Stellungnahme billigen wrde, die groáe Mehrheit aber eine solche Festlegung verurteile, ja innerlich ablehne. Bei n„herem Hinsehen zerflatterte aber dieser Anschein in einen blen Dunst von aus reinen Zweckm„áigkeitsgrnden vorgebrachten Ausreden, um nicht zu sagen Lgen. Denn das sogenannte Judentum liberaler 61 Wandlung zum Antisemiten Denkart lehnte ja die Zionisten nicht als Nichtjuden ab, sondern nur als Juden von einem unpraktischen, ja vielleicht sogar gef„hrlichen ”ffentlichen Bekenntnis zu ihrem Judentum. An ihrer inneren Zusammengeh”rigkeit „nderte sich gar nichts. Dieser scheinbare Kampf zwischen zionistischen und liberalen Juden ekelte mich in kurzer Zeit schon an; war er doch durch und durch unwahr, mithin verlogen und dann aber wenig passend zu der immer behaupteten sittlichen H”he und Reinheit dieses Volkes. šberhaupt war die sittliche und sonstige Reinlichkeit dieses Volkes ein Punkt fr sich. Daá es sich hier um keine Wasserliebhaber handelte, konnte man ihnen ja schon am Žuáeren ansehen, leider sehr oft sogar bei geschlossenem Auge. Mir wurde bei dem Geruche dieser Kastantr„ger sp„ter manchmal ber. Dazu kam noch die unsaubere Kleidung und die wenig heldische Erscheinung. Dies alles konnte schon nicht sehr anziehend wirken; abgestoáen muáte man aber werden, wenn man ber die k”rperliche Unsauberkeit hinaus pl”tzlich die moralischen Schmutzflecken des auserw„hlten Volkes entdeckte. Nichts hatte mich in kurzer Zeit so nachdenklich gestimmt als die langsam aufsteigende Einsicht in die Art der Bet„tigung der Juden auf gewissen Gebieten. Gab es denn da einen Unrat, eine Schamlosigkeit in irgendeiner Form, vor allem des kulturellen Lebens, an der nicht wenigstens ein Jude beteiligt gewesen w„re? Sowie man nur vorsichtig in eine solche Geschwulst hineinschnitt, fand man, wie die Made im faulenden Leibe, oft ganz geblendet vom pl”tzlichen Lichte, ein Jdlein. Es war eine schwere Belastung, die das Judentum in meinen Augen erhielt, als ich seine T„tigkeit in der Presse, in Kunst, Literatur und Theater kennenlernte. Da konnten nun alle salbungsvollen Beteuerungen wenig oder nichts mehr ntzen. Es gengte schon, eine der Anschlags„ulen zu betrachten, die Namen der geistigen Erzeuger dieser gr„álichen Machwerke fr Kino und Theater, die da angepriesen 62 Wandlung zum Antisemiten wurden, zu studieren, um auf l„ngere Zeit hart zu werden. Das war Pestilenz, geistige Pestilenz, schlimmer als der schwarze Tod von einst, mit der man da das Volk infizierte. Und in welcher Menge dabei dieses Gift erzeugt und verbreitet wurde! Natrlich, je niedriger das geistige und sittliche Niveau eines solchen Kunstfabrikanten ist, um so unbegrenzter aber seine Fruchtbarkeit, bis so ein Bursche schon mehr wie eine Schleudermaschine seinen Unrat der anderen Menschheit ins Antlitz spritzt. Dabei bedenke man noch die Unbegrenztheit ihrer Zahl; man bedenke daá auf einen Goethe die Natur immer noch leicht zehntausend solcher Schmierer der Mitwelt in den Pelz setzt, die nun als Bazillentr„ger schlimmster Art die Seelen vergiften. Es war entsetzlich, aber nicht zu bersehen, daá gerade der Jude in berreichlicher Anzahl von der Natur zu dieser schmachvollen Bestimmung auserlesen schien. Sollte seine Auserw„hltheit darin zu suchen sein? Ich begann damals sorgf„ltig die Namen all der Erzeuger dieser unsauberen Produkte des ”ffentlichen Kunstlebens zu prfen. Das Ergebnis war ein immer b”seres fr meine bisherige Haltung der Juden gegenber. Mochte sich da das Gefhl auch noch tausendmal str„uben, der Verstand muáte seine Schlsse ziehen. Die Tatsache, daá neun Zehntel alles literarischen Schmutzes, knstlerischen Kitsches und theatralischen Bl”dsinns auf das Schuldkonto eines Volkes zu schreiben sind, das kaum ein Hundertstel aller Einwohner im Lande betr„gt, lieá sich einfach nicht wegleugnen; es war eben so. Auch meine liebe "Weltpresse" begann ich nun von solchen Gesichtspunkten aus zu prfen. Je grndlicher ich aber hier die Sonde anlegte, um so mehr schrumpfte der Gegenstand meiner einstigen Bewunderung zusammen. Der Stil war immer unertr„glicher, den Inhalt muáte ich als innerlich seicht und flach ablehnen, die Objektivit„t der Darstellung schien mir nun mehr Lge zu sein als ehrliche Wahrheit; die Verfasser aber waren - Juden. 63 Wandlung zum Antisemiten Tausend Dinge, die ich frher kaum gesehen, fielen mir nun als bemerkenswert auf, andere wieder, die mir schon einst zu denken gaben, lernte ich begreifen und verstehen. Die liberale Gesinnung dieser Presse sah ich nun in einem anderen Lichte, ihr vornehmer Ton im Beantworten von Angriffen sowie das Totschweigen derselben enthllte sich mir jetzt als ebenso kluger wie niedertr„chtiger Trick; ihre verkl„rt geschriebenen Theaterkritiken galten immer dem jdischen Verfasser, und nie traf ihre Ablehnung jemand anderen als den Deutschen. Das leise Sticheln gegen Wilhelm II. lieá in der Beharrlichkeit die Methode erkennen, genau so wie das Empfehlen franz”sischer Kultur und Zivilisation. Der kitschige Inhalt der Novelle wurde nun zur Unanst„ndigkeit, und aus der Sprache vernahm ich Laute eines fremden Volkes; der Sinn des Ganzen aber war dem Deutschtum so ersichtlich abtr„glich, daá dies nur gewollt sein konnte. Wer aber besaá daran ein Interesse? War dies alles nur Zufall? So wurde ich langsam unsicher. Beschleunigt wurde die Entwicklung aber durch Einblicke, die ich in eine Reihe anderer Vorg„nge erhielt. Es war dies die allgemeine Auffassung von Sitte und Moral, wie man sie von einem groáen Teil des Judentums ganz offen zur Schau getragen und bet„tigt sehen konnte. Hier bot wieder die Straáe einen manchmal wahrhaft b”sen Anschauungsunterricht. Das Verh„ltnis des Judentums zur Prostitution und mehr noch zum M„dchenhandel selber konnte man in Wien studieren wie wohl in keiner sonstigen westeurop„ischen Stadt, sdfranz”siche Hafenorte vielleicht ausgenommen. Wenn man abends so durch die Straáen und Gassen der Leopoldstadt lief, wurde man auf Schritt und Tritt, ob man wollte oder nicht, Zeuge von Vorg„ngen, die dem Groáteil des deutschen Volkes verborgen geblieben waren, bis der Krieg den K„mpfern an der Ostfront Gelegenheit gab, Žhnliches ansehen zu k”nnen, besser gesagt, ansehen zu mssen. 64 Der Jude als Fhrer der Sozialdemokratie Als ich zum ersten Male den Juden in solcher Weise als den ebenso eisig kalten wie schamlos gesch„ftstchtigen Dirigenten dieses emp”renden Lasterbetriebes des Auswurfes der Groástadt erkannte, lief mir ein leichtes Fr”steln ber den Rcken. Dann aber flammte es auf. Nun wich ich der Er”rterung der Judenfrage mich nicht mehr aus, nein, nun wollte ich sie. Wie ich aber so in allen Richtungen des kulturellen und knstlerischen Lebens und seinen verschiedenen Žuáerungen nach dem Juden suchen lernte, stieá ich pl”tzlich an einer Stelle auf ihn, an der ich ihn am wenigsten vermutet h„tte. Indem ich den Juden als Fhrer der Sozialdemokratie erkannte, begann es mir wie Schuppen von den Augen zu fallen. Ein langer innerer Seelenkampf fand damit seinen Abschluá. Schon im tagt„glichen Verkehr mit meinen Arbeitsgenossen fiel mir die erstaunliche Wandlungsf„higkeit auf, mit der sie zu einer gleichen Frage verschiedene Stellungen einnahmen, manchmal in einem Zeitraume von wenigen Tagen oft auch nur wenigen Stunden. Ich konnte schwer verstehen, wie Menschen, die, allein gesprochen, immer noch vernnftige Anschauungen besaáen, diese pl”tzlich verloren, sowie sie in den Bannkreis der Masse gelangten. Es war oft zum Verzweifeln. Wenn ich nach stundenlangem Zureden schon berzeugt war, dieses Mal endlich das Eis gebrochen oder einen Unsinn aufgekl„rt zu haben und mich schon des Erfolges herzlich freute, dann muáte ich zu meinem Jammer am n„chsten Tage wieder von vorne beginnen; es war alles umsonst gewesen. Wie ein ewiges Pendel schien der Wahnsinn ihrer Anschauungen immer von neuem zurckzuschlagen. Alles vermochte ich dabei noch zu begreifen: daá sie mit ihrem Lose unzufrieden waren, das Schicksal verdammten, welches sie oft so herbe schlug; die Unternehmer haáten, die ihnen als herzlose Zwangsvollstrecker dieses Schicksals erschienen; auf die Beh”rden schimpften, die in ihren Augen kein Gefhl fr die Lage besaáen; daá sie gegen Lebensmittelpreise 65 Der Jude als Fhrer der Sozialdemokratie demonstrierten und fr ihre Forderungen auf die Straáe zogen, alles dies konnte man mit Rcksicht auf Vernunft mindestens noch verstehen. Was aber unverst„ndlich bleiben muáte, war der grenzenlose Haá, mit dem sie ihr eigenes Volkstum belegten, die Gr”áe desselben schm„hten, seine Geschichte verunreinigten und groáe M„nner in die Gosse zogen. Dieser Kampf gegen die eigene Art, das eigene Nest, die eigene Heimat war ebenso sinnlos wie unbegreiflich. Das war unnatrlich. Man konnte sie von diesem Laster vorbergehend heilen, jedoch nur auf Tage, h”chstens Wochen. Traf man aber sp„ter den vermeintlich Bekehrten, dann war er wieder der alte geworden. Die Unnatur hatte ihn wieder in ihrem Besitze. * Daá die sozialdemokratische Presse berwiegend von Juden geleitet war, lernte ich allm„hlich kennen; allein, ich schrieb diesem Umstande keine besondere Bedeutung zu, lagen doch die Verh„ltnisse bei den anderen Zeitungen genau so. Nur eines war vielleicht auffallend; es gab nicht ein Blatt, bei dem sich Juden befanden, das als wirklich national angesprochen h„tte werden k”nnen, so wie dies in der Linie meiner Erziehung und Auffassung gelegen war. Da ich mich nun berwand und diese Art von marxistischen Presseerzeugnissen zu lesen versuchte, die Abneigung aber in eben diesem Maáe ins Unendliche wuchs, suchte ich nun auch die Fabrikanten dieser zusammengefaáten Schurkereien n„her kennenzulernen. Es waren, vom Herausgeber angefangen, lauter Juden. Ich nahm die mir irgendwie erreichbaren sozialdemokratischen Broschren und suchte die Namen ihrer Verfasser: Juden. Ich merkte mir die Namen fast aller Fhrer; es waren zum weitaus gr”áten Teil ebenfalls Angeh”rige des "auserw„hlten Volkes", mochte es sich dabei um die Vertreter im Reichsrat handeln oder um die Sekret„re der 66 Jdischer Dialekt Gewerkschaften, die Vorsitzenden der Organisationen oder die Agitatoren der Straáe. Es ergab sich immer das gleiche unheimliche Bild. Die Namen der Austerlitz, David, Adler, Ellenbogen usw. werden mir ewig in Erinnerung bleiben. Das eine war mir nun klar geworden: die Partei, mit deren kleinen Vertretern ich seit Monaten den heftigsten Kampf auszufechten hatte, lag in ihrer Fhrung fast ausschlieálich in den H„nden eines fremden Volkes; denn daá der Jude kein Deutscher war, wuáte ich zu meiner inneren glcklichen Zufriedenheit schon endgltig. Nun aber erst lernte ich den Verfhrer unseres Volkes ganz kennen. Schon ein Jahr meines Wiener Aufenthaltes hatte gengt, um mir die šberzeugung beizubringen, daá kein Arbeiter so verbohrt sein konnte, als daá er nicht besserem Wissen und besserer Erkl„rung erlegen w„re. Ich war langsam Kenner ihrer eigenen Lehre geworden und verwendete sie als Waffe im Kampfe fr meine innere šberzeugung. Fast immer legte sich nun der Erfolg auf meine Seite. Die groáe Masse war zu retten, wenn auch nur nach schwersten Opfern an Zeit und Geduld. Niemals aber war ein Jude von seiner Anschauung zu befreien. Ich war damals noch kindlich genug, ihnen den Wahnsinn ihrer Lehre klarmachen zu wollen, redete mir in meinem kleinen Kreise die Zunge wund und die Kehle heiser und vermeinte, es máte mir gelingen, sie von der Verderblichkeit ihres marxistischen Irrsinns zu berzeugen; allein dann erreichte ich erst recht nur das Gegenteil. Es schien, als ob die steigende Einsicht von der vernichtenden Wirkung sozialdemokratischer Theorien und ihrer Erfllung nur zur Verst„rkung ihrer Entschlossenheit dienen wrde. Je mehr ich dann so mit ihnen stritt, um so mehr lernte ich ihre Dialektik kennen. Erst rechneten sie mit der Dummheit ihres Gegners, um dann, wenn sich ein Ausweg nicht mehr fand, sich selber einfach dumm zu stellen. Ntzte alles nicht, so verstanden sie nicht recht oder sprangen, gestellt, 67 Jdischer Dialekt augenblicklich auf ein anderes Gebiet ber, brachten nun Selbstverst„ndlichkeiten, deren Annahme sie aber sofort wieder auf wesentlich andere Stoffe bezogen, um nun, wieder angefaát, auszuweichen und nichts Genaues zu wissen. Wo immer man so einen Apostel angriff, umschloá die Hand qualligen Schleim; das quoll einem geteilt durch die Finger, um sich im n„chsten Moment schon wieder zusammenzuschlieáen. Schlug man aber einen wirklich so vernichtend, daá er, von der Umgebung beobachtet, nicht mehr anders als zustimmen konnte, und glaubte man, so wenigstens einen Schritt vorw„rtsgekommen zu sein, so war das Erstaunen am n„chsten Tag groá. Der Jude wuáte nun von gestern nicht mehr das geringste, erz„hlte seinen alten Unfug wieder weiter, als ob berhaupt nichts vorgefallen w„re, und tat, emp”rt zur Rede gestellt, erstaunt, konnte sich an rein gar nichts erinnern, auáer an die doch schon am Vortage bewiesene Richtigkeit seiner Behauptungen. Ich stand manches Mal starr da. Man wuáte nicht, was man mehr bestaunen sollte: ihre Zungenfertigkeit oder ihre Kunst der Lge. Ich begann sie allm„hlich zu hassen. Dies alles hatte nun das eine Gute, daá in eben dem Umfange, in dem mir die eigentlichen Tr„ger oder wenigstens die Verbreiter der Sozialdemokratie ins Auge fielen, die Liebe zu meinem Volke wachsen muáte. Wer konnte auch bei der teuflischen Gewandheit dieser Verfhrer das unselige Opfer verfluchen? Wie schwer war es doch mir selber, der dialektischen Verlogenheit dieser Rasse Herr zu werden! Wie vergeblich aber war ein solcher Erfolg bei Menschen, die die Wahrheit im Munde verdrehen, das soeben gesprochene Wort glatt verleugnen, um es schon in der n„chsten Minute fr sich selbst in Anspruch zu nehmen. Nein. Je mehr ich den Juden kennenlernte, um so mehr muáte ich dem Arbeiter verzeihen. Die schwerste Schuld lag nun in meinen Augen nicht mehr bei ihm, sondern bei all denen, die es nicht der Mhe wert fanden, sich seiner zu erbarmen, in eiserner Gerechtigkeit dem Sohne des Volkes zu geben, was ihm gebhrt, 68 Studium der Grundlagen des Marxismus den Verfhrer und Verderber aber an die Wand zu schlagen. Von der Erfahrung des t„glichen Lebens angeregt, begann ich nunmehr, den Quellen der marxistischen Lehre selber nachzuspren. Ihr Wirken war mir im einzelnen klar geworden, der Erfolg davon zeigte sich mir t„glich vor dem aufmerksamen Blick, die Folgen vermochte ich bei einiger Phantasie mir auszumalen. Die Frage wer nur noch, ob den Begrndern das Ergebnis ihrer Sch”pfung, schon in seiner letzten Form gesehen, vorschwebte, oder ob sie selber das Opfer eines Irrtums wurden. Beides war nach meinem Empfinden m”glich. Im einen Falle war es Pflicht eines jeden denkenden Menschen, sich in die Front der unseligen Bewegung zu dr„ngen, um so vielleicht doch das Žuáerste zu verhindern, im anderen aber muáten die einstigen Urheber dieser V”lkerkrankheit wahre Teufel gewesen sein; denn nur in dem Gehirne eines Ungeheuers - nicht eines Menschen - konnte dann der Plan zu einer Organisation sinnvolle Gestalt annehmen, deren T„tigkeit als Schluáergebnis zum Zusammenbruch der menschlichen Kultur und damit zur Ver”dung der Welt fhren muá. In diesem Falle blieb als letzte Rettung noch der Kampf, der Kampf mit allen Waffen, die menschlicher Geist, Verstand und Wille zu erfassen verm”gen, ganz gleich, wem das Schicksal dann seinen Segen in die Waagschale senkt. So begann ich nun, mich mit den Begrndern dieser Lehre vertraut zu machen, um so die Grundlagen der Bewegung zu studieren. Daá ich hier schneller zum Ziele kam, als ich vielleicht erst selber zu denken wagte, hatte ich allein meiner nun gewonnenen, wenn auch damals noch wenig vertieften Kenntnis der Judenfrage zu danken. Sie allein erm”glichte mir den praktischen Vergleich der Wirklichkeit mit dem theoretischen Geflunker der Grndungsapostel der Sozialdemokratie, da sie mich die Sprache des jdischen Volkes verstehen gelehrt hatte; das redet, um die Gedanken zu verbergen oder mindestens zu verschleiern; und sein wirkliches 69 Marxismus als Zerst”rer der Kultur Ziel ist mithin nicht in den Zeilen zu finden, sondern schlummert wohlverborgen zwischen ihnen. Es war fr mich die Zeit der gr”áten Umw„lzung gekommen, die ich im Inneren jemals durchzumachen hatte. Ich war vom schw„chlichen Weltbrger zum fanatischen Antisemiten geworden. Nur einmal noch - es war das letztemal - kamen mir in tiefster Beklommenheit „ngstlich drckende Gedanken. Als ich durch lange Perioden menschlicher Geschichte das Wirken des jdischen Volkes forschend betrachtete, stieg mir pl”tzlich die bange Frage auf, ob nicht doch vielleicht das unerforschliche Schicksal aus Grnden, die uns armseligen Menschen unbekannt, den Endsieg dieses kleinen Volkes in ewig unab„nderlichem Beschlusse wnsche? Sollte diesem Volke, das ewig nur auf dieser lebt, die Erde als Belohnung zugesprochen sein? Haben wir objektives Recht zum Kampf fr unsere Selbsterhaltung, oder ist auch dies nur subjektiv in uns begrndet? Indem ich mich in die Lehre des Marxismus vertiefte und so das Wirken des jdischen Volkes in ruhiger Klarheit einer Betrachtung unterzog, gab mir das Schicksal selber seine Antwort. Die jdische Lehre des Marxismus lehnt das aristokratische Prinzip der Natur ab und setzt an Stelle des ewigen Vorrechts der Kraft und St„rke die Masse der Zahl und ihr totes Gewicht. Sie leugnet so im Menschen den Wert der Person, bestreitet die Bedeutung von Volkstum und Rasse und entzieht der Menschheit damit die Voraussetzung ihres Bestehens und ihrer Kultur. Sie wrde als Grundlage des Universums zum Ende jeder gedanklich fr Menschen faálichen Ordnung fhren. Und so wie in diesem gr”áten erkennbaren Organismus nur Chaos das Ergebnis der Anwendung eines solchen Gesetzes sein k”nnte, so auf der Erde fr die Bewohner dieses Sternes nur ihr eigener Untergang. Siegt der Jude mit Hilfe seines marxistischen Glaubensbekenntnisses ber die V”lker dieser Welt, dann wird seine 70 Marxismus als Zerst”rer der Kultur Krone der Totenkranz der Menschheit sein, dann wird dieser Planet wieder wie einst vor Jahrmillionen menschenleer durch den Žther ziehen. Die ewige Natur r„cht unerbittlich die šbertretung ihrer Gebote. So glaube ich heute im Sinne des allm„chtigen Sch”pfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, k„mpfe ich fr das Werk des Herrn. 3. Kapitel Allgemeine politische Betrachtungen aus meiner Wiener Zeit Ich bin heute der šberzeugung, daá der Mann sich im allgemeinen, F„lle ganz besonderer Begabung ausgenommen, nicht vor seinem dreiáigsten Jahre in der Politik ”ffentlich bet„tigen soll. Er soll dies nicht, da ja bis in diese Zeit hinein zumeist erst die Bildung einer allgemeinen Plattform stattfindet, von der aus er nun die verschiedenen politischen Probleme prft und seine eigene Stellung zu ihnen endgltig festlegt. Erst nach dem Gewinnen einer solchen grundlegenden Weltanschauung und der dadurch erreichten Stetigkeit der eigenen Betrachtungsweise gegenber den einzelnen Fragen des Tages soll oder darf der nun wenigstens innerlich ausgereifte Mann sich an der politischen Fhrung des Gemeinwesens beteiligen. Ist dies anders, so l„uft er Gefahr, eines Tages seine bisherige Stellung in wesentlichen Fragen entweder „ndern zu mssen oder wider sein besseres Wissen und Erkennen bei einer Anschauung stehenzubleiben, die Verstand und šberzeugung bereits l„ngst ablehnen. Im ersteren Falle ist dies sehr peinlich fr ihn pers”nlich, da er nun, als selber schwankend, mit Recht nicht mehr erwarten darf, daá der Glaube seiner Anh„nger ihm in gleicher unerschtterlicher Festigkeit geh”re wie vordem:; fr die von ihm Gefhrten jedoch bedeutet ein solcher Umfall des Fhrers Ratlosigkeit sowie nicht selten das Gefhl einer gewissen Besch„mung den bisher von ihnen Bek„mpften gegenber. Im zweiten Falle aber tritt ein, was wir besonders heute so oft sehen: in eben dem Maáe, in dem der Fhrer nicht mehr an das von ihm Gesagt glaubt, wird seine Verteidigung 72 Der Politiker hohl und flach, dafr aber gemein in der Wahl der Mittel. W„hrend er selber nicht mehr daran denkt, fr seine politischen Offenbarungen ernstlich einzutreten (man stirbt nicht fr etwas, an das man selber nicht glaubt), werden die Anforderungen an seine Anh„nger jedoch in eben diesem Verh„ltnis immer gr”áer und unversch„mter, bis er endlich den letzten Rest des Fhrers opfert, um beim "Politiker" zu landen; das heiát bei jener Sorte von Menschen, deren einzige wirkliche Gesinnung die Gesinnungslosigkeit ist, gepaart mit frecher Aufdringlichkeit und einer oft schamlos entwickelten Kunst der Lge. Kommt so ein Bursche dann zum Unglck der anst„ndigen Menschheit auch noch in ein Parlament, so soll man schon von Anfang an wissen, daá das Wesen der Politik fr ihn nur noch im heroischen Kampf um den dauernden Besitz dieser Milchflasche seines Lebens und seiner Familie besteht. Je mehr dann Weib und Kind an ihr h„ngen, um so z„her wird er fr sein Mandat streiten. Jeder sonstige Mensch mit politischen Instinkten ist damit allein schon sein pers”nlicher Feind; in jeder neuen Bewegung wittert er den m”glichen Beginn seines Endes und in jedem gr”áeren Manne die wahrscheinlich von diesem noch einmal drohende Gefahr. Ich werde auf diese Sorte von Parlamentswanzen noch grndlich zu sprechen kommen. Auch der Dreiáigj„hrige wird im Laufe seines Lebens noch vieles zu lernen haben, allein es wird dies nur eine Erg„nzung und Ausfllung des Rahmens sein, den die grunds„tzlich angenommene Weltanschauung ihm vorlegt. Sein Lernen wird kein prinzipielles Umlernen mehr sein, sondern ein Hinzulernen, und seine Anh„nger werden nicht das beklommene Gefhl hinunterwrgen mssen, von ihm bisher falsch unterrichtet worden zu sein, sondern im Gegenteil: das ersichtliche organische Wachsen des Fhrers wird ihnen Befriedigung gew„hren, da sein Lernen ja nur die Vertiefung ihrer eigenen Lehre bedeutet. Dies aber ist in ihren Augen ein Beweis fr die Richtigkeit ihrer bisherigen Anschauungen. 73 Das politische Denken Ein Fhrer, der die Plattform seiner allgemeinen Weltanschauung an sich, weil als falsch erkannt, verlassen muá, handelt nur dann mit Anstand, wenn er in der Erkenntnis seiner bisherigen fehlerhaften Einsicht die letzte Folgerung zu ziehen bereit ist. Er muá in einem solchen Falle mindestens der ”ffentlichen Ausbung einer weiteren politischen Bet„tigung entsagen. Denn da er schon einmal in grundlegenden Erkenntnissen einem Irrtum verfiel, ist die M”glichkeit auch ein zweites Mal gegeben. Auf keinen Fall aber hat er noch das Recht, weiterhin das Vertrauen der Mitbrger in Anspruch zu nehmen oder gar ein solches zu fordern. Wie wenig nun allerdings heute einem solchen Anstand entsprochen wird, bezeugt nur die allgemeine Verworfenheit des Packs, das sich zur Zeit berufen fhlt, in Politik zu "machen". Auserw„hlt dazu ist von ihnen kaum einer. Ich hatte mich einst gehtet, irgendwie ”ffentlich aufzutreten, obwohl ich glaube, mich mehr mit Politik besch„ftigt zu haben als so viele andere. Nur im kleinsten Kreise sprach ich von dem, was mich innerlich bewegte oder anzog. Dieses Sprechen im engsten Rahmen hatte viel Gutes fr sich: ich lernte so wohl weniger "reden", dafr aber die Menschen in ihren oft unendlich primitiven Anschauungen und Einw„nden kennen. Dabei schulte ich mich, ohne Zeit und M”glichkeit zu verlieren, zur eigenen Weiterbildung. Die Gelegenheit dazu war sicher nirgends in Deutschland so gnstig wie damals in Wien. * Das allgemeine politische Denken in der alten Donaumonarchie war zun„chst seinem Umfange nach gr”áer und umspannender als im alten Deutschland der gleichen Zeit - Teile von Preuáen, Hamburg und die Kste der Nordsee ausgenommen. Ich verstehe nun allerdings unter der Bezeichnung "™sterreich" in diesem Falle jenes Gebiet des groáen Habsburgerreiches, das infolge seiner deutschen Besiedelung in jeglicher Hinsicht nicht nur die historische 74 Wiens letzer Aufschwung Veranlassung der Bildung dieses Staates berhaupt war, sondern das in seiner Bev”lkerung auch ausschlieálich jene Kraft aufwies, die diesem politisch so knstlichen Gebilde das innere kulturelle Leben auf viele Jahrhunderte zu schenken vermochte. Je mehr die Zeit Fortschritt, um so mehr war Bestand und Zukunft dieses Staates gerade von der Erhaltung dieser Keimzelle des Reiches abh„ngig. Waren die alten Erblande das Herz des Reiches, das immer wieder frisches Blut in den Kreislauf des staatlichen und kulturellen Lebens trieb, dann aber war Wien Gehirn und Wille zugleich. Schon in ihrer „uáeren Aufmachung durfte man dieser Stadt die Kraft zusprechen, in einem solchen V”lkerkonglomerat als einigende K”nigin zu thronen, um so durch die Pracht der eigenen Sch”nheit die b”sen Alterserscheinungen des Gesamten vergessen zu lassen. Mochte das Reich in seinem Inneren noch so heftig zucken unter den blutigen K„mpfen der einzelnen Nationalit„ten, das Ausland, und besonders Deutschland, sah nur das liebenswrdige Bild dieser Stadt. Die T„uschung war um so gr”áer, als Wien in dieser Zeit vielleicht den letzten und gr”áten sichtbaren Aufschwung zu nehmen schien. Unter der Herrschaft eines wahrhaft genialen Brgermeisters erwachte die ehrwrdige Residenz der Kaiser des alten Reiches noch einmal zu einem wundersamen jungen Leben.Der letzte groáe Deutsche, den das Kolonistenvolk der Ostmark aus seinen Reihen gebar, z„hlte offiziell nicht zu den sogenannten "Staatsm„nnern"; aber indem dieser Dr. Lueger als Brgermeister der "Reichshaupt- und Residenzstadt" Wien eine unerh”rte Leistung nach der anderen auf, man darf sagen, allen Gebieten kommunaler Wirtschafts- und Kulturpolitik hervorzauberte, st„rkte er das Herz des gesamten Reiches und wurde ber diesen Umweg zum gr”áeren Staatsmann, als die sogenannten "Diplomaten" es alle zusammen damals waren. Wenn das V”lkergebilde, "™sterreich" genannt, endlich dennoch zugrunde ging, dann spricht dies nicht im geringsten gegen die politische F„higkeit des Deutschtums in der alten 75 Das Deutschtum in ™sterreich Ostmark, sondern war das zwangsl„ufige Ergebnis der Unm”glichkeit, mit zehn Millionen Menschen einen Fnfzig-Millionen-Staat von verschiedenen Nationen auf die Dauer halten zu k”nnen, wenn eben nicht ganz bestimmte Voraussetzungen rechtzeitig gegeben wurden. Der Deutsch”sterreicher dachte mehr als groá. Er war immer gewohnt, im Rahmen eines groáen Reiches zu leben und hatte das Gefhl fr die damit verbundenen Aufgaben nie verloren. Er war der einzige in diesem Staate, der ber die Grenzen des engeren Kronlaubes hinaus noch die Reichsgrenze sah; ja, als das Schicksal ihn schlieálich vom gemeinsamen Vaterlande trennen sollte, da versuchte er immer noch, der ungeheuren Aufgabe Herr zu werden und dem Deutschtum zu erhalten, was die V„ter in unendlichen K„mpfen dem Osten einst abgerungen hatten. Wobei noch zu bedenken ist, daá dies nur noch mit geteilter Kraft geschehen konnte; denn Herz und Erinnerung der Besten h”rten niemals auf, fr das gemeinsame Mutterland zu empfinden, und nur ein Rest blieb der Heimat. Schon der allgemeine Gesichtskreis des Deutsch”sterreichers war ein verh„ltnism„áig weiter. Seine wirtschaftlichen Beziehungen umfaáten h„ufig nahezu das ganze vielgestaltige Reich. Fast alle wirklich groáen Unternehmungen befanden sich in seinen H„nden, das leitende Personal an Technikern und Beamten ward zum gr”áten Teil von ihm gestellt. Er war aber auch der Tr„ger des Auáenhandels, soweit nicht das Judentum auf diese ureigenste Dom„ne seine Hand gelegt hatte. Politisch hielt er allein noch den Staat zusammen. Schon die Dienstzeit beim Heere war ihn ber die engen Grenzen der Heimat weit hinaus. Der deutsch”sterreichische Rekrut rckte wohl vielleicht bei einem deutschen Regimente ein, allein das Regiment selber konnte ebensogut in der Herzegowina liegen wie in Wien oder Galizien. Das Offizierskorps war immer noch deutsch, das h”here Beamtentum vorherrschend. Deutsch aber war endlich Kunst und Wissenschaft. Abgesehen vom Kitsch der neueren Kunstentwicklung, dessen Produktion allerdings 76 Das Deutschtum in ™sterreich auch einem Negervolke ohne weiteres m”glich sein drfte, war der Besitzer und auch Verbreiter wahrer Kunstgesinnung nur der Deutsche allein. In Musik, Baukunst, Bildhauerei und Malerei war Wien der Brunnen, der in unersch”pflicher Flle die ganze Doppelmonarchie versorgte, ohne jemals selber sichtlich zu versiegen. Das Deutschtum war endlich noch der Tr„ger der gesamten Auáenpolitik, wenn man von den der Zahl nach wenigen Ungarn absieht. Dennoch war jeder Versuch, dieses Reich zu erhalten, vergeblich, da die wesentlichste Voraussetzung fehlte. Fr den ”sterreichischen V”lkerstaat gab es nur eine M”glichkeit, die zentrifugalen Kr„fte bei den einzelnen Nationen zu berwinden. Der Staat wurde entweder zentral regiert und damit aber auch ebenso innerlich organisiert, oder er war berhaupt nicht denkbar. In verschiedenen lichten Augenblicken kam diese Einsicht auch der "Allerh”chsten" Stelle, um aber zumeist schon nach kurzer Zeit vergessen oder als schwer durchfhrbar wieder beiseitegetan zu werden. Jeder Gedanke einer mehr f”derativen Ausgestaltung des Reiches muáte zwangsl„ufig infolge des Fehlens einer starken staatlichen Keimzelle von berragender Macht fehlschlagen. Dazu kamen noch die wesentlich anderen inneren Voraussetzungen des ”sterreichischen Staates gegenber dem Deutschen Reiche Bismarckscher Fassung. In Deutschland handelte es sich nur darum, politische Traditionen zu berwinden, da kulturell eine gemeinsame Grundlage immer vorlag. Vor allem besaá das Reich, von kleinen fremden Splittern abgesehen, nur Angeh”rige eines Volkes. In ™sterreich lagen die Verh„ltnisse umgekehrt. Hier fiel die politische Erinnerung eigener Gr”áe bei den einzelnen L„ndern, von Ungarn abgesehen, entweder ganz fort, oder sie war vom Schwamm der Zeit gel”scht, mindestens aber verwischt und undeutlich. Dafr entwickelten sich nun im Zeitalter des Nationalit„tenprinzips in den verschiedenen L„ndern v”lkische Kr„fte, deren šberwindung in eben dem Maáe schwer werden muáte, als sich am Rande 77 Zentrifugale Kr„fte der V”lker ™sterreichs der Monarchie Nationalstaaten zu bilden begannen, deren Staatsv”lker, rassisch mit den einzelnen ”sterreichischen Volkssplittern verwandt oder gleich, nunmehr ihrerseits mehr Anziehungskraft auszuben vermochten, als dies umgekehrt dem Deutsch”sterreicher noch m”glich war. Selbst Wien konnte auf die Dauer diesen Kampf nicht mehr bestehen. Mit der Entwicklung von Budapest zur Groástadt hatte es zum ersten Male eine Rivalin erhalten, deren Aufgabe nicht mehr die Zusammenfassung der Gesamtmonarchie war, sondern vielmehr die St„rkung eines Teiles derselben. In kurzer Zeit schon sollte Prag dem Beispiel folgen, dann Lemberg, Laibach usw. Mit dem Aufstieg dieser einstmaligen Provinzst„dte zu nationalen Hauptst„dten einzelner L„nder bildeten sich nun auch Mittelpunkte fr ein mehr und mehr selbst„ndiges Kulturleben derselben. Erst dadurch aber erhielten die v”lkisch-politischen Instinkte ihre geistige Grundlage und Vertiefung. Es muáte so einmal der Zeitpunkt herannahen, da diese Triebkr„fte der einzelnen V”lker m„chtiger wurden als die Kraft der gemeinsamen Interessen, und dann war es um ™sterreich geschehen. Diese Entwicklung lieá sich seit dem Tode Josephs II. in ihrem Laufe sehr deutlich feststellen. Ihre Schnelligkeit war von einer Reihe von Faktoren abh„ngig, die zum Teil in der Monarchie selber lagen, zum anderen Teil aber das Ergebnis der jeweiligen auáenpolitischen Stellung des Reiches bildeten. Wollte man den Kampf fr die Erhaltung dieses Staates ernstlich aufnehmen und durchfechten, dann konnte nur eine ebenso rcksichtslose wie beharrliche Zentralisierung allein zum Ziele fhren. Dann muáte aber vor allem durch die prinzipielle Festlegung einer einheitlichen Staatssprache die rein formelle Zusammengeh”rigkeit betont, der Verwaltung aber das technische Hilfsmittel in die Hand gedrckt werden, ohne das ein einheitlicher Staat nun einmal nicht zu bestehen vermag. Ebenso konnte nur dann auf die Dauer durch Schule und Unterricht eine einheitliche Staatsgesinnung herangezchtet werden. Dies war nicht in zehn oder 78 Folgen blutsm„áiger Verschiedenheit zwanzig Jahren zu erreichen, sondern hier muáte man mit Jahrhunderten rechnen, wie denn berhaupt in allen kolonisatorischen Fragen der Beharrlichkeit eine gr”áere Bedeutung zukommt als der Energie des Augenblicks. Daá dann die Verwaltung sowohl als auch die politische Leitung in strengster Einheitlichkeit zu fhren sind, versteht sich von selbst. Es war nun fr mich unendlich lehrreich, festzustellen, warum dies nicht geschah, oder besser, warum man dies nicht getan, Nur der Schuldige an dieser Unterlassung war der Schuldige am Zusammenbruche des Reiches. Das alte ™sterreich war mehr als ein anderer Staat gebunden an die Gr”áe seiner Leitung. Hier fehlte ja das Fundament des Nationalstaates, der in der v”lkischen Grundlage immer noch eine Kraft der Erhaltung besitzt, wenn die Fhrung als solche auch noch so sehr versagt. Der einheitliche Volksstaat kann verm”ge der natrlichen Tr„gheit seiner Bewohner und der damit verbundenen Widerstandskraft manchmal erstaunlich lange Perioden schlechtester Verwaltung oder Leitung ertragen, ohne daran innerlich zugrunde zu gehen. Es ist dann oft so, als befinde sich in einem solchen K”rper keinerlei Leben mehr, als w„re er tot und abgestorben, bis pl”tzlich der Totgew„hnte sich wieder erhebt und nun staunenswerte Zeichen seiner unverwstlichen Lebenskraft der brigen Menschheit gibt. Anders aber ist dies bei einem Reiche, das aus nicht gleichen V”lkern zusammengesetzt, nicht durch das gemeinsame Blut als vielmehr durch eine gemeinsame Faust gehalten wird. Hier wird jede Schw„che der Leitung nicht zu einem Winterschlaf des Staates fhren, sondern zu einem Erwachen all der individuellen Instinkte Anlaá geben, die blutsm„áig vorhanden sind, ohne sich in Zeiten eines berragenden Willens entfalten zu k”nnen. Nur durch jahrhundertelange gemeinsame Erziehung, durch gemeinsame Tradition, gemeinsame Interessen usw. kann dies Gefahr gemildert werden. Daher werden solche Staatsgebilde, je jnger sie sind, um so mehr von der Gr”áe der Fhrung abh„ngen, ja als Werk berragender Gewaltmenschen und 79 Joseph II. Geistesheroen oft schon nach dem Tode des einsamen groáen Begrnders wieder zerfallen. Aber noch nach Jahrhunderten k”nnen diese Gefahren nicht als berwunden gelten, sie schlummern nur, um oft ganz pl”tzlich zu erwachen, sobald die Schw„che der gemeinsamen Leitung und die Kraft der Erziehung, die Erhabenheit aller Tradition, nicht mehr den Schwung des eigenen Lebensdranges der verschiedenen St„mme zu berwinden vermag. Dies nicht begriffen zu haben, ist die vielleicht tragische Schuld des Hauses Habsburg. Einem einzigen unter ihnen hielt das Schicksal noch einmal die Fackel ber die Zukunft seines Landes empor, dann verlosch sie fr immer. Joseph II., r”mischer Kaiser der deutschen Nation, sah in fliegender Angst, wie sein Haus, auf die „uáerste Kante des Reiches gedr„ngt, dereinst im Strudel eines V”lkerbabylons verschwinden máte, wenn nicht in letzter Stunde das Vers„umte der V„ter wieder gutgemacht wrde. Mit bermenschlicher Kraft stemmte sich der "Freund der Menschen" gegen die Fahrl„ssigkeit der Vorfahren und suchte in einem Jahrzehnt einzuholen, was Jahrhunderte vordem vers„umten. W„ren ihm nur vierzig Jahre verg”nnt gewesen zu seiner Arbeit und h„tten nach ihm auch nur zwei Generationen in gleicher Weise das begonnene Werk fortgefhrt, so wrde das Wunder wahrscheinlich gelungen sein. Als er aber nach kaum zehn Jahren Regierung, zermrbt an Leib und Seele, starb, sank mit ihm auch sein Werk in das Grab, um, nicht mehr wiedererweckt, in der Kapuzinergruft auf ewig zu entschlafen. Seine Nachfolger waren der Aufgabe weder geistig noch willensm„áig gewachsen. Als nun durch Europa die ersten revolution„ren Wetterzeichen einer neuen Zeit flammten, da begann auch ™sterreich langsam nach und nach Feuer zu fangen. Allein als der Brand endlich ausbrach, da wurde die Glut schon weniger durch soziale, gesellschaftliche oder auch allgemein politische Ursachen angefacht als vielmehr durch Triebkr„fte v”lkischen Ursprungs. 80 Die Aufl”sung der Donaumonarchie Die Revolution des Jahres 1848 konnte berall Klassenkampf sein, in ™sterreich jedoch war sie schon der Beginn eines neuen Rassenstreites. Indem damals der Deutsche, diesen Ursprung vergessend oder nicht erkennend, sich in den Dienst der revolution„ren Erhebung stellte, besiegelte er damit sein eigenes Los. Er half mit,den Geist der westlichen Demokratie zu erwecken, der in kurzer Zeit ihm die Grundlagen der eigenen Existenz entzog. Mit der Bildung eines parlamentarischen Vertretungsk”rpers ohne die vorhergehende Niederlegung und Festigung einer gemeinsamen Staatssprache war der Grundstein zum Ende der Vorherrschaft des Deutschtums in der Monarchie gelegt worden. Von diesem Augenblick an war damit aber auch der Staat selber verloren. Alles, was nun noch folgte, war nur die historische Abwicklung eines Reiches. Diese Aufl”sung zu verfolgen, war ebenso erschtternd wie lehrreich. In tausend und aber tausend Formen vollzog sich im einzelnen diese Vollstreckung eines geschichtlichen Urteils. Daá ein groáer Teil der Menschen blind durch die Erscheinungen des Zerfalls wandelte, bewies nur den Willen der G”tter zu ™sterreichs Vernichtung. Ich will hier nicht in Einzelheiten mich verlieren, da dies nicht die Aufgabe dieses Buches ist. Ich will nur jene Vorg„nge in den Kreis einer grndlicheren Betrachtung ziehen, die als immer gleichbleibende Ursachen des Verfalles von V”lkern und Staaten auch fr unsere heutige Zeit Bedeutung besitzen, und die endlich mithalfen, meiner politischen Denkweise die Grundlagen zu sichern. * Unter den Einrichtungen, die am deutlichsten die Zerfressung der ”sterreichischen Monarchie auch dem sonst nicht mit scharfen Augen gesegneten Spieábrger aufzeigen konnten, befand sich an der Spitze diejenige, die am meisten St„rke ihr eigen nennen sollte - das Parlament oder, wie es in ™sterreich hieá, der Reichsrat. 81 Der Parlamentarismus Ersichtlich war das Muster dieser K”rperschaft in England, dem Lande der klassischen "Demokratie", gelegen. Von dort bernahm man die ganze beglckende Anordnung und setzte sie so unver„ndert als m”glich nach Wien. Im Abgeordneten- und Herrenhaus feierte das englische Zweikammersystem seine Wiederauferstehung. Nur die "H„user" selber waren etwas verschieden. Als Barry einst seinen Parlamentspalast aus den Fluten der Themse herauswachsen lieá, da griff er in die Geschichte des britischen Weltreichs hinein und holte sich aus ihr den Schmuck fr die 1200 Nischen, Konsolen und S„ulen seines Prachtbaues heraus. In Bildwerk und Malerkunst wurde so das Haus der Lords und des Volkes zum Ruhmestempel der Nation. Hier kam die erste Schwierigkeit fr Wien. Denn als der D„ne Hansen die letzten Giebel am Marmorhaus der neuen Volksvertretung vollendet hatte, da blieb ihm auch zur Zierde nichts anderes brig als Entlehnungen bei der Antike zu versuchen. R”mische und griechische Staatsm„nner und Philosophen versch”nern nun dieses Theatergeb„ude der "westlichen Demokratie", und in symbolischer Ironie ziehen ber den zwei H„usern die Quadrigen nach den vier Himmelsrichtungen auseinander, auf solche Art dem damaligen Treiben im Innern auch nach auáen den besten Ausdruck verleihend. Die "Nationalit„ten" hatten es sich als Beleidigung und Provokation verbeten, daá in diesem Werke ”sterreichische Geschichte verherrlicht wrde, so wie man im Reiche selbst ja auch erst unter dem Donner der Weltkriegsschlachten wagte, den Wallotschen Bau des Reichstags durch Inschrift dem deutschen Volke zu weihen. Als ich, noch nicht zwanzig Jahre alt, zum erstem Male in den Prachtbau am Franzensring ging, um als Zuschauer und H”rer einer Sitzung des Abgeordnetenhauses beizuwohnen, ward ich von den widerstrebendsten Gefhlen erfaát. Ich hatte schon von jeher das Parlament gehaát, jedoch durchaus nicht als Institution an sich. Im Gegenteil, als freiheitlich empfindender Mensch konnte ich mir eine andere 82 Der Parlamentarismus M”glichkeit der Regierung gar nicht vorstellen, denn der Gedanke irgendeiner Diktatur w„re mir bei meiner Haltung zum Hause Habsburg als Verbrechen wider die Freiheit und gegen jede Vernunft vorgekommen. Nicht wenig trug dazu bei, daá mir als jungem Menschen infolge meines vielen Zeitungslesens, ohne daá ich dies wohl selber ahnte, eine gewisse Bewunderung fr das englische Parlament eingeimpft worden war, die ich nicht so ohne weiteres zu verlieren vermochte. Die Wrde, mit der dort auch das Unterhaus seinen Aufgaben oblag (wie dies unsere Presse so sch”n zu schildern verstand), imponierte mir m„chtig. Konnte es denn berhaupt eine erhabenere Form der Selbstregierung eines Volkstums geben? Gerade deshalb aber war ich ein Feind des ”sterreichischen Parlaments. Ich hielt die Form des ganzen Auftretens fr unwrdig des groáen Vorbildes. Nun trat aber noch folgendes hinzu: Das Schicksal des Deutschtums im ”sterreichischen Staate war abh„ngig von seiner Stellung im Reichsrat. Bis zur Einfhrung des allgemeinen und geheimen Wahlrechts war noch eine, wenn auch unbedeutende deutsche Majorit„t im Parlament vorhanden. Schon dieser Zustand war bedenklich, da bei der national unzuverl„ssigen Haltung der Sozialdemokratie diese in kritischen, das Deutschtum betreffenden Fragen - um sich nicht die Anh„nger in den einzelnen Fremdv”lkern abspenstig zu machen - immer gegen die deutschen Belange auftrat. Die Sozialdemokratie konnte schon damals nicht als deutsche Partei betrachtet werden. Mit der Einfhrung des allgemeinen Wahlrechts aber h”rte die deutsche šberlegenheit auch rein ziffernm„áig auf. Nun war der weiteren Entdeutschung des Staates kein Hindernis mehr im Wege. Der nationale Selbsterhaltungstrieb lieá mich schon damals aus diesem Grunde eine Volksvertretung wenig lieben, in der das Deutschtum immer statt vertreten verraten wurde. Allein dies waren M„ngel, die, wie so vieles andere eben auch, nicht der Sache an sich, sondern dem ”sterreichischen Staate zuzuschreiben waren. Ich glaubte frher noch, 83 Der Parlamentarismus daá mit einer Wiederherstellung der deutschen Mehrheit in den Vertretungsk”rpern zu einer prinzipiellen Stellungnahme dagegen kein Anlaá mehr vorhanden w„re, solange der alte Staat eben berhaupt noch bestnde. So also innerlich eingestellt, betrat ich zum ersten Male die ebenso geheiligten wie umstrittenen R„ume. Allerdings waren sie mir nur geheiligt durch die erhabene Sch”nheit des herrlichen Baues. Ein hellenisches Wunderwerk auf deutschem Boden. In kurzer Zeit aber war ich emp”rt, als ich das j„mmerliche Schauspiel sah, das sich nun unter meinen Augen abrollte! Es waren einige Hundert dieser Volksvertreter anwesend, die eben zu einer Frage von wichtiger wirtschaftlicher Bedeutung Stellung zu nehmen hatten. Mir gengte schon dieser erste Tag, um mich zum Denken auf Wochen hindurch anzuregen. Der geistige Gehalt des Vorgebrachten lag auf einer wahrhaft niederdrckenden "H”he", soweit man das Gerede berhaupt verstehen konnte; denn einige der Herren sprachen nicht deutsch, sondern in ihren slawischen Muttersprachen oder besser Dialekten. Was ich bis dahin nur aus dem Lesen der Zeitungen wuáte, hatte ich nun Gelegenheit, mit meinen eigenen Ohren zu h”ren. Eine gestikulierende, in allen Tonarten durcheinander schreiende, wildbewegte Masse, darber einen harmlosen alten Onkel, der sich im Schweiáe seines Daseins bemhte, durch heftiges Schwingen einer Glocke und bald begtigende, bald ermahnende ernste Zurufe die Wrde des Hauses wieder in Fluá zu bringen. Ich muáte lachen. Einige Wochen sp„ter war ich neuerdings in dem Hause. Das Bild war ver„ndert, nicht zum Wiedererkennen. Der Saal ganz leer. Man schlief da unten. Einige Abgeordnete waren auf ihrem Pl„tzen und g„hnten sich gegenseitig an, einer "redete". Ein Vizepr„sident des Hauses war anwesend und sah ersichtlich gelangweilt in den Saal. 84 Der Parlamentarismus Die ersten Bedenken stiegen mir auf. Nun lief ich, wenn mir die Zeit nur irgendwie die M”glichkeit bot, immer wieder hin und betrachtete mir still und aufmerksam das jeweilige Bild, h”rte die Reden an, soweit sie zu verstehen waren, studierte die mehr oder minder intelligenten Gesichter dieser Auserkorenen der Nationen dieses traurigen Staates - und machte mir dann allm„hlich meine eigenen Gedanken. Ein Jahr dieser ruhigen Beobachtung gengte, um meine frhere Ansicht ber das Wesen dieser Institution aber auch restlos zu „ndern oder zu beseitigen. Mein Inneres nahm nicht mehr Stellung gegen die miágestaltete Form, die dieser Gedanke in ™sterreich angenommen hatte; nein, nun konnte ich das Parlament als solches nicht mehr anerkennen. Bis dahin sah ich das Unglck des ”sterreichischen Parlaments im Fehlen einer deutschen Majorit„t, nun aber sah ich das Verh„ngnis in der ganzen Art und dem Wesen dieser Einrichtung berhaupt. Eine ganze Reihe von Fragen stieg mir damals auf. Ich begann mich mit dem demokratischen Prinzip der Mehrheitsbestimmung, als der Grundlage dieser ganzen Einrichtung, vertraut zu machen, schenkte aber auch nicht weniger Aufmerksamkeit den geistigen und moralischen Werten der Herren, die als Auserw„hlte der Nationen diesem Zwecke dienen sollten. So lernte ich Institution und Tr„ger derselben zugleich kennen. Im Verlauf einiger Jahre bildete sich mir dann in Erkenntnis und Einsicht der Typ der wrdevollsten Erscheinung der neueren Zeit in plastischer Deutlichkeit aus: der Parlamentarier. Er begann sich mir einzupr„gen in einer Form, die niemals mehr einer wesentlichen Žnderung unterworfen wurde. Auch dieses Mal hatte mich der Anschauungsunterricht der praktischen Wirklichkeit davor bewahrt, in einer Theorie zu ersticken, die auf den ersten Blick so vielen verfhrerisch erscheint, die aber nichtsdestoweniger zu den Verfallserscheinungen der Menschheit zu rechnen ist. 85 Der Parlamentarismus Die Demokratie des heutigen Westens ist der Vorl„ufer des Marxismus, der ohne sie gar nicht denkbar w„re. Sie gibt erst dieser Weltpest den N„hrboden, auf dem sich dann die Seuche auszubreiten vermag. In ihrer „uáeren Ausdrucksform, dem Parlamentarismus, schuf sie sich noch eine "Spottgeburt aus Dreck und Feuer", bei der mir nur leider das "Feuer" im Augenblick ausgebrannt zu sein scheint. Ich muá dem Schicksal mehr als dankbar sein, daá es mir auch diese Frage noch in Wien zur Prfung vorlegte, denn ich frchte, daá ich mir in Deutschland damals die Antwort zu leicht gemacht haben wrde. H„tte ich die L„cherlichkeit dieser Institution, "Parlament" genannt, zuerst in Berlin kennengelernt, so wrde ich vielleicht in das Gegenteil verfallen sein und mich, nicht ohne scheinbar guten Grund, auf die Seite derjenigen gestellt haben, die des Volkes und Reiches Heil in der ausschlieálichen F”rderung der Macht des Kaisergedankens allein erblickten und so der Zeit und den Menschen dennoch fremd und blind zugleich gegenberstanden. In ™sterreich war dies unm”glich. Hier konnte man nicht so leicht von einem Fehler in den anderen verfallen. Wenn das Parlament nichts taugte, dann taugten die Habsburger noch viel weniger - auf gar keinen Fall mehr. Mit der Ablehnung des "Parlamentarismus" war es hier allein nicht getan; denn dann blieb immer noch die Frage offen: was nun? Die Ablehnung und Beseitigung des Reichsrates wrde als einzige Regierungsgewalt ja nur das Haus Habsburg briggelassen haben, ein besonders fr mich ganz unertr„glicher Gedanke. Die Schwierigkeit dieses besonderen Falles fhrte mich zu einer grndlicheren Betrachtung des Problems an sich, als dies sonst wohl in so jungen Jahren eingetreten w„re. Was mir zu allererst und am allermeisten zu denken gab, war das ersichtliche Fehlen jeder Verantwortlichkeit einer einzelnen Person. Das Parlament faát irgendeinen Beschluá, dessen Folgen noch so verheerend sein m”gen - niemand tr„gt dafr eine Verantwortung, niemand kann je zur Rechenschaft gezogen 86 Der Mangel an Verantwortung werden. Denn heiát dies etwa Verantwortung bernehmen, wenn nach einem Zusammenbruch sondergleichen die schuldige Regierung zurcktritt? Oder die Koalition sich „ndert, ja das Parlament sich aufl”st? Kann den berhaupt eine schwankende Mehrheit von Menschen jemals verantwortlich gemacht werden? Ist denn nicht der Gedanke jeder Verantwortlichkeit an die Person gebunden? Kann man aber praktisch die leitende Person einer Regierung haftbar machen fr Handlungen, deren Werden und Durchfhrung ausschlieálich auf das Konto des Wollens und der Geneigtheit einer Vielheit von Menschen zu setzen sind? Oder: Wird nicht die Aufgabe des leitenden Staatsmannes, statt in der Geburt des sch”pferischen Gedankens oder Planes an sich, vielmehr nur in der Kunst gesehen, die Genialit„t seiner Entwrfe einer Hammelherde von Hohlk”pfen verst„ndlich zu machen, um dann deren gtige Zustimmung zu erbetteln? Ist dies das Kriterium des Staatsmannes, daá er die Kunst der šberredung in ebenso hohem Maáe besitze wie die der staatsm„nnischen Klugheit im Fassen groáer Richtlinien oder Entscheidungen? Ist die Unf„higkeit eines Fhrers dadurch bewiesen, daá es ihm nicht gelingt, die Mehrheit eines durch mehr oder minder saubere Zuf„lle zusammengebeulten Haufens fr eine bestimmte Idee zu gewinnen? Ja, hat denn dieser Haufe berhaupt schon einmal eine Idee begriffen, ehe der Erfolg zum Verknder ihrer Gr”áe wurde? Ist nicht jede geniale Tat auf dieser Welt der sichtbare Protest des Genies gegen die Tr„gheit der Masse? Was aber soll der Staatsmann tun, dem es nicht gelingt, die Gunst dieses Haufens fr seine Pl„ne zu erschmeicheln? Soll er sie erkaufen? Oder soll er angesichts der Dummheit seiner Mitbrger auf die Durchfhrung der als Lebensnotwendigkeiten erkannten 87 Die Zerst”rung des Fhrergedankens Aufgaben verzichten, sich zurckziehen, oder soll er dennoch bleiben? Kommt nicht in einem solchen Falle der wirkliche Charakter in einen unl”sbaren Konflikt zwischen Erkenntnis und Anstand oder besser gesagt ehrlicher Gesinnung? Wo liegt hier die Grenze, die die Pflicht der Allgemeinheit gegenber scheidet von der Verpflichtung der pers”nlichen Ehre? Muá nicht jeder wahrhaftige Fhrer es sich verbitten, auf solche Weise zum politischen Schieber degradiert zu werden? Und muá nicht umgekehrt jeder Schieber sich nun berufen fhlen, in Politik zu "machen", da die letzte Verantwortung niemals er, sondern irgendein unfaábarer Haufe zu tragen hat? Muá nicht unser parlamentarisches Mehrheitsprinzip zur Demolierung des Fhrergedankens berhaupt fhren? Glaubt man aber, daá der Fortschritt dieser Welt etwa aus dem Gehirn von Mehrheiten stammt und nicht aus den K”pfen einzelner? Oder vermeint man, vielleicht fr die Zukunft dieser Voraussetzung menschlicher Kultur entbehren zu k”nnen? Scheint sie nicht im Gegenteil heute n”tiger zu sein als je? Indem das parlamentarische Prinzip der Majorit„tsbestimmung die Autorit„t der Person ablehnt und an deren Stelle die Zahl des jeweiligen Haufens setzt, sndigt es wider den aristokratischen Grundgedanken der Natur, wobei allerdings deren Anschauung vom Adel in keinerlei Weise etwa in der heutigen Dekadenz unserer oberen Zehntausend verk”rpert zu sein braucht. Welche Verwstungen diese Einrichtung moderner demokratischer Parlamentsherrschaft anrichtet, kann sich freilich der Leser jdischer Zeitungen schwer vorstellen, soferne er nicht selbst„ndig denken und prfen gelernt hat. Sie ist in erster Linie der Anlaá fr die unglaubliche šberschwemmung des gesamten politischen Lebens mit den minderwertigsten Erscheinungen unserer Tage. So sehr sich der 88 Die Ausschaltung von K”pfen wahrhaftige Fhrer von einer politischen Bet„tigung zurckziehen wird, die zu ihrem gr”áten Teile nicht in sch”pferischer Leistung und Arbeit bestehen kann, als vielmehr im Feilschen und Handeln um die Gunst einer Mehrheit, so sehr wird gerade diese T„tigkeit dem kleinen Geist entsprechen und diesen mithin auch anziehen. Je zwergenhafter ein solcher Lederh„ndler heute an Geist und K”nnen ist, je klarer ihm die eigene Einsicht die J„mmerlichkeit seiner tats„chlichen Erscheinung zum Bewuátsein bringt, um so mehr wird er ein System preisen, das von ihm gar nicht die Kraft und Genialit„t eines Riesen verlangt, sondern vielmehr mit der Pfiffigkeit eines Dorfschulzen vorliebnimmt, ja, eine solche Art von Weisheit lieber sieht als die eines Perikles. Dabei braucht solch ein Tropf sich nie mit der Verantwortung seines Wirkens abqu„len. Er ist dieser Sorge schon deshalb grndlich enthoben, da er ja genau weiá, daá, ganz gleich, wie immer auch das Ergebnis seiner "staatsm„nnischen" Murkserei sein wird, sein Ende ja doch schon l„ngst in den Sternen verzeichnet steht: er wird eines Tages einem anderen, ebenso groáen Geist den Platz zu r„umen haben. Denn dies ist mit ein Kennzeichen eines solchen Verfalls, daá die Menge groáer Staatsm„nner in eben dem Maáe zunimmt, in dem der Maástab des einzelnen zusammenschrumpft. Er wird aber mit zunehmender Abh„ngigkeit von parlamentarischen Mehrheiten immer kleiner werden mssen, da sowohl die groáen Geister es ablehnen werden, die Bttel bl”der Nichtsk”nner und Schw„tzer zu sein, wie umgekehrt die Repr„sentanten der Majorit„t, das ist also der Dummheit, nicht inst„ndiger hassen als den berlegenen Kopf. Es ist immer ein tr”stliches Gefhl fr solch eine Ratsversammlung Schildaer Stadtverordneter, einen Fhrer an der Spitze zu wissen, dessen Weisheit dem Niveau der Anwesenden entspricht: hat doch so jeder die Freude, von Zeit zu Zeit auch seinen Geist dazwischen blitzen lassen zu k”nnen - und vor allem aber, wenn Hinze Meister sein kann, warum dann nicht auch einmal Peter? 89 Die Ausschaltung von K”pfen Am innigsten entspricht diese Erfindung der Demokratie aber einer Eigenschaft, die in letzter Zeit zu einer wahren Schande ausgewachsen ist, n„mlich der Feigheit eines groáen Teiles unseres sogenannten "Fhrertums". Welch ein Glck, sich in allen wirklichen Entscheidungen hinter den Rocksch”áen einer sogenannten Majorit„t verstecken zu k”nnen! Man sehe sich nur solch einen politischen Strauchdieb einmal an, wie er besorgt zu jeder Verrichtung sich die Zustimmung der Mehrheit erbettelt, um sich so die notwendigen Spieágesellen zu sichern und damit jederzeit die Verantwortung abladen zu k”nnen. Dies aber ist mit der Hauptgrund, warum eine solche Art von politischer Bet„tigung einem innerlich anst„ndigen und damit aber auch mutigen Mann widerlich und verhaát ist, w„hrend es alle elenden Charaktere - und wer nicht fr seine Handlung pers”nlich auch die Verantwortung bernehmen will, sondern nach Deckung sucht, ist ein feiger Lump - anzieht. Sowie aber erst einmal die Leiter einer Nation aus solchen J„mmerlingen bestehen, dann wird sich dies schon in kurzer Zeit b”se r„chen. Man wird dann zu keiner entschlossenen Handlung mehr den Mut aufbringen, wird jede, auch noch so schm„hliche Entehrung lieber hinnehmen, als sich zu einem Entschlusse aufzuraffen; ist doch niemand mehr da, der von sich aus bereit ist, seine Person und seinen Kopf fr die Durchfhrung einer rcksichtslosen Entscheidung einzusetzen. Denn eines soll und darf man nie vergessen: Die Majorit„t kann auch hier den Mann niemals ersetzen. Sie ist nicht nur immer eine Vertreterin der Dummheit, sondern auch der Feigheit. Und so wenig hundert Hohlk”pfe einen Weisen ergeben, so wenig kommt aus hundert Feiglingen ein heldenhafter Entschluá. Je leichter aber die Verantwortung des einzelnen Fhrers ist, um so mehr wird die Zahl derjenigen wachsen, die selbst bei j„mmerlichsten Ausmaáen sich berufen fhlen werden, ebenfalls der Nation ihre unsterblichen Kr„fte zur Verfgung zu stellen. Ja, sie werden es gar nicht mehr erwarten 90 Die Ausschaltung von K”pfen k”nnen, endlich einmal auch an die Reihe zu kommen; sie stehen an in einer langen Kolonne und z„hlen mit schmerzlichem Bedauern die Zahl der vor ihnen Wartenden und rechnen die Stunde fast aus, die menschlichem Ermessen nach sie zum Zuge bringen wird. Daher ersehnen sie jeden Wechsel in dem ihnen vorschwebenden Amte und sind dankbar fr jeden Skandal, der die Reihe vor ihnen lichtet. Will jedoch einmal einer nicht von der eingenommenen Stelle wieder weichen, so empfinden sie dies fast als Bruch eines heiligen Abkommens gemeinsamer Solidarit„t. Dann werden sie b”sartig und ruhen nicht eher, als bis der Unversch„mte, endlich gestrzt, seinen warmen Platz der Allgemeinheit wieder zur Verfgung stellt. Er wird dafr nicht so schnell wieder an diese Stelle gelangen. Denn sowie eine dieser Kreaturen ihren Posten aufzugeben gezwungen ist, wird sie sich sofort wieder in die allgemeine Reihe der Wartenden einzuschieben versuchen, soferne nicht das dann anhebende Geschrei und Geschimpfe der anderen sie davon abh„lt. Die Folge von dem allen ist der erschreckend schnelle Wechsel in den wichtigsten Stellen und Žmtern eines solchen Staatswesens, ein Ergebnis, das in jedem Falle ungnstig, manchmal aber geradezu katastrophal wirkt. Denn nun wird ja nicht nur der Dummkopf und Unf„hige dieser Sitte zum Opfer fallen, sondern noch mehr der wirkliche Fhrer, wenn das Schicksal einen solchen an diese Stelle zu setzen berhaupt noch fertigbringt. Sowie man nur einmal dieses erkannt hat, wird sich sofort eine geschlossene Front zur Abwehr bilden, besonders, wenn ein solcher Kopf, ohne aus den eigenen Reihen zu stammen, dennoch sich untersteht, in diese erhabene Gesellschaft einzudringen. Man will da grunds„tzlich nur unter sich sein und haát als gemeinsamen Feind jeden Sch„del, der unter den Nullen etwa einen Einser ergeben k”nnte. Und in dieser Richtung ist der Instinkt um so sch„rfer, je mehr er auch in allem anderen fehlen mag. So wird die Folge eine immer mehr um sich greifende geistige Verarmung der fhrenden Schichten sein. Was dabei 91 Die Ausschaltung von K”pfen fr die Nation und den Staat herauskommt, kann jeder selbst ermessen, soweit er nicht pers”nlich zu dieser Sorte von "Fhrern" geh”rt. Das alte ™sterreich besaá das parlamentarische Regiment bereits in Reinkultur. Wohl wurden die jeweiligen Ministerpr„sidenten vom Kaiser und K”nig ernannt, allein schon diese Ernennung war nichts anderes als die Vollstreckung parlamentarischen Wollens. Das Feilschen und Handeln aber um die einzelnen Ministerposten war schon westliche Demokratie von reinstem Wasser. Die Ergebnisse entsprachen auch den angewandten Grunds„tzen. Besonders der Wechsel der einzelnen Pers”nlichkeit trat schon in immer krzeren Fristen ein, um endlich zu einem wahrhaftigen Jagen zu werden. In demselben Maáe sank die Gr”áe der jeweiligen "Staatsm„nner" immer mehr zusammen, bis endlich berhaupt nur jener kleine Typ von parlamentarischen Schiebern brigblieb, deren staatsm„nnischer Wert nur mehr nach ihrer F„higkeit gemessen und anerkannt wurde, mit der es ihnen gelang, die jeweiligen Koalitionen zusammenzukleistern, also jene kleinsten politischen Handelsgesch„fte durchzufhren, die ja allein die Eignung dieser Volksvertreter fr praktische Arbeit zu begrnden verm”gen. So konnte einem die Wiener Schule auf diesem Gebiete die besten Eindrcke vermitteln. Was mich nicht weniger anzog, war der Vergleich zwischen dem vorhandenen K”nnen und Wissen dieser Volksvertreter und den Aufgaben, die ihrer harrten. Freilich muáte man sich dann aber, man mochte wollen oder nicht, mit dem geistigen Horizont dieser Auserw„hlten der V”lker selber n„her besch„ftigen, wobei es sich dann gar nicht mehr umgehen lieá, auch den Vorg„ngen, die zur Entdeckung dieser Prachterscheinungen unseres ”ffentlichen Lebens fhren, die n”tige Beachtung zu schenken. Auch die Art und Weise, in der das wirkliche K”nnen dieser Herren in den Dienst des Vaterlandes gestellt und angewendet wurde, also der technische Vorgang ihrer Bet„tigung, 92 Die "™ffentliche Meinung" war wert, grndlich untersucht und geprft zu werden. Das gesamte Bild des parlamentarischen Lebens ward dann um so j„mmerlicher, je mehr man sich entschloá, in diese inneren Verh„ltnisse einzudringen, Personen und fachliche Grundlagen mit rcksichtslos scharfer Objektivit„t zu studieren. Ja, dies ist sehr angezeigt einer Institution gegenber, die sich veranlaát sieht, durch ihre Tr„ger in jedem zweiten Satze auf "Objektivit„t" als die einzige gerechte Grundlage zu jeglicher Prfung und Stellungnahme berhaupt hinzuweisen. Man prfe diese Herren selber und die Gesetze ihres bitteren Daseins, und man wird ber das Ergebnis nur staunen. Es gibt gar kein Prinzip, das, objektiv betrachtet, so unrichtig ist als das parlamentarische. Man darf dabei noch ganz absehen von der Art, in der die Wahl der Herren Volksvertreter stattfindet, wie sie berhaupt zu ihrem Amte und zu ihrer neuen Wrde gelangen. Daá es sich herbei nur zu einem wahrhaft winzigen Bruchteil um die Erfllung eines allgemeinen Wunsches oder gar eines Bedrfnisses handelt, wird jedem sofort einleuchten, der sich klarmacht, daá das politische Verst„ndnis der breiten Masse gar nicht so entwickelt ist, um von sich aus zu bestimmten allgemein politischen Anschauungen zu gelangen und die dafr in Frage kommenden Personen auszusuchen. Was wir immer mit dem Worte "”ffentliche Meinung" bezeichnen, beruht nur zu einem kleinen Teile auf selbstgewonnenen Erfahrungen oder gar Erkenntnissen der einzelnen, zum gr”áten Teil dagegen auf der Vorstellung, die durch eine oft ganz unendlich eindringliche und beharrliche Art von sogenannter "Aufkl„rung" hervorgerufen wird. So wie die konfessionelle Einstellung das Ergebnis der Erziehung ist und nur das religi”se Bedrfnis an sich im Inneren des Menschen schlummert, so stellt auch die politische Meinung der Masse nur das Endresultat einer manchmal ganz unglaublich z„hen und grndlichen Bearbeitung von Seele und Verstand dar. 93 Die "™ffentliche Meinung" Der weitaus gewaltigste Anteil an der politischen "Erziehung", die man in diesem Falle mit dem Wort Propaganda sehr treffend bezeichnet, f„llt auf das Konto der Presse. Sie besorgt in erster Linie diese "Aufkl„rungsarbeit" und stellt damit eine Art von Schule fr die Erwachsenen dar. Nur liegt dieser Unterricht nicht in der Hand des Staates, sondern in den Klauen von zum Teil h”chst minderwertigen Kr„ften. Ich hatte gerade in Wien schon als so junger Mensch die allerbeste Gelegenheit, Inhaber und geistige Fabrikanten dieser Massenerziehungsmaschine richtig kennenzulernen. Ich muáte im Anfang staunen, in wie kurzer Zeit es dieser schlimmen Groámacht im Staate m”glich wurde, eine bestimmte Meinung zu erzeugen, auch wenn es sich dabei um die vollst„ndige Umf„lschung sicher vorhandener innerer Wnsche und Anschauungen der Allgemeinheit handeln mochte. In wenigen Tagen war da aus einer l„cherlichen Sache eine bedeutungsvolle Staatsaktion gemacht, w„hrend umgekehrt zu gleicher Zeit lebenswichtige Probleme dem allgemeinen Vergessen anheimfielen, besser aber einfach aus dem Ged„chtnis und der Erinnerung der Masse gestohlen wurden. So gelang es, im Verlaufe weniger Wochen Namen aus dem Nichts hervorzuzaubern, unglaubliche Hoffnungen der breiten ™ffentlichkeit an sie zu knpfen, ja ihnen Popularit„t zu verschaffen, die dem wirklich bedeutenden Manne oft in seinem ganzen Leben nicht zuteil zu werden vermag; Namen, die dabei noch vor einem Monat berhaupt kein Mensch aber auch nur dem H”ren nach kannte, w„hrend in der gleichen Zeit alte, bew„hrte Erscheinungen des staatlichen oder sonstigen ”ffentlichen Lebens bei bester Gesundheit einfach fr die Mitwelt abstarben oder mit solch elenden Schm„hungen berh„uft wurde, daá ihr Name in kurzem drohte zum Symbol einer ganz bestimmten Niedertracht oder Schurkerei zu werden. Man muá diese infame jdische Art, ehrlichen Menschen mit einem Male und wie auf Zauberspruch zugleich von hundert und aber hundert Stellen aus die Schmutzkbel niedrigster Verleumdungen und Ehrabschneidungen ber das saubere Kleid 94 Die "™ffentliche Meinung" zu gieáen, studieren, um die ganze Gefahr dieser Presselumpen richtig wrdigen zu k”nnen. Es gibt dann nichts, das solch einem geistigen Raubritter nicht passend w„re, um zu seinen sauberen Zielen zu kommen. Er wird dann bis in die geheimsten Familienangelegenheiten hineinschnffeln und nicht eher ruhen, als bis sein Trffelsuchinstinkt irgendeinen armseligen Vorfall aufst”bert, der dann bestimmt ist, dem unglcklichen Opfer den Garaus zu machen. Findet sich aber weder im ”ffentlichen noch im privaten Leben selbst bei grndlichstem Abriechen rein gar nichts, dann greift so ein Bursche einfach zur Verleumdung in der festen šberzeugung, daá nicht nur an und fr sich auch bei tausendf„ltigem Widerrufe doch immer etwas h„ngenbleibt, sondern daá infolge der hundertfachen Wiederholung, die die Ehrabschneidung durch alle seine sonstigen Spieágesellen sofort findet, ein Kampf des Opfers dagegen in den meisten F„llen gar nicht m”glich ist; wobei aber dieses Lumpenpack niemals etwa aus Motiven, wie sie vielleicht bei der anderen Menschheit glaubhaft oder wenigstens verst„ndlich w„ren, etwas unternimmt. Gott bewahre! Indem so ein Strolch die liebe Mitwelt in der schurkenhaftesten Weise angreift, hllt sich dieser Tintenfisch in eine wahre Wolke von Biederkeit und salbungsvollen Phrasen, schwatzt von "journalistischer Pflicht" und „hnlichem verlogenen Zeug, ja versteigt sich sogar noch dazu, bei Tagungen und Kongressen, also Anl„ssen, die diese Plage in gr”áerer Zahl beisammensehen, von einer ganz besonderen, n„mlich der journalistischen "Ehre" zu salbadern, die sich das versammelte Gesindel dann gravit„tisch gegenseitig best„tigt. Dieses Pack aber fabriziert zu mehr als zwei Dritteln die sogenannte "”ffentliche Meinung", deren Schaum dann die parlamentarische Aphrodite entsteigt. Um dieses Verfahren richtig zu schildern und in seiner ganzen verlogenen Unwahrhaftigkeit darzustellen, máte man B„nde schreiben. Allein, auch wenn man von dem ganz absieht und nur das gegebene Produkt samt seiner 95 Das Mehrheitsprinzip T„tigkeit betrachtet, so scheint mir dies gengend, um den objektivsten Irrsinn dieser Einrichtung auch fr das strenggl„ubige Gemt aufd„mmern zu lassen. Man wird diese ebenso unsinnige wie gef„hrliche menschliche Verirrung am ehesten und auch am leichtesten verstehen, sobald man den demokratischen Parlamentarismus in Vergleich bringt mit einer wahrhaften germanischen Demokratie. Das Bemerkenswerte des ersteren liegt darin, daá eine Zahl von sagen wir fnfhundert M„nnern, oder in letzter Zeit auch Frauen, gew„hlt wird, denen nun in allem und jedem auch die endgltige Entscheidung zu treffen obliegt. Sie sind so praktisch allein die Regierung; denn wenn auch von ihnen ein Kabinett gew„hlt wird, das nach auáen hin die Leitung der Staatsgesch„fte vornimmt, so ist dies trotzdem nur zum Scheine da. In Wirklichkeit kann diese sogenannte Regierung nicht einen Schritt tun, ohne sich nicht vorher erst die Genehmigung von der allgemeinen Versammlung geholt zu haben. Sie ist aber damit auch fr gar nicht verantwortlich zu machen, da die letzte Entscheidung ja niemals bei ihr liegt, sondern bei der Majorit„t des Parlaments. Sie ist in jedem Falle nur die Vollstreckerin des jeweiligen Mehrheitswillens. Man k”nnte ihre politische F„higkeit eigentlich nur beurteilen nach der Kunst, mit der sie es versteht, sich entweder dem Willen der Mehrheit anzupassen oder die Mehrheit zu sich herberzuziehen. Sie sinkt damit aber von der H”he einer tats„chlichen Regierung herunter zu einer Bettlerin gegenber der jeweiligen Majorit„t. Ja, ihre vordringlichste Aufgabe hat nun berhaupt nur mehr darin zu bestehen, von Fall zu Fall sich entweder die Gunst der bestehenden Mehrheit zu sichern oder die Bildung einer besser geneigten neuen zu bernehmen. Gelingt dies, dann darf sie wieder eine kleine Zeit weiter "regieren", gelingt es nicht, dann kann sie gehen. Die Richtigkeit ihrer Absichten an und fr sich spielt dabei gar keine Rolle. Damit aber wird jede Verantwortlichkeit praktisch ausgeschaltet. 96 Das Mehrheitsprinzip Zu welchen Folgen die fhrt, geht schon aus einer ganz einfachen Betrachtung hervor: Die innere Zusammensetzung der fnfhundert gew„hlten Volksvertreter nach Beruf oder gar nach den F„higkeiten der einzelnen ergibt ein ebenso zerissenes wie meist auch noch kmmmerliches Bild. Denn man wird doch nicht etwa glauben, daá diese Auserw„hlten der Nation auch ebenso Auserw„hlte des Geistes oder auch nur des Verstandes sind! Man wird hoffentlich nicht meinen, daá aus den Stimmzetteln einer alles eher als geistreichen W„hlerschaft die Staatsm„nner gleich zu Hunderten herauswachsen. šberhaupt kann man dem Unsinn gar nicht schaff genug entgegentreten, daá aus allgemeinen Wahlen Genies geboren wrden. Zum ersten gibt es in einer Nation nur alle heiligen Zeiten einmal einen wirklichen Staatsmann und nicht gleich an die hundert und mehr auf einmal; und zum zweiten ist die Abneigung der Masse gegen jedes berragende Genie eine geradezu instinktive. Eher geht auch ein Kamel durch ein Nadel”hr, ehe ein groáer Mann durch eine Wahl "entdeckt" wird. Was wirklich ber das Normalmaá des breiten Durchschnitts hinausragt, pflegt sich in der Weltgeschichte meistens pers”nlich anzumelden. So aber stimmen fnfhundert Menschen von mehr als bescheidenen Ausmaáen ber die wichtigsten Belange der Nation ab, setzen Regierungen ein, die sich dann selber wieder in jedem einzelnen Falle und jeder besonderen Frage die Zustimmung der erlauchten Ratsversammlung zu holen haben, mithin wird also tats„chlich die Politik von fnfhundert gemacht. Und danach sieht sie auch meistens aus. Aber selbst die Genialit„t dieser Volksvertreter ganz aus dem Spiele gelassen, bedenke man doch, welch verschiedener Art die Probleme sind, die einer Erledigung harren, auf welch auseinanderliegenden Gebieten L”sungen und Entscheidungen getroffen werden mssen, und man wird wohl begreifen, wie untauglich hierzu eine Regierungseinrichtung sein muá, die das letzte Bestimmungsrecht einer 97 Das Mehrheitsprinzip Massenversammlung von Menschen bertr„gt, von der immer nur ein ganz winziger Bruchteil Kenntnisse und Erfahrung in der zur Behandlung stehenden Angelegenheit besitzt. Die wichtigsten wirtschaftlichen Maánahmen werden so einem Forum unterbreitet, das nur zu einem Zehntel seiner Mitglieder wirtschaftliche Vorbildung aufzuweisen hat. Das heiát aber doch nichts anderes, als die letzte Entscheidung in einer Sache in die H„nde von M„nnern legen, denen jegliche Voraussetzung hierzu vollkommen fehlt. So ist es aber mit jeder anderen Frage auch. Immer wird durch eine Mehrheit von Nichtswissern und Nichtsk”nnern der Ausschlag gegeben werden, da ja die Zusammensetzung dieser Einrichtung unver„ndert bleibt, w„hrend sich die zur Behandlung stehenden Probleme auf fast alle Gebiete des ”ffentlichen Lebens erstrecken, mithin einen dauernden Wechsel der ber sie urteilenden und bestimmenden Abgeordneten voraussetzen wrden. Es ist doch unm”glich, ber Verkehrsangelegenheiten dieselben Menschen verfgen zu lassen wie, sagen wir, ber eine Frage hoher Auáenpolitik. Es máten dies anders denn lauter Universalgenies sein, wie sie in Jahrhunderten kaum einmal in wirkliche Erscheinung treten. Leider handelt es sich hier aber zumeist berhaupt um keine "K”pfe", sondern um ebenso beschr„nkte wie eingebildete und aufgeblasene Dilettanten, geistige Halbwelt belster Sorte. Daher kommt auch die so oft unverst„ndliche Leichtsinnigkeit, mit der diese Herrschaften ber Dinge reden und beschlieáen, die selbst den gr”áten Geistern sorgenvolle šberlegung bereiten wrden. Maánahmen von der schwersten Bedeutung fr die Zukunft eines ganzen Staates, ja einer Nation werden da getroffen, als ob eine ihnen sicher besser zustehende Partie Schaftskopf oder Tarock auf dem Tische l„ge und nicht das Schicksal einer Rasse. Nun w„re es sicher ungerecht, zu glauben, daá jeder der Abgeordneten eines solchen Parlaments von sich aus schon immer mit so geringen Gefhlen fr Verantwortung behaftet gewesen sei. 98 Das Verderben des Charakters Nein, durchaus nicht. Aber indem dieses System den einzelnen zwingt, zu solchen ihm gar nicht liegenden Fragen Stellung zu nehmen, verdirbt es allm„hlich den Charakter. Keiner wird den Mut aufzubringen verm”gen, zu erkl„ren:"Meine Herren, ich glaube, wir verstehen von dieser Angelegenheit nichts. Ich pers”nlich wenigstens auf keinen Fall." (Im brigen wrde dies nur wenig „ndern, denn sicher bliebe diese Art von Aufrichtigkeit nicht nur g„nzlich unverstanden, sondern man lieáe sich auch wohl kaum durch solch einen ehrlichen Esel das allgemeine Spiel verderben.) Wer die Menschen nun aber kennt, wird begreifen, daá in einer so illustren Gesellschaft nicht gerne einer der Dmmste sein m”chte, und in gewissen Kreisen ist Ehrlichkeit immer gleichbedeutend mit Dummheit. So wird auch der zun„chst noch ehrenhafte Vertreter zwangsl„ufig in diese Bahn der allgemeinen Verlogenheit und Betrgerei geworfen. Gerade die šberzeugung, daá das Nichtmittun eines einzelnen an der Sache an und fr sich gar nichts „ndern wrde, t”tet jede ehrliche Regung, die dem einen oder anderen etwa noch aufsteigen mag. Er wird sich zum Schlusse noch einreden, daá er pers”nlich noch lange nicht der Schlechteste unter den anderen sei und durch sein Mittun nur vielleicht Žrgeres verhte. Freilich wird man den Einwand bringen, daá allerdings der einzelne Abgeordnete in dieser oder jener Sache kein besonderes Verst„ndnis besitze, aber seine Stellungnahme ja von der Fraktion als Leiterin der Politik des betreffenden Herrn doch beraten werde; diese habe ihre besonderen Ausschsse, die von Sachverst„ndigen ohnehin mehr als gengend erleuchtet wrden. Dies scheint auf den ersten Blick zu stimmen. Aber die Frage w„re doch dann die: warum w„hlt man fnfhundert, wenn doch nur einige die n”tige Weisheit zur Stellungnahme in den wichtigsten Belangen besitzen? Ja, darin liegt eben des Pudels Kern. Es ist nicht das Ziel unseres heutigen demokratischen Parlamentarismus, etwa eine Versammlung von Weisen 99 Die jdische Demokratie zu bilden als vielmehr eine Schar geistig abh„ngiger Nullen zusammenzustellen, deren Leitung nach bestimmten Richtlinien um so leichter wird, je gr”áer die pers”nliche Beschr„nktheit des einzelnen ist. Nur so kann Parteipolitik im heutigen blen Sinne gemacht werden. Nur so aber ist es auch m”glich, daá der eigentliche Drahtzieher immer vorsichtig im Hintergrunde zu bleiben vermag, ohne jemals pers”nlich zur Verantwortung gezogen werden zu k”nnen. Denn nun wird jede der Nation auch noch sch„dliche Entscheidung ja nicht auf das Konto eines allen sichtbaren Lumpen kommen, sondern auf die Schultern einer ganzen Fraktion abgeladen werden. Damit aber f„llt jede praktische Verantwortung weg, denn diese kann nur in der Verpflichtung einer einzelnen Person liegen und nicht in der einer parlamentarischen Schw„tzervereinigung. Diese Einrichtung kann nur den allerverlogensten und zugleich besonders das Tageslicht scheuenden Schliefern lieb und wert sein, w„hrend sie jedem ehrlichen, gradlinigen, zur pers”nlichen Verantwortung bereiten Kerl verhaát sein muá. Daher ist diese Art von Demokratie auch das Instrument derjenigen Rasse geworden, die ihren inneren Zielen nach die Sonne zu scheuen hat, jetzt und in allen Zeiten der Zukunft. Nur der Jude kann eine Einrichtung preisen, die schmutzig und unwahr ist wie er selber. * Dem steht gegenber die wahrhaftige germanische Demokratie der freien Wahl des Fhrers, mit dessen Verpflichtung zur vollen šbernahme aller Verantwortung fr sein Tun und Lassen. In ihr gibt es keine Abstimmung einer Majorit„t zu einzelnen Fragen, sondern nur die Bestimmung eines einzigen, der dann mit Verm”gen und Leben fr seine Entscheidung einzutreten hat. Wenn man mit dem Einwand kommen wird, daá unter solchen Voraussetzungen sich schwerlich jemand bereitfinden 100 Die germanische Demokratie drfte, seine Person einer so riskanten Aufgabe zu widmen, so muá darauf nur eines geantwortet werden: Gott sei gedankt, darin liegt ja eben der Sinn einer germanischen Demokratie, daá nicht der n„chstbeste unwrdige Streber und moralische Drckeberger auf Umwegen zur Regierung seiner Volksgenossen kommt, sondern daá schon durch die Gr”áe der zu bernehmenden Verantwortung Nichtsk”nner und Schw„chlinge zurckgeschreckt werden. Sollte sich aber dennoch einmal ein solcher Bursche einzustehlen versuchen, dann kann man ihn leichter finden und rcksichtslos anfahren: Hinweg, feiger Lump! Ziehe den Fuá zurck, du beschmutzt die Stufen; denn der Vorderaufstieg in das Pantheon der Geschichte ist nicht fr Schleicher da, sondern fr Helden! * Zu dieser Anschauung hatte ich mich nach zweij„hrigem Besuch des Wiener Parlaments durchgerungen. Ich ging dann nicht mehr weiter hinein. Das parlamentarische Regiment hatte mit ein Hauptverdienst an der in den letzten Jahren immer mehr zunehmenden Schw„che des alten habsburgischen Staates. Je mehr durch sein Wirken die Vorherrschaft des Deutschtums gebrochen wurde, um so mehr verfiel man nun einem System der Ausspielung der Nationalit„ten untereinander. Im Reichsrat selber ging dies immer auf Kosten der Deutschen und damit allerdings in letzter Linie auf Kosten des Reiches; denn um die Jahrhundertwende schon muáte auch dem Allereinf„ltigsten einleuchten, daá die Anziehungskraft der Monarchie die Losl”sungsbestrebungen der L„nder nicht mehr zu bannen vermochte. Im Gegenteil. Je armseliger die Mittel wurden, die der Staat zu seiner Erhaltung aufzuwenden hatte, um so mehr stieg die allgemeine Verachtung fr ihn. Nicht nur in Ungarn, sondern auch in den einzelnen slawischen Provinzen fhlte man sich mit der gemeinsamen Monarchie so wenig mehr identisch, daá ihre Schw„che keineswegs als eigene Schande empfunden 101 Die zusammenbrechende Doppelmonarchie wurde. Man freute sich eher noch ber solche Anzeichen des eintretenden Alters; hoffte man doch mehr auf ihren Tod als auf ihre Gesundung. Im Parlament wurde der vollkommene Zusammenbruch noch verhindert durch ein wrdeloses Nachgeben und Erfllen aber auch jeder Erpressung, die dann der Deutsche zu bezahlen hatte; im Lande durch ein m”glichst geschicktes Ausspielen der einzelnen V”lker gegeneinander. Allein die allgemeine Linie der Entwicklung war dennoch gegen die Deutschen gerichtet. Besonders, seit die Thronfolgerschaft dem Erzherzog Franz Ferdinand einen gewissen Einfluá einzur„umen begann, kam in die von oben herunter betriebene Tschechisierung Plan und Ordnung. Mit allen nur m”glichen Mitteln versuchte dieser zuknftige Herrscher der Doppelmonarchie der Entdeutschung Vorschub zu leisten oder sie selber zu f”rdern, mindestens aber zu decken. Rein deutsche Orte wurden so ber den Umweg der staatlichen Beamtenschaft langsam, aber unbeirrt sicher in die gemischtsprachliche Gefahrenzone hineingeschoben. Selbst in Nieder”sterreich begann dieser Prozeá immer schnellere Fortschritte zu machen, und Wien galt vielen Tschechen schon als ihr gr”áte Stadt. Der leitende Gedanke dieses neuen Habsburgers, dessen Familie nur mehr tschechisch sprach (die Gemahlin des Erzherzogs war als ehemalige tschechische Gr„fin dem Prinzen morganatisch anvertraut; sie stammte aus Kreisen, deren deutschfeindliche Stellung Tradition bildete), war, in Mitteleuropa allm„hlich einen slawischen Staat aufzurichten, der zum Schutz gegen das orthodoxe Ruáland auf streng katholische Grundlage gestellt werden sollte. Damit wurde, wie schon ”fters bei den Habsburgern, die Religion wieder einmal in den Dienst eines rein politischen Gedankens, noch dazu eines - wenigstens von deutschen Gesichtspunkten aus betrachtet - unseligen Gedankens, gestellt. Das Ergebnis war ein mehr als trauriges in vielfacher Hinsicht. Weder das Haus Habsburg noch die katholische Kirche bekamen den erwarteten Lohn. 102 Habsburg und Deutschtum Habsburg verlor den Thron, Rom einen groáen Staat. Denn indem die Krone auch religi”se Momente in den Dienst ihrer politischen Erw„gungen stellte, rief sie einen Geist wach, den sie selber zun„chst freilich nicht fr m”glich gehalten hatte. Aus dem Versuch, mit allen Mitteln das Deutschtum in der alten Monarchie auszurotten, erwuchs als Antwort die alldeutsche Bewegung in ™sterreich. Mit den achtziger Jahren hatte der manchesterliche Liberalismus jdischer Grundeinstellung auch in der Monarchie den H”hepunkt erreicht, wenn nicht schon berschritten. Die Reaktion dagegen kam jedoch, wie bei allem im alten ™sterreich, nicht aus in erster Linie sozialen Gesichtspunkten heraus, sondern aus nationalen. Der Selbsterhaltungstrieb zwang das Deutschtum, in sch„rfster Form sich zur Wehr zu setzen. Erst in zweiter Linie begannen langsam auch wirtschaftliche Erw„gungen maágebenden Einfluá zu gewinnen. So sch„lten sich zwei Parteigebilde aus dem allgemeinen politischen Durcheinander heraus, das eine mehr national, das andere mehr sozial eingestellt, beide aber hochinteressant und lehrreich fr die Zukunft. Nach dem niederdrckenden Ende des Krieges 1866 trug das Haus Habsburg sich mit dem Gedanken einer Wiedervergeltung auf dem Schlachtfelde. Nur der Tod des Kaisers Max von Mexiko, dessen unglckliche Expedition man in erster Linie Napoleon III. zuschrieb, und dessen Fallenlassen durch den Franzosen allgemeine Emp”rung wachrief, verhinderte ein engeres Zusammengehen mit Frankreich. Dennoch lag Habsburg damals auf der Lauer. W„re der Krieg von 1870/71 nicht zu einem so einzigartigen Siegeszug geworden, so h„tte der Wiener Hof wohl doch noch das blutige Spiel um die Rache fr Sadowa gewagt. Als aber die ersten Heldenm„ren von den Schlachtfeldern eintrafen, wundersam und kaum zu glauben, aber dennoch wahr, da erkannte der "weiseste" aller Monarchen die unpassende Stunde und machte eine m”glichst gute Miene zum b”sen Spiel. Der Heldenkampf dieser beiden Jahre hatte aber noch ein 103 Rebellion der Deutsch”sterreicher viel gewaltigeres Wunder vollbracht; denn bei den Habsburgern entsprach die ver„nderte Stellungnahme niemals dem Drang des inneren Herzens, sondern dem Zwang der Verh„ltnisse. Das deutsche Volk in der alten Ostmark aber wurde von dem Siegesrausche des Reiches mitgerissen und sah mit tiefer Ergriffenheit das Wiederauferstehen des Traumes der V„ter zur herrlichsten Wirklichkeit. Denn man t„usche sich nicht: der wahrhaft deutschgesinnte ™sterreicher hatte auch in K”nigsgr„tz von diesen Stunden an nur mehr die ebenso tragische wie aber auch notwendige Voraussetzung erkannt zur Wiederaufrichtung eines Reiches, das nicht mehr mit dem fauligen Marasmus des alten Bundes behaftet sein sollte - und es auch nicht mehr war. Er lernte vor allem auch am grndlichsten am eigenen Leibe zu fhlen, daá das Haus Habsburg seine geschichtliche Sendung endlich beendet hatte und das neue Reich nur mehr den zum Kaiser kren drfe, der in seiner heldischen Gesinnung der "Krone des Rheines" ein wrdiges Haupt zu bieten habe. Wieviel mehr noch aber war das Schicksal zu preisen, da es diese Belehnung an dem Sprossen eines Hauses vollzog, das in Friedrich dem Groáen schon einmal der Nation in verschwommener Zeit ein leuchtendes Sinnbild zur Erhebung fr immer geschenkt hatte. Als aber nach dem groáen Kriege das Haus Habsburg mit letzter Entschlossenheit daranging, das gef„hrliche Deutschtum der Doppelmonarchie (dessen innere Gesinnung nicht zweifelhaft sein konnte) langsam aber unerbittlich auszurotten - denn dies muáte das Ende der Slawisierungspolitik sein -, da brannte der Widerstand des zum Ende bestimmten Volkes empor in einer Art, wie die deutsche Geschichte der neueren Zeit dies noch nicht kannte. Zum ersten Male wurden national und patriotisch gesinnte M„nner Rebellen. Rebellen nicht gegen die Nation, auch nicht gegen den Staat an sich, sondern Rebellen gegen eine Art der Regierung, die ihrer šberzeugung nach zum Untergang des eigenen Volkstums fhren muáte. Zum ersten Male in der neueren deutschen Geschichte 104 Staatsautorit„t nicht Selbstzweck schied sich der landl„ufige dynastische Patriotismus von nationaler Vaterlands- und Volksliebe. Es ist das Verdienst der alldeutschen Bewegung Deutsch”sterreichs der neunziger Jahre gewesen, in klarer und eindeutiger Weise festgestellt zu haben, daá eine Staatsautorit„t nur dann das Recht hat, Achtung und Schutz zu verlangen, wenn sie den Belangen eines Volkstums entspricht, mindestens ihm nicht Schaden zufgt. Staatsautorit„t als Selbstzweck kann es nicht geben, da in diesem Falle jede Tyrannei auf dieser Welt unangreifbar und geheiligt w„re. Wenn durch die Hilfsmittel der Regierungsgewalt ein Volkstum dem Untergang entgegengefhrt wird, dann ist die Rebellion eines jeden Angeh”rigen eines solchen Volkes nicht nur Recht, sondern Pflicht. Die Frage aber, wann ein solcher Fall gegeben sei, wird nicht entschieden durch theoretische Abhandlungen, sondern durch die Gewalt und - den Erfolg. Da jede Regierungsgewalt selbstverst„ndlich die Pflicht der Erhaltung der Staatsautorit„t fr sich in Anspruch nimmt, mag sie auch noch so schlecht sein und die Belange eines Volkstums tausendmal verraten, so wird der v”lkische Selbsterhaltungstrieb bei Niederk„mpfung einer solchen Macht, zur Erringung der Freiheit oder Unabh„ngigkeit, dieselben Waffen zu fhren haben, mittels deren der Gegner sich zu halten versucht. Der Kampf wird demnach solange mit "legalen" Mitteln gek„mpft werden, solange auch die zu strzende Gewalt sich solcher bedient; es wird aber auch nicht vor illegalen zurckzuschrecken sein, wenn auch der Unterdrcker solche anwendet. Im allgemeinen aber soll nie vergessen werden, daá nicht die Erhaltung eines Staates oder gar die einer Regierung h”chster Zweck des Daseins der Menschen ist, sondern die Bewahrung ihrer Art. Ist aber einmal diese selber in Gefahr, unterdrckt oder gar beseitigt zu werden, dann spielt die Frage der Legalit„t nur mehr eine untergeordnete Rolle. Es mag dann sein, daá sich die herrschende Macht tausendmal sogenannter 105 Menschenrecht bricht Staatsrecht "legaler" Mittel in ihrem Vorgehen bedient, so ist dennoch der Selbsterhaltungstrieb der Unterdrckten immer die erhabenste Rechtfertigung fr ihren Kampf mit allen Waffen. Nur aus der Anerkennung dieses Satzes allein sind die Freiheitsk„mpfe gegen innere und auch „uáere Versklavung von V”lkern auf dieser Erde in so gewaltigen historischen Beispielen geliefert worden. Menschenrecht bricht Staatsrecht. Unterliegt aber ein Volk in seinem Kampf um die Rechte des Menschen, dann wurde es eben auf der Schicksalswaage zu leicht befunden fr das Glck der Forterhaltung auf der irdischen Welt. Denn wer nicht bereit oder f„hig ist, fr sein Dasein zu streiten, dem hat die ewig gerechte Vorsehung schon das Ende bestimmt. Die Welt ist nicht da fr feige V”lker. * Wie leicht es einer Tyrannei aber ist, sich das M„ntelchen einer sogenannten "Legalit„t" umzuh„ngen, zeigte wieder am klarsten und eindringlichsten das Beispiel ™sterreich. Die legale Staatsgewalt fuáte damals auf dem deutschfeindlichen Boden des Parlaments mit seinen nichtdeutschen Majorit„ten - und dem ebenso deutschfeindlichen Herrscherhaus. In diesen beiden Faktoren war die gesamte Staatsautorit„t verk”rpert. Von dieser Stelle aus das Los des deutsch”sterreichischen Volkes „ndern zu wollen, war Unsinn. Damit aber w„re nun nach den Meinungen unserer Anbeter des einzig m”glichen "legalen" Weges und der Staatsautorit„t an sich jeder Widerstand, weil mit legalen Mitteln nicht durchfhrbar, zu unterlassen gewesen. Dieses aber wrde das Ende des deutschen Volkes in der Monarchie mit zwingender Notwendigkeit - und zwar in kurzer Zeit - bedeutet haben. Tats„chlich ist das Deutschtum vor diesem Schicksal auch nur durch den Zusammenbruch dieses Staates allein gerettet worden. Der bebrillte Theoretiker freilich wrde immer noch lieber fr seine Doktrin sterben als fr sein Volk. 106 Die alldeutsche Bewegung Da die Menschen sich erst Gesetze schaffen, glaubt er, sie w„ren sp„ter fr diese da. Mit diesem Unsinn zum Entsetzen aller theoretischen Prinzipienreiter sowie sonstiger staatlicher Fetischinsulaner grndlich aufger„umt zu haben, war das Verdienst der damaligen alldeutschen Bewegung in ™sterreich. Indem die Habsburger versuchten, mit allen Mitteln dem Deutschtum auf den Leib zu rcken, griff diese Partei das "erhabene" Herrscherhaus selber, und zwar rcksichtslos an. Sie hat zum ersten Male die Sonde an diesen faulen Staat gelegt und Hunderttausenden die Augen ge”ffnet. Es ist ihr Verdienst, den herrlichen Begriff der Vaterlandsliebe aus der Umarmung dieser traurigen Dynastie erl”st zu haben. Ihr Anhang war in der ersten Zeit ihres Auftretens auáerordentlich groá, ja drohte zu einer f”rmlichen Lawine zu werden. Allein, der Erfolg hielt nicht an. Als ich nach Wien kam, war die Bewegung schon l„ngst von der inzwischen zur Macht gelangten christlich- sozialen Partei berflgelt, ja zu einer nahezu vollst„ndigen Bedeutungslosigkeit herabgedrckt worden. Dieser ganze Vorgang des Werdens und Vergehens der alldeutschen Bewegung einerseits und des unerh”rten Aufstiegs der christlich- sozialen Partei andererseits sollte als klassisches Studienobjekt fr mich von tiefster Bedeutung werden. Als ich nach Wien kam, standen meine Sympathien voll und ganz auf der Seite der alldeutschen Richtung. Daá man den Mut aufbrachte, im Parlament den Ruf "Hoch Hohenzollern" auszustoáen, imponierte mir ebensosehr, wie es mich freute, daá man sich immer noch als bloá vorbergehend getrennten Bestandteil des Deutschen Reiches betrachtete und keinen Augenblick vergehen lieá, um dieses auch ”ffentlich zu bekunden, erweckte in mir freudige Zuversicht; daá man in allen das Deutschtum betreffenden Fragen rcksichtslos Farbe bekannte und niemals zu Kompromissen sich herbeilieá, schien mir der einzige noch gangbare are Weg zur Rettung unseres Volkes zu sein; daá aber die Bewegung nach ihrem erst so herrlichen Aufstieg nun 107 Sch”nerer und Lueger so sehr niedersank, konnte ich nicht verstehen. Noch weniger aber, daá die christlich-soziale Partei in dieser gleichen Zeit zu so ungeheurer Macht zu gelangen vermochte. Sie war damals gerade am Gipfel ihres Ruhmes angelangt. Indem ich daranging, beide Bewegungen zu vergleichen, gab mir auch hier das Schicksal, durch meine sonstige traurige Lage beschleunigt, den besten Unterricht zum Verst„ndnis der Ursachen dieses R„tsels. Ich beginne mein Abw„gen zuerst bei den beiden M„nnern, die als Fhrer und Begrnder der zwei Parteien anzusehen sind: Georg v. Sch”nerer und Dr. Karl Lueger. Rein menschlich genommen ragen sie, einer wie der andere, weit ber den Rahmen und das Ausmaá der sogenannten parlamentarischen Erscheinungen hinaus. Im Sumpfe einer allgemeinen politischen Korruption blieb ihr ganzes Leben rein und unantastbar. Dennoch lag meine pers”nliche Sympathie zuerst auf seiten des Alldeutschen Sch”nerer, um sich nur nach und nach dem christlich-sozialen Fhrer ebenfalls zuzuwenden. In ihren F„higkeiten verglichen schien mir schon damals Sch”nerer als der bessere und grndlichere Denker in prinzipiellen Problemen zu sein. Er hat das zwangsl„ufige Ende des ”sterreichischen Staates richtiger und klarer erkannt als irgendein anderer. Wrde man besonders im Reiche seine Warnungen vor der Habsburger- Monarchie besser geh”rt haben, so w„re das Unglck des Weltkrieges Deutschlands gegen ganz Europa nie gekommen. Allein wenn Sch”nerer die Probleme ihrem inneren Wesen nach erkannte, dann irrte er sich um so mehr in den Menschen. Hier lag wieder die St„rke Dr. Luegers. Dieser war ein seltener Menschenkenner, der sich besonders htete, die Menschen besser zu sehen, als sie nun einmal sind. Daher rechnete er auch mehr mit den realen M”glichkeiten des Lebens, w„hrend Sch”nerer hierfr nur wenig Verst„ndnis aufbrachte. Alles, was der Alldeutsche auch dachte, war, theoretisch genommen, richtig, allein indem die Kraft und das Verst„ndnis fehlte, die theoretische Erkenntnis 108 Sch”nerer und Lueger der Masse zu vermitteln, sie also in solche Form zu bringen, daá sie damit der Aufnahmef„higkeit des breiten Volkes, die nun einmal eine begrenzte ist und bleibt, entsprach, war eben alles Erkennen nur seherische Weisheit, ohne jemals praktische Wirklichkeit werden zu k”nnen. Dieses Fehlen tats„chlicher Menschenkenntnis fhrte aber im weiteren Verlaufe zu einem Irrtum in der Krafteinsch„tzung ganzer Bewegungen sowie uralter Institutionen. Endlich hat Sch”nerer allerdings erkannt, daá es sich hier um Weltanschauungsfragen handelt, aber nicht begriffen, daá sich zum Tr„ger solcher nahezu religi”ser šberzeugungen in erster Linie immer nur die breiten Massen eines Volkes eignen. Er sah in leider nur sehr kleinem Umfang die auáerordentliche Begrenztheit des Kampfwillens der sogenannten "brgerlichen" Kreise schon infolge ihrer wirtschaftlichen Stellung, die den einzelnen zuviel zu verlieren befrchten l„át und ihn deshalb auch mehr zurckh„lt. Und doch wird im allgemeinen eine Weltanschauung nur dann Aussicht auf den Sieg haben, wenn sich die breite Masse als Tr„gerin der neuen Lehre bereit erkl„rt, den notwendigen Kampf auf sich zu nehmen. Diesem Mangel an Verst„ndnis fr die Bedeutung der unteren Volksschichten entsprang dann aber auch die vollst„ndig unzureichende Auffassung ber die soziale Frage. In all dem war Dr. Lueger das Gegenteil Sch”nerers. Die grndliche Menschenkenntnis lieá ihn die m”glichen Kr„fte ebenso richtig beurteilen, wie er dadurch aber auch bewahrt blieb vor einer zu niederen Einsch„tzung vorhandener Institutionen, ja vielleicht gerade aus diesem Grunde sich eher noch solcher als Hilfsmittel zur Erreichung seiner Absichten bedienen lernte. Er verstand auch nur zu genau, daá die politische Kampfkraft des oberen Brgertums in der heutigen Zeit nur gering und nicht ausreichend war, einer neuen groáen Bewegung den Sieg zu erk„mpfen. Daher legte er das Hauptgewicht seiner politischen T„tigkeit auf die Gewinnung von Schichten, deren Dasein bedroht war und mithin eher zu 109 Sch”nerer und Lueger einem Ansporn als zu einer L„hmung des Kampfwillens wurde. Ebenso war er geneigt, sich all der einmal schon vorhandenen Machtmittel zu bedienen, bestehende m„chtige Einrichtungen sich geneigt zu machen, um aus solchen alten Kraftquellen fr die eigene Bewegung m”glichst groáen Nutzen ziehen zu k”nnen. So stellte er seine neue Partei in erster Linie auf den vom Untergange bedrohten Mittelstand ein und sicherte sich dadurch eine nur sehr schwer zu erschtternde Anh„ngerschaft von ebenso groáer Opferwilligkeit wie z„her Kampfkraft. Sein unendlich klug ausgestaltetes Verh„ltnis zur katholischen Kirche aber gewann ihm in kurzer Zeit die jngere Geistlichkeit in einem Umfange, daá die alte klerikale Partei entweder das Kampffeld zu r„umen gezwungen war, oder, noch klger, sich der neuen Partei anschloá, um so langsam Position um Position wieder zu gewinnen. Wrde aber dies allein als das charakteristische Wesen des Mannes angesehen werden, dann gesch„he ihm schweres Unrecht. Denn zum klugen Taktiker kamen auch die Eigenschaften eines wahrhaft groáen und genialen Reformators. Freilich auch hier begrenzt durch eine genaue Kenntnis der nun einmal vorhandenen M”glichkeiten sowie auch der F„higkeit der eigenen Person. Es war ein unendlich praktisches Ziel, daá sich dieser wahrhaft bedeutende Mann gestellt hatte. Er wollte Wien erobern. Wien war das Herz der Monarchie, von dieser Stadt ging noch das letzte Leben in den krankhaft und alt gewordenen K”rper des morschen Reiches hinaus. Je gesnder das Herz wrde, um so frischer muáte auch der brige K”rper aufleben. Ein prinzipiell richtiger Gedanke, der aber doch nur eine bestimmte, begrenzte Zeit zur Anwendung kommen konnte. Und hierin lag die Schw„che dieses Mannes. Was er als Brgermeister der Stadt Wien geleistet hat, ist im besten Sinne des Wortes unsterblich; die Monarchie aber vermochte er dadurch nicht mehr zu retten - es war zu sp„t. Dieses hatte sein Widersacher Sch”nerer klarer gesehen. 110 Ursachen des Miáerfolgs Sch”nerers Was Dr. Lueger praktisch angriff, gelang in wundervoller Weise; was er sich davon erhoffte, blieb aus. Was Sch”nerer wollte, gelang ihm nicht, was er befrchtete, traf aber leider in furchtbarer Weise ein. So haben beide M„nner ihr weiteres Ziel nicht erreicht. Lueger konnte ™sterreich nicht mehr retten und Sch”nerer das deutsche Volk nicht mehr vor dem Untergange bewahren. Es ist unendlich lehrreich fr unsere heutige Zeit, die Ursachen des Versagens beider Parteien zu studieren. Es ist dies besonders fr meine Freunde zweckm„áig, da in vielen Punkten die Verh„ltnisse heute „hnliche sind wie damals und Fehler dadurch vermieden werden k”nnen, die schon einst zum Ende der einen Bewegung und zur Fruchtlosigkeit der anderen gefhrt hatten. Der Zusammenbruch der alldeutschen Bewegung in ™sterreich hatte in meinen Augen drei Ursachen: Erstens die unklare Vorstellung der Bedeutung des sozialen Problems gerade fr eine neue, ihrem inneren Wesen nach revolution„re Partei. Indem sich Sch”nerer und sein Anhang in erster Linie an die brgerlichen Schichten wandten, konnte das Ergebnis nur ein sehr schw„chliches, zahmes sein. Das deutsche Brgertum ist besonders in seinen h”heren Kreisen, wenn auch von einzelnen ungeahnt, pazifistisch bis zur f”rmlichen Selbstverleugnung, wenn es sich um innere Angelegenheiten der Nation oder des Staates handelt. In guten Zeiten, das heiát in diesem Falle also in Zeiten einer guten Regierung, ist eine solche Gesinnung ein Grund des auáerordentlichen Wertes dieser Schichten fr den Staat; in Zeiten schlechterer Herrschaft aber wirkt sie geradezu verheerend. Schon um die Durchfhrung eines wirklich ernsten Kampfes berhaupt zu erm”glichen, muáte die alldeutsche Bewegung sich vor allem der Gewinnung der Massen widmen. Daá sie dies nicht tat, nahm ihr von vornherein den elementaren Schwung, den eine solche Welle nun einmal braucht, wenn sie nicht in kurzer Zeit schon verebben soll. 111 Ursachen des Miáerfolgs Sch”nerers Sowie aber dieser Grundsatz nicht von Anfang an ins Auge gefaát und auch durchgefhrt wird, verliert die neue Partei fr sp„ter jede M”glichkeit eines Nachholens des Vers„umten. Denn mit der Aufnahme beraus zahlreicher gem„áigt-brgerlicher Elemente wird sich die innere Einstellung der Bewegung immer nach diesen richten und so jede weitere Aussicht zum Gewinnen nennenswerter Kr„fte aus dem breiten Volke einbáen. Damit aber wird eine solche Bewegung ber bloáes N”rgeln und Kritisieren nicht mehr hinauskommen. Der mehr oder minder fast religi”se Glaube, verbunden mit einer ebensolchen Opferwilligkeit, wird nimmermehr zu finden sein; an dessen Stelle wird aber das Bestreben treten, durch "positive" Mitarbeit, das heiát in diesem Falle aber durch Anerkennung des Gegebenen, die H„rten des Kampfes allm„hlich abzuschleifen, um endlich bei einem faulen Frieden zu landen. So ging es auch der alldeutschen Bewegung, weil sie nicht von vornherein das Hauptgewicht auf die Gewinnung ihrer Anh„nger aus den Kreisen der breiten Masse gelegt hatte. Sie wurde "brgerlich, vornehm, ged„mpft radikal". Aus diesem Fehler erwuchs ihr aber die zweite Ursache des schnellen Untergangs. Die Lage in ™sterreich fr das Deutschtum war zur Zeit des Auftretens der alldeutschen Bewegung schon verzweifelt. Von Jahr zu Jahr war das Parlament mehr zu einer Einrichtung der langsamen Vernichtung des deutschen Volkes geworden. Jeder Versuch einer Rettung in zw”lfter Stunde konnte nur in der Beseitigung dieser Institution eine wenn auch kleine Aussicht auf Erfolg biegen. Damit trat an die Bewegung eine Frage von prinzipieller Bedeutung heran: Sollte man, um das Parlament zu vernichten, in das Parlament gehen, um dasselbe, wie man sich auszudrcken pflegte, "von innen heraus auszuh”hlen", oder sollte man diesen Kampf von auáen angriffsweise gegen diese Einrichtung an und fr sich fhren? Man ging hinein und kam geschlagen heraus. Freilich, man muáte hineingehen. 112 Alldeutsche und Parlament Den Kampf gegen eine solche Macht von auáen durchfhren, heiát sich mit unerschtterlichem Mute rsten, aber auch zu unendlichen Opfern bereit sein. Man greift den Stier damit an den H”rnern an und wird viele schwere St”áe erhalten, wird manchmal zu Boden strzen, um sich vielleicht einmal nur mit gebrochenen Gliedern wieder erheben zu k”nnen, und erst nach schwerstem Ringen wird sich der Sieg dem khnen Angreifer zuwenden. Nur die Gr”áe der Opfer wird neue K„mpfer der Sache gewinnen, bis endlich der Beharrlichkeit der Lohn des Erfolges wird. Dazu aber braucht man die Kinder des Volkes aus den breiten Massen. Sie allein sind entschlossen und z„he genug, diesen Streit bis zum blutigen Ende durchzufechten. Diese breite Masse aber besaá die alldeutsche Bewegung eben nicht; so blieb ihr auch nichts anderes brig, als in das Parlament zu gehen. Es w„re falsch, zu glauben, daá dieser Entschluá das Ergebnis langer innerer seelischer Qualen oder auch nur šberlegungen gewesen w„re; nein, man dachte an gar nichts anderes. Die Teilnahme an diesem Unsinn war nur der Niederschlag allgemeiner, unklarer Vorstellungen ber die Bedeutung und die Wirkung einer solchen eigenen Beteiligung an der im Prinzip ja schon falsch erkannten Einrichtung. Im allgemeinen erhoffte man sich wohl eine Erleichterung der Aufkl„rung breiterer Volksmassen, indem man ja nun vor dem "Forum der ganzen Nation" zu sprechen Gelegenheit bekam. Auch schien es einzuleuchten, daá der Angriff an der Wurzel des šbels erfolgreicher sein msse als das Anstrmen von auáen. Durch den Schutz der Immunit„t glaubte man die Sicherheit des einzelnen Vork„mpfers gest„rkt, so daá die Kraft des Angriffes sich dadurch nur erh”hen konnte. In der Wirklichkeit allerdings kamen die Dinge wesentlich anders. Das Forum, vor dem die alldeutschen Abgeordneten sprachen, war nicht gr”áer, sondern eher kleiner geworden; denn es spricht jeder nur vor dem Kreis, der ihn zu h”ren vermag, 113 Alldeutsche und Parlament oder der durch die Berichte der Presse eine Wiedergabe des Gesprochenen erh„lt. Das gr”áte unmittelbare Forum von Zuh”rern stellt aber nicht der H”rsaal eines Parlamentes dar, sondern die groáe ”ffentliche Volksversammlung. Denn in ihr befinden sich Tausende von Menschen, die nur gekommen sind, um zu vernehmen, was der Redner ihnen zu sagen habe, w„hrend im Sitzungssaale des Abgeordnetenhauses nur wenig hundert sind, zumeist auch nur da, um Di„ten in Empfang zu nehmen, keineswegs, um etwa die Weisheit des einen oder anderen Herrn "Volksvertreters" in sich hineinleuchten zu lassen. Vor allem aber: Es ist dies ja immer das gleiche Publikum, das niemals mehr etwas hinzulernen wird, da ihm hierzu auáer dem Verstande ja auch der hierzu n”tige, wenn auch noch so bescheidene Wille fehlt. Niemals wird einer dieser Volksvertreter von sich aus der besseren Wahrheit die Ehre geben, um sich dann auch in ihren Dienst zu stellen. Nein, dies wird nicht ein einziger tun, auáer er hat Grund zu hoffen, durch eine solche Wendung sein Mandat fr eine weitere Session noch retten zu k”nnen. Erst also, wenn es in der Luft liegt, daá die bisherige Partei bei einer kommenden Wahl schlecht abschneiden wird, werden sich diese Zierden von Mannhaftigkeit auf den Weg machen und sehen, ob und wie sie zur anderen, vermutlich besser abschneidenden Partei oder Richtung zu kommen verm”gen, wobei dieser Positionswechsel allerdings unter einem Wolkenbruch moralischer Begrndungen vor sich zu gehen pflegt. Daher wird immer, wenn eine bestehende Partei der Ungunst des Volkes in so groáen Umfange verfallen erscheint, daá die Wahrscheinlichkeit einer vernichtenden Niederlage droht, ein groáes Wandern anheben: die parlamentarischen Ratten verlassen das Parteischiff. Mit besserem Wissen oder Wollen aber hat dies nichts zu tun, sondern nur mit jener hellseherischen Begabung, die solch eine Parlamentswanze gerade noch zur rechten Zeit warnt und so immer wieder auf ein anderes warmes Parteibett fallen l„át. 114 Alldeutsche und Parlament Vor einem solchen "Forum" zu sprechen, heiát aber doch wirklich Perlen vor die bekannten Tiere werfen. Das lohnt sich wahrhaftig nicht! Der Erfolg kann hier gar nicht anders als Null sein. Und so war es auch. Die alldeutschen Abgeordneten mochten sich die Kehlen heiser reden: Die Wirkung blieb v”llig aus. Die Presse aber schwieg sie entweder tot oder zerriá ihre Reden so, daá jeglicher Zusammenhang, ja oft sogar der Sinn verdreht wurde oder ganz verlorenging und dadurch die ”ffentliche Meinung ein nur sehr schlechtes Bild von den Ansichten der neuen Bewegung erhielt. Es war ganz bedeutungslos, was die einzelnen Herren sprachen; die Bedeutung lag in dem, was man von ihnen zu lesen bekam. Dies aber war ein Auszug aus ihren Reden, der in seiner Zerrissenheit nur unsinnig wirken konnte und - sollte. Dabei aber bestand das einzige Forum, vor dem sie nun in Wahrheit sprachen, aus knapp fnfhundert Parlamentariern, und dies besagt genug. Das schlimmste aber war folgendes: Die alldeutsche Bewegung konnte nur dann auf Erfolg rechnen, wenn sie vom ersten Tage an begriff, daá es sich hier nicht um eine neue Partei handeln durfte, als vielmehr um eine neue Weltanschauung. Nur eine solche allein vermochte die innere Kraft aufzubringen, diesen riesenhaften Kampf auszufechten. Dazu aber taugen nun einmal als Fhrer nur die allerbesten und auch mutigsten K”pfe. Wenn der Kampf fr eine Weltanschauung nicht von aufopferungsbereiten Helden gefhrt wird, werden sich in kurzer Zeit auch keine todesmutigen K„mpfer mehr finden. Wer hier fr sein eigenes Dasein ficht, kann fr die Allgemeinheit nicht mehr viel brig haben. Um aber diese Voraussetzung sich zu erhalten, ist es notwendig fr jedermann, zu wissen, daá die neue Bewegung Ehre und Ruhm vor der Nachwelt, in der Gegenwart aber nichts bieten kann. Je mehr eine Bewegung zu vergeben hat an leicht zu erringenden Posten und Stellen, um so groáer wird der Zulauf an Minderwertigen sein, bis endlich 115 Alldeutsche und Parlament diese politischen Gelegenheitsarbeiter eine erfolgreiche Partei in solcher Zahl berwuchern, daá der redliche K„mpfer von einst die alte Bewegung gar nicht mehr wiedererkennt und die neu Hinzugekommenen ihn selber als l„stigen "Unberufenen" entschieden ablehnen. Damit ist aber die "Mission" einer solchen Bewegung erledigt. Sowie die alldeutsche Bewegung sich dem Parlament verschrieb, erhielt sie eben auch "Parlamentarier" statt Fhrer und K„mpfer. Sie sank damit auf das Niveau einer der gew”hnlichen politischen Tagesparteien hinab und verlor die Kraft, einem verh„ngnisvollen Schicksal mit dem Trotz des M„rtyrertums entgegenzutreten. Statt zu fechten, lernte sie nun auch "reden" und "verhandeln". Der neue Parlamentarier aber empfand es schon in kurzer Zeit als sch”nere, weil risikolosere, Pflicht, die neue Weltanschauung mit den "geistigen" Waffen parlamentarischer Beredsamkeit auszufechten, als sich, wenn n”tig, unter Einsatz des eigenen Lebens in einen Kampf zu strzen, dessen Ausgang unsicher war, auf alle F„lle jedoch nichts einbringen konnte. Da man nun einmal im Parlamente saá, begannen die Anh„nger drauáen auf Wunder zu hoffen und zu warten, die natrlich nicht eintraten und auch gar nicht eintreten konnten. Man wurde deshalb schon in kurzer Zeit ungeduldig; denn auch das, was man so von den eigenen Abgeordneten zu h”ren bekam, entsprach in keiner Weise den Erwartungen der W„hler. Dies war leicht erkl„rlich, da sich die feindliche Presse wohl htete, ein wahrheitsgetreues Bild des Wirkens der alldeutschen Vertreter dem Volke zu vermitteln. Je mehr aber die neuen Volksvertreter Geschmack an der noch etwas milderen Art des "revolution„ren" Kampfes in Parlament und Landtagen erhielten, um so weniger fanden sie sich noch bereit, in die gef„hrlichere Aufkl„rungsarbeit der breiten Schichten des Volkes zurckzukehren. Die Massenversammlung, der einzige Weg einer wirklich wirkungsvollen, weil unmittelbar pers”nlichen Beeinflussung und dadurch allein m”glichen Gewinnung groáer Volksteile, wurde daher immer mehr zurckgestellt. 116 Die Bedeutung der Rede Sowie der Biertisch des Versammlungssaales endgltig mit der Tribne des Parlaments vertauscht war, um von diesem Forum aus die Reden statt in das Volk in die H„upter seiner sogenannten "Auserw„hlten" zu gieáen, h”rte die alldeutsche Bewegung auch auf, eine Volksbewegung zu sein und sank in kurzer Zeit zu einem mehr oder minder ernst zu nehmenden Klub akademischer Er”rterungen zusammen. Der durch die Presse vermittelte schlechte Eindruck wurde demgem„á in keiner Weise mehr durch pers”nliche Versammlungst„tigkeit der einzelnen Herren berichtigt, so daá endlich das Wort "alldeutsch" einen sehr blen Klang in den Ohren des breiten Volkes bekam. Denn das m”gen sich alle die schriftstellernden Ritter und Gecken von heute besonders gesagt sein lassen: die gr”áten Umw„lzungen auf dieser Welt sind nie durch einen G„nsekiel geleitet worden! Nein, der Feder blieb es immer nur vorbehalten, sie theoretisch zu begrnden. Die Macht aber, die die groáen historischen Lawinen religi”ser und politischer Art ins Rollen brachte, war seit urewig nur die Zauberkraft des gesprochenen Wortes. Die breite Masse eines Volkes vor allem unterliegt immer nur der Gewalt der Rede. Alle groáen Bewegungen aber sind Volksbewegungen, sind Vulkanausbrche menschlicher Leidenschaften und seelischer Empfindungen, aufgerhrt entweder durch die grausame G”ttin der Not oder durch die Brandfackel des unter die Masse geschleuderten Wortes und sind nicht limonadige Ergsse „sthetisierender Literaten und Salonhelden. V”lkerschicksale vermag nur ein Sturm von heiáer Leidenschaft zu wenden, Leidenschaft erwecken aber kann nur, wer sie selbst im Innern tr„gt. Sie allein schenkt dann dem von ihr Erw„hlten die Worte, die Hammerschl„gen „hnlich die Tore zum Herzen eines Volkes zu ”ffnen verm”gen. Wem aber Leidenschaft versagt und der Mund verschlossen 117 Wirkung auf die Masse bleibt, den hat der Himmel nicht zum Verknder seines Willens ausersehen. Daher m”ge jeder Schreiber bei seinem Tintenfasse bleiben, um sich "theoretisch" zu bet„tigen, wenn Verstand und K”nnen hierfr gengen; zu Fhrer aber ist er weder geboren noch erw„hlt. Eine Bewegung mit groáen zielen muá deshalb „ngstlich bemht sein, den Zusammenhang mit dem breiten Volke nicht zu verlieren. Sie hat jede Frage in erster Linie von diesem Gesichtspunkte aus zu prfen und in dieser Richtung ihre Entscheidungen zu treffen. Sie muá weiter alles vermeiden, was ihre F„higkeit, auf die Masse zu wirken, mindern oder auch nur schw„chen k”nnte, nicht etwa aus "demagogischen" Grnden heraus, nein, sondern aus der einfachen Erkenntnis, daá ohne die gewaltige Kraft der Masse eines Volkes keine groáe Idee, mag sie auch noch so hehr und hoch erscheinen, zu verwirklichen ist. Die harte Wirklichkeit allein muá den Weg zum Ziel bestimmen; unangenehme Wege nicht gehen wollen, heiát auf dieser Welt nur zu oft auf das Ziel verzichten; man mag dann dies wollen oder nicht. Sowie die alldeutsche Bewegung durch ihre parlamentarische Einstellung das Schwergewicht ihrer T„tigkeit statt in das Volk in das Parlament verlegte, verlor sie die Zukunft und gewann dafr billige Erfolge des Augenblicks. Sie w„hlte den leichteren Kampf und war damit aber des letzten Sieges nicht mehr wert. Ich habe gerade diese Fragen schon in Wien auf das grndlichste durchgedacht und in ihrem Nichterkennen eine der Hauptursachen des Zusammenbruches der Bewegung gesehen, die in meinen Augen damals berufen war, die Fhrung des Deutschtums in ihre Hand zu nehmen. Die beiden ersten Fehler, die die alldeutsche Bewegung scheitern lieáen, standen in verwandtschaftlichem Verh„ltnis zueinander. Die mangelnde Kenntnis der inneren Triebkr„fte groáer Umw„lzungen fhrte zu einer ungengenden 118 Die Los-von-Rom-Bewegung Einsch„tzung der Bedeutung der breiteren Massen des Volkes; daraus ergab sich das geringe Interesse an der sozialen Frage, das mangelhafte und ungengende Werben um die Seele der unteren Schichten der Nation sowie auch die dies nur begnstigende Einstellung zum Parlament. H„tte man die unerh”rte Macht erkannt, die der masse als Tr„gerin revolution„ren Widerstandes zu allen Zeiten zukommt, so wrde man in sozialer wie in propagandistischer Richtung anders gearbeitet haben. Dann w„re auch nicht das Hauptgewicht der Bewegung in das Parlament verlegt worden, sondern auf Werkstatt und Straáe. Aber auch der dritte Fehler tr„gt den letzten Keim in der Nichterkenntnis des Wertes der Masse, die durch berlegene Geister erst einmal in einer bestimmten Richtung in Bewegung gesetzt, dann aber auch, einem Schwungrade „hnlich, der St„rke des Angriffs Wucht und gleichm„áige Beharrlichkeit gibt. Der schwere Kampf, den die alldeutsche Bewegung mit der katholischen Kirche ausfocht, ist nur erkl„rlich aus dem ungengenden Verst„ndnis, das man der seelischen Veranlagung des Volkes entgegenzubringen vermochte. Die Ursachen des heftigen Angriffs der neuen Partei gegen Rom lagen in folgendem: Sobald das Haus Habsburg sich endgltig entschlossen hatte, ™sterreich zu einem slawischen Staate umzugestalten, griff man zu jedem Mittel, das in dieser Richtung als irgendwie geeignet erschien. Auch religi”se Institutionen wurden von diesem gewissenlosesten Herrscherhaus skrupellos in den Dienst der neuen "Staatsidee" gestellt. Die Verwendung tschechischer Pfarreien und ihrer geistlichen Seelsorger war nur eines der vielen Mittel, um zu diesem Ziele, einer allgemeinen Verslawung ™sterreichs, zu kommen. Der Vorgang spielte sich etwa wie folgt ab: In rein deutsche Gemeinden wurden tschechische Pfarrer eingesetzt, die langsam aber sicher die Interessen des tschechischen Volkes ber die Interessen der Kirchen zu stellen begannen 119 Die Los-von-Rom-Bewegung und zu Keimzellen des Entdeutschungsprozesses wurden. Die deutsche Geistlichkeit versagte einem solchen Vorgehen gegenber leider fast vollst„ndig. Nicht nur, daá sie selber zu einem „hnlichen Kampfe im deutschen Sinne g„nzlich unbrauchbar war, vermochte sie auch den Angriffen der anderen nicht mit dem n”tigen Widerstande zu begegnen. So wurde das Deutschtum, ber den Umweg konfessionellen Miábrauches auf der einen Seite und durch ungengende Abwehr auf der anderen, langsam aber unaufh”rlich zurckgedr„ngt. Fand dies im kleinen wie dargelegt statt, so lagen leider die Verh„ltnisse im groáen nicht viel anders. Auch hier erfuhren die antideutschen Versuche der Habsburger, durch den h”heren Klerus vor allem, nicht die gebotene Abwehr, w„hrend die Vertretung der deutschen Interessen selber vollst„ndig in den Hintergrund trat. Der allgemeine Eindruck konnte nicht anders sein, als daá hier eine grobe Verletzung deutscher Rechte durch die katholische Geistlichkeit als solche vorl„ge. Damit aber schien die Kirche eben nicht mit dem deutschen Volke zu fhlen, sondern sich in ungerechter Weise auf die Seite der Feinde desselben zu stellen. Die Wurzel des ganzen šbels aber lag, vor allem nach der Meinung Sch”nerers, in der nicht in Deutschland befindlichen Leitung der katholischen Kirche sowie der dadurch schon allein bedingten Feindseligkeit den Belangen unseres Volkstums gegenber. Die sogenannten kulturellen Probleme traten dabei, wie damals fast bei allem in ™sterreich, beinahe ganz in den Hintergrund. Maágebend fr die Einstellung der alldeutschen Bewegung zur katholischen Kirche war viel weniger die Haltung derselben etwa zur Wissenschaft usw., als vielmehr ihre ungengende Vertretung deutscher Rechte und umgekehrt dauernde F”rderung besonders slawischer Anmaáung und Begehrlichkeit. Georg Sch”nerer war nun nicht der Mann, eine Sache halb zu tun. Er nahm den Kampf gegen die Kirche auf in der šberzeugung, nur durch ihn allein das deutsche Volk noch 120 Die Los-von-Rom-Bewegung retten zu k”nnen. Die "Los-von-Rom"-Bewegung schien das gewaltigste, aber freilich auch schwerste Angriffsverfahren, das die feindliche Hochburg zertrmmern muáte. War es erfolgreich, dann war auch die unselige Kirchenspaltung in Deutschland berwunden, und die innere Kraft des Reiches und der deutschen Nation konnte durch einen solchen Sieg nur auf das ungeheuerlichste gewinnen. Allein weder die Voraussetzung noch die Schluáfolgerung dieses Kampfes war richtig. Ohne Zweifel war die nationale Widerstandskraft der katholischen Geistlichkeit deutscher Nationalit„t in allen das Deutschtum betreffenden Fragen geringer als die ihrer nichtdeutschen, besonders tschechischen Amtsbrder. Ebenso konnte nur ein Ignorant nicht sehen, daá dem deutschen Klerus eine offensive Vertretung deutscher Interessen fast nie auch nur einfiel. Allein ebenso muáte jeder nicht Verblendete zugeben, daá dies in erster Linie einem Umstande zuzuschreiben ist, unter dem wir Deutschen alle insgesamt auf das schwerste zu leiden haben: es ist dies unsere Objektivit„t in der Einstellung zu unserem Volkstum genau so wie zu irgend etwas anderem. So wie der tschechische Geistliche subjektiv seinem Volke gegenberstand und nur objektiv der Kirche, so war der deutsche Pfarrer subjektiv der Kirche ergeben und blieb objektiv gegenber der Nation. Eine Erscheinung, die wir in tausend anderen F„llen zu unserem Unglck genau so beobachten k”nnen. Es ist dies keineswegs nur ein besonderes Erbteil des Katholizismus, sondern friát bei uns in kurzer Zeit fast jede, besonders staatliche oder ideelle Einrichtung an. Man vergleiche nur die Stellung, die z.B. unser Beamtentum gegenber den Versuchen einer nationalen Wiedergeburt einnimmt, mit der, wie sie in solchem Falle die Beamtenschaft eines anderen Volkes einnehmen wrde. Oder glaubt man, daá das Offizierskorps der ganzen anderen Welt etwa in „hnlicher Weise die Belange der Nation unter der Phrase der "Staatsautorit„t" zurckstellen wrde, wie dies bei uns seit fnf Jahren selbstverst„ndlich ist, ja 121 Die Los-von-Rom-Bewegung sogar noch als besonders verdienstvoll gilt? Nehmen z.B. in der Judenfrage nicht beide Konfessionen heute einen Standpunkt ein, der weder den Belangen der Nation noch den wirklichen Bedrfnissen der Religion entspricht? Man vergleiche doch die Haltung eines jdischen Rabbiners in allen Fragen von nur einiger Bedeutung fr das Judentum als Rasse mit der Einstellung des weitaus gr”áten Teils unserer Geistlichkeit, aber gef„lligst beider Konfessionen! Wir haben diese Erscheinung immer dann, wenn es sich um die Vertretung einer abstrakten Idee an sich handelt. "Staatsautorit„t", "Demokratie", "Pazifismus", "Internationale Solidarit„t" usw. sind lauter Begriffe, die bei uns fast immer zu so starren, rein doktrin„ren Vorstellungen werden, daá jede Beurteilung allgemeiner nationaler Lebensnotwendigkeiten ausschlieálich nur mehr von ihrem Gesichtspunkte aus erfolgt. Diese unselige Art der Betrachtung aller Belange unter dem Gesichtswinkel einer einmal vorgefaáten Meinung t”tet jedes Verm”gen, sich in eine Sache subjektiv hineinzudenken, die objektiv der eigenen Doktrin widerspricht, und fhrt am Ende zu einer vollst„ndigen Umkehrung von Mittel und Zweck. Man wird sich gegen jeden Versuch einer nationalen Erhebung wenden, wenn diese nur unter vorhergehender Beseitigung eines schlechten, verderblichen Regiments stattfinden k”nnte, da dies ja ein Verstoá gegen die "Staatsautorit„t" w„re, die "Staatsautorit„t" aber nicht ein Mittel zum Zweck ist, als vielmehr in den Augen eines solchen Objektivit„ts-Fanatikers den Zweck selber darstellt, der gengend ist, um sein ganzes kl„gliches Leben auszufllen. So wrde man sich z.B. mit Entrstung gegen den Versuch einer Diktatur stemmen, selbst wenn ihr Tr„ger ein Friedrich der Groáe und die augenblicklichen Staatsknstler einer Parlamentsmehrheit nur unf„hige Zwerge oder gar minderwertige Subjekte w„ren, weil das Gesetz der Demokratie einem solchen Prinzipienbock eben heiliger erscheint als die Wohlfahrt einer Nation. Es wird also der eine die schlechteste Tyrannei, die ein Volk zugrunde richtet, beschirmen, 122 Die Los-von-Rom-Bewegung da die "Staatsautorit„t" sich augenblicklich in ihr verk”rpert, w„hrend der andere selbst die segensreichste Regierung ablehnt, sowie sie nicht seiner Vorstellung von "Demokratie" entspricht. Genau so wird unser deutscher Pazifist zu jeder auch noch so blutigen Vergewaltigung der Nation, sie mag ruhig von den „rgsten Milit„rgewalten ausgehen, schweigen, wenn eine Žnderung dieses Loses nur durch Widerstand, also Gewalt, zu erreichen w„re, denn dieses wrde ja dem Geiste seiner Friedensgesellschaft widersprechen.Der internationale deutsche Sozialist aber kann von der anderen Welt solidarisch ausgeplndert werden, er selber quittiert es mit brderlicher Zuneigung und denkt nicht an Vergeltung oder auch nur Verwahrung, weil er eben ein - Deutscher ist.- Dies mag traurig sein, aber eine Sache „ndern wollen, heiát, sie vorher erkennen mssen. Ebenso verh„lt es sich mit der schw„chlichen Vertretung deutscher Belange durch einen Teil des Klerus. Es ist dies weder boshafter, schlechter Wille an sich, noch bedingt durch, sagen wir Befehle von "oben", sondern wir sehen in einer solchen mangelhaften nationalen Entschlossenheit nur die Ergebnisse einer ebenso mangelhaften Erziehung zum Deutschtum von Jugend auf, wie andererseits aber einer restlosen Unterwerfung unter die zum Idol gewordene Idee. Die Erziehung zur Demokratie, zum Sozialismus internationaler Art, zum Pazifismus usw. ist eine so starre und ausschlieáliche, mithin, von ihnen aus betrachtet, rein subjektive, daá damit auch das allgemeine Bild der brigen Welt unter dieser grunds„tzlichen Vorstellung beeinfluát wird, w„hrend die Stellung zum Deutschtum ja von Jugend auf nur eine sehr objektive war. So war der Pazifist, indem er sich subjektiv seiner Idee restlos ergibt, bei jeder auch noch so ungerechten und schweren Bedrohung seines Volkes (soferne er eben ein Deutscher ist) immer erst nach dem objektiven Rechte suchen und niemals aus reinem Selbsterhaltungstrieb sich in die Reihe seiner Herde stellen und mitfechten. 123 Die Los-von-Rom-Bewegung Wie sehr dies auch fr die einzelnen Konfessionen gilt, mag noch folgendes zeigen: Der Protestantismus vertritt von sich aus die Belange des Deutschtums besser, soweit dies in seiner Geburt und sp„teren Tradition berhaupt schon begrndet liegt; er versagt jedoch in dem Augenblick, wo diese Verteidigung nationaler Interessen auf einem Gebiete stattfinden máte, das in der allgemeinen Linie seiner Vorstellungswelt und traditionellen Entwicklung entweder fehlt oder gar aus irgendeinem Grunde abgelehnt wird. So wird der Protestantismus immer fr die F”rderung alles Deutschtums an sich eintreten, sobald es sich um Dinge der inneren Sauberkeit oder auch nationalen Vertiefung, um die Verteidigung deutschen Wesens, deutscher Sprache und auch deutscher Freiheit handelt, da dieses alles ja fest in ihm selber mit begrndet liegt; er bek„mpft aber sofort auf das feindseligste jeden Versuch, die Nation aus der Umklammerung ihres t”dlichsten Feindes zu retten da seine Stellung zum Judentum nun einmal mehr oder weniger fest dogmatisch festgelegt ist. Dabei aber dreht es sich hierbei um die Frage, ohne deren L”sung alle anderen Versuche einer deutschen Wiedergeburt oder einer Erhebung vollkommen unsinnig und unm”glich sind und bleiben. Ich besaá in meiner Wiener Zeit Muáe und Gelegenheit genug, auch diese Frage unvoreingenommen zu prfen und konnte dabei noch im t„glichen Verkehr die Richtigkeit dieser Anschauung tausendf„ltig feststellen. In diesem Brennpunkt der verschiedensten Nationalit„ten zeigte sich sofort am klarsten, daá eben nur der deutsche Pazifist die Belange der eigenen Nation immer objektiv zu betrachten versucht, aber niemals der Jude etwa die des jdischen Volkes; daá nur der deutsche Sozialist "international" in einem Sinne ist, der ihm dann verbietet, seinem eigenen Volke Gerechtigkeit anders als durch Winseln und Flennen bei den internationalen Genossen zu erbetteln, niemals aber auch der Tscheche oder Pole usw.; kurz, ich erkannte schon damals, daá das Unglck nur zum Teil in diesen Lehren an sich liegt, zum anderen Teil aber in 124 Die Los-von-Rom-Bewegung unserer g„nzlich ungengenden Erziehung zum eigenen Volkstum berhaupt und in einer dadurch bedingten minderen Hingabe an dasselbe. Damit entfiel die erste rein theoretische Begrndung des Kampfes der alldeutschen Bewegung gegen den Katholizismus an sich. Man erziehe das deutsche Volk schon von Jugend an mit jener ausschlieálichen Anerkennung der Rechte des eigenen Volkstums und verpeste nicht schon die Kinderherzen mit dem Fluche unserer "Objektivit„t" auch in Dingen der Erhaltung des eigenen Ichs, so wird es sich in kurzer Zeit zeigen, daá (eine dann aber auch radikale nationale Regierung vorausgesetzt) ebenso wie in Irland, Polen oder Frankreich, auch in Deutschland der Katholik immer Deutscher sein wird. Den gewaltigsten Beweis hierfr hat aber jene Zeit geliefert, die zum letzten Male unser Volk zum Schutze seines Daseins vor dem Richterstuhl der Geschichte antreten lieá zu seinem Kampfe auf Leben und Tod. Solange nicht die Fhrung damals von oben fehlte, hat das Volk seine Pflicht und Schuldigkeit in berw„ltigendster Weise erfllt. Ob protestantischer Pastor oder katholischer Pfarrer, sie trugen beide gemeinsam unendlich bei zum so langen Erhalten unserer Widerstandskraft, nicht nur an der Front, sondern noch mehr zu Hause. In diesen Jahren, und besonders im ersten Aufflammen, gab es wirklich in beiden Lagern nur ein einziges heiliges deutsches Reich, fr dessen Bestehen und Zukunft sich jeder eben an seinen Himmel wandte. Eine Frage h„tte sich die alldeutsche Bewegung in ™sterreich einst vorlegen mssen: Ist die Erhaltung des ”sterreichischen Deutschtums unter einem katholischen Glauben m”glich oder nicht? Wenn ja, dann durfte sich die politische Partei nicht um religi”se oder gar konfessionelle Dinge kmmern; wenn aber nein, dann muáte eine religi”se Reformation einsetzen und niemals eine politische Partei. Wer ber den Umweg einer politischen Organisation zu einer religi”sen Reformation kommen zu k”nnen glaubt, 125 Die Los-von-Rom-Bewegung zeigt nur, daá ihm auch jeder Schimmer vom Werden religi”ser Vorstellungen oder gar Glaubenslehren und deren kirchlichen Auswirkungen abgeht. Man kann hier wirklich nicht zwei Herren dienen. Wobei ich die Grndung oder Zerst”rung einer Religion denn doch als wesentlich gr”áer halte als die Grndung oder Zerst”rung eines Staates, geschweige denn einer Partei. Man sage ja nicht, daá besagte Angriffe nur die Abwehr von Angriffen der anderen Seite waren! Sicherlich haben zu allen Zeiten gewissenlose Kerle sich nicht gescheut, auch die Religion zum Instrument ihrer politischen Gesch„fte ( denn um dies handelt es sich bei solchen Burschen fast immer und ausschlieálich) zu machen: allein ebenso sicher ist es falsch, die Religion oder auch die Konfession fr eine Anzahl von Lumpen, die mit ihr genau so Miábrauch treiben, wie sie sonst eben wahrscheinlich irgend etwas anderes in den Dienst ihrer niederen Instinkte stellen wrden, verantwortlich zu machen. Nichts kann solch einem parlamentarischen Taugenichts und Tagedieb besser passen, als wenn ihm so Gelegenheit geboten wird, wenigstens nachtr„glich noch die Rechtfertigung zu seiner politischen Schiebung zu erlangen. Denn sobald man die Religion oder auch die Konfession fr seine pers”nliche Schlechtigkeit verantwortlich macht und sie deshalb angreift, ruft der verlogene Bursche sofort unter riesigem Geschrei alle Welt zum Zeugen an, wie berechtigt sein Vorgehen bisher war, und wie nur ihm und seiner Mundfertigkeit allein die Rettung von Religion und Kirche zu danken sei. Die ebenso dumme wie vergeáliche Mitwelt erkennt dann den wahren Urheber des ganzen Kampfes schon des groáen Geschreies wegen meistens nicht oder erinnert sich seiner nicht mehr, und der Lump hat ja nun eigentlich sein Ziel erreicht. Daá dies mit Religion gar nichts zu tun hat, weiá so ein listiger Fuchs ganz genau; er wird also um so mehr im stillen in das F„ustchen lachen, w„hrend sein ehrlicher aber ungeschickter Gegner das Spiel verliert, um eines Tages, 126 Die Los-von-Rom-Bewegung an Treu und Glauben der Menschheit verzweifelnd, sich von allem zurckzuziehen. Es w„re aber auch in anderer Hinsicht nur unrecht, die Religion als solche oder selbst die Kirche fr die Verfehlungen einzelner verantwortlich zu machen. Man vergleiche die Gr”áe der vor dem Auge stehenden sichtbaren Organisation mit der durchschnittlichen Fehlerhaftigkeit der Menschen im allgemeinen und wird zugeben mssen, daá das Verh„ltnis von Gutem und Schlechtem dabei besser ist als wohl irgendwo anders. Sicher gibt es auch unter den Priestern selber solche, denen ihr heiliges Amt nur ein Mittel zur Befriedigung ihres politischen Ehrgeizes ist, ja, die im politischen Kampfe in oft mehr als beklagenswerter Weise vergessen, daá sie denn doch die Hter einer h”heren Wahrheit sein sollten und nicht Vertreter von Lge und Verleumdung - allein auf einen solchen Unwrdigen treffen doch auch wieder tausend und mehr ehrenhafte, ihrer Mission auf das treueste ergebene Seelsorger, die in unserer heutigen ebenso verlogenen als verkommenen Zeit wie kleine Inseln aus einem allgemeinen Sumpfe herausragen. So wenig ich die Kirche als solche verurteile und verurteilen darf, wenn einmal ein verkommenes Subjekt im Priesterrock sich in schmutziger Weise an der Sittlichkeit verfehlt, so wenig aber auch, wenn ein anderer unter den vielen sein Volkstum besudelt und verr„t, in Zeitl„uften, in denen dies ohnehin geradezu allt„glich ist. Besonders heute m”ge man dann nicht vergessen, daá auf einen solchen Ephialtes auch Tausende treffen, die mit blutendem Herzen das Unglck ihres Volkes mitempfinden und genau so wie die Besten unserer Nation die Stunde herbeisehnen, in der auch uns der Himmel wieder einmal l„cheln wird. Wer aber zur Antwort gibt, daá es sich hier nicht um so kleine Probleme des Alltags handelt, sondern um Fragen grunds„tzlicher Wahrhaftigkeit oder dogmatischen Inhalts berhaupt, dem kann man nur mit einer anderen Frage die n”tige Antwort geben: Glaubst du dich vom Schicksal ausersehen, hier die Wahrheit zu verknden, dann tue es; aber habe dann auch den 127 Die Los-von-Rom-Bewegung Mut, dies nicht ber den Umweg einer politischen Partei tun zu wollen - denn dies ist auch eine Schiebung -, sondern stelle eben an Stelle des Schlechteren von Jetzt dein Besseres der Zukunft auf. Fehlt es dir hier an Mut, oder ist dir dein Besseres selber nicht ganz klar, dann lasse die Finger davon; auf alle F„lle aber versuche nicht, was du mit offenem Visier nicht zu tun dir getraust, ber den Umweg einer politischen Bewegung zu erschleichen. Politische Parteien haben mit religi”sen Problemen, solange sie nicht als volksfremd die Sitte und Moral der eigenen Rasse untergraben, nichts zu schaffen; genau so wie Religion nicht mit politischem Parteiunfug zu verquicken ist. Wenn kirchliche Wrdentr„ger sich religi”ser Einrichtungen oder auch Lehren bedienen, um ihr Volkstum zu sch„digen, so darf man ihnen auf diesem Wege niemals folgen und mit gleichen Waffen k„mpfen. Dem politischen Fhrer haben religi”se Lehren und Einrichtungen seines Volkes immer unantastbar zu sein, sonst darf er nicht Politiker sein, sondern soll Reformator werden, wenn er das Zeug hierzu besitzt! Eine andere Haltung wrde vor allem in Deutschland zu einer Katastrophe fhren. Bei dem Studium der alldeutschen Bewegung und ihres Kampfes gegen Rom bin ich damals und besonders im Laufe sp„terer Jahre zu folgender šberzeugung gelangt: Das geringe Verst„ndnis dieser Bewegung fr die Bedeutung des sozialen Problems kostete sie die wahrhaft kampfkr„ftige Masse des Volkes; das Hineingehen in das Parlament nahm ihr den gewaltigen Schwung und belastete sie mit allen dieser Institution eigenen Schw„chen; der Kampf gegen die katholische Kirche machte sie in zahlreichen kleinen und mittleren Kreisen unm”glich und raubte ihr damit unz„hlige der besten Elemente, die die Nation berhaupt ihr eigen nennen kann. 128 Die Los-von-Rom-Bewegung Das praktische Ergebnis des ”sterreichischen Kulturkampfes war fast gleich Null. Wohl gelang es, der Kirche gegen 100 000 Mitglieder zu entreiáen, allein ohne daá diese dadurch auch nur einen besonderen Schaden erlitten h„tte. Sie brauchte den verlorenen "Sch„flein" in diesem Falle wirklich keine Tr„ne nachzuweinen; denn sie verlor nur, was ihr vorher schon l„ngst innerlich nicht mehr voll geh”rte. Dies war der Unterschied der neuen Reformation gegenber der einstigen: daá einst viele der Besten der Kirche sich von ihr wendeten aus innerer religi”ser šberzeugung heraus, w„hrend jetzt nur die ohnehin Lauen gingen, und zwar aus "Erw„gungen" politischer Natur. Gerade vom politischen Gesichtspunkte aus aber war das Ergebnis ebenso l„cherlich wie doch wieder traurig. Wieder war eine erfolgversprechende politische Heilsbewegung der deutschen Nation zugrunde gegangen, weil sie nicht mit der n”tigen rcksichtslosen Nchternheit gefhrt worden war, sondern sich auf Gebiete verlor, die nur zu einer Zersplitterung fhren muáten. Denn eines ist sicher wahr: Die alldeutsche Bewegung wrde diesen Fehler wohl nie gemacht haben, wenn sie nicht zu wenig Verst„ndnis fr die Psyche der breiten Masse besessen h„tte. Wrde ihren Fhrern bekannt gewesen sein, daá man, um berhaupt Erfolge erringen zu k”nnen, schon aus rein seelischen Erw„gungen heraus der Masse niemals zwei und mehr Gegner zeigen darf, da dies sonst zu einer vollst„ndigen Zersplitterung der Kampfkraft fhrt, so w„re schon aus diesem Grunde die Stoárichtung der alldeutschen Bewegung nur auf einen Gegner allein eingestellt worden. Es ist nichts gef„hrlicher fr eine politische Partei, als wenn sie sich in ihren Entschlieáungen von jenen Hansdampfgesellen in allen Gassen leiten l„át, die alles wollen, ohne auch nur das Geringste je wirklich erreichen zu k”nnen. Auch wenn an der einzelnen Konfession noch soviel wirklich auszustellen w„re, so darf die politische Partei doch nicht einen Augenblick die Tatsache aus dem Auge verlieren, 129 Konzentration auf einen Gegner daá es nach aller bisherigen Erfahrung der Geschichte noch niemals einer rein politischen Partei in „hnlichen Lagen gelungen war, zu einer religi”sen Reformation zu kommen. Man studiert aber nicht Geschichte, um dann, wenn sie zur praktischen Anwendung kommen sollte, sich ihrer Lehren nicht zu erinnern oder zu glauben, daá nun die Dinge eben anders l„gen, mithin ihre urewigen Wahrheiten nicht mehr anzuwenden w„ren; sondern man lernt aus ihr gerade die Nutzanwendung fr die Gegenwart. Wer dies nicht fertigbringt, der bilde sich nicht ein, politischer Fhrer zu sein; er ist in Wahrheit ein seichter, wenn auch meist sehr eingebildeter Tropf, und aller gute Wille entschuldigt nicht seine praktische Unf„higkeit. šberhaupt besteht die Kunst aller wahrhaft groáen Volksfhrer zu allen Zeiten in erster Linie mit darin, die Aufmerksamkeit eines Volkes nicht zu zersplittern, sondern immer auf einen einzigen Gegner zu konzentrieren. Je einheitlicher dieser Einsatz des Kampfwillens eines Volkes stattfindet, um so gr”áer wird die magnetische Anziehungskraft einer Bewegung sein, und um so gewaltiger die Wucht des Stoáes. Es geh”rt zur Genialit„t eines groáen Fhrers, selbst auseinanderliegende Gegner immer als nur zu einer Kategorie geh”rend erscheinen zu lassen, weil die Erkenntnis verschiedener Feinde bei schw„chlichen und unsicheren Charakteren nur zu leicht zum Anfang des Zweifels am eigenen Rechte fhrt. Sowie die schwankende Masse sich im Kampfe gegen zu viele Feinde sieht, wird sich sofort die Objektivit„t einstellen und die Frage aufwerfen, ob wirklich alle anderen unrecht haben und nur das eigene Volk oder die eigene Bewegung allein sich im Rechte befinde? Damit aber kommt auch schon die erste L„hmung der eigenen Kraft. Daher muá eine Vielzahl von innerlich verschiedenen Gegnern immer zusammengefaát werden, so daá in der Einsicht der Masse der eigenen Anh„nger der Kampf nur gegen einen Feind allein gefhrt wird. Dies st„rkt den Glauben an das eigene Recht und steigert die Erbitterung gegen den Angreifer auf dasselbe. 130 Der Weg der Christlich-Sozialen Daá die alldeutsche Bewegung von einst dies nicht begriff, kostete sie den Erfolg. Ihr Ziel war richtig gesehen, das Wollen rein, der eingeschlagene Weg aber falsch. Sie glich einem Bergsteiger, der den zu erklimmenden Gipfel wohl im Auge beh„lt, auch mit gr”áter Entschiedenheit und Kraft sich auf den Weg macht, allein diesem selber keine Beachtung schenkt, sondern, immer den Blick auf das Ziel gerichtet, die Beschaffenheit des Aufstiegs weder sieht noch prft und daran endlich scheitert. Umgekehrt schien das Verh„ltnis bei der groáen Konkurrentin, der christlich-sozialen Partei, zu liegen. Der Weg, den sie einschlug, war klug und richtig gew„hlt, allein es fehlte die klare Erkenntnis ber das Ziel. In fast allen Belangen, in denen die alldeutsche Bewegung fehlte, war die Einstellung der christlich-sozialen Partei richtig und planvoll. Sie besaá das n”tige Verst„ndnis fr die Bedeutung der Masse und sicherte sich wenigstens einen Teil derselben durch offensichtliche Betonung ihres sozialen Charakters vom ersten Tage an. Indem sie sich in wesentlicher Weise auf die Gewinnung des kleinen und unteren Mittel- und Handwerkerstandes einstellte, erhielt sie eine ebenso treue wie ausdauernde und opferwillige Gefolgschaft. Sie vermied jeden Kampf gegen eine religi”se Einrichtung und sicherte sich dadurch die Untersttzung einer so m„chtigen Organisation, wie sie die Kirche nun einmal darstellt. Sie besaá demzufolge auch nur einen einzigen wahrhaft groáen Hauptgegner. Sie erkannte den Wert einer groázgigen Propaganda und war Virtuosin im Einwirken auf die seelischen Instinkte der breiten Masse ihrer Anh„nger. Daá auch sie dennoch nicht das ertr„umte Ziel einer Rettung ™sterreichs zu erreichen vermochte, lag in zwei M„ngeln ihres Weges sowie in der Unklarheit ber das Ziel selber. Der Antisemitismus der neuen Bewegung war statt auf rassischer Erkenntnis auf religi”ser Vorstellung aufgebaut. 131 Judenbek„mpfung auf religi”ser Grundlage Der Grund, warum dieser Fehler unterlief, war der gleiche, der auch den zweiten Irrtum veranlaáte. Wollte die christlich-soziale Partei ™sterreich retten, dann durfte sie sich, nach der Meinung ihrer Begrnder, nicht auf den Standpunkt des Rassenprinzips stellen, da sonst in kurzer Zeit eine allgemeine Aufl”sung des Staates eintreten muáte. Besonders aber die Lage in Wien selber erforderte, nach der Ansicht der Fhrer der Partei, eine m”glichst groáe Beiseitelassung aller trennenden Momente und an deren Stelle ein Hervorheben aller einigenden Gesichtspunkte. Wien war zu dieser Zeit schon so stark, besonders mit tschechischen Elementen, durchsetzt, daá nur gr”áte Toleranz in bezug auf alle Rassenprobleme diese noch in einer nicht von vornherein deutsch-feindlichen Partei zu halten vermochte. Wollte man ™sterreich retten, durfte auf sie nicht verzichtet werden. So versuchte man die besonders sehr zahlreichen tschechischen Kleingewerbetreibenden in Wien zu gewinnen durch den Kampf gegen das liberale Manchestertum und glaubte dabei eine ber alle V”lkerunterschiede des alten ™sterreich hinwegfhrende Parole im Kampf gegen das Judentum auf religi”ser Grundlage gefunden zu haben. Daá eine solche Bek„mpfung auf solcher Grundlage der Judenheit nur begrenzte Sorge bereitete, liegt auf der Hand. Im schlimmsten Falle rettete ein Guá Taufwasser immer noch Gesch„ft und Judentum zugleich. Mit einer solchen oberfl„chlichen Begrndung kam man auch niemals zu einer ernstlichen wissenschaftlichen Behandlung des ganzen Problems und stieá dadurch nur zu viele, denen diese Art von Antisemitismus unverst„ndlich sein muáte, berhaupt zurck. Die werbende Kraft der Idee war damit fast ausschlieálich an geistig beschr„nkte Kreise gebunden, wenn man nicht vom rein gefhlsm„áigen Empfinden hinweg zu einer wirklichen Erkenntnis kommen wollte. Die Intelligenz verhielt sich grunds„tzlich ablehnend. Die Sache erhielt so mehr und mehr den Anstrich, als handle es sich bei der ganzen Angelegenheit nur um den Versuch 132 Der christlich-soziale Scheinantisemitismus einer neuen Judenbekehrung oder gar um den Ausdruck eines gewissen Konkurrenzneides. Damit aber verlor der Kampf das Merkmal einer inneren und h”heren Weihe und erschien vielen, und nicht gerade den Schlechtesten, als unmoralisch und verwerflich. Es fehlte die šberzeugung, daá es sich hier um eine Lebensfrage der gesamten Menschheit handle, von deren L”sung das Schicksal aller nichtjdischen V”lker abh„nge. An dieser Halbheit ging der Wert der antisemitischen Einstellung der christlich-sozialen Partei verloren. Es war ein Scheinantisemitismus, der fast schlimmer war als berhaupt keiner; denn so wurde man in Sicherheit eingelullt, glaubte den Gegner an den Ohren zu haben, wurde jedoch selbst an der Nase gefhrt. Der Jude aber hatte sich schon in kurzer Zeit auch an diese Art von Antisemitismus so gew„hnt, daá ihm sein Wegfall sicher mehr gefehlt haben wrde, als ihn sein Vorhandensein behinderte. Muáte man hier schon dem Nationalit„tenstaat ein schweres Opfer bringen, so noch viel mehr der Vertretung des Deutschtums an sich. Man durfte nicht "nationalistisch" sein, wollte man nicht in Wien selber den Boden unter den Fáen verlieren. Man hoffte durch ein sanftes Umgehen dieser Frage den Habsburgerstaat noch zu retten und trieb ihn gerade dadurch in das Verderben. Die Bewegung aber verlor damit die gewaltige Kraftquelle, die allein auf die Dauer eine politische Partei mit innerer Triebkraft aufzufllen vermag. Die christlich-soziale Bewegung wurde gerade dadurch zu einer Partei wie eben jede andere auch. Ich habe beide Bewegungen einst auf das aufmerksamste verfolgt, die eine aus dem Pulsschlag des inneren Herzens heraus, die andere, hingerissen von Bewunderung fr den seltenen Mann, der mir schon damals wie ein bitteres Symbol des ganzen ”sterreichischen Deutschtums erschien. Als der gewaltige Leichenzug den toten Brgermeister vom Rathaus hinweg der Ringstraáe zu fuhr, befand auch 133 Alldeutsche und Christlich-Soziale ich mich unter den vielen Hunderttausenden, die dem Trauerspiele zusahen. In innerer Ergriffenheit sagte mir dabei das Gefhl, daá auch das Werk dieses Mannes vergeblich sein máte durch das Verh„ngnis, das diesen Staat unweigerlich dem Untergang entgegenfhren wrde. H„tte Dr. Karl Lueger in Deutschland gelebt, wrde er in die Reihe der groáen K”pfe unseres Volkes gestellt worden sein; daá er in diesem unm”glichen Staate wirkte, war das Unglck seines Werkes und seiner selbst. Als er starb, zuckten bereits die Fl„mmchen auf dem Balkan von Monat zu Monat gieriger hervor, so daá ihm das Schicksal gn„dig das zu sehen erlieá, was er noch glaubte, verhten zu k”nnen. Ich aber versuchte, aus dem Versagen der einen Bewegung und dem Miálingen der zweiten die Ursachen herauszufinden, und kam zur sicheren šberzeugung, daá, ganz abgesehen von der Unm”glichkeit, im alten ™sterreich noch eine Festigung des Staates zu erreichen, die Fehler der beiden Parteien folgende waren: Die alldeutsche Bewegung hatte wohl recht in ihrer prinzipiellen Ansicht ber das Ziel einer deutschen Erneuerung, war jedoch unglcklich in der Wahl des Weges. Sie war nationalistisch, allein leider nicht sozial genug, um die Masse zu gewinnen. Ihr Antisemitismus aber beruhte auf der richtigen Erkenntnis der Bedeutung des Rassenproblems und nicht auf religi”sen Vorstellungen. Ihr Kampf gegen eine bestimmte Konfession war dagegen tats„chlich und taktisch falsch. Die christlich-soziale Bewegung besaá eine unklare Vorstellung ber das Ziel einer deutschen Wiedergeburt, hatte aber Verstand und Glck beim Suchen ihrer Wege als Partei. Sie begriff die Bedeutung der sozialen Frage, irrte in ihrem Kampfe gegen das Judentum und besaá keine Ahnung von der Macht des nationalen Gedanken. H„tte die christlich-soziale Partei zu ihrer klugen Kenntnis der breiten Masse noch die richtige Vorstellung von der Bedeutung des Rassenproblems, wie dies die alldeutsche Bewegung erfaát hatte, besessen, und w„re sie selber 134 Wachsende Abneigung gegen den Habsburger-Staat endlich nationalistisch gewesen, oder wrde die alldeutsche Bewegung zu ihrer richtigen Erkenntnis des Zieles der Judenfrage und der Bedeutung des Nationalgedankens noch die praktische Klugheit der christlich-sozialen Partei, besonders aber deren Einstellung zum Sozialismus, angenommen haben, dann wrde dies jene Bewegung ergeben haben, die schon damals meiner šberzeugung nach mit Erfolg in das deutsche Schicksal h„tte eingreifen k”nnen. Daá dies nicht so war, lag zum weitaus gr”áten Teil aber am Wesen des ”sterreichischen Staates. Da ich meine šberzeugung in keiner anderen Partei verwirklicht sah, konnte ich mich in der Folgezeit auch nicht mehr entschlieáen, in eine der bestehenden Organisationen einzutreten oder gar mitzuk„mpfen. Ich hielt schon damals s„mtliche der politischen Bewegungen fr verfehlt und fr unf„hig, eine nationale Wiedergeburt des deutschen Volkes in gr”áerem und nicht „uáerlichem Umfange durchzufhren. Meine innere Abneigung aber dem habsburgischen Staate gegenber wuchs in dieser Zeit immer mehr an. Je mehr ich mich besonders auch mit auáenpolitischen Fragen zu besch„ftigen begann, um so mehr gewann meine šberzeugung Boden, daá dieses Staatsgebilde nur zum Unglck des Deutschtums werden máte. Immer klarer sah ich endlich auch, daá das Schicksal der deutschen Nation nicht mehr von dieser Stelle aus entschieden wrde, sondern im Reiche selber. Dies galt aber nicht nur fr allgemeine politische Fragen, sondern nicht minder auch fr alle Erscheinungen des gesamten Kulturlebens berhaupt. Der ”sterreichische Staat zeigte auch hier auf dem Gebiete rein kultureller oder knstlerischer Angelegenheiten alle Merkmale der Erschlaffung, mindestens aber der Bedeutungslosigkeit fr die deutsche Nation. Am meisten galt dies fr das Gebiet der Architektur. Die neuere Baukunst konnte schon deshalb in ™sterreich nicht zu besonders groáen Erfolgen kommen, weil die Aufgaben seit dem Ausbau der Ringstraáe wenigstens in Wien nur mehr unbedeutende 135 ™sterreich - ein altes Mosaikbild waren gegenber den in Deutschland aufsteigenden Pl„nen. So begann ich immer mehr ein Doppelleben zu fhren; Verstand und Wirklichkeit hieáen mich in ™sterreich eine ebenso bittere wie segensreiche Schule durchmachen, allein das Herz weilte wo anders. Eine beklemmende Unzufriedenheit hatte damals von mir Besitz ergriffen, je mehr ich die innere Hohlheit dieses Staates erkannte, die Unm”glichkeit, ihn noch zu retten, aber dabei mit aller Sicherheit empfand, daá er in allem und jedem nur noch das Unglck des deutschen Volkes darstellen konnte. Ich war berzeugt, daá dieser Staat jeden wahrhaft groáen Deutschen ebenso beengen und behindern muáte, wie er umgekehrt jede undeutsche Erscheinung f”rdern wrde. Widerw„rtig war mir das Rassenkonglomerat, das die Reichshauptstadt zeigte, widerw„rtig dieses ganze V”lkergemisch von Tschechen, Polen, Ungarn, Ruthenen, Serben und Kroaten usw., zwischen allem aber als ewiger Spaltpilz der Menschheit - Juden und wieder Juden. Mir erschien die Riesenstadt als die Verk”rperung der Blutschande. Mein Deutsch der Jugendzeit war der Dialekt, den auch Niederbayern spricht; ich vermochte ihn weder zu vergessen, noch den Wiener Jargon zu lernen. Je l„nger ich in dieser Stadt weilte, um so mehr stieg mein Haá gegen das fremde V”lkergemisch, das diese alte deutsche Kulturst„tte zu zerfressen begann. Der Gedanke aber, daá dieser Staat noch l„ngere Zeit zu halten w„re, erschien mir geradezu l„cherlich. ™sterreich war damals wie ein altes Mosaikbild, dessen Kitt, der die einzelnen Steinchen zusammenbindet, alt und br”cklig geworden; solange das Kunstwerk nicht berhrt wird, vermag es noch sein Dasein weiter vorzut„uschen, sowie es jedoch einen Stoá erh„lt, bricht es in tausend Scherbchen auseinander. Die Frage war also nur die, wann der Stoá kommen wrde. - Da mein Herz niemals fr eine ”sterreichische Monarchie, 136 Die Schule meines Lebens sondern immer nur fr ein Deutsches Reich schlug, konnte mir die Stunde des Zerfalls dieses Staates nur als der Beginn der Erl”sung der deutschen Nation erscheinen. Aus all diesen Grnden entstand immer st„rker die Sehnsucht, endlich dorthin zu gehen, wo seit so frher Jugend mich heimliche Wnsche und heimliche Liebe hinzogen. Ich hoffte, dereinst als Baumeister mir einen Namen zu machen und so, in kleinem oder groáem Rahmen, den mir das Schicksal dann eben schon zuweisen wrde, der Nation meinen redlichen Dienst zu weihen. Endlich aber wollte ich das Glcks teilhaftig werden, an der Stelle sein und wirken zu drfen, von der einst ja auch mein brennendster Herzenswunsch in Erfllung gehen muáte: der Anschluá meiner geliebten Heimat an das gemeinsame Vaterland, das Deutsche Reich. Viele werden die Gr”áe einer solchen Sehnsucht auch heute noch nicht begreifen verm”gen, allein ich wende mich an die, denen das Schicksal entweder bisher dieses Glck verweigert oder in grausamer H„rte wieder genommen hat; ich wende mich an alle die, die losgel”st vom Mutterlande, selbst um das heilige Gut der Sprache zu k„mpfen haben, die wegen ihrer Gesinnung der Treue dem Vaterlande gegenber verfolgt und gepeinigt werden, und die nun im schmerzlicher Ergriffenheit die Stunde ersehnen, die sie wieder an das Herz der teuren Mutter zurckkehren l„át; ich wende mich an alle diese und weiá: Sie werden mich verstehen! Nur wer selber am eigenen Leibe fhlt, was es heiát, Deutscher zu sein, ohne dem lieben Vaterlande angeh”ren zu drfen, vermag die tiefe Sehnsucht zu ermessen, die zu allen Zeiten im Herzen der vom Mutterlande getrennten Kinder brennt. Sie qu„lt die von ihr Erfaáten und verweigert ihnen Zufriedenheit und Glck so lange, bis die Tore des Vaterhauses sich ”ffnen und im gemeinsamen Reiche das gemeinsame Blut Frieden und Ruhe wieder findet. 137 Die Schule meines Lebens Wien aber war und blieb fr mich die schwerste, wenn auch grndlichste Schule meines Lebens. Ich hatte diese Stadt einst betreten als ein halber Junge noch und verlieá sie als still und ernst gewordener Mensch. Ich erhielt in ihr die Grundlagen fr eine Weltanschauung im groáen und eine politische Betrachtungsweise im kleinen, die ich sp„ter nur noch im einzelnen zu erg„nzen brauchte, die mich aber nie mehr verlieáen. Den rechten Wert der damaligen Lehrjahre vermag ich freilich selber erst heute voll zu sch„tzen. Deshalb habe ich diese Zeit etwas ausfhrlicher behandelt, da sie mir gerade in jenen Fragen den ersten Anschauungsunterricht erteilte, die mit zu den Grundlagen der Partei geh”ren, die, aus kleinsten Anf„ngen entstehend, sich im Laufe von kaum fnf Jahren zu einer groáen Massenbewegung zu entwickeln anschickt. Ich weiá nicht, wie meine Stellung zum Judentum, zur Sozialdemokratie, besser zum gesamten Marxismus, zur sozialen Frage usw. heute w„re, wenn nicht schon ein Grundstock pers”nlicher Anschauungen in so frher Zeit durch den Druck des Schicksals - und durch eigenes Lernen sich gebildet h„tte. Denn, wenn auch das Unglck des Vaterlandes Tausende und aber Tausende zum Denken anzuregen vermag ber die inneren Grnde des Zusammenbruches, so kann dies doch niemals zu jener Grndlichkeit erst nach jahrelangem Ringen Herr des Schicksals wurde. 4. Kapitel Mnchen Im Frhjahr 1912 kam ich endgltig nach Mnchen. Die Stadt selber war mir so gut bekannt, als ob ich schon seit Jahren in ihrem Mauern geweilt h„tte. Es lag dies begrndet in meinem Studium, das mich auf Schritt und Tritt ja auf diese Metropole der deutschen Kunst hinwies. Man hat nicht nur Deutschland nicht gesehen, wenn man Mnchen nicht kennt, nein, man kennt vor allem die deutsche Kunst nicht, wenn man Mnchen nicht sah. Jedenfalls war diese Zeit vor dem Kriege die glcklichste und weitaus zufriedenste meines Lebens. Wenn auch mein Verdienst immer noch sehr k„rglich war, so lebte ich ja nicht, um malen zu k”nnen, sondern malte, um mir dadurch nur die M”glichkeit meines Lebens zu sichern, besser, um mir damit mein weiteres Studium zu gestatten. Ich besaá die šberzeugung, mein Ziel, das ich mir gesteckt hatte, einest eben dennoch zu erreichen. Und dies lieá mich allein schon alle sonstigen kleinen Sorgen des t„glichen Daseins leicht und unbekmmert ertragen. Dazu aber kam noch die innere Liebe, die mich zu dieser Stadt mehr als zu einem anderen mir bekannten Orte fast schon von der ersten Stunde meines Aufenthaltes erfaáte. Eine deutsche Stadt! Welch ein Unterschied gegen Wien. Mir wurde schlecht, wenn ich an dieses Rassenbabylon auch nur zurckdachte. Dazu der mir viel n„her liegende Dialekt, der mich besonders im Umgang mit Niederbayern an meine einstige Jugendzeit erinnern konnte. Es gab wohl tausend und mehr Dinge, die mir innerlich lieb und teuer waren oder wurden. Am meisten aber zog 139 Deutschlands falsche Bndnispolitik mich die wunderbare Verm„hlung von urwchsiger Kraft und seiner knstlerischer Stimmung, diese einzige Linie vom Hofbr„uhaus zum Odeon, Oktoberfest zur Pinakothek usw. an. Daá ich heute an dieser Stadt h„nge, mehr als an irgendeinem anderen Fleck der Erde auf dieser Welt, liegt wohl mitbegrndet in der Tatsache, daá sie mit der Entwicklung meines eigenen Lebens unzertrennlich verbunden ist und bleibt; daá ich aber damals schon das Glck einer wahrhaft inneren Zufriedenheit erhielt, war nur dem Zauber zuzuschreiben, den die wunderbare Wittelsbacherresidenz wohl auf jeden nicht nur mit einem rechnerischen Verstande, sondern auch mit gefhlvollem Gemt gesegneten Menschen ausbt. Was mich auáer meiner beruflichen Arbeit am meisten anzog, war auch hier wieder das Studium der politischen Tagesereignisse, darunter besonders auáenpolitischer Vorg„nge. Ich kam zu den letzteren ber den Umweg der deutschen Bndnispolitik, die ich von meinen ”sterreichischen Zeiten her schon fr unbedingt falsch hielt. Immerhin war mir in Wien der volle Umfang dieser Selbstt„uschung des Reiches noch nicht ganz klar geworden. Ich war damals geneigt, anzunehmen - oder redete mir es vielleicht auch selber bloá als Entschuldigung vor - , daá man m”glicherweise in Berlin schon wisse, wie schwach und wenig verl„álich der Bundesgenosse in Wirklichkeit sein wrde, jedoch aus mehr oder minder geheimnisvollen Grnden mit dieser Einsicht zurckhalte, um eine Bndnispolitik zu sttzen, die ja Bismarck selber einst begrndet hatte und deren pl”tzlicher Abbruch nicht wnschenswert sein konnte, schon um das lauernde Ausland nicht irgendwie aufzuschrecken oder den inneren Spieáer zu beunruhigen. Freilich der Umgang, vor allem im Volke selber, lieá mich zu meinem Entsetzen schon in kurzer Zeit sehen, daá dieser Glaube falsch war. Zu meinem Erstaunen muáte ich berall feststellen, daá ber das Wesen der Habsburgermonarchie selbst in den sonst gut unterrichteten Kreisen aber auch kein blasser Schimmer vorhanden war. Gerade 140 Deutschlands falsche Bndnispolitik im Volke war man in dem Wahne verfangen, den Bundesgenossen als eine ernste Macht ansehen zu drfen, die in der Stunde der Not sicher sofort ihren Mann stellen wrde. Man hielt in der Masse die Monarchie immer fr einen "deutschen" Staat und glaubte darauf auch bauen zu k”nnen. Man war der Meinung, daá die Kraft auch hier nach den Millionen gemessen werden k”nnte, so wie etwa in Deutschland selber und vergaá vollst„ndig, daá ersten: ™sterreich schon l„ngst aufgeh”rt hatte, ein deutsches Staatswesen zu sein; daá aber zweitens: die inneren Verh„ltnisse dieses Reiches von Stunde zu Stunde mehr der Aufl”sung entgegendr„ngten. Ich hatte damals dieses Staatsgebilde besser gekannt als diese sogenannte offizielle "Diplomatie", die blind, wie fast immer, dem Verh„ngnis entgegentaumelte; denn die Stimmung des Volkes war immer nur der Ausfluá dessen, was man von oben in die ”ffentliche Meinung hineintrichterte. Von oben aber trieb man mit dem "Bundesgenossen" einen Kult wie um das goldene Kalb. Man hoffte wohl durch Liebenswrdigkeit zu ersetzen, was an Aufrichtigkeit fehlte. Dabei nahm man immer Worte fr bare Werte. Mich packte schon in Wien der Zorn, wenn ich den Unterschied betrachtete, der zwischen den Reden der offiziellen Staatsm„nner und dem Inhalt der Wiener Presse von Zeit zu Zeit in Erscheinung trat. Dabei war Wien aber doch noch, wenigstens dem Scheine nach,eine deutsche Stadt. Wie anders aber lagen die Dinge, wenn man von Wien oder besser von Deutsch”sterreich weg, in die slawischen Provinzen des Reiches kam. Man brauchte nur Prager Zeitungen in die Hand zu nehmen, um zu wissen, wie das ganze Gaukelspiel des Dreibundes dort beurteilt wurde. Da war fr dieses "staatsm„nnische Meisterwerk" schon nichts mehr vorhanden als blutiger Spott und Hohn. Man machte im tiefsten Frieden, als die beiden Kaiser gerade die Freundschaftsksse einander auf die Stirne drckten, gar kein Hehl daraus, daá dieses Bndnis erledigt sei an dem Tage, an dem man versuchen wrde, 141 Deutschlands falsche Bndnispolitik es aus dem Schimmer des Nibelungen Ideals in die praktische Wirklichkeit zu berfhren. Wie hatte man sich doch einige Jahre sp„ter aufgeregt, als in der endlich gekommenen Stunde, da die Bndnisse sich bew„hren sollten, Italien aus dem Dreibunde aussprang und die beiden Genossen ziehenlieá, ja zum Schlusse noch selber zum Feinde wurde. Daá man berhaupt auch nur eine Minute an die M”glichkeit eines solchen Wunders frher zu glauben wagte, n„mlich an das Wunder, daá Italien mit ™sterreich gemeinsam k„mpfen wrde, konnte jedem eben nicht mit diplomatischer Blindheit Geschlagenen nur einfach unverst„ndlich sein. Allein die Dinge lagen ja in ™sterreich selber um kein Haar anders. Tr„ger des Bndnisgedankens waren in ™sterreich nur die Habsburger und die Deutschen. Die Habsburger aus Berechnung und Zwang, die Deutschen aus gutem Glauben und politischer - Dummheit. Aus gutem Glauben, denn sie vermeinten, durch den Dreibund dem Deutschen Reiche selber einen groáen Dienst zu erweisen, es st„rken und sichern zu helfen; aus politischer Dummheit aber, weil weder das erst Gemeinte zutraf, sondern im Gegenteil sie dadurch mithalfen,das Reich an einen Staatskadaver zu ketten, der beide in den Abgrund reiáen muáte, vor allem aber, weil sie ja selber nur durch dieses Bndnis immer mehr der Entdeutschung anheimfielen. Denn indem die Habsburger durch das Bndnis mit dem Reiche vor einer Einmengung von dieser Seite aus sicher sein zu k”nnen glaubten und leider auch mit Recht sein konnten, vermochten sie ihre innere Politik der langsamen Verdr„ngung des Deutschtums schon wesentlich leichter und risikoloser durchzufhren. Nicht nur, daá man bei der bekannten "Objektivit„t" einen Einspruch von seiten der Reichsregierung gar nicht zu befrchten brauchte, konnte man auch dem ”sterreichischen Deutschtum selber jederzeit mit dem Hinweis auf das Bndnis den vorlauten Mund, der gegen eine etwa zu niedertr„chtige Art der Slawisierung sich auftun wollte, sofort zum Schweigen zu bringen. Was sollte denn auch der Deutsche in ™sterreich noch 142 Deutschlands falsche Bndnispolitik tun, wenn doch das Deutschtum des Reiches selber der Habsburger- Regierung Anerkennung und Vertrauen aussprach? Sollte er Widerstand leisten, um dann in der ganzen deutschen ™ffentlichkeit als Verr„ter am eigenen Volkstum gebrandmarkt zu werden? Er, der seit Jahrzehnten die unerh”rtesten Opfer gerade fr sein Volkstum gebracht hatte! Was aber besaá dieses Bndnis fr einen Wert, wenn erst das Deutschtum der Habsburger Monarchie ausgerottet worden w„re? War nicht der Wert des Dreibundes fr Deutschland geradezu abh„ngig von der Erhaltung der deutschen Vormachtstellung in ™sterreich? Oder glaubte man wirklich, auch mit einem slawischen Habsburgerreich noch in einem Bndnis leben zu k”nnen? Die Einstellung der offiziellen deutschen Diplomatie sowie auch die der ganzen ”ffentlichen Meinung zum inner”sterreichischen Nationalit„tenproblem war schon nicht mehr dumm, sondern einfach irrsinnig! Man baute auf ein Bndnis, stellte die Zukunft und Sicherheit eines 70-Millionen-Volkes darauf ein - und sah zu, wie die einzige Grundlage fr diesen Bund beim Partner von Jahr zu Jahr planm„áig und unbeirrt sicher zerst”rt wurde. Eines Tages muáte dann ein "Vertrag" mit der Wiener Diplomatie brigbleiben, die Bundeshilfe eines Reiches aber verloren sein. Bei Italien war dies ohnehin von Anfang an der Fall. H„tte man in Deutschland nur etwas klarer Geschichte studiert und V”lkerpsychologie getrieben, dann h„tte man wohl keine Stunde glauben k”nnen, daá jemals Quirinal und Wiener Hofburg in einer gemeinsamen Kampffront stehen wrden. Italien w„re ja eher zu einem Vulkan geworden, ehe eine Regierung es h„tte wagen drfen, dem so fanatisch verhaáten Habsburgerstaat aber auch nur einen einzigen Italiener auf das Schlachtfeld zu stellen, auáer als Feind. Ich habe die leidenschaftliche Verachtung sowie den bodenlosen Haá, mit dem der Italiener dem ”sterreichischen Staate "zugetan" war, ”fter als einmal in Wien aufbrennen sehen. Was das Haus Habsburg an der italienischen 143 Deutschlands falsche Bndnispolitik Freiheit und Unabh„ngigkeit im Laufe der Jahrhunderte gesndigt hatte, war zu groá, als daá man dies h„tte vergessen k”nnen, auch wenn der Wille dazu vorhanden gewesen w„re. Er war aber gar nicht vorhanden; weder im Volke noch bei der italienischen Regierung. Fr Italien gab es deshalb auch nur zwei M”glichkeiten im Zusammenleben mit ™sterreich: entweder Bndnis oder Krieg. Indem man das erstere w„hlte, vermochte man sich in Ruhe zum zweiten vorzubereiten. Besonders seitdem das Verh„ltnis ™sterreichs zu Ruáland immer mehr einer kriegerischen Auseinandersetzung entgegentrieb, war die deutsche Bndnispolitik ebenso sinnlos wie gef„hrlich. Es war dies ein klassischer Fall, an dem sich das Fehlen jeder groáen und richtigen Linie des Denkens aufzeigen lieá. Warum schloá man denn berhaupt ein Bndnis? Doch nur, um so die Zukunft des Reiches besser wahren zu k”nnen, als es, auf sich allein gestellt, in der Lage gewesen w„re, Dies Zukunft des Reiches aber war doch nichts anderes als die Frage der Erhaltung der Existenzm”glichkeit des deutschen Volkes. Mithin aber konnte die Frage dann nur lauten: wie muá das Leben der deutschen Nation in einer greifbaren Zukunft sich gestalten, und wie kann man dieser Entwicklung dann die n”tigen Grundlagen und die erforderliche Sicherheit gew„hrleisten im Rahmen der allgemeinen europ„ischen Machtverh„ltnisse? Bei klarer Betrachtung der Voraussetzungen fr die auáenpolitische Bet„tigung der deutschen Staatskunst mute man zu folgender šberzeugung gelangen: Deutschland hat eine j„hrliche Bev”lkerungszunahme von nahezu 900000 Seelen. Die Schwierigkeit der Ern„hrung dieser Armee von neuen Staatsbrgern muá von Jahr zu Jahr gr”áer werden und einmal bei einer Katastrophe enden, falls eben nicht Mittel und Wege gefunden werden, 144 Die vier Wege deutscher Politik noch rechtzeitig der Gefahr dieser Hungerverelendung vorzubeugen: Es gab vier Wege, um einer solchen entsetzlichen Zukunftsentwicklung zu entgehen. 1. Man konnte, nach franz”sischem Vorbilde, die Zunahme der Geburten knstlich einschr„nken und damit einer šberbev”lkerung begegnen. Die Natur selber pflegt ja in Zeiten groáer Not oder b”ser klimatischer Verh„ltnisse sowie bei armem Bodenertrag ebenfalls zu einer Einschr„nkung der Vermehrung der Bev”lkerung von bestimmten L„ndern oder Rassen zu schreiten; allerdings in ebenso weiser wie rcksichtsloser Methode. Sie behindert nicht die Zeugungsf„higkeit an sich, wohl aber die Forterhaltung des Gezeugten, indem sie dieses so schweren Prfungen und Entbehrungen aussetzt, daá alles minder Starke, weniger Gesunde, wieder in den Schoá des ewig Unbekannten zurckzukehren gezwungen wird. Was sie dann dennoch die Unbilden des Daseins berdauern l„át, ist tausendf„ltig erprobt, hart und wohl geeignet, wieder weiter zu zeugen, auf daá die grndliche Auslese von vorne wieder zu beginnen vermag. Indem sie so gegen den einzelnen brutal vorgeht und ihn augenblicklich wieder zu sich ruft, sowie er dem Sturme des Lebens nicht gewachsen ist, erh„lt sie die Rasse und Art selber kraftvoll, ja steigert sie zu h”chsten Leistungen. Damit ist aber die Verminderung der Zahl eine St„rkung der Person, mithin aber letzten Endes eine Kr„ftigung der Art. Anders ist es, wenn der Mensch eine Beschr„nkung seiner Zahl vorzunehmen sich anschickt. Er ist nicht aus dem Holze der Natur geschnitzt, sonder "human". Er versteht es besser als diese grausame K”nigin aller Weisheit. Er beschr„nkt nicht die Forterhaltung des einzelnen als vielmehr die Fortpflanzung selber. Dieses erscheint ihm, der ja immer nur sich selbst und nie die Rasse sieht, menschlicher und gerechtfertigter zu sein als der umgekehrte Weg. Allein leider sind auch die Folgen umgekehrt: W„hrend die Natur, indem sie die Zeugung freigibt, 145 Die vier Wege deutscher Politik jedoch die Forterhaltung einer schwersten Prfung unterwirft, aus einer šberzahl der Einzelwesen die besten sich als wert zum Leben auserw„hlt, sie also allein erh„lt und ebenso zu Tr„gern der Forterhaltung ihrer Art werden l„át, schr„nkt der Mensch die Zeugung ein, sorgt jedoch krampfhaft dafr, daá jedes einmal geborene Wesen um jeden Preis auch erhalten werde. Diese Korrektur des g”ttlichen Willens scheint ihm ebenso weise wie human zu sein, und er freut sich, wieder einmal in einer Sache die Natur bertrumpft, ja ihre Unzul„nglichkeit bewiesen zu haben. Daá in Wirklichkeit allerdings wohl die Zahl eingeschr„nkt, dafr aber auch der Wert des einzelnen vermindert wurde, will das liebe Žffchen des Allvaters freilich nur ungern sehen oder h”ren. Denn sowie erst einmal die Zeugung als solche eingeschr„nkt und die Zahl der Geburten vermindert wird, tritt an Stelle des natrlichen Kampfes um das Dasein, der nur den Allerst„rksten und Gesndesten am Leben l„át, die selbstverst„ndliche Sucht, auch das Schw„chlichste, ja Krankhafteste um jeden Preis zu "retten", womit der Keim zu einer Nachkommenschaft gelegt wird, die immer j„mmerlicher werden muá, je l„nger diese Verh”hnung der Natur und ihres Willens anh„lt. Das Ende aber wird sein, daá einem solchen Volke eines Tages das Dasein auf dieser Welt genommen werden wird; denn der Mensch kann wohl eine gewisse Zeit den ewigen Gesetzen des Forterhaltungswillens trotzen, allein die Rache kommt frher oder sp„ter doch. Ein st„rkeres Geschlecht wird die Schwachen verjagen, da der Drang zum Leben in seiner letzten Form alle l„cherlichen Fesseln einer sogenannten Humanit„t der einzelnen immer wieder zerbrechen wird, um an seine Stelle die Humanit„t der Natur treten zu lassen, die die Schw„che vernichtet, um der St„rke den Platz zu schenken. Wer also dem deutschen Volke das Dasein sichern will auf dem Wege einer Selbstbeschr„nkung seiner Vermehrung, raubt ihm damit die Zukunft. 2. Ein zweiter Weg w„re der, den wir auch heute wieder 146 Die vier Wege deutscher Politik oft und oft vorgeschlagen und angepriesen h”ren: die innere Kolonisation. Es ist dies ein Vorschlag, der von ebenso vielen gut gemeint ist, als er von den meisten aber schlecht verstanden zu werden pflegt, um den denkbar gr”áten Schaden anzurichten, den man sich nur vorzustellen vermag. Ohne Zweifel kann die Ertr„gnisf„higkeit eines Bodens bis zu einer bestimmten Grenze erh”ht werden. Allein eben nur bis zu einer bestimmten Grenze und nicht endlos weiter. Eine gewisse Zeit wird man also ohne Hungersgefahr die Vermehrung des deutschen Volkes durch eine Nutzungssteigerung unseres Bodens auszugleichen verm”gen. Allein dem steht die Tatsache gegenber, daá die Anforderungen an das Leben im allgemeinen schneller steigen, als selbst die Zahl der Bev”lkerung. Die Anforderungen der Menschen in bezug auf Nahrung und Kleidung werden von Jahr zu Jahr gr”áer und stehen in keinem Verh„ltnis mehr zu den Bedrfnissen unserer Vorfahren etwa vor 100 Jahren. Es ist also irrig zu meinen, daá jede Erh”hung der Produktion einer Vermehrung der Bev”lkerung die Voraussetzung schaffe: Nein; dies trifft nur bis zu einem gewissen Grad zu, indem mindestens ein Teil der Mehrerzeugnisse des Bodens zur Befriedigung der erh”hten Bedrfnisse der Menschen aufgebraucht wird. Allein selbst bei gr”áter Einschr„nkung einerseits und emsigstem Fleiáe andererseits wird dennoch auch hier einmal eine Grenze kommen, die durch den Boden dann selber gezogen wird. Es wird bei allem Fleiáe nicht mehr gelingen, mehr aus ihm herauszuwirtschaften, und dann tritt, wenn auch eine gewisse Zeit hinausgeschoben, das Verh„ngnis abermals in Erscheinung. Der Hunger wird zun„chst von Zeit zu Zeit, wenn Miáernten usw. kommen, sich wieder einstellen. Er wird dies mit steigender Volkszahl immer ”fter tun, so daá er endlich nur dann nicht mehr auftritt, wenn seltene reichste Jahre die Speicher fllen. Aber es naht endlich die Zeit, in der auch dann die Not nicht mehr zu befriedigen sein wird, und der Hunger zum ewigen 147 Die vier Wege deutscher Politik Begleiter eines solchen Volkes geworden ist. Nun muá wieder die Natur helfen und Auswahl treffen unter den von ihr zum Leben Auserw„hlten; oder es hilft sich der Mensch wieder selber: das heiát, er greift zur knstlichen Behinderung seiner Vermehrung mit allen ihren schon angedeuteten schweren Folgen fr Rasse und Art. Man wird noch einzuwenden verm”gen, daá diese Zukunft ja der ganzen Menschheit einmal so oder so bevorstehe, mithin auch das einzelne Volk diesem Verh„ngnis natrlich nicht zu entgehen verm”ge. Dies ist auf den ersten Blick ohne weiteres richtig. Dennoch ist aber hier folgendes zu bedenken: Sicherlich wird zu einem bestimmten Zeitpunkt die gesamte Menschheit gezwungen sein, infolge der Unm”glichkeit, die Fruchtbarkeit des Bodens der weitersteigenden Volkszahl noch l„nger anzugleichen, die Vermehrung des menschlichen Geschlechts einzustellen und entweder die Natur wieder entscheiden zu lassen, oder durch Selbsthilfe, wenn m”glich, dann freilich schon auf dem richtigeren Wege als heute, den notwendigen Ausgleich zu schaffen. Allein dieses wird dann eben alle V”lker treffen, w„hrend zur Zeit nur diejenigen Rassen von solcher Not betroffen werden, die nicht mehr Kraft und St„rke genug besitzen; um sich den fr sie n”tigen Boden auf dieser Welt zu sichern. Denn die Dinge liegen doch so, daá auf dieser Erde zur Zeit noch immer Boden in ganz ungeheuren Fl„chen ungentzt vorhanden ist und nur des Bebauers harrt. Ebenso aber ist es auch richtig, daá dieser Boden nicht von der Natur an und fr sich einer bestimmten Nation oder Rasse als Reservatfl„che fr die Zukunft aufgehoben wurde, sondern er ist Land und Boden fr das Volk, daá die Kraft besitzt, ihn zu nehmen, und den Fleiá, ihn zu bebauen. Die Natur kennt keine politischen Grenzen. Sie setzt die Lebewesen zun„chst auf diesen Erdball und sieht dem freien Spiel der Kr„fte zu. Der St„rkste an Mut und Fleiá erh„lt dann als ihr liebstes Kind das Herrenrecht des Daseins zugesprochen. 148 Die vier Wege deutscher Politik Wenn ein Volk sich auf innere Kolonisation beschr„nkt, da andere Rassen sich auf immer gr”áeren Bodenfl„chen dieser Erde festklammern, wird es zur Selbstbeschr„nkung schon zu einer Zeit zu greifen gezwungen sein, da die brigen V”lker sich noch dauernd fortvermehren. Einmal tritt aber dieser Fall ein, und zwar um so frher, je kleiner der zur Verfgung stehende Lebensraum eines Volkes ist. Da im allgemeinen leider nur zu h„ufig die besten Nationen, oder noch richtiger die einzigen wahrhaften Kulturrassen, die Tr„ger alles menschlichen Fortschrittes, sich in ihrer pazifistischen Verblendung entschlieáen, auf neuen Bodenerwerb Verzicht zu leisten, um sich mit "innerer" Kolonisation zu begngen, minderwertige Nationen aber ungeheure Lebensfl„chen auf dieser Welt sich zu sichern verstehen, wrde dies zu folgendem Endergebnis fhren: Die kulturell besseren, allein minder rcksichtslosen Rassen máten schon zu einer Zeit ihre Vermehrung infolge ihres beschr„nkten Bodens begrenzen, da die kulturell tieferen,aber naturhaft-brutaleren V”lker infolge gr”áter Lebensfl„chen noch ins Unbegrenzte hinein sich fortzuvermehren in der Lage sein wrden. Mit anderen Worten: Die Welt wird damit eines Tages in den Besitz der kulturell minderwertigeren, jedoch tatkr„ftigeren Menschheit kommen. Dann gibt es in einer, wenn auch noch so fernen Zukunft nur zwei M”glichkeiten: Entweder die Welt wird regiert nach den Vorstellungen unserer modernen Demokratie, dann f„llt das Schwergewicht jeder Entscheidung zugunsten der zahlenm„áig st„rkeren Rassen aus, oder die Welt wird beherrscht nach den Gesetzen der natrlichen Kraftordnung, dann siegen die V”lker des brutalen Willens und mithin eben wieder nicht die Nation der Selbstbeschr„nkung. Daá aber diese Welt dereinst noch schwersten K„mpfen um das Dasein der Menschheit ausgesetzt sein wird, kann niemand bezweifeln. Am Ende siegt ewig nur die Sucht der Selbsterhaltung. Unter ihr schmilzt die sogenannte Humanit„t als Ausdruck einer Mischung von Dummheit, Feigheit und eingebildetem Besserwissen, wie Schnee in der 149 Die vier Wege deutscher Politik M„rzensonne. Im ewigen Kampfe ist die Menschheit groá geworden - im ewigen Frieden geht sie zugrunde. Fr uns Deutsche aber ist die Parole der "inneren Kolonisation" schon deshalb unselig, da sie bei uns sofort die Meinung verst„rkt, ein Mittel gefunden zu haben, das der pazifistischen Gesinnung entsprechend gestattet, in sanftem Schlummerleben sich das Dasein "erarbeiten" zu k”nnen. Diese Lehre, bei uns erst einmal ernst genommen, bedeutet das Ende jeder Anstrengung, sich auf dieser Welt den Platz zu bewahren, der auch uns gebhrt. Sowie erst der Durchschnittsdeutsche die šberzeugung erhielte, auch auf solchem Wege sich das Leben und die Zukunft sichern zu k”nnen, wrde jeder Versuch einer aktiven und damit allein fruchtbaren Vertretung deutscher Lebensnotwendigkeiten erledigt sein. Jede wirklich ntzliche Auáenpolitik aber k”nnte durch eine solche Einstellung der Nation als begraben angesehen werden und mit ihr die Zukunft des deutschen Volkes berhaupt. In Erkenntnis dieser Folgen ist es nicht zuf„llig in erster Linie immer der Jude, der solche todgef„hrliche Gedankeng„nge in unser Volk hineinzupflanzen versucht und versteht. Er kennt seine Pappenheimer nur zu gut, um nicht zu wissen, daá sie dankbar jedem spanischen Schatzschwindler zum Opfer fallen, der ihnen weiszumachen versteht, daá das Mittel gefunden w„re, der Natur ein Schnippchen zu schlagen, den harten, unerbittlichen Kampf ums Dasein berflssig zu machen, um an seiner Stelle bald durch Arbeit, manchmal auch schon durch bloáes Nichtstun, je nachdem "wie's trefft", zum Herrn des Planeten aufzusteigen. Es kann nicht scharf genug betont werden, daá jede deutsche innere Kolonisation in erster Linie nur dazu zu dienen hat, soziale Miást„nde zu beseitigen, vor allem den Boden der allgemeinen Spekulation zu entziehen, niemals aber gengen kann, etwa die Zukunft der Nation ohne neuen Grund und Boden sicherzustellen. 150 Die vier Wege deutscher Politik Handeln wir anders, so werden wir in kurzer Zeit nicht nur am Ende unseres Bodens angelangt sein, sondern auch am Ende unserer Kraft. Schlieálich muá noch folgendes festgestellt werden: Die in der inneren Kolonisation liegende Beschr„nkung auf eine bestimmte kleine Bodenfl„che sowie auch die durch Einengung der Fortpflanzung erfolgende gleiche Schluáwirkung fhrt zu einer auáerordentlich ungnstigen milit„rpolitischen Lage der betreffenden Nation. In der Gr”áe des Wohnsitzes eines Volkes liegt allein schon ein wesentlicher Faktor zur Bestimmung seiner „uáeren Sicherheit. Je gr”áer die Raummenge ist, die einem Volke zur Verfgung steht, um so gr”áer ist auch dessen natrlicher Schutz; denn noch immer lieáen sich milit„rische Entscheidungen gegen V”lker auf kleiner zusammengepreáter Bodenfl„che in schnellerer und damit auch leichterer und besonders wirksamerer und vollst„ndigerer Weise erzielen, wie dies umgekehrt gegen territorial umfangreiche Staaten m”glich sein kann. In der Gr”áe des Staatsgebietes liegt damit immer noch ein gewisser Schutz gegen leichtfertige Angriffe, da ein Erfolg dabei nur nach langen schweren K„mpfen zu erzielen ist, mithin das Risiko eines bermtigen šberfalles zu groá erscheinen wird, sofern nicht ganz auáerordentliche Grnde vorliegen. Daher liegt schon in der Gr”áe des Staates an sich ein Grund zur leichteren Erhaltung der Freiheit und Unabh„ngigkeit eines Volkes, w„hrend umgekehrt die Kleinheit eines solchen Gebildes zur Inbesitznahme geradezu herausfordert. Tats„chlich wurden auch die beiden ersten M”glichkeiten zur Schaffung eines Ausgleiches zwischen der steigenden Volkszahl und dem gleichgroá bleibenden Boden in den sogenannten nationalen Kreisen des Reiches abgelehnt. Die Grnde zu dieser Stellungnahme waren freilich andere als die oben angefhrten: Zur Einschr„nkung der Geburten verhielt man sich in erster Linie ablehnend aus einem gewissen moralischen Gefhl heraus; die innere Kolonisation wies man mit Entrstung zurck, da man in ihr einen Angriff gegen den Groágrundbesitz witterte und 151 Die vier Wege deutscher Politik darin den Beginn eines allgemeinen Kampfes gegen das Privateigentum berhaupt sah. Bei der Form, in der besonders diese letztere Heilslehre empfohlen wurde, konnte man auch ohne weiteres mit einer solchen Annahme recht haben. Im allgemeinem war die Abwehr der breiten Masse gegenber nicht sehr geschickt und traf auch in keinerlei Weise den Kern des Problems. Somit blieben nur noch zwei Wege, der steigenden Volkszahl Arbeit und Brot zu sichern. 3. Man konnte entweder neuen Boden erwerben, um die berschssigen Millionen j„hrlich abzuschieben, und so die Nation auch weiter auf der Grundlage einer Selbstern„hrung erhalten, oder man ging 4. dazu ber, durch Industrie und Handel fr fremden Bedarf zu schaffen, um vom Erl”s das Leben zu bestreiten. Also: entweder Boden- oder Kolonial- und Handelspolitik. Beide Wege wurden von verschiedenen Richtungen ins Auge gefaát, geprft, empfohlen und bek„mpft, bis endlich der letztere endgltig gegangen wurde. Der gesndere Weg von beiden w„re freilich der erstere gewesen. Die Erwerbung von neuem Grund und Boden zur Ansiedelung der berlaufenden Volkszahl besitzt unendlich viele Vorzge, besonders wenn man nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft ins Auge faát. Schon die M”glichkeit der Erhaltung eines gesunden Bauernstandes als Fundament der gesamten Nation kann niemals hoch genug eingesch„tzt werden. Viele unserer heutigen Leiden sind nur die Folge des ungesunden Verh„ltnisses zwischen Land-und Stadtvolk. Ein fester Stock kleiner und mittlerer Bauern war noch zu allen Zeiten der beste Schutz gegen soziale Erkrankungen, wie wir sie heute besitzen. Dies ist aber auch die einzige L”sung, die eine Nation das t„gliche Brot im inneren Kreislauf einer Wirtschaft finden l„át. Industrie und Handel treten von ihrer ungesunden fhrenden Stellung zurck und gliedern sich in den 152 Erwerb neuen Bodens allgemeinen Rahmen einer nationalen Bedarfs- und Ausgleichswirtschaft ein. Beide sind damit nicht mehr die Grundlage der Ern„hrung der Nation, sondern ein Hilfsmittel derselben. Indem sie nur mehr den Ausgleich zwischen eigener Produktion und Bedarf auf allen Gebieten haben, machen sie die gesamte Volksern„hrung mehr oder weniger unabh„ngig vom Auslande, helfen also mit, die Freiheit des Staates und die Unabh„ngigkeit der Nation, besonders in schweren Tagen, sicherzustellen. Allerdings eine solche Bodenpolitik kann nicht etwa in Kamerun ihre Erfllung finden, sondern heute fast ausschlieálich nur mehr in Europa. Man muá sich damit khl und nchtern auf den Standpunkt stellen, daá es sicher nicht Absicht des Himmels sein kann, dem einen Volke fnfzigmal so viel an Grund und Boden auf dieser Welt zu geben, als dem anderen. Man darf in diesem Falle sich nicht durch politische Grenzen von den Grenzen des ewigen Rechtes abbringen lassen. Wenn diese Erde wirklich fr alle Raum zum Leben hat, dann m”ge man uns also den uns zum Leben n”tigen Boden geben. Man wird das freilich nicht gerne tun. Dann jedoch tritt das Recht der Selbsterhaltung in seine Wirkung; und was der Gte verweigert wird, hat eben die Faust sich zu nehmen. H„tten unsere Vorfahren einst ihre Entscheidungen von dem gleichen pazifistischen Unsinn abh„ngig gemacht wie die heutige Gegenwart, dann wrden wir berhaupt nur ein Drittel unseres jetzigen Bodens zu eigen besitzen; ein deutsches Volk aber drfte dann kaum mehr Sorgen in Europa zu tragen haben. Nein - der natrlichen Entschlossenheit zum Kampfe fr das eigene Dasein verdanken wir die beiden Ostmarken des Reiches und damit jene innere St„rke der Gr”áe unseres Staats- und Volksgebietes, die berhaupt allein uns bis heute bestehen lieá. Auch aus einem anderen Grunde w„re diese L”sung die richtige gewesen: Viele europ„ischen Staaten gleichen heute auf die Spitze gestellten Pyramiden. Ihre europ„ische Grundfl„che ist l„cherlich klein gegenber ihrer brigen Belastung in Kolonien, 153 Erwerb neuen Bodens Auáenhandel usw. Man darf sagen: Spitze in Europa, Basis in der ganzen Welt; zum Unterschiede der amerikanischen Union, die die Basis noch im eigenen Kontinent besitzt und nur mit der Spitze die brige Erde berhrt. Daher kommt aber auch die unerh”rte innere Kraft dieses Staates und die Schw„che der meisten europ„ischen Kolonialm„chte. Auch England ist kein Beweis dagegen, da man nur zu leicht angesichts des britischen Imperiums die angels„chsische Welt als solche vergiát. Die Stellung Englands kann infolge seiner Sprach- und Kulturgemeinschaft mit der amerikanischen Union allein schon mit keinem sonstigen Staat in Europa verglichen werden. Fr Deutschland lag demnach die einzige M”glichkeit zur Durchfhrung einer gesunden Bodenpolitik nur in der Erwerbung von neuem Lande in Europa selber. Kolonien k”nnen diesem Zwecke so lange nicht dienen, als sie nicht zur Besiedelung mit Europ„ern in gr”átem Maáe geeignet erscheinen. Auf friedlichem Wege aber waren solche Kolonialgebiete im neunzehnten Jahrhundert nicht mehr zu erlangen. Es wrde mithin auch eine solche Kolonialpolitik nur auf dem Wege eines schweren Kampfes durchzufhren gewesen sein, der aber dann zweckm„áiger nicht fr auáereurop„ische Gebiete, sondern vielmehr fr Land im Heimatkontinent selbst ausgefochten worden w„re. Ein solcher Entschluá erfordert dann freilich ungeteilte Hingabe. Es geht nicht an, mit halben Mitteln oder auch nur z”gernd an eine Aufgabe heranzutreten, deren Durchfhrung nur unter Anspannung aber auch der letzten Energie m”glich erscheint. Dann muáte auch die gesamte politische Leitung des Reiches diesem ausschlieálichen Zwecke huldigen; niemals durfte ein Schritt erfolgen, von anderen Erw„gungen geleitet,als von der Erkenntnis dieser Aufgabe und ihrer Bedingungen. Man hatte sich Klarheit zu verschaffen, daá dieses Ziel nur unter Kampf zu erreichen war und muáte dem Waffengange dann aber auch ruhig und gefaát ins Auge sehen. So waren die gesamten Bndnisse ausschlieálich von diesem Gesichtspunkte aus zu prfen und ihrer Verwertbarkeit 154 Mit England gegen Ruáland nach zu sch„tzen. Wollte man in Europa Grund und Boden, dann konnte dies im groáen und ganzen nur auf Kosten Ruálands geschehen, dann muáte sich das neue Reich wieder auf der Straáe der einstigen Ordensritter in Marsch setzen, um mit dem deutschen Schwert dem deutschen Pflug die Scholle, der Nation aber das t„gliche Brot zu geben. Fr eine solche Politik allerdings gab es in Europa nur einen einzigen Bundesgenossen: England. Nur mit England allein vermochte man, den Rcken gedeckt, den neuen Germanenzug zu beginnen. Das Recht hierzu w„re nicht geringer gewesen als das Recht unserer Vorfahren. Keiner unserer Pazifisten weigert sich, das Brot des Ostens zu essen, obwohl der erste Pflug einst "Schwert" hieá! Englands Geneigtheit zu gewinnen, durfte dann aber kein Opfer zu groá sein. Es war auf Kolonien und Seegeltung zu verzichten, der britischen Industrie aber die Konkurrenz zu ersparen. Nur unbedingte klare Einstellung allein konnte zu einem solchen Ziele fhren: Verzicht auf Welthandel und Kolonien; Verzicht auf eine deutsche Kriegsflotte. Konzentration der gesamten Machtmittel des Staates auf das Landheer. Das Ergebnis w„re wohl eine augenblickliche Beschr„nkung gewesen, allein eine groáe und m„chtige Zukunft. Es gab eine Zeit, da England in diesem Sinne h„tte mit sich reden lassen. Da es sehr wohl begriffen hatte, daá Deutschland infolge seiner Bev”lkerungszunahme nach irgendeinem Ausweg suchen msse und entweder mit England diesen in Europa f„nde, oder ohne England in der Welt. Dieser Ahnung war es wohl auch in erster Linie zuzuschreiben, wenn um die Jahrhundertwende von London selber aus versucht wurde, Deutschland n„herzutreten. Zum ersten Male zeigte sich damals, was wir in den letzten Jahren in wahrhaft erschreckender Weise beobachten konnten. Man war unangenehm berhrt bei dem Gedanken, fr England Kastanien aus dem Feuer holen zu mssen; als ob es berhaupt ein Bndnis auf einer anderen 155 L”sung des ”sterreichischen Bndnisses Grundlage als der eines gegenseitigen Gesch„ftes geben k”nnte. Mit England lieá sich aber ein solches Gesch„ft sehr wohl machen. Die britische Diplomatie war noch immer klug genug, zu wissen, daá ohne Gegenleistung keine Leistung zu erwarten ist. Man stelle sich aber vor, daá eine kluge deutsche Auáenpolitik die Rolle Japans im Jahre 1904 bernommen h„tte, und man kann kaum ermessen, welche Folgen dies fr Deutschland gehabt haben wrde. Es w„re niemals zu einem "Weltkriege" gekommen. Das Blut im Jahre 1904 h„tte das Zehnfache der Jahre 1914 bis 1918 erspart. Welche Stellung aber wrde Deutschland heute in der Welt einnehmen! Allerdings, das Bndnis mit ™sterreich war dann ein Unsinn. Denn diese staatliche Mumie verband sich mit Deutschland nicht zum Durchfechten eines Krieges, sondern zur Erhaltung eines ewigen Friedens, der dann in kluger Weise zur langsamen, aber sicheren Ausrottung des Deutschtums der Monarchie verwendet werden konnte. Dieses Bndnis aber war auch deshalb eine Unm”glichkeit, weil man doch mit einem Staate so lange gar keine offensive Vertretung nationaler deutscher Interessen erwarten durfte,als dieser nicht einmal die Kraft und Entschlossenheit besaá, dem Entdeutschungsprozeá an seiner unmittelbaren Grenze ein Ende zu bereiten. Wenn Deutschland nicht soviel nationale Besinnung und auch Rcksichtslosigkeit besaá, dem unm”glichen Habsburgerstaat die Verfgung ber das Schicksal der zehn Millionen Stammesgenossen zu entreiáen, dann durfte man wahrlich nicht erwarten, daá es jemals zu solch weitausschauenden und verwegenen Pl„nen die Hand bieten wrde. Die Haltung des alten Reiches zur ”sterreichischen Frage war der Prfstein fr sein Verhalten im Schicksalskampf der ganzen Nation. Auf alle F„lle durfte man nicht zusehen, wie Jahr um Jahr das Deutschtum mehr zurckgedr„ngt wurde, da ja der 156 Wirtschafts-Expansions-Politik Wert der Bndnisf„higkeit ™sterreichs ausschlieálich von der Erhaltung des deutschen Elements bestimmt wurde. Allein, man beschritt diesen Weg ja berhaupt nicht. Man frchtete nichts so sehr als den Kampf, um endlich in der ungnstigsten Stunde dennoch zu ihm gezwungen zu werden. Man wollte dem Schicksal enteilen und wurde von ihm ereilt. Man r„umte von der Erhaltung des Weltfriedens und landete beim Weltkrieg. Und dies war der bedeutendste Grund, warum man diesen dritten Weg der Gestaltung einer deutschen Zukunft gar nicht einmal ins Auge faáte. Man wuáte, daá die Gewinnung neuen Bodens nur im Osten zu erreichen war, sah den dann n”tigen Kampf und wollte um jeden Preis doch den Frieden; denn die Parole der deutschen Auáenpolitik hieá schon l„ngst nicht mehr: Erhaltung der deutschen Nation auf allen Wegen, als vielmehr: Erhaltung des Weltfriedens mit allen Mitteln. Wie dies dann gelang, ist bekannt. Ich werde darauf noch besonders zurckkommen. So blieb also noch die vierte M”glichkeit: Industrie und Welthandel, Seemacht und Kolonien. Eine solche Entwicklung war allerdings zun„chst leichter und auch wohl schneller zu erreichen. Die Besiedelung von Grund und Boden ist ein langsamer Prozeá, der oft Jahrhunderte dauert; ja darin ist ja gerade seine innere St„rke zu suchen, daá es sich dabei nicht um ein pl”tzliches Aufflammen, sondern um ein allm„hliches aber grndliches und andauerndes Wachsen handelt, zum Unterschiede von einer industriellen Entwicklung, die im Laufe weniger Jahre aufgeblasen werden kann, um dann aber auch mehr einer Seifenblase, als einer gediegenen St„rke zu „hneln. Eine Flotte ist freilich schneller zu bauen, als im z„hen Kampfe Bauernh”fe aufzurichten und mit Farmern zu besiedeln; allein, sie ist auch schneller zu vernichten als das letzte. Wenn Deutschland dennoch diesen Weg beschritt, dann muáte man aber wenigstens klar erkennen, daá auch diese Entwicklung eines Tages beim Kampfe enden wrde. Nur 157 Mit Ruáland gegen England Kinder konnten vermeinen, durch freundliches und gesittetes Betragen und dauerndes Betonen friedlicher Gesinnung ihre Bananen holen zu k”nnen im "friedlichen Wettbewerb der V”lker", wie man so sch”n und salbungsvoll daherschw„tzte; ohne also je zur Waffe greifen zu mssen. Nein: wenn wir diesen Weg beschritten, dann muáte eines Tages England unser Feind werden. Es war mehr als unsinnig, sich darber zu entrsten - entsprach aber ganz unserer eigenen Harmlosigkeit - , daá England sich die Freiheit nahm, eines Tages unserem friedlichen Treiben mit der Roheit des gewaltt„tigen Egoisten entgegenzutreten. Wir h„tten dies allerdings nie getan. Wenn europ„ische Bodenpolitik nur zu treiben war gegen Ruáland mit England im Bunde, dann war aber umgekehrt Kolonial- und Welthandelspolitik nur denkbar gegen England mit Ruáland. Dann muáte man aber auch hier rcksichtslos die Konsequenzen ziehen - und vor allem ™sterreich schleunigst fahren lassen. Nach jeder Richtung hin betrachtet war dieses Bndnis mit ™sterreich um die Jahrhundertwende schon ein wahrer Wahnsinn. Allein man dachte ja auch gar nicht daran,sich mit Ruáland gegen England zu verbnden, so wenig wie mit England gegen Ruáland, denn in beiden F„llen w„re das Ende ja Krieg gewesen, und um diesen zu verhindern, entschloá man sich ja doch berhaupt erst zur Handels- und Industriepolitik. Man besaá ja nun in der "wirtschaftsfriedlichen" Eroberung der Welt eine Gebrauchsanweisung, die der bisherigen Gewaltpolitik ein fr allemal das Genick brechen sollte. Man war sich manchmal der Sache vielleicht doch wieder nicht ganz sicher, besonders, wenn aus England von Zeit zu Zeit ganz unverst„ndliche Drohungen herberkamen; darum entschloá man sich auch zum Bau einer Flotte, jedoch auch wieder nicht zum Angriff und zur Vernichtung Englands, sondern zur "Verteidigung" des schon benannten "Weltfriedens" und der "friedlichen" Eroberung der Welt. Daher wurde sie auch in allem und jedem etwas bescheidener gehalten, nicht nur der Zahl, sondern auch 158 "Wirtschaftsfriedliche" Eroberung dem Tonnengehalt der einzelnen Schiffe sowie der Armierung nach, um auch so wieder die letzten Endes doch "friedliche" Absicht durchleuchten zu lassen. Das Gerede der "wirtschaftsfriedlichen" Eroberung der Welt war wohl der gr”áte Unsinn, der jemals zum leitenden Prinzip der Staatspolitik erhoben wurde. Dieser Unsinn wurde noch gr”áer dadurch, daá man sich nicht scheute, England als Kronzeugen fr die M”glichkeit einer solchen Leistung anzurufen. Was dabei unsere professorale Geschichtslehre und Geschichtsauffassung mitverbrochen hat,kann kaum wieder gutgemacht werden und ist nur der schlagende Beweis dafr, wie viele Leute Geschichte "lernen", ohne sie zu verstehen oder gar zu begreifen. Gerade in England h„tte man die schlagende Widerlegung dieser Theorie erkennen mssen; hat doch kein Volk mit gr”áerer Brutalit„t seine wirtschaftlichen Eroberungen mit dem Schwerte besser vorbereitet und sp„ter rcksichtslos verteidigt, als das englische. Ist es nicht geradezu das Merkmal britischer Staatskunst, aus politischer Kraft wirtschaftliche Erwerbungen zu ziehen und jede wirtschaftliche St„rkung sofort wieder in politische Macht umzugieáen? Dabei welch ein Irrtum, zu meinen, daá England etwa pers”nlich zu feige w„re, fr seine Wirtschaftspolitik auch das eigene Blut einzusetzen! Daá das englische Volk kein "Volksheer" besaá, bewies hier in keiner Weise das Gegenteil; denn nicht auf die jeweilige milit„rische Form der Wehrmacht kommt es hierbei an, als vielmehr auf den Willen und die Entschlossenheit, die vorhandene einzusetzen. England besaá immer die Rstung, die es eben n”tig hatte. Es k„mpfte immer mit den Waffen, die der Erfolg verlangte. Es schlug sich mit S”ldnern, solange S”ldner gengten; es griff aber auch tief hinein in das wertvolle Blut der ganzen Nation, wenn nur mehr ein solches Opfer den Sieg bringen konnte; immer aber blieb die Entschlossenheit zum Kampf und die Z„higkeit wie rcksichtslose Fhrung desselben die gleiche. In Deutschland aber zchtete man allm„hlich ber den Weg der Schule, Presse und Witzbl„tter von dem Wesen des Engl„nders und noch mehr fast seines Reiches eine 159 Der Engl„nder in deutscher Karikatur Vorstellung, die zu einer der b”sesten Selbstt„uschungen fhren muáte; denn von diesem Unsinn ward langsam alles angesteckt, und die Folge dessen war eine Untersch„tzung, die sich dann auch auf das bitterste r„chte. Die Tiefe dieser F„lschung war so groá, daá man berzeugt war, im Engl„nder den ebenso gerissenen wie aber pers”nlich ganz unglaublich feigen Gesch„ftsmann vor sich zu haben. Daá man ein Weltreich von der Gr”áe des englischen nicht gut nur zusammenschleichen und -schwindeln konnte, leuchtete unseren erhabenen Lehrern professoraler Wissenschaft leider nicht ein. Die wenigen Warner wurden berh”rt oder totgeschwiegen. Ich erinnere mich noch genau, wie erstaunt bei meinen Kameraden die Gesichter waren, als wir nun in Flandern den Tommies pers”nlich gegenbertraten. Schon nach den ersten Schlachttagen d„mmerte da wohl im Gehirn eines jeden die šberzeugung auf, daá diese Schottl„nder nicht gerade denen entsprachen, die man uns in Witzbl„ttern und Depeschenberichten vorzumalen fr richtig gefunden hatte. Ich habe damals meine ersten Betrachtungen ber die Zweckm„áigkeit der Form der Propaganda angestellt. Diese F„lschung aber hatte fr die Verbreiter freilich etwas Gutes: man vermochte an diesem, wenn auch unrichtigen Beispiel ja die Richtigkeit der wirtschaftlichen Eroberung der Welt zu demonstrieren. Was dem Engl„nder gelang, muáte auch uns gelingen, wobei dann als ein ganz besonderes Plus unsere doch bedeutend gr”áere Redlichkeit, das Fehlen jener spezifisch englischen "Perfidie", angesehen wurde. Hoffte man doch, dadurch die Zuneigung vor allem der kleineren Nationen sowie das Vertrauen der groáen nur um so leichter zu gewinnen. Daá unsere Redlichkeit den anderen ein innerer Greuel war, leuchtete uns dabei schon deshalb nicht ein, weil wir dieses alles ganz ernsthaft selber glaubten, w„hrend die andere Welt ein solches Gebaren als Ausdruck einer ganz geriebenen Verlogenheit ansah, bis erst, wohl zum gr”áten Erstaunen, die Revolution einen tieferen Einblick in die unbegrenzte Dummheit unserer, aufrichtigen, Gesinnung vermittelte. 160 Innere Schw„che des Dreibundes Allein aus dem Unsinn dieser "wirtschaftsfriedlichen Eroberung" der Welt heraus war auch sofort der Unsinn des Dreibundes klar und verst„ndlich. Mit welchem Staate konnte man sich denn da berhaupt sonst verbnden? Mit ™sterreich zusammen vermochte man allerdings nicht auf kriegerische Eroberung, selbst nur in Europa, auszugehen. Gerade darin aber bestand ja vom ersten Tage an die innere Schw„che des Bundes. Ein Bismarck konnte sich diesen Notbehelf erlauben, allein dann noch lange nicht jeder stmperhafte Nachfolger, am wenigsten jedoch zu einer Zeit, da wesentliche Voraussetzungen auch zu dem Bismarckschen Bndnis l„ngst nicht mehr vorhanden waren; denn Bismarck glaube noch in ™sterreich einen deutschen Staat vor sich zu haben. Mit der allm„hlichen Einfhrung des allgemeinen Wahlrechtes aber war dieses Land zu einem parlamentarisch regierten, undeutschen Wirrwarr herabgesunken. Nun war das Bndnis mit ™sterreich auch rassepolitisch einfach verderblich. Man duldete das Werden einer neuen slawischen Groámacht an der Grenze des Reiches, die sich frher oder sp„ter ganz anders gegen Deutschland einstellen muáte als z.B. Ruáland. Dabei muáte das Bndnis selber von Jahr zu Jahr innerlich hohler und schw„cher werden, in demselben Verh„ltnis, in dem die einzigen Tr„ger dieses Gedankens in der Monarchie an Einfluá verloren und aus den maágebendsten Stellen verdr„ngt wurden. Schon um die Jahrhundertwende war das Bndnis mit ™sterreich in genau das gleiche Stadium eingetreten wie der Bund ™sterreichs mit Italien. Auch hier gab es nur zwei M”glichkeiten: Entweder man war im Bunde mit der Habsburgermonarchie, oder man muáte gegen die Verdr„ngung des Deutschtums Einspruch erheben. Wenn man aber mit so etwas erst einmal beginnt, pflegt das Ende meistens der offene Kampf zu sein. Der Wert des Dreibundes war auch schon psychologisch ein bescheidener, da die Festigkeit eines Bundes in eben dem Maáe abnimmt, je mehr er sich auf die Erhaltung eines bestehenden Zustandes an sich beschr„nkt. Ein Bund 161 Ludendorffs Denkschrift 1912 wird aber umgekehrt um so st„rker sein, je mehr die einzelnen Kontrahenten zu hoffen verm”gen, durch ihn bestimmte, greifbare, expansive Ziele erreichen zu k”nnen. Auch hier wie berall liegt die St„rke nicht in der Abwehr, sondern im Angriff. Dies wurde auch von verschiedenen Seiten schon damals erkannt, leider nur nicht von den sogenannten "Berufenen". Besonders der damalige Oberst Ludendorff, Offizier im Groáen Generalstab, wies in einer Denkschrift des Jahres 1912 auf diese Schw„chen hin. Natrlich wurde der Sache von seiten der "Staatsm„nner" keinerlei Wert und Bedeutung zuerkannt; wie denn berhaupt klare Vernunft anscheinend nur fr gew”hnliche Sterbliche zweckm„áig in Erscheinung zu treten hat, grunds„tzlich aber ausscheiden darf, sowie es sich um "Diplomaten" handelt. Es war fr Deutschland nur ein Glck, daá der Krieg im Jahre 1914 auf dem Umwege ber ™sterreich ausbrach, die Habsburger also mitmachen muáten; w„re es n„mlich umgekehrt gekommen, so w„re Deutschland allein gewesen. Niemals h„tte der Habsburgerstaat sich an einem Kampfe zu beteiligen vermocht oder auch selbst beteiligen wollen, der durch Deutschland entstanden w„re. Was man sp„ter an Italien so verurteilte, w„re dann schon frher bei ™sterreich eingetreten: man wrde "neutral" geblieben sein, um so wenigstens den Staat vor einer Revolution gleich zu Beginn zu retten. Das ”sterreichische Slawentum wrde eher die Monarchie schon im Jahre 1914 zerschlagen haben, als daá es die Hilfe fr Deutschland zugelassen h„tte. Wie groá aber die Gefahren und Erschwerungen, die der Bund mit der Donaumonarchie mit sich brachte, waren, vermochten damals nur sehr wenige zu begreifen. Erstens besaá ™sterreich zu viele Feinde, die den morschen Staat zu beerben gedachten, als daá nicht im Laufe der Zeit ein gewisser Haá gegen Deutschland entstehen muáte, in dem man nun einmal die Ursache der Verhinderung des allseits erhofften und ersehnten Zerfalles der Monarchie erblickte. Man kam zur šberzeugung, daá Wien zum 162 ™sterreich als verlockendes Erbe Schlusse eben nur auf dem Umweg ber Berlin zu erreichen sei. Damit aber verlor zweitens Deutschland die besten und aussichtsreichsten Bundesm”glichkeiten. Ja, an ihre Stelle trat immer gr”áere Spannung mit Ruáland und selbst Italien. Dabei war in Rom die allgemeine Stimmung ebensosehr deutschfreundlich, wie sie ”sterreichfreundlich im Herzen auch des letzten Italieners schlummerte, ”fters sogar hellauf brannte. Weil man sich nun einmal auf Handels- und Industriepolitik geworfen hatte, war zu einem Kampfe gegen Ruáland ebenfalls nicht der leiseste Anlaá mehr vorhanden. Nur die Feinde beider Nationen konnten daran noch ein lebendiges Interesse besitzen. Tats„chlich waren es auch in erster Linie Juden und Marxisten, die hier mit allen Mitteln zum Kriege zwischen den zwei Staaten schrten und hetzten. Endlich aber muáte drittens dieser Bund fr Deutschland eine ganz unendliche Gefahr deshalb in sich bergen, weil es nun einer dem Bismarckschen Reiche tats„chlich feindlich gegenberstehenden Groámacht jederzeit mit Leichtigkeit gelingen konnte, eine ganze Reiche von Staaten gegen Deutschland mobil zu machen, indem man ja fr jeden auf Kosten des ”sterreichischen Verbndeten Bereicherungen in Aussicht zu stellen in der Lage war. Gegen die Donaumonarchie war der gesamte Osten Europas in Aufruhr zu bringen, insbesondere aber Ruáland und Italien. Niemals wrde die sich seit K”nig Eduards einleitendem Wirken bildende Weltkoalition zustande gekommen sein, wenn eben nicht ™sterreich als der Verbndete Deutschlands ein zu verlockendes Erbe dargestellt h„tte. Nur so ward es m”glich, Staaten mit sonst so heterogenen Wnschen und Zielen in eine einzige Angriffsfront zu bringen. Jeder konnte hoffen, bei einem allgemeinen Vorgehen gegen Deutschland auch seinerseits eine Bereicherung auf Kosten ™sterreichs zu erhalten. Daá nun diesem Unglcksbunde auch noch die Trkei als stiller Teilhaber anzugeh”ren schien, verst„rkte diese Gefahr auf das auáerordentlichste. 163 ™sterreich als verlockendes Erbe Die internationale jdische Weltfinanz brauchte aber diese Lockmittel, um den langersehnten Plan einer Vernichtung des in die allgemeine berstaatliche Finanz- und Wirschaftskontrolle noch nicht sich fgenden Deutschlands durchfhren zu k”nnen. Nur damit konnte man eine Koalition zusammenschmieden, stark und mutig gemacht durch die reine Zahl der nun marschierenden Millionenheere, bereit, dem geh”rnten Siegfried endlich auf den Leib zu rcken. Das Bndnis mit der Habsburgermonarchie, das mich schon in ™sterrreich immer mit Miámut erfllt hatte, begann nun zur Ursache langer innerer Prfungen zu werden, die mich in der Folgezeit nur noch mehr in der schon vorgefaáten Meinung best„rkten. Ich machte schon damals in den kleinen Kreisen, in denen ich berhaupt verkehrte, kein Hehl aus meiner šberzeugung, daá dieser unselige Vertrag mit einem zum Untergange bestimmten Staat auch zu einem katastrophalen Zusammenbruch Deutschlands fhren werde, wenn man sich nicht noch zur rechten Zeit loszul”sen verstnde. Ich habe in dieser meiner felsenfesten šberzeugung auch keinen Augenblick geschwankt, als endlich der Sturm des Weltkrieges jede vernnftige šberlegung ausgeschaltet zu haben schien, und der Taumel der Begeisterung die Stellen mitergriffen hatte,fr die es nur k„lteste Wirklichkeitsbetrachtungen geben durfte. Auch w„hrend ich selbst an der Front stand, vertrat ich, wo immer ber diese Probleme gesprochen wurde, meine Meinung, daá der Bund je schneller desto besser fr die deutsche Nation abgebrochen werden máte, und daá die Preisgabe der Habsburgischen Monarchie dafr berhaupt kein Opfer w„re, wenn Deutschland dadurch eine Beschr„nkung seiner Gegner erreichen k”nnte; denn nicht fr die Erhaltung einer verluderten Dynastie hatten sich die Millionen den Stahlhelm aufgebunden, sondern vielmehr fr die Rettung der deutschen Nation. Einige Male vor dem Kriege schien es, als ob wenigstens in einem Lager ein leiser Zweifel an der Richtigkeit der eingeschlagenen Bndnispolitik auftauchen wollte. Deutschkonservative Kreise begannen von Zeit zu Zeit vor zu groáer 164 Staat und Wirtschaft Vertrauensseligkeit zu warnen, allein es war dies wie eben alles Vernnftige in den Wind geschlagen worden. Man war berzeugt, auf dem rechten Weg zu einer "Eroberung" der Welt zu sein, deren Erfolg ungeheuer, deren Opfer gleich Null sein wrden. Den bekannten "Unberufenen" aber blieb wieder einmal nichts anderes brig, als schweigend zuzusehen, warum und wie die "Berufenen" geradewegs in das Verderben marschierten, das liebe Volk wie der Rattenf„nger von Hameln hinter sich herziehend. * Die tiefere Ursache fr die M”glichkeit, den Unsinn einer "wirtschaftlichen Eroberung" als praktischen politischen Weg, die Erhaltung des "Weltfriedens" aber als politisches Ziel einem ganzen Volke hinzustellen, ja begreiflich zu machen,lag in der allgemeinen Erkrankung unseres gesamten politischen Denkens berhaupt. Mit dem Siegeszuge der deutschen Technik und Industrie, den aufstrebenden Erfolgen des deutschen Handels, verlor sich immer mehr die Erkenntnis, daá dies alles doch nur unter der Voraussetzung eines starken Staates allein m”glich sei. Im Gegenteil, man ging schon in vielen Kreisen so weit, die šberzeugung zu vertreten, daá der Staat selber nur diesen Erscheinungen sein Dasein verdanke, daá er selber in erster Linie eine wirtschaftliche Institution darstelle, nach wirtschaftlichen Belangen zu regieren sei und demgem„á auch in seinem Bestande von der Wirtschaft abh„nge, welcher Zustand dann als der weitaus gesndeste wie natrlichste angesehen und gepriesen wurde. Der Staat hat aber mit einer bestimmten Wirtschaftsauffassung oder Wirtschaftsentwicklung gar nichts zu tun. Er ist nicht eine Zusammenfassung wirtschaftlicher Kontrahenten in einem bestimmt umgrenzten Lebensraum zur Erfllung wirtschaftlicher Aufgaben, sondern die Organisation einer Gemeinschaft physisch und seelisch gleicher Lebewesen zur besseren Erm”glichung der Forterhaltung ihrer Art sowie der Erreichung des dieser von der Vorsehung vorgezeichneten 165 Staat und Wirtschaft Zieles ihres Daseins. Dies und nichts anderes ist der Zweck und Sinn eines Staates. Die Wirtschaft ist dabei nur eines der vielen Hilfsmittel, die zur Erreichung dieses Zieles eben erforderlich sind. Sie ist aber niemals Ursache oder Zweck eines Staates, sofern eben dieser nicht von vornherein auf falscher, weil unnatrlicher Grundlage beruht. Nur so ist es erkl„rlich, daá der Staat als solcher nicht einmal eine territoriale Begrenzung als Voraussetzung zu haben braucht. Es wird dies nur bei den V”lkern vonn”ten sein, die aus sich selbst heraus die Ern„hrung der Artgenossen sicherstellen wollen, also durch eigene Arbeit den Kampf mit dem Dasein auszufechten bereit sind. V”lker, die sich als Drohnen in die brige Menschheit einzuschleichen verm”gen, um diese unter allerlei Vorw„nden fr sich schaffen zu lassen, k”nnen selbst ohne jeden eigene, bestimmt begrenzten Lebensraum Staaten bilden. Dies trifft in erster Linie zu bei dem Volke, unter dessen Parasitentum besonders heute die ganze ehrliche Menschheit zu leiden hat: dem Judentum. Der jdische Staat war nie in sich r„umlich begrenzt, sondern universell unbegrenzt auf den Raum, aber beschr„nkt auf die Zusammenfassung einer Rasse. Daher bildete dieses Volk auch immer einen Staat innerhalb der Staaten. Es geh”rt zu den genialsten Tricks, die jemals erfunden worden sind, diesen Staat als "Religion" segeln zu lassen und ihn dadurch der Toleranz zu versichern, die der Arier dem religi”sen Bekenntnis immer zuzubilligen bereit ist. Denn tats„chlich ist die mosaische Religion nichts anderes als eine Lehre der Erhaltung der jdischen Rasse. Sie umfaát daher auch nahezu alle soziologischen, politischen sowie wirtschaftlichen Wissensgebiete, die hierfr berhaupt nur in Frage zu kommen verm”gen. Der Trieb der Arterhaltung ist die erste Ursache zur Bildung menschlicher Gemeinschaften. Damit aber ist der Staat ein v”lkischer Organismus und nicht eine wirtschaftliche Organisation. Ein Unterschied, der ebenso groá ist, als er besonders den heutigen sogenannten "Staatsm„nnern" allerdings unverst„ndlich bleibt. Daher glauben dann diese auch 166 Staat und Wirtschaft den Staat durch Wirtschaft aufbauen zu k”nnen, w„hrend er in Wahrheit ewig nur das Ergebnis der Bet„tigung jener Eigenschaften ist, die in der Linie des Erhaltungswillens der Art und Rasse liegen. Diese sind aber immer heldische Tugenden und niemals kr„merischer Egoismus, da ja die Erhaltung des Daseins einer Art die Bereitwilligkeit zur Aufopferung des einzelnen voraussetzt. Darin liegt ja eben der Sinn des Dichterwortes "Und setzet ihr nicht das Leben ein,nie wird euch das Leben gewonnen sein", daá die Hingabe des pers”nlichen Daseins notwendig ist, um die Erhaltung der Art zu sichern. Somit aber ist die wesentlichste Voraussetzung zur Bildung und Erhaltung eines Staates das Vorhandensein eines bestimmten Zusammengeh”rigkeitsgefhls auf Grund gleichen Wesens und gleicher Art, sowie die Bereitwilligkeit, dafr sich mit allen Mitteln einzusetzen. Dies wird bei V”lkern auf eigenem Boden zur Bildung heldischer Tugenden, bei Schmarotzern zu verlogener Heuchelei und heimtckischer Grausamkeit fhren,wenn nicht diese Eigenschaften schon als Voraussetzung ihres der Form nach so verschiedenen staatlichen Daseins nachweisbar vorhanden sein mssen. Immer aber wird schon die Bildung eines Staates nur durch den Einsatz dieser Eigenschaften mindestens ursprnglich erfolgen, wobei dann im Ringen um die Selbsterhaltung diejenigen V”lker unterliegen werden, das heiát der Unterjochung und damit dem frheren oder sp„teren Aussterben anheimfallen, die im gegenseitigen Kampf das wenigste an heldischen Tugenden ihr eigen nennen oder der verlogenen List des feindlichen Schmarotzers nicht gewachsen sind. Aber auch in diesem Falle ist dies fast immer nicht so sehr einem Mangel an Klugheit als vielmehr einem Mangel an Entschlossenheit und Mut zuzuschreiben, der sich nur unter dem Mantel humaner Gesinnung zu verbergen trachtet. Wie wenig aber die staatsbildenden und staatserhaltenden Eigenschaften mit Wirtschaft im Zusammenhang stehen, zeigt am klarsten die Tatsache, daá die innere St„rke eines Staates nur in den allerseltensten F„llen mit der sogenannten wirtschaftlichen Blte zusammenf„llt, wohl aber diese in 167 Staat und Wirtschaft unendlich vielen Beispielen den bereits nahenden Verfall des Staates anzuzeigen scheint. Wrde nun aber die Bildung menschlicher Gemeinwesen in erster Linie wirtschaftlichen Kr„ften oder auch Antrieben zuzuschreiben sein, dann máte die h”chste wirtschaftliche Entfaltung auch zugleich die gewaltigste St„rke des Staates bedeuten und nicht umgekehrt. Der Glaube an die staatsbildende und staatserhaltende Kraft der Wirtschaft mutet besonders unverst„ndlich an, wenn er in einem Lande Geltung hat, das in allem und jedem das geschichtliche Gegenteil klar und eindringlich aufzeigt. Gerade Preuáen erweist in wundervoller Sch„rfe, daá nicht materielle Eigenschaften, sondern ideelle Tugenden allein zur Bildung eines Staates bef„higen. Erst unter ihrem Schutze vermag dann auch die Wirtschaft emporzublhen, so lange, bis mit dem Zusammenbruche der reinen staatsbildenden F„higkeiten auch die Wirtschaft wieder zusammenbricht; ein Vorgang, den wir gerade jetzt in so entsetzlich trauriger Weise beobachten k”nnen. Immer verm”gen die materiellen Interessen der Menschen so lange am besten zu gedeihen,als sie im Schatten heldischer Tugenden bleiben; sowie sie aber in den ersten Kreis des Daseins zu treten versuchen, zerst”ren sie sich die Voraussetzung zum eigenen Bestand. Stets, wenn in Deutschland ein Aufschwung machtpolitischer Art stattfand, begann sich auch die Wirtschaft zu heben;immer aber, wenn die Wirtschaft zum einzigen Inhalt des Lebens unseres Volkes wurde und darunter die ideellen Tugenden erstickte, brach der Staat wieder zusammen und riá in einiger Zeit die Wirtschaft mit sich. Wenn man sich jedoch die Frage vorlegt, was nun die staatsbildenden oder auch nur staatserhaltenden Kr„fte in Wirklichkeit sind, so kann man sie unter einer einzigen Bezeichnung zusammenfassen: Aufopferungsf„higkeit und Aufopferungswille des einzelnen fr die Gesamtheit. Daá diese Tugenden mit Wirtschaft auch nicht das geringste zu tun haben, geht aus der einfachen Erkenntnis hervor,daá der Mensch sich ja nie fr diese aufopfert, das heiát: man stirbt 168 Staat und Wirtschaft nicht fr Gesch„fte, sondern nur fr Ideale. Nichts bewies die psychologische šberlegenheit des Engl„nders in der Erkenntnis der Volksseele besser als die Motivierung, die er seinem Kampfe zu geben verstand. W„hrend wir fr Brot fochten, stritt England fr die "Freiheit" und nicht einmal fr die eigene, nein, fr die der kleinen Nationen. Man lachte bei uns ber diese Frechheit oder „rgerte sich darber und bewies damit, wie gedankenlos dumm die sogenannte Staatskunst Deutschlands schon vor dem Kriege geworden war. Keine blasse Ahnung war mehr vorhanden ber das Wesen der Kraft, die M„nner aus freiem Willen und Entschluá in den Tod zu fhren vermag. Solange das deutsche Volk im Jahre 1914 noch fr Ideale zu fechten glaube, hielt es stand; sowie man es nur mehr um das t„gliche Brot k„mpfen lieá, gab es das Spiel lieber auf. Unsere geistvollen "Staatsm„nner" aber staunten ber diesen Wechsel der Gesinnung. Es wurde ihnen niemals klar, daá ein Mensch von dem Augenblick an,in dem er fr ein wirtschaftliches Interesse ficht, den Tod m”glichst meidet, da ja dieser ihn um den Genuá des Lohnes seines Kampfes fr immer bringen wrde. Die Sorge um die Rettung des eigenen Kindes l„át die schw„chlichste Mutter zur Heldin werden, und nur der Kampf um die Erhaltung der Art und des sie schtzenden Herdes oder auch Staates trieb die M„nner zu allen Zeiten in die Speere der Feinde. Man darf folgenden Satz als ewig gltige Wahrheit aufstellen: Noch niemals wurde ein Staat durch friedliche Wirtschaft gegrndet, sondern immer nur durch die Instinkte der Erhaltung der Art, m”gen diese nun auf dem Gebiete heldischer Tugend oder listiger Verschlagenheit liegen; das eine ergibt dann eben arische Arbeits- und Kulturstaaten, das andere jdische Schmarotzerkolonien. Sowie jedoch erst bei einem Volke oder in einem Staate die Wirtschaft als solche diese Triebe zu berwuchern beginnt, wird sie selber zur lockenden Ursache der Unterjochung und Unterdrckung. Der Glaube der Vorkriegszeit, durch Handels-und Kolonialpolitik auf friedlichem Wege die Welt dem deutschen 169 Verfallsmomente Volke erschlieáen oder gar erobern zu k”nnen, war ein klassisches Zeichen fr den Verlust der wirklichen staatsbildenden Einsicht, Willenskraft und Tatentschlossenheit; die naturgesetzliche Quittung hierfr aber war der Weltkrieg mit seinen Folgen. Fr den nicht tiefer Forschenden konnte allerdings diese Einstellung der deutschen Nation - denn sie war wirklich so gut als allgemein - nur ein unl”sliches R„tsel darstellen: war doch gerade Deutschland ein ganz wundervolles Beispiel eines aus rein machtpolitischen Grundlagen hervorgegangenen Reiches. Preuáen, des Reiches Keimzelle, entstand durch strahlendes Heldentum und nicht durch Finanzoperationen oder Handelsgesch„fte, und das Reich selber war wieder nur der herrlichste Lohn machtpolitischer Fhrung und soldatischen Todesmutes. Wie konnte gerade das deutsche Volk zu einer solchen Erkrankung seines politischen Instinkts kommen? Denn hier handelte es sich nicht um eine einzelne Erscheinung,sondern um Verfallsmomente, die in wahrhaft erschreckender Unzahl bald wie Irrlichter aufflackerten und dem Volksk”rper auf und ab strichen oder als giftige Geschwre bald da, bald dort die Nation anfraáen. Es schien, als ob ein immerw„hrender Giftstrom bis in die „uáersten Blutgef„áe dieses einstigen Heldenleibes von einer geheimnisvollen Macht getrieben wrde, um nun zu immer gr”áeren L„hmungen der gesunden Vernunft, des einfachen Selbsterhaltungstriebes zu fhren. Indem ich alle dies Fragen, bedingt durch meine Stellungnahme zur deutschen Bndnispolitik und Wirtschaftspolitik des Reiches in den Jahren 1912 bis 1914, zahllose Male an mir vorberziehen lieá, blieb als des R„tsels L”sung immer mehr jene Macht brig, die ich schon vordem in Wien, von ganz anderen Gesichtspunkten bestimmt, kennengelernt hatte: die marxistische Lehre und Weltanschauung sowie ihre organisatorische Auswirkung. Zum zweiten Male in meinem Leben bohrte ich mich in diese Lehre der Zerst”rung hinein - und diesmal freilich 170 Deutschlands Verhalten zum Marxismus nicht mehr geleitet durch die Eindrcke und Wirkungen meiner tagt„glichen Umgebung, sondern hingewiesen durch die Beobachtung allgemeiner Vorg„nge des politischen Lebens. Indem ich neuerdings mich in die theoretische Literatur dieser neuen Welt vertiefte und mir deren m”gliche Auswirkungen klarzumachen versuchte, verglich ich diese dann mit den tats„chlichen Erscheinungen und Ereignissen ihrer Wirksamkeit im politischen, kulturellen und auch wirtschaftlichen Leben. Zum ersten Male aber wendete ich nun meine Aufmerksamkeit auch den Versuchen zu, dieser Weltpest Herr zu werden. Ich studierte die Bismarcksche Ausnahmegesetzgebung in Absicht, Kampf und Erfolg. Allm„hlich erhielt ich dann eine fr meine eigene šberzeugung allerdings geradezu granitene Grundlage, so daá ich seit dieser Zeit eine Umstellung meiner inneren Anschauung in dieser Frage niemals mehr vorzunehmen gezwungen wurde. Ebenso ward das Verh„ltnis von Marxismus und Judentum einer weiteren grndlichen Prfung unterzogen. Wenn mir aber frher in Wien vor allem Deutschland als ein unerschtterlicher Koloá erschienen war, so begannen nun doch manchmal bange Bedenken bei mir einzutreten. Ich haderte im stillen und in den kleinen Kreisen meiner Bekannten mit der deutschen Auáenpolitik ebenso wie mit der, wie mir schien, unglaublich leichtfertigen Art, in der man das wichtigste Problem, das es berhaupt fr Deutschland damals gab, den Marxismus, behandelte. Ich konnte wirklich nicht begreifen, wie man nur so blind einer Gefahr entgegenzutaumeln vermochte, deren Auswirkungen der eigenen Absicht des Marxismus entsprechend einst ungeheuerliche sein muáten. Ich habe schon damals in meiner Umgebung, genau so wie heute im groáen, vor dem Beruhigungsspruch aller feigen J„mmerlinge "Uns kann nichts geschehen!" gewarnt. Eine „hnliche Gesinnungs-Pestilenz hatte schon einst ein Riesenreich zerst”rt. Sollte Deutschland allein nicht genau den gleichen Gesetzen unterworfen sein wie alle anderen menschlichen Gemeinschaften? 171 Deutschlands Verhalten zum Marxismus In den Jahren 1913 und 1914 habe ich denn auch zum ersten Male in verschiedenen Kreisen, die heute zum Teil treu zur nationalsozialistischen Bewegung stehen, die šberzeugung ausgesprochen, daá die Frage der Zukunft der deutschen Nation die Frage der Vernichtung des Marxismus ist. In der unseligen deutschen Bndnispolitik sah ich nur eine der durch die Zersetzungsarbeit dieser Lehre hervorgerufenen Folgeerscheinungen; denn das Frchterliche war ja eben, daá dieses Gift fast unsichtbar s„mtliche Grundlagen einer gesunden Wirtschafts- und Staatsauffassung zerst”rte, ohne daá die davon Ergriffenen h„ufig auch nur selber ahnten,wie sehr ihr Handeln und Wollen bereits der Ausfluá dieser sonst auf das sch„rfste abgelehnten Weltanschauung war. Der innere Niedergang des deutschen Volkes hatte damals schon l„ngst begonnen,ohne daá die Menschen, wie so oft im Leben, sich ber den Vernichter ihres Daseins klargeworden w„ren. Manchmal dokterte man wohl auch an der Krankheit herum, verwechselte jedoch dann die Formen der Erscheinung mit dem Erreger. Da man diesen nicht kannte oder erkennen wollte, besaá aber auch der Kampf gegen den Marxismus nur den Wert einer kurpfuscherischen Salbaderei. 5. Kapitel Der Weltkrieg Als jungen Wildfang hatte mich in meinen ausgelassenen Jahren nichts so sehr betrbt, als gerade in einer Zeit geboren zu sein, die ersichtlich ihre Ruhmestempel nur mehr Kr„mern oder Staatsbeamten errichten wrde. Die Wogen der geschichtlichen Ereignisse schienen sich schon so gelegt zu haben, daá wirklich nur dem "friedlichen Wettbewerb der V”lker", das heiát also einer geruhsamen gegenseitigen Begaunerung unter Ausschaltung gewaltsamer Methoden der Abwehr, die Zukunft geh”ren zu schien. Die einzelnen Staaten begannen immer mehr Unternehmungen zu gleichen, die sich gegenseitig den Boden abgraben, die Kunden und Auftr„ge wegfangen und einander auf jede Weise zu bervorteilen versuchen, und dies alles unter einem ebenso groáen wie harmlosen Geschrei in Szene setzen. Diese Entwicklung aber schien nicht nur anzuhalten, sondern sollte dereinst (nach allgemeiner Empfehlung) die ganze Welt zu einem einzigen groáen Warenhaus ummodeln, in dessen Vorhallen dann die Bsten der geriebensten Schieber und harmlosesten Verwaltungsbeamten der Unsterblichkeit aufgespeichert wrden. Die Kaufleute k”nnten dann die Engl„nder stellen, die Verwaltungsbeamten die Deutschen, zu Inhabern aber máten sich wohl die Juden aufopfern, da sie nach eigenem Gest„ndnis doch nie etwas verdienen, sondern ewig nur "bezahlen" und auáerdem die meisten Sprachen sprechen. Warum konnte man denn nicht hundert Jahre frher geboren sein? Etwa zur Zeit der Befreiungskriege, da der Mann wirklich, auch ohne "Gesch„ft", noch etwas wert war?! 173 Die herannahende Katastrophe Ich hatte mir so ber meine, wie mir vorkam, zu sp„t angetretene irdische Wanderschaft oft „rgerliche Gedanken gemacht und die mir bevorstehende Zeit "der Ruhe und Ordnung" als eine unverdiente Niedertracht des Schicksals angesehen. Ich war eben schon als Junge kein "Pazifist", und alle erzieherischen Versuche in dieser Richtung wurden zu Nieten. Wie ein Wetterleuchten kam mir da der Burenkrieg vor. Ich lauerte jeden Tag auf die Zeitungen und verschlang Depeschen und Berichte und war schon glcklich, Zeuge dieses Heldenkampfes wenigstens aus der Ferne sein zu drfen. Der russisch-japanische Krieg sah mich schon wesentlich reifer, allein auch aufmerksamer. Ich hatte dort bereits aus mehr nationalen Grnden Partei ergriffen und mich damals beim Austrag unserer Meinungen sofort auf Seite der Japaner gestellt. Ich sah in einer Niederlage der Russen auch eine Niederlage des ”sterreichischen Slawentums. Seitdem waren viele Jahre verflossen, und was mir einst als Junge wie faules Siechtum erschien, empfand ich nun als Ruhe vor dem Sturme. Schon w„hrend meiner Wiener Zeit lag ber dem Balkan jene fahle Schwle, die den Orkan anzuzeigen pflegt, und schon zuckte manchmal auch ein hellerer Lichtschein auf, um jedoch rasch in das unheimliche Dunkel sich wieder zuzckzuverlieren. Dann aber kam der Balkankrieg, und mit ihm fegte der erste Windstoá ber das nerv”s gewordene Europa hinweg. Die nun kommende Zeit lag wie ein schwerer Alpdruck auf den Menschen, brtend wie fiebrige Tropenglut, so daá das Gefhl der herannahenden Katastrophe infolge der ewigen Sorge endlich zur Sehnsucht wurde: der Himmel m”ge endlich dem Schicksal, das nicht mehr zu hemmen war, den freien Lauf gew„hren. Da fuhr denn auch schon der erste gewaltige Blitzstrahl auf die Erde nieder: das Wetter brach los, und in den Donner des Himmels mengte sich das Dr”hnen der Batterien des Weltkrieges. Als die Nachricht von der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand in Mnchen eintraf (ich saá gerade zu 174 Der gr”áte Slawenfreund ermordet Hause und h”rte nur ungenau den Hergang der Tat), faáte mich zun„chst Sorge, die Kugeln m”chten vielleicht aus den Pistolen deutscher Studenten stammen, die aus Emp”rung ber die dauernde Verslawungsarbeit des Thronfolgers das deutsche Volk von diesem inneren Feinde befreien wollten. Was die Folge davon gewesen w„re, konnte man sich sofort ausdenken: eine neue Welle von Verfolgungen, die nun vor der ganzen Welt "gerechtfertigt" und "begrndet" gewesen w„ren. Als ich jedoch gleich darauf schon die Namen der vermutlichen T„ter h”rte und auáerdem ihre Feststellung als Serben las, begann mich leises Grauen zu beschleichen ber diese Rache des unerforschlichen Schicksals. Der gr”áte Slawenfreund fiel unter den Kugeln slawischer Fanatiker. Wer in den letzten Jahren das Verh„ltnis ™sterreichs zu Serbien dauernd zu beobachten Gelegenheit besaá, der konnte wohl kaum einen Augenblick darber im Zweifel sein, daá der Stein in das Rollen gekommen war, bei dem es ein Aufhalten nicht mehr geben konnte. Man tut der Wiener Regierung Unrecht, sie heute mit Vorwrfen zu berschtten ber Form und Inhalt des von ihr gestellten Ultimatums. Keine andere Macht der Welt h„tte an gleicher Stelle und in gleicher Lage anders zu handeln vermocht. ™sterreich besaá an seiner Sdostgrenze einen unerbittlichen Todfeind, der in immer krzeren Perioden die Monarchie herausforderte, und der nimmer locker gelassen h„tte, bis endlich der gnstige Augenblick zur Zertrmmerung des Reiches doch eingetreten w„re. Man hatte Grund zur Befrchtung, daá dieser Fall sp„testens mit dem Tode des alten Kaisers kommen muáte; dann aber war die Monarchie vielleicht berhaupt nicht mehr in der Lage, ernstlichen Widerstand zu leisten. Der ganze Staat stand in den letzten Jahren schon so sehr auf den beiden Augen Franz Josephs, daá der Tod dieser uralten Verk”rperung des Reiches in dem Gefhl der breiten Masse von vornherein als der Tod des Reiches selber galt. Ja, es geh”rte mit zu den schlauesten Knsten besonders slawischer Politik, den Anschein zu erwecken, daá der ”sterreichische 175 Das ”sterreichische Ultimatum Staat ohnehin nur mehr der ganz wundervollen, einzigartigen Kunst dieses Monarchen sein Dasein verdanke; eine Schmeichelei, die in der Hofburg um so wohler tat, als sie den wirklichen Verdiensten dieses Kaisers am wenigsten entsprach. Den Stachel, der in dieser Lobpreisung versteckt lauerte, vermochte man nicht herauszufinden. Man sah nicht, oder wollte vielleicht auch dort nicht mehr sehen, daá je mehr die Monarchie nur noch auf die berragende Regierungskunst, wie man sich auszudrcken pflegte, dieses "weisesten Monarchen" aller Zeiten eingestellt war, um so katastrophaler die Lage werden muáte, wenn eines Tages auch hier das Schicksal an die Tre pochte, um seinen Tribut zu holen. War das alte ™sterreich ohne den alten Kaiser dann berhaupt noch denkbar?! Wrde sich nicht sofort die Trag”die, die einst Maria Theresia betroffen hatte, wiederholt haben? Nein, man tut den Wiener Regierungskreisen wirklich Unrecht, wenn ihnen der Vorwurf gemacht wird, daá sie nun zum Kriege trieben, der sonst vielleicht doch noch zu vermeiden gewesen w„re. Er war nicht mehr zu vermeiden, sondern konnte h”chstens noch ein oder zwei Jahre hinausgeschoben werden. Allein dies war ja der Fluch der deutschen sowohl als auch der ”sterreichischen Diplomatie, daá sie eben immer schon versucht hatte, die unausbleibliche Abrechnung hinauszuschieben, bis sie endlich gezwungen war, zu der ungnstigsten Stunde zu schlagen. Man kann berzeugt sein, daá ein nochmaliger Versuch, den Frieden zu retten, den Krieg zu noch ungnstigerer Zeit erst recht gebracht haben wrde. Nein, wer diesen Krieg nicht wollte, muáte auch den Mut aufbringen, die Konsequenzen zu ziehen. Diese aber h„tten nur in der Opferung ™sterreichs bestehen k”nnen. Der Krieg w„re auch dann noch gekommen, allein wohl nicht mehr als Kampf aller gegen uns, dafr jedoch in der Form einer Zerreiáung der Habsburgermonarchie. Dabei muáte man sich dann entschlieáen, mitzutun oder eben zuzusehen, um mit leeren H„nden dem Schicksal seinen Lauf zu lassen. 176 Das ”sterreichische Ultimatum Gerade diejenigen aber, die heute ber den Beginn des Krieges am allermeisten fluchen und am weisesten urteilen, waren diejenigen, die am verh„ngnisvollsten mithalfen, in ihn hineinzusteuern. Die Sozialdemokratie hatte seit Jahrzehnten die schurkenhafteste Kriegshetze gegen Ruáland getrieben, das Zentrum aber hatte aus religi”sen Gesichtspunkten den ”sterreichischen Staat am meisten zum Angel- und Drehpunkt der deutschen Politik gemacht. Nun hatte man die Folgen dieses Irrsinns zu tragen. Was kam, muáte kommen und war unter keinen Umst„nden mehr zu vermeiden. Die Schuld der deutschen Regierung war dabei, daá sie, um den Frieden nur ja zu erhalten, die gnstigen Stunden des Losschlagens immer vers„umte, sich in das Bndnis zur Erhaltung des Weltfriedens verstrickte und so endlich das Opfer einer Weltkoalition wurde, die eben dem Drang nach Erhaltung des Weltfriedens die Entschlossenheit zum Weltkrieg entgegenstemmte. H„tte aber die Wiener Regierung damals dem Ultimatum eine andere, mildere Form gegeben, so wrde dies an der Lage gar nichts mehr ge„ndert haben als h”chstens das eine, daá sie selber von der Emp”rung des Volkes weggefegt worden w„re. Denn in den Augen der breiten Masse war der Ton des Ultimatums noch viel zu rcksichtsvoll und keineswegs etwa zu weitgehend oder gar zu brutal. Wer dies heute wegzuleugnen versucht, ist entweder ein vergeálicher Hohlkopf oder ein ganz bewuáter Lgner. Der Kampf des Jahres 1914 wurde den Massen, wahrhaftiger Gott, nicht aufgezwungen, sondern von dem gesamten Volke selbst begehrt. Man wollte einer allgemeinen Unsicherheit endlich ein Ende bereiten. Nur so kann man auch verstehen, daá zu diesem schwersten Ringen sich ber zwei Millionen deutscher M„nner und Knaben freiwillig zur Fahne stellten, bereit, sie zu schirmen mit dem letzten Tropfen Blutes. * 177 Der deutsche Freiheitskampf Mir selber kamen die damaligen Stunden wie eine Erl”sung aus den „rgerlichen Empfindungen der Jugend vor. Ich sch„me mich auch heute nicht, es zu sagen, daá ich, berw„ltigt von strmischer Begeisterung, in die Knie gesunken war und dem Himmel aus bervollem Herzen dankte, daá er mir das Glck geschenkt, in dieser Zeit leben zu drfen. Ein Freiheitskampf war angebrochen, wie die Erde noch keinen gewaltigeren bisher gesehen; denn sowie das Verh„ngnis seinen Lauf auch nur begonnen hatte, d„mmerte auch schon den breitesten Massen die šberzeugung auf, daá es sich dieses Mal nicht um Serbiens oder auch ™sterreichs Schicksal handelte, sondern um Sein oder Nichtsein der deutschen Nation. Zum letzten Male auf viele Jahre war das Volk hellseherisch ber seine eigene Zukunft geworden. So kam denn auch gleich zu Beginn des ungeheueren Ringens in den Rausch einer berschwenglichen Begeisterung der n”tige ernste Unterton; denn dies Erkenntnis allein lieá die nationale Erhebung mehr werden als ein bloáes Strohfeuer. Der Ernst aber war nur zu sehr erforderlich; machte man sich doch damals allgemein auch nicht die geringste Vorstellung von der m”glichen L„nge und Dauer des nun beginnenden Kampfes. Man tr„umte, den Winter wieder zu Hause zu sein, um dann in erneuter friedlicher Arbeit fortzufahren. Was der Mensch will, das hofft und glaubt er. Die berw„ltigende Mehrheit der Nation war des ewigen unsicheren Zustandes schon l„ngst berdrssig; so war es auch nur zu verst„ndlich, daá man an eine friedliche Beilegung des ”sterreichisch-serbischen Konfliktes gar nicht mehr glaubte, die endgltige Auseinandersetzung aber erhoffte. Zu diesen Millionen geh”rte auch ich. Kaum war die Kunde des Attentats in Mnchen bekannt geworden, so zuckten mir auch sofort zwei Gedanken durch den Kopf: erstens, daá der Krieg endlich unvermeidlich sein wrde, weiter aber, daá nun der habsburgische Staat gezwungen sei, den Bund auch zu halten; denn was ich immer am meisten gefrchtet hatte, 178 Der Sinn des Freiheitskampfes war die M”glichkeit, daá Deutschland selber eines Tages, vielleicht gerade infolge dieses Bndnisses, in einen Konflikt geraten konnte, ohne daá aber ™sterreich die direkte Veranlassung hierzu gegeben h„tte, und so der ”sterreichische Staat aus innerpolitischen Grnden nicht die Kraft des Entschlusses aufbringen wrde, sich hinter den Bundesgenossen zu stellen. Die slawische Majorit„t des Reiches wrde eine solche selbst gefaáte Absicht sofort zu sabotieren begonnen haben und h„tte immer noch lieber den ganzen Staat in Trmmer geschlagen, als dem Bundesgenossen die geforderte Hilfe gew„hrt. Diese Gefahr war nun aber beseitigt. Der alte Staat muáte fechten, man mochte wollen oder nicht. Meine eigene Stellung zum Konflikt war mir ebenfalls sehr einfach und klar; fr mich stritt nicht ™sterreich fr irgendeine serbische Genugtuung, sondern Deutschland um seinen Bestand, die deutsche Nation um Sein oder Nichtsein, um Freiheit und Zukunft. Bismarcks Werk muáte sich nun schlagen; was die V„ter einst mit ihrem Heldenblute in den Schlachten von Weiáenburg bis Sedan und Paris erstritten hatten, muáte nun das junge Deutschland sich aufs neue verdienen. Wenn dieser Kampf aber siegreich bestanden wurde, dann war unser Volk in den Kreis der groáen Nationen auch wieder an „uáerer Macht eingetreten, dann erst wieder konnte das Deutsche Reich als ein m„chtiger Hort des Friedens sich bew„hren, ohne seinen Kindern das t„gliche Brot um des lieben Friedens willen krzen zu mssen. Ich hatte einst als Junge und junger Mensch so oft den Wunsch gehabt, doch wenigstens einmal auch durch Taten bezeugen zu k”nnen, daá mir die nationale Begeisterung kein leerer Wahn sei. Mir kam es oft fast als Snde vor, Hurra zu schreien, ohne vielleicht auch nur das innere Recht hierzu zu besitzen; denn wer durfte dieses Wort gebrauchen, ohne es einmal dort erprobt zu haben, wo alle Spielerei zu Ende ist, und die unerbittliche Hand der Schicksalsg”ttin V”lker und Menschen zu w„gen beginnt auf Wahrheit und Bestand ihrer Gesinnung? So quoll mir, 179 Eintritt in ein bayerisches Regiment wie Millionen anderen, denn auch das Herz ber vor stolzem Glck, mich nun endlich von dieser l„hmenden Empfindung erl”sen zu k”nnen. Ich hatte so oft "Deutschland ber alles" gesungen und aus voller Kehle Heil gerufen, daá es mir fast wie eine nachtr„glich gew„hrte Gnade erschien, nun im Gottesdienst des ewigen Richters als Zeuge antreten zu drfen zur Bekundung der Wahrhaftigkeit dieser Gesinnung. Denn es stand bei mir von der ersten Stunde an fest, daá ich im Falle eines Krieges - der mir unausbleiblich schien - so oder so die Bcher sofort verlassen wrde. Ebenso aber wuáte ich auch, daá mein Platz dann dort sein muáte, wo mich die innere Stimme nun einmal hinwies. Aus politischen Grnden hatte ich ™sterreich in erster Linie verlassen; was war aber selbstverst„ndlicher, als daá ich nun, da der Kampf begann, dieser Gesinnung erst recht Rechnung tragen muáte. Ich wollte nicht fr den habsburgischen Staat fechten, war aber bereit, fr mein Volk und das dieses verk”rpernde Reich jederzeit zu sterben. Am 3. August reichte ich ein Immediatgesuch an Seine Majest„t K”nig Ludwig III. ein mit der Bitte, in ein bayerisches Regiment eintreten zu drfen. Die Kabinettskanzlei hatte in diesen Tagen sicherlich nicht wenig zu tun; um so gr”áer war meine Freude, als ich schon am Tage darauf die Erledigung meines Ansuchens erhielt. Als ich mit zitternden H„nden das Schreiben ge”ffnet hatte und die Genehmigung meiner Bitte mit der Aufforderung las, mich bei einem bayerischen Regiment zu melden, kannte Jubel und Dankbarkeit keine Grenze. Wenige Tage sp„ter trug ich dann den Rock, den ich erst nach nahezu sechs Jahren wieder ausziehen sollte. So, wie wohl fr jeden Deutschen, begann nun auch fr mich die unvergeálichste und gr”áte Zeit meines irdischen Lebens. Gegenber den Ereignissen diese gewaltigsten Ringens fiel alles Vergangene in ein schales Nichts zurck. Mit stolzer Wehmut denke ich gerade in diesen Tagen, da sich zum zehnten Male das gewaltige Geschehen j„hrt, zurck an diese Wochen des beginnenden Heldenkampfes unseres 180 Die Feuertaufe Volkes, den mitzumachen mir das Schicksal gn„dig erlaubte. Wie gestern erst zieht an mir Bild um Bild vorbei, sehe ich mich im Kreise meiner lieben Kameraden eingekleidet, dann zum ersten Male ausrcken, exerzieren usw., bis endlich der Tag des Ausmarsches kam. Eine einzige Sorge qu„lte mich in dieser Zeit, mich wie so viele andere auch, ob wir nicht zu sp„t zur Front kommen wrden. Dies allein lieá mich oft und oft nicht Ruhe finden. So blieb in jedem Siegesjubel ber eine neue Heldentat ein leiser Tropfen Bitternis verborgen, schien doch mit jedem neuen Siege die Gefahr unseres Zusp„tkommens zu steigen. Und so kam endlich der Tag, an dem wir Mnchen verlieáen, um anzutreten zur Erfllung unserer Pflicht. Zum ersten Male sah ich so den Rhein, als wir an seinen stillen Wellen entlang dem Westen entgegenfuhren, um ihn, den deutschen Strom der Str”me zu schirmen vor der Habgier des alten Feindes. Als durch den zarten Schleier des Frhnebels die milden Strahlen der ersten Sonne das Niederwalddenkmal auf uns herabschimmern lieáen, da brauste aus dem endlos langen Transportzuge die alte Wacht am Rhein in den Morgenhimmel hinaus, und mir wollte die Brust zu enge werden. Und dann kommt eine feuchte, kalte Nacht in Flandern, durch die wir schweigend marschieren, und als der Tag sich dann aus den Nebeln zu l”sen beginnt, da zischt pl”tzlich ein eiserner Gruá ber unsere K”pfe uns entgegen und schl„gt in scharfem Knall die kleinen Kugeln zwischen unsere Reihen, den nassen Boden aufpeitschend; ehe aber die kleine Wolke sich noch verzogen, dr”hnt aus zweihundert Kehlen dem ersten Boten des Todes das erste Hurra entgegen. Dann aber begann es zu knattern und zu dr”hnen, zu singen und zu heulen, und mit fiebrigen Augen zog es nun jeden nach vorne, immer schneller, bis pl”tzlich ber Rbenfelder und Hecken hinweg der Kampf einsetzte, der Kampf Mann gegen Mann. Aus der Ferne aber drangen die Kl„nge eines Liedes an unser Ohr und kamen immer 181 Vom Kriegsfreiwilligen zum alten Soldaten n„her und n„her, sprangen ber von Kompagnie zu Kompagnie, und da, als der Tod gerade gesch„ftig hineingriff in unsere Reihen, da erreichte das Lied auch uns, und wir gaben es nun wieder weiter: Deutschland, Deutschland ber alles, ber alles in der Welt! Nach vier Tagen kehrten wir zurck. Selbst der Tritt war jetzt anders geworden. Siebzehnj„hrige Knaben sahen nun M„nnern „hnlich. Die Freiwilligen des Regiments List hatten vielleicht nicht recht k„mpfen gelernt, allein zu sterben wuáten sie wie alte Soldaten. Das war der Beginn. So ging es nun weiter Jahr fr Jahr; an Stelle der Schlachtenromantik aber war das Grauen getreten. Die Begeisterung khlte allm„hlich ab und der berschwengliche Jubel wurde erstickt von der Todesangst. Es kam die Zeit, da jeder zu ringen hatte zwischen dem Trieb der Selbsterhaltung und dem Mahnen der Pflicht. Auch mir blieb dieser Kampf nicht erspart. Immer, wenn der Tod auf Jagd war, versuchte ein unbestimmtes Etwas zu revoltieren, bemhte dann sich als Vernunft dem schwachen K”rper vorzustellen und war aber doch nur die Feigheit, die unter solchen Verkleidungen den einzelnen zu umstricken versuchte. Ein schweres Ziehen und Warnen hub dann an, und nur der letzte Rest des Gewissens gab oft noch den Ausschlag. Je mehr sich aber diese Stimme, die zur Vorsicht mahnte, mhte, je lauter und eindringlicher sie lockte, um so sch„rfer ward dann der Widerstand, bis endlich nach langem inneren Streite das Pflichtbewuátsein den Sieg davontrug. Schon im Winter 1915/16 war bei mir dieser Kampf entschieden. Der Wille war endlich restlos Herr geworden. Konnte ich die ersten Tage mit Jubel und Lachen mitstrmen, so war ich jetzt ruhig und entschlossen. Dieses aber war das Dauerhafte. Nun erst konnte das Schicksal zu den letzten Proben schreiten, ohne daá die Nerven rissen oder der Verstand versagte. Aus dem jungen Kriegsfreiwilligen war ein alter Soldat geworden. 182 Ein Mahnmal der Unsterblichkeit Dieser Wandel aber hatte sich in der ganzen Armee vollzogen. Sie war alt und hart aus den ewigen K„mpfen hervorgegangen, und was dem Sturme nicht standzuhalten vermochte, wurde eben von ihm gebrochen. Nun aber erst muáte man dieses Heer beurteilen. Nun, nach zwei, drei Jahren, w„hrend deren es von einer Schlacht heraus in die andere hineingeworfen wurde, immer fechtend gegen šbermacht an Zahl und Waffen, Hunger leidend und Entbehrungen ertragend, nun war die Zeit, die Gte dieses einzigen Heeres zu prfen. M”gen Jahrtausende vergehen, so wird man nie von Heldentum reden und sagen drfen, ohne des deutschen Heeres des Weltkrieges zu gedenken. Dann wird aus dem Schleier der Vergangenheit heraus die eiserne Front des grauen Stahlhelms sichtbar werden, nicht wankend und nicht weichend, ein Mahnmal der Unsterblichkeit. Solange aber Deutsche leben, werden sie bedenken, daá dies einst S”hne ihres Volkes waren. Ich war damals Soldat und wollte nicht politisieren. Es war hierzu auch wirklich nicht die Zeit. Ich hege heute noch die šberzeugung, daá der letzte Fuhrknecht dem Vaterlande noch immer mehr an wertvollen Diensten geleistet hat als selbst der erste, sagen wir "Parlamentarier". Ich haáte diese Schw„tzer niemals mehr als gerade in der Zeit, da jeder wahrhaftige Kerl, der etwas zu sagen hatte, dies dem Feinde in das Gesicht schrie, oder sonst zweckm„áig sein Mundwerk zu Hause lieá und schweigend irgendwo seine Pflicht tat. Ja, ich haáte damals alle diese "Politiker", und w„re es auf mich angekommen, so wrde sofort ein parlamentarisches Schipperbataillon gebildet worden sein; dann h„tten sie unter sich nach Herzenslust und Bedrfnis zu schw„tzen vermocht, ohne die anst„ndige und ehrliche Menschheit zu „rgern oder gar zu sch„digen. Ich wollte also damals von Politik nichts wissen, konnte aber doch nicht anders, als zu gewissen Erscheinungen Stellung zu nehmen, die nun einmal die ganze Nation betrafen, besonders aber uns Soldaten angingen. 183 Knstliche D„mpfung der Begeisterung Zwei Dinge waren es, die mich damals innerlich „rgerten und die ich fr sch„dlich hielt. Schon nach den ersten Siegesnachrichten begann eine gewisse Presse langsam und vielleicht fr viele zun„chst unerkennbar einige Wermutstropfen in die allgemeine Begeisterung fallen zu lassen. Es geschah dies unter der Maske eines gewissen Wohlwollens und Gutmeinens, ja einer gewissen Besorgtheit sogar. Man hatte Bedenken gegen eine zu groáe šberschwenglichkeit im Feiern der Siege. Man befrchtete, daá dieses in dieser Form einer so groáen Nation nicht wrdig und damit auch nicht entsprechend sei. Die Tapferkeit und der Heldenmut des deutschen Soldaten w„ren ja etwas ganz Selbstverst„ndliches, so daá man darber sich nicht so sehr von unberlegten Freudenausbrchen hinreiáen lassen drfe, schon um des Auslandes willen, dem eine stille und wrdige Form der Freude mehr zusage als ein unb„ndiges Jauchzen usw. Endlich sollten wir Deutsche doch auch jetzt nicht vergessen, daá der Krieg nicht unsere Absicht war, mithin wir auch uns nicht zu sch„men h„tten, offen und m„nnlich zu gestehen, daá wir jederzeit zu einer Vers”hnung der Menschheit unseren Teil beitragen wrden. Deshalb aber w„re es nicht klug, die Reinheit der Taten des Heeres durch zu groáes Geschrei zu verruáen, da ja die brige Welt fr ein solches Gehaben nur wenig Verst„ndnis aufbringen wrde. Nichts bewundere man mehr als die Bescheidenheit, mit der ein wahrer Held seine Taten schweigend und ruhig - vergesse, denn darauf kam das Ganze hinaus. Statt daá man nun so einen Burschen bei seinen langen Ohren nahm und zu einem langen Pfahl hin- und an einem Strick aufzog, damit dem Tintenritter die feiernde Nation nicht mehr sein „sthetisches Empfinden zu beleidigen vermochte, begann man tats„chlich gegen die "unpassende" Art des Siegesjubels mit Ermahnungen vorzugehen. Man hatte keine blasse Ahnung, daá die Begeisterung, erst einmal geknickt, nicht mehr nach Bedarf zu erwecken ist. Sie ist ein Rausch und ist in diesem Zustande weiter zu erhalten. Wie aber sollte man ohne diese Macht der Begeisterung 184 Das Verkennen des Marxismus einen Kampf bestehen, der nach menschlichem Ermessen die ungeheuersten Anforderungen an die seelischen Eigenschaften der Nation stellen wrde? Ich kannte die Psyche der breiten Masse nur zu genau, um nicht zu wissen, daá man hier mit "„sthetischer" Gehobenheit nicht das Feuer wrde schren k”nnen, das notwendig war, um dieses Eisen in W„rme zu halten. Man war in meinen Augen verrckt, daá man nichts tat, um die Siedehitze der Leidenschaft zu steigern; daá man aber die glcklich vorhandene auch noch beschnitt, vermochte ich schlechterdings nicht zu verstehen. Was mich dann zum zweiten „rgerte, war die Art und Weise, in der man nun fr gut hielt, sich dem Marxismus gegenber zu stellen. Man bewies damit in meinen Augen nur, daá man von dieser Pestilenz aber auch nicht die geringste Ahnung besaá. Man schien allen Ernstes zu glauben, durch die Versicherung, nun keine Parteien mehr zu kennen, den Marxismus zur Einsicht und Zurckhaltung gebracht zu haben. Daá es sich hier berhaupt um keine Partei handelt, sondern um eine Lehre, die zur Zerst”rung der gesamten Menschheit fhren muá, begriff man um so weniger, als dies ja nicht auf den verjudeten Universit„ten zu h”ren ist,sonst aber nur zuviele, besonders unserer h”heren Beamten aus anerzogenem bl”den Dnkel es ja nicht der Mhe wert finden, ein Buch zur Hand zu nehmen und etwas zu lernen, was eben nicht zum Unterrichtsstoff ihrer Hochschule geh”rte. Die gewaltigste Umw„lzung geht an diesen "K”pfen" g„nzlich spurlos vorber, weshalb auch die staatlichen Einrichtungen zumeist den privaten nachhinken. Von ihnen gilt, wahrhaftiger Gott, am allermeisten das Volkssprichwort: Was der Bauer nicht kennt, das friát er nicht. Wenige Ausnahmen best„tigen auch hier nur die Regel. Es war ein Unsinn sondergleichen, in den Tagen des August 1914 den deutschen Arbeiter mit dem Marxismus zu identifizieren. Der deutsche Arbeiter hatte in den damaligen Stunden sich ja aus der Umarmung dieser giftigen 185 Was man h„tte tun mssen Seuche gel”st, da er sonst eben niemals h„tte zum Kampf berhaupt auch nur anzutreten vermocht. Man war aber dumm genug, zu vermeinen, daá nun vielleicht der Marxismus "national" geworden sei; ein Geistesblitz, der nur zeigt, daá in diesen langen Jahren es niemand von diesen beamteten Staatslenkern auch nur der Mhe wert gefunden hatte, das Wesen dieser Lehre zu studieren, da sonst denn doch ein solcher Irrsinn schwerlich unterlaufen sein wrde. Der Marxismus, dessen letztes Ziel die Vernichtung aller nichtjdischen Nationalstaaten ist und bleibt, muáte zu seinem Entsetzen sehen, daá in den Julitagen des Jahres 1914 die von ihm umgarnte deutsche Arbeiterschaft erwachte und sich von Stunde zu Stunde schneller in den Dienst des Vaterlandes zu stellen begann. In wenigen Tagen war der ganze Dunst und Schwindel dieses infamen Volksbetruges zerflattert, und einsam und verlassen stand das jdische Fhrerpack nun pl”tzlich da, als ob nicht eine Spur von dem in sechzig Jahren den Massen eingetrichterten Unsinn und Irrwahn mehr vorhanden gewesen w„re. Es war ein b”ser Augenblick fr die Betrger der Arbeiterschaft des deutschen Volkes. Sowie aber erst die Fhrer die ihnen drohende Gefahr erkannten, zogen sie schleunigst die Tarnkappe der Lge ber die Ohren und mimten frech die nationale Erhebung mit. Nun w„re aber der Zeitpunkt gekommen gewesen, gegen die ganze betrgerische Genossenschaft dieser jdischen Volksvergifter vorzugehen. Jetzt muáte ihnen kurzerhand der Prozeá gemacht werden, ohne die geringste Rcksicht auf etwa einsetzendes Geschrei und Gejammer. Im August des Jahres 1914 war das Gemauschel der internationalen Solidarit„t mit einem Schlage aus den K”pfen der deutschen Arbeiterschaft verschwunden, und statt dessen begannen schon wenige Wochen sp„ter amerikanische Schrapnells die Segnungen der Brderlichkeit ber die Helme der Marschkolonnen hinabzugieáen. Es w„re die Pflicht einer besorgten Staatsregierung gewesen, nun, da der deutsche Arbeiter wieder den Weg zum Volkstum gefunden hatte, die Verhetzer dieses Volkstums unbarmherzig auszurotten. 186 Die Anwendung nackter Gewalt Wenn an der Front die Besten fielen, dann konnte man zu Hause wenigstens das Ungeziefer vertilgen. Statt dessen aber streckte Seine Majest„t der Kaiser selber den alten Verbrechern die Hand entgegen und gab den hinterlistigen Meuchelm”rdern der Nation damit Schonung und M”glichkeit der inneren Fassung. Nun konnte also die Schlange wieder weiterarbeiten, vorsichtiger als frher, allein nur desto gef„hrlicher. W„hrend die Ehrlichen vom Burgfrieden tr„umten, organisierten die meineidigen Verbrecher die Revolution. Daá man damals sich zu dieser entsetzlichen Halbheit entschloá, machte mich innerlich immer unzufriedener; daá das Ende dessen aber ein so entsetzliches sein wrde, h„tte auch ich damals noch nicht fr m”glich gehalten. Was aber muáte man nun tun? Die Fhrer der ganzen Bewegung sofort hinter Schloá und Riegel setzen, ihnen den Prozeá machen und der Nation vom Halse schaffen. Man muáte rcksichtslos die gesamten milit„rischen Machtmittel einsetzen zur Ausrottung dieser Pestilenz. Die Parteien waren aufzul”sen, der Reichstag wenn n”tig mit Bajonetten zur Vernunft zu bringen, am besten aber sofort aufzuheben. So wie die Republik heute Parteien aufzul”sen vermag, so h„tte man damals mit mehr Grund zu diesem Mittel greifen mssen. Stand doch Sein oder Nichtsein eines ganzen Volkes auf dem Spiele! Freilich kam dann aber eine Frage zur Geltung: Kann man denn geistige Ideen berhaupt mit dem Schwerte ausrotten? Kann man mit der Anwendung roher Gewalt "Weltanschauungen" bek„mpfen? Ich habe mir diese Frage schon zu jener Zeit ”fters als einmal vorgelegt. Beim Durchdenken analoger F„lle, die sich besonders auf religi”ser Grundlage in der Geschichte auffinden lassen, ergibt sich folgende grunds„tzliche Erkenntnis: Vorstellungen und Ideen, sowie Bewegungen mit bestimmter geistiger Grundlage, mag diese nun falsch sein oder wahr, k”nnen von einem gewissen Zeitpunkt ihres Werdens an mit Machtmitteln technischer Art nur mehr 187 Die Anwendung nackter Gewalt dann gebrochen werden, wenn diese k”rperlichen Waffen zugleich selber Tr„ger eines neuen zndenden Gedankens, einer Idee oder Weltanschauung sind. Die Anwendung von Gewalt allein, ohne die Triebkraft einer geistigen Grundvorstellung als Voraussetzung, kann niemals zur Vernichtung einer Idee und deren Verbreitung fhren, auáer in Form einer restlosen Ausrottung aber auch des letzten Tr„gers und der Zerst”rung der letzten šberlieferung. Dies bedeutet jedoch zumeist das Ausscheiden eines solchen Staatsk”rpers aus dem Kreise machtpolitischer Bedeutung auf oft endlose Zeit, manchmal auch fr immer; denn ein solches Blutopfer trifft ja erfahrungsgem„á den besten Teil des Volkstums, da n„mlich jede Verfolgung, die ohne geistige Voraussetzung stattfindet, als sittlich nicht berechtigt erscheint und nun die gerade wertvolleren Best„nde eines Volkes zum Protest aufpeitscht, der sich aber in einer Aneignung des geistigen Inhalts der ungerecht verfolgten Bewegung auswirkt. Dies geschieht bei vielen dann einfach aus dem Gefhl der Opposition gegen den Versuch der Niederknppelung einer Idee durch brutale Gewalt. Dadurch aber w„chst die Zahl der inneren Anh„nger in eben dem Maáe, in dem die Verfolgung zunimmt. Mithin wird die restlose Vernichtung der neuen Lehre nur auf dem Wege einer so groáen und sich immer steigernden Ausrottung durchzufhren sein, daá darber endlich dem betreffenden Volke oder auch Staate alles wahrhaft wertvolle Blut berhaupt entzogen wird. Dies aber r„cht sich, indem nun wohl eine sogenannte "innere" Reinigung stattfinden kann, allein auf Kosten einer allgemeinen Ohnmacht. Immer aber wird ein solcher Vorgang von vornherein schon vergeblich sein, wenn die zu bek„mpfende Lehre einen gewissen kleinen Kreis schon berschritten hat. Daher ist auch hier, wie bei allem Wachstum, die erste Zeit der Kindheit noch am ehesten der M”glichkeit einer Vernichtung ausgesetzt, w„hrend mit steigenden Jahren die Widerstandskraft zunimmt, um erst bei herannahender Altersschw„che wieder neuer Jugend zu weichen, wenn auch in anderer Form und aus anderen Grnden. 188 Die Anwendung nackter Gewalt Tats„chlich fhren aber fast s„mtliche Versuche, durch Gewalt ohne geistige Grundlage eine Lehre und deren organisatorische Auswirkung auszurotten, zu Miáerfolgen, ja enden nicht selten gerade mit dem Gegenteil des Gewnschten aus folgendem Grunde: Die allererste Voraussetzung zu einer Kampfesweise mit den Waffen der nackten Gewalt ist und bleibt die Beharrlichkeit. Das heiát, daá nur in der dauernd gleichm„áigen Anwendung der Methoden zur Unterdrckung einer Lehre usw. die M”glichkeit eines Gelingens der Absicht liegt. Sobald hier aber auch nur schwankend Gewalt mit Nachsicht wechselt, wird nicht nur die zu unterdrckende Lehre sich immer wieder erholen, sondern sie wird sogar aus jeder Verfolgung neue Werte zu ziehen in der Lage sein, indem nach Abflauen einer solchen Welle des Druckes die Emp”rung ber das erduldete Leid der alten Lehre neue Anh„nger zufhrt, die bereits vorhandenen aber mit gr”áerem Trotz und tieferem Haá als vordem an ihr h„ngen werden, ja schon abgesplitterte Abtrnnige wieder nach Beseitigung der Gefahr zur alten Einstellung zurckkehren versuchen. In der ewig gleichm„áigen Anwendung der Gewalt allein liegt die allererste Voraussetzung zum Erfolge. Diese Beharrlichkeit jedoch ist immer nur das Ergebnis einer bestimmten geistigen šberzeugung. Jede Gewalt, die nicht einer festen geistigen Grundlage entsprieát, wird schwankend und unsicher sein. Ihr fehlt die Stabilit„t, die nur in einer fanatischen Weltanschauung zu ruhen vermag. Sie ist der Ausfluá der jeweiligen Energie und brutalen Entschlossenheit eines einzelnen, mithin aber eben dem Wechsel der Pers”nlichkeit und ihrer Wesensart und St„rke unterworfen. Es kommt aber hierzu noch etwas anderes: Jede Weltanschauung, mag sie mehr religi”ser oder politischer Art sein - manchmal ist hier die Grenze nur schwer festzustellen -, k„mpft weniger fr die negative Vernichtung der gegnerischen Ideenwelt, als vielmehr fr die positive Durchsetzung der eigenen. Damit aber ist ihr Kampf weniger Abwehr als Angriff. Sie ist dabei schon 189 Der Angriff einer Weltanschauung in der Bestimmung des Zieles im Vorteil, da ja dieses Ziel den Sieg der eigenen Idee darstellt, w„hrend umgekehrt es nur schwer zu bestimmen ist, wann das negative Ziel der Vernichtung einer feindlichen Lehre als erreicht und gesichert angesehen werden darf. Schon deshalb wird der Angriff der Weltanschauung planvoller, aber auch gewaltiger sein, als die Abwehr einer solchen; wie denn berhaupt auch hier die Entscheidung dem Angriff zukommt und nicht der Verteidigung. Der Kampf gegen eine geistige Macht mit Mitteln der Gewalt ist aber solange nur Verteidigung, als das Schwert nicht selber als Tr„ger, Verknder und Verbreiter einer neuen geistigen Lehre auftritt. Man kann also zusammenfassend folgendes festhalten: Jeder Versuch, eine Weltanschauung mit Machtmitteln zu bek„mpfen, scheitert am Ende, solange nicht der Kampf die Form des Angriffes fr eine neue geistige Einstellung erh„lt. Nur im Ringen zweier Weltanschauungen miteinander vermag die Waffe der brutalen Gewalt, beharrlich und rcksichtslos eingesetzt, die Entscheidung fr die von ihr untersttzte Seite herbeizufhren. Daran aber war bislang noch immer die Bek„mpfung des Marxismus gescheitert. Das war der Grund, warum auch Bismarcks Sozialistengesetzgebung endlich trotz allem versagt und versagen muáte. Es fehlte die Plattform einer neuen Weltanschauung, fr deren Aufstieg der Kampf h„tte gek„mpft werden k”nnen. Denn daá das Gefasel von einer sogenannten "Staatsautorit„t" oder der "Ruhe und Ordnung" eine geeignete Grundlage fr den geistigen Antrieb eines Kampfes auf Leben und Tod sein k”nnte, wird nur die sprichw”rtliche Weisheit h”herer Ministerialbeamter zu vermeinen fertigbringen. Weil aber eine wirkliche geistige Tr„gerin dieses Kampfes fehlte, muáte Bismarck auch die Durchfhrung seiner Sozialistengesetzgebung dem Ermessen und Wollen derjenigen Institution anheimstellen, die selber schon Ausgeburt marxistischer Denkart war. Indem der eiserne Kanzler das Schicksal seines Marxistenkrieges dem Wohlwollen der brgerlichen 190 Brgerliche Klassenparteien Demokratie berantwortete, macht er den Bock zum G„rtner. Dieses alles aber war nur die zwangsl„ufige Folge des Fehlens einer grunds„tzlichen, dem Marxismus entgegengesetzten neuen Weltanschauung von strmischem Eroberungswillen. So war das Ergebnis des Bismarckschen Kampfes nur eine schwere Entt„uschung. Lagen aber die Verh„ltnisse w„hrend des Weltkrieges oder zu Beginn desselben etwa anders? Leider nein. Je mehr ich mich damals mit dem Gedanken einer notwendigen Žnderung der Haltung der staatlichen Regierung zur Sozialdemokratie, als der augenblicklichen Verk”rperung des Marxismus besch„ftige, um so mehr erkannte ich das Fehlen eines brauchbaren Ersatzes fr diese Lehre. Was wollte man denn den Massen geben, wenn, angenommen, die Sozialdemokratie gebrochen w„re? Nicht eine Bewegung war vorhanden, von der man h„tte erwarten k”nnen, daá es ihr gelingen wrde, die groáen Scharen der nun mehr oder weniger fhrerlos gewordenen Arbeiter in ihren Bann zu ziehen. Es ist unsinnig und mehr als dumm, zu meinen, daá der aus der Klassenpartei ausgeschiedene internationale Fanatiker nun augenblicklich in eine brgerliche Partei, also in eine neue Klassenorganisation, einrcken werde. Denn so unangenehm dies verschiedenen Organisationen auch sein mag, so kann doch nicht weggeleugnet werden, daá den brgerlichen Politikern die Klassenscheidung zu einem sehr groáen Teile so lange als ganz selbstverst„ndlich erscheint, solange sie sich nicht politisch zu ihren Ungunsten auszuwirken beginnt. Das Ableugnen dieser Tatsache beweist nur die Frechheit, aber auch die Dummheit der Lgner. Man soll sich berhaupt hten, die breite Masse fr dmmer zu halten, als sie ist. In politischen Angelegenheiten entscheidet nicht selten das Gefhl richtiger als der Verstand. Die Meinung aber, daá fr die Unrichtigkeit dieses Gefhls der Masse doch deren dumme internationale Einstellung gengend spr„che, kann sofort auf das grndlichste 191 Kein Ersatz fr Sozialdemokratie widerlegt werden durch den einfachen Hinweis, daá die pazifistische Demokratie nicht minder irrsinnig ist, ihre Tr„ger aber fast ausschlieálich dem brgerlichen Lager entstammen. Solange noch Millionen von Brgern jeden Morgen and„chtig ihre jdische Demokratenpresse anbeten, steht es den Herrschaften sehr schlecht an, ber die Dummheit des "Genossen" zu witzeln, der zum Schluá nur den gleichen Mist, wenn auch eben in anderer Aufmachung, verschlingt. In beiden F„llen ist der Fabrikant ein und derselbe Jude. Man soll sich also sehr wohl hten, Dinge abzustreiten, die nun einmal sind. Die Tatsache, daá es sich bei der Klassenfrage keineswegs nur um ideelle Probleme handelt, wie man besonders vor Wahlen immer gerne weismachen m”chte, kann nicht weggeleugnet werden. Der Standesdnkel eines groáen Teiles unseres Volkes ist, ebenso wie vor allem die mindere Einsch„tzung des Handarbeiters, eine Erscheinung, die nicht aus der Phantasie eines Mondschtigen stammt. Es zeigt aber, ganz abgesehen davon, die geringe Denkf„higkeit unserer sogenannten Intelligenz an, wenn gerade in diesen Kreisen nicht begriffen wird, daá ein Zustand, der das Emporkommen einer Pest, wie sie der Marxismus nun einmal ist, nicht zu verhindern vermochte, jetzt aber erst recht nicht mehr in der Lage sein wird, das Verlorene wieder zurckzugewinnen. Die "brgerlichen" Parteien, wie sie sich selbst bezeichnen, werden niemals mehr die "proletarischen" Massen an ihr Lager zu fesseln verm”gen, da sich hier zwei Welten gegenberstehen, teils natrlich, teils knstlich getrennt, deren Verhaltungszustand zueinander nur der Kampf sein kann. Siegen aber wird hier der Jngere - und dies w„re der Marxismus. Tats„chlich war ein Kampf gegen die Sozialdemokratie im Jahre 1914 wohl denkbar, allein, wie lange dieser Zustand bei dem Fehlen jedes praktischen Ersatzes aufrechtzuerhalten gewesen w„re, konnte zweifelhaft sein. Hier war eine groáe Lcke vorhanden. 192 Erste Gedanken an politische Bet„tigung Ich besaá diese Meinung schon l„ngst vor dem Kriege und konnte mich deshalb auch nicht entschlieáen, an eine der bestehenden Parteien heranzutreten. Im Verlaufe der Ereignisse des Weltkrieges wurde ich in dieser Meinung noch best„rkt durch die ersichtliche Unm”glichkeit, gerade infolge dieses Fehlens einer Bewegung, die eben mehr sein muáte als "parlamentarische" Partei, den Kampf gegen die Sozialdemokratie rcksichtslos aufzunehmen. Ich habe mich gegenber meinen engeren Kameraden offen darber ausgesprochen. Im brigen kamen mir nun auch die ersten Gedanken, mich sp„ter einmal doch noch politisch zu bet„tigen. Gerade dieses aber war der Anlaá, daá ich nun ”fters dem kleinen Kreise meiner Freunde versicherte, nach dem Kriege als Redner neben meinem Berufe wirken zu wollen. Ich glaube, es war mir damit auch sehr ernst. 6. Kapitel Kriegspropaganda Bei meinem aufmerksamen Verfolgen aller politischen Vorg„nge hatte mich schon immer die T„tigkeit der Propaganda auáerordentlich interessiert. Ich sah in ihr ein Instrument, das gerade die sozialistisch-marxistischen Organisationen mit meisterhafter Geschicklichkeit beherrschten und zur Anwendung zu bringen verstanden. Ich lernte dabei schon frhzeitig verstehen, daá die richtige Verwendung der Propaganda eine wirkliche Kunst darstellt, die den brgerlichen Parteien fast so gut als unbekannt war und blieb. Nur die christlich-soziale Bewegung, besonders zu Luegers Zeit, brachte es auch auf diesem Instrument zu einer gewissen Virtuosit„t und verdankte dem auch sehr viele ihrer Erfolge. Zu welch ungeheuren Ergebnissen aber eine richtig angewendete Propaganda zu fhren vermag, konnte man erst w„hrend des Krieges ersehen. Leider war jedoch hier wieder alles auf der anderen Seite zu studieren, denn die T„tigkeit auf unserer Seite blieb ja in dieser Beziehung mehr als bescheiden. Allein, gerade das so vollst„ndige Versagen der gesamten Aufkl„rung auf deutscher Seite, das besonders jedem Soldaten grell in die Augen springen muáte, wurde bei mir der Anlaá, mich nun noch viel eindringlicher mit der Propaganda-Frage zu besch„ftigen. Zeit zum Denken war dabei oft mehr als genug vorhanden, den praktischen Unterricht aber erteilte uns der Feind, leider nur zu gut. Denn was bei uns hier vers„umt ward, holte der Gegner mit unerh”rter Geschicklichkeit und wahrhaft genialer Berechnung ein. An dieser feindlichen Kriegspropaganda habe 194 Propaganda ein Mittel auch ich unendlich gelernt. An den K”pfen derjenigen allerdings, die am ehesten sich dies zur Lehre h„tten sein lassen mssen, ging die Zeit spurlos vorber; man dnkte sich dort zum Teil zu klug, um von den anderen Belehrungen entgegenzunehmen, zum anderen Teil aber fehlte der ehrliche Wille hierzu. Gab es bei uns berhaupt eine Propaganda? Leider kann ich darauf nur mit Nein antworten. Alles, was in dieser Richtung wirklich unternommen wurde, war so unzul„nglich und falsch von Anfang an, daá es zum mindesten nichts ntzte, manchmal aber geradezu Schaden anrichtete. In der Form ungengend, im Wesen psychologisch falsch: dies muáte das Ergebnis einer aufmerksamen Prfung der deutschen Kriegspropaganda sein. Schon ber die erste Frage scheint man sich nicht ganz klar geworden zu sein, n„mlich: Ist die Propaganda Mittel oder Zweck? Sie ist ein Mittel und muá demgem„á beurteilt werden vom Gesichtspunkte des Zweckes aus. Ihre Form wird mithin eine der Untersttzung des Zieles, dem sie dient, zweckm„áig angepaáte sein mssen. Es ist auch klar, daá die Bedeutung des Zieles eine verschiedene sein kann vom Standpunkte des allgemeinen Bedrfnisses aus, und daá damit auch die Propaganda in ihrem inneren Werte verschieden bestimmt wird. Das Ziel, fr das im Verlaufe des Krieges aber gek„mpft wurde, war das erhabenste und gewaltigste, das sich fr Menschen denken l„át: es war die Freiheit und Unabh„ngigkeit unseres Volkes, die Sicherheit der Ern„hrung fr die Zukunft und - die Ehre der Nation; etwas, das trotz aller gegenteiligen Meinung von heute dennoch vorhanden ist oder besser sein sollte, da eben V”lker ohne Ehre die Freiheit und Unabh„ngigkeit frher oder sp„ter zu verlieren pflegen, was wieder nur einer h”heren Gerechtigkeit entspricht, da ehrlose Lumpengenerationen keine Freiheit verdienen. Wer aber feiger Sklave sein will, darf und kann gar keine Ehre haben, da ja diese sonst der allgemeinen Miáachtung in krzester Zeit anheimfiele. 195 Der Zweck der Propaganda Im Streit fr ein menschliches Dasein k„mpfte das deutsche Volk, und diesen Streit zu untersttzen, w„re der Zweck der Propaganda des Krieges gewesen; ihm zum Siege zu verhelfen, muáte das Ziel sein. Wenn aber V”lker um ihre Existenz auf diesem Planeten k„mpfen, mithin die Schicksalsfrage von Sein oder Nichtsein an sie herantritt, fallen alle Erw„gungen von Humanit„t oder Žsthetik in ein Nichts zusammen; denn alle diese Vorstellungen schweben nicht im Welt„ther, sondern stammen aus der Phantasie des Menschen und sind an ihn gebunden. Sein Scheiden von dieser Welt l”st auch diese Begriffe wieder in Nichts auf, denn die Natur kennt sie nicht. Sie sind aber auch unter den Menschen nur wenigen V”lkern oder besser Rassen zu eigen, und zwar in jenem Maáe, in dem sie dem Gefhl derselben selbst entstammen. Humanit„t und Žsthetik wrden sogar in einer menschlich bewohnten Welt vergehen, sowie diese die Rassen verl”re, die Sch”pfer und Tr„ger dieser Begriffe sind. Damit haben aber alle diese Begriffe beim Kampfe eines Volkes um sein Dasein auf dieser Welt nur untergeordnete Bedeutung, ja scheiden als bestimmend fr die Formen des Kampfes vollst„ndig aus, sobald durch sie die Selbsterhaltungskraft eines im Kampfe liegenden Volkes gel„hmt werden k”nnte. Das aber ist immer das einzig sichtbare Ergebnis. Was die Frage der Humanit„t betrifft, so hat sich schon Moltke dahin ge„uáert, daá diese beim Kriege immer in der Krze des Verfahrens liege, also daá ihr die sch„rfste Kampfesweise am meisten entspr„che. Wenn man aber versucht, in solchen Dingen mit dem Gefasel von Žsthetik usw. anzurcken, dann kann es darauf wirklich nur eine Antwort geben: Schicksalsfragen von der Bedeutung des Existenzkampfes eines Volkes heben jede Verpflichtung zur Sch”nheit auf. Das Unsch”nste, was es im menschlichen Leben geben kann, ist und bleibt das Joch der Sklaverei. Oder empfindet diese Schwabinger Dekadenz etwa das heutige Los der deutschen Nation als "„sthetisch"? Mit den Juden, als den modernen Erfindern dieses 196 Propaganda nur fr die Masse Kulturparfms, braucht man sich aber darber wahrhaftig nicht zu unterhalten. Ihr ganzes Dasein ist der fleischgewordene Protest gegen die Žsthetik des Ebenbildes des Herrn. Wenn aber diese Gesichtspunkte von Humanit„t und Sch”nheit fr den Kampf erst einmal ausscheiden, dann k”nnen sie auch nicht als Maástab fr Propaganda Verwendung finden. Die Propaganda war im Kriege ein Mittel zum Zweck, dieser aber war der Kampf um das Dasein des deutschen Volkes, und somit konnte die Propaganda auch nur von den hierfr gltigen Grunds„tzen aus betrachtet werden. Die grausamsten Waffen waren dann human, wenn sie den schnelleren Sieg bedingten, und sch”n waren nur die Methoden allein, die der Nation die Wrde der Freiheit sichern halfen. Dies war die einzige m”gliche Stellung in einem solchen Kampf auf Leben und Tod zur Frage der Kriegspropaganda. W„re man sich darber an den sogenannten maágebenden Stellen klar geworden, so h„tte man niemals in jene Unsicherheit ber die Form und Anwendung dieser Waffe kommen k”nnen; denn auch dies ist nur eine Waffe, wenn auch eine wahrhaft frchterliche in der Hand des Kenners. Die zweite Frage von geradezu ausschlaggebender Bedeutung war folgende: An wen hat sich die Propaganda zu wenden? An die wissenschaftliche Intelligenz oder an die weniger gebildete Masse? Sie hat sich ewig nur an die Masse zu richten! Fr die Intelligenz, oder was sich heute leider h„ufig so nennt, ist nicht Propaganda da, sondern wissenschaftliche Belehrung. Propaganda aber ist so wenig Wissenschaft ihrem Inhalte nach, wie etwa ein Plakat Kunst in seiner Darstellung an sich. Die Kunst des Plakates liegt in der F„higkeit des Entwerfers, durch Form und Farbe die Menge aufmerksam zu machen. Das Kunstausstellungsplakat hat nur auf die Kunst der Ausstellung hinzuweisen; je mehr ihm dies gelingt, um so gr”áer ist dann die Kunst 197 Die Aufgabe der Propaganda des Plakates selber. Das Plakat soll weiter der Masse eine Vorstellung von der Bedeutung der Ausstellung vermitteln, keineswegs aber ein Ersatz der in dieser gebotenen Kunst sein. Wer sich deshalb mit der Kunst selber besch„ftigen will, muá schon mehr als das Plakat studieren, ja, fr den gengt auch keineswegs bloáes "Durchwandern" der Ausstellung. Von ihm darf erwartet werden, daá er in grndlichem Schauen sich in die einzelnen Werke vertiefe und sich dann langsam ein gerechtes Urteil bilde. Žhnlich liegen die Verh„ltnisse auch bei dem, was wir heute mit dem Wort Propaganda bezeichnen. Die Aufgabe der Propaganda liegt nicht in einer wissenschaftlichen Ausbildung des einzelnen, sondern in einem Hinweisen der Masse auf bestimmte Tatsachen, Vorg„nge, Notwendigkeiten usw., deren Bedeutung dadurch erst in den Gesichtskreis der Masse gerckt werden soll. Die Kunst liegt nun ausschlieálich darin, dies in so vorzglicher Weise zu tun, daá eine allgemeine šberzeugung von der Wirklichkeit einer Tatsache, der Notwendigkeit eines Vorganges, der Richtigkeit von etwas Notwendigen usw. entsteht. Da sie aber nicht Notwendigkeit an sich ist und sein kann, da ihre Aufgabe ja genau wie bei dem Plakat im Aufmerksammachen der Menge zu bestehen hat und nicht in der Belehrung der wissenschaftlich ohnehin Erfahrenen oder nach Bildung und Einsicht Strebenden, so muá ihr Wirken auch immer mehr auf das Gefhl gerichtet sein und nur sehr bedingt auf den sogenannten Verstand. Jede Propaganda hat volkstmlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmef„higkeit des Beschr„nktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt. Damit wird ihre rein geistige H”he um so tiefer zu stellen sein, je gr”áer die zu erfassende Masse der Menschen sein soll. Handelt es sich aber, wie bei der Propaganda fr die Durchhaltung eines Krieges, darum, ein ganzes Volk in ihren Wirkungsbereich zu ziehen, so kann die Vorsicht bei der Vermeidung zu hoher geistiger Voraussetzungen gar nicht groá genug sein. 198 Die Psychologie der Propaganda Je bescheidener dann ihr wissenschaftlicher Ballast ist, und je mehr sie ausschlieálich auf das Fhlen der Masse Rcksicht nimmt, um so durchschlagender der Erfolg. Dieser aber ist der beste Beweis fr die Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer Propaganda und nicht die gelungene Befriedigung einiger Gelehrter oder „sthetischer Jnglinge. Gerade darin liegt die Kunst der Propaganda, daá sie, die gefhlsm„áige Vorstellungswelt der groáen Masse begreifend, in psychologisch richtiger Form den Weg zur Aufmerksamkeit und weiter zum Herzen der breiten Masse findet. Daá dies von unseren Neunmalklugen nicht begriffen wird, beweist nur deren Denkfaulheit oder Einbildung. Versteht man aber die Notwendigkeit der Einstellung der Werbekunst der Propaganda auf die breite Masse, so ergibt sich weiter schon daraus folgende Lehre: Es ist falsch, der Propaganda die Vielseitigkeit etwa des wissenschaftlichen Unterrichts geben zu wollen. Die Aufnahmef„higkeit der groáen Masse ist nur sehr beschr„nkt, das Verst„ndnis klein, dafr jedoch die Vergeálichkeit groá. Aus diesen Tatsachen heraus hat sich jede wirkungsvolle Propaganda auf nur sehr wenige Punkte zu beschr„nken und diese schlagwortartig solange zu verwerten, bis auch bestimmt der Letzte unter einem solchen Worte das Gewollte sich vorzustellen vermag. Sowie man diesen Grundsatz opfert und vielseitig werden will, wird man die Wirkung zum Zerflattern bringen, da die Menge den gebotenen Stoff weder zu verdauen noch zu behalten vermag. Damit aber wird das Ergebnis wieder abgeschw„cht und endlich aufgehoben. Je gr”áer so die Linie ihrer Darstellung zu sein hat, um so psychologisch richtiger muá die Feststellung ihrer Taktik sein. Es war zum Beispiel grundfalsch, den Gegner l„cherlich zu machen, wie dies die ”sterreichische und deutsche Witzblattpropaganda vor allem besorgte. Grundfalsch deshalb, weil das Zusammentreffen in der Wirklichkeit dem Manne vom Gegner sofort eine ganz andere šberzeugung beibringen muáte, etwas, was sich dann auf das frchterlichste 199 Die Psychologie der Propaganda r„chte; denn nun fhlte sich der deutsche Staat unter dem unmittelbaren Eindruck des Widerstandes des Gegners von den Machern seiner bisherigen Aufkl„rung get„uscht, und an Stelle einer St„rkung seiner Kampfeslust oder auch nur Festigkeit trat das Gegenteil ein. Der Mann verzagte. Demgegenber war die Kriegspropaganda der Engl„nder und Amerikaner psychologisch richtig. Indem sie dem eigenen Volke den Deutschen als Barbaren und Hunnen vorstellte, bereitete sie den einzelnen Soldaten schon auf die Schrecken des Krieges vor und half so mit, ihn vor Entt„uschungen zu bewahren. Die entsetzlichste Waffe, die nun gegen ihn zur Anwendung kam, erschien ihm nur mehr als die Best„tigung seiner schon gewordenen Aufkl„rung und st„rkte ebenso den Glauben an die Richtigkeit der Behauptungen seiner Regierung, wie sie andrerseits Wut und Haá gegen den verruchten Feind steigerte. Denn die grausame Wirkung der Waffe, die er ja nun an sich von seien des Gegners kennenlernte, erschien ihm allm„hlich als Beweis der ihm schon bekannten "hunnenhaften" Brutalit„t des barbarischen Feindes, ohne daá er auch nur einen Augenblick so weit zum Nachdenken gebracht worden w„re, daá seine Waffen vielleicht, ja sogar wahrscheinlich, noch entsetzlicher wirken k”nnten. So konnte sich der englische Soldat vor allem nie als von zu Hause unwahr unterrichtet fhlen, was leider beim deutschen so sehr der Fall war, daá er endlich berhaupt alles, was von dieser Seite kam, als "Schwindel" und "Krampf" ablehnte. Lauter Folgen davon, daá man glaubte, zur Propaganda den n„chstbesten Esel (oder selbst "sonst" gescheiten Menschen) abkommandieren zu k”nnen, statt zu begreifen, daá hierfr die allergenialsten Seelenkenner gerade noch gut genug sind. So bot die deutsche Kriegspropaganda ein unbertreffliches Lehr- und Unterrichtsbeispiel fr eine in den Wirkungen geradezu umgekehrt arbeitende "Aufkl„rung", infolge vollkommenen Fehlens jeder psychologisch richtigen šberlegung. Am Gegner aber war unendlich viel zu lernen fr den, 200 Subjektiv - einseitig - unbedingt der mit offenen Augen und unverkalktem Empfinden die viereinhalb Jahre lang anstrmende Flutwelle der feindlichen Propaganda fr sich verarbeitete. Am allerschlechtesten jedoch begriff man die allererste Voraussetzung jeder propagandistischen T„tigkeit berhaupt: n„mlich die grunds„tzlich subjektiv einseitige Stellungnahme derselben zu jeder von ihr bearbeiteten Frage. Auf diesem Gebiete wurde in einer Weise gesndigt, und zwar gleich zu Beginn des Krieges von oben herunter, daá man wohl das Recht erhielt, zu zweifeln, ob soviel Unsinn wirklich nur reiner Dummheit zugeschrieben werden konnte. Was wrde man zum Beispiel ber ein Plakat sagen, daá eine neue Seife anpreisen soll, dabei jedoch auch andere Seifen als "gut" bezeichnet? Man wrde darber nur den Kopf schtteln. Genau so verh„lt es sich aber auch mit politischer Reklame. Die Aufgabe der Propaganda ist z.B. nicht ein Abw„gen der verschiedenen Rechte, sondern das ausschlieáliche Betonen des einen eben durch sie zu vertretenden. Sie hat nicht objektiv auch die Wahrheit, soweit sie den anderen gnstig ist, zu erforschen, um sie dann der Masse in doktrin„rer Aufrichtigkeit vorzusetzen, sondern ununterbrochen der eigenen zu dienen. Es war grundfalsch, die Schuld am Kriege von dem Standpunkte aus zu er”rtern, daá nicht nur Deutschland allein verantwortlich gemacht werden k”nnte fr den Ausbruch dieser Katastrophe, sondern es w„re richtig gewesen, diese Schuld restlos dem Gegner aufzubrden, selbst wenn dies wirklich nicht so dem wahren Hergange entsprochen h„tte, wie es doch nun tats„chlich der Fall war. Was aber war die Folge dieser Halbheit? Die breite Masse eines Volkes besteht nicht aus Diplomaten oder auch nur Staatsrechtslehrern, ja nicht einmal aus lauter vernnftig Urteilsf„higen, sondern aus ebenso schwankenden wie zu Zweifel und Unsicherheit geneigten Menschenkindern. Sowie durch die eigene Propaganda erst einmal nur der Schimmer eines Rechtes auch auf der anderen Seite zugegeben wird, ist der Grund zum Zweifel 201 Der deutsche Objektivit„tsfimmel an dem eigenen Rechte schon gelegt. Die Masse ist nicht in der Lage, nun zu unterscheiden, wo das fremde Unrecht endet und das eigene beginnt. Sie wird in einem solchen Falle unsicher und miátrauisch, besonders dann, wenn der Gegner eben nicht den gleichen Unsinn macht, sondern seinerseits alle und jede Schuld dem Feinde aufbrdet. Was ist da erkl„rlicher, als daá endlich das eigene Volk der feindlichen Propaganda, die geschlossener, einheitlicher vorgeht, sogar mehr glaubt als der eigenen? Und noch dazu bei einem Volke, das ohnehin so sehr am Objektivit„tsfimmel leidet wie das deutsche! Denn bei ihm wird nun jeder sich bemhen, nur ja dem Feinde nicht Unrecht zu tun, selbst auf die Gefahr der schwersten Belastung, ja Vernichtung des eigenen Volkes und Staates. Daá an den maágebenden Stellen dies natrlich nicht so gedacht ist, kommt der Masse gar nicht zum Bewuátsein. Das Volk ist in seiner berwiegenden Mehrheit so feminin veranlagt und eingestellt, daá weniger nchterne šberlegung, vielmehr gefhlsm„áige Empfindung sein Denken und Handeln bestimmt. Diese Empfindung aber ist nicht kompliziert, sondern sehr einfach und geschlossen. Sie gibt hierbei nicht viel Differenzierungen, sondern ein Positiv oder Negativ, Liebe oder Haá, Recht oder Unrecht, Wahrheit oder Lge, niemals aber halb so und halb so, oder teilweise usw. Das alles hat besonders die englische Propaganda in der wahrhaft genialsten Weise verstanden - und bercksichtigt. Dort gab es wirklich keine Halbheiten, die etwa zu Zweifeln h„tten anregen k”nnen. Das Zeichen fr die gl„nzende Kenntnis der Primitivit„t der Empfindung der breiten Masse lag in der diesem Zustande angepaáten Greuelpropaganda, die in ebenso rcksichtsloser wie genialer Art die Vorbedingungen fr das moralische Standhalten an der Front sicherte, selbst bei gr”áten tats„chlichen Niederlagen, sowie weiter in der ebenso schlagenden Festnagelung des deutschen Feindes als des allein schuldigen Teils am Ausbruch des Krieges: eine Lge, die nur durch die unbedingte, freche, einseitige Sturheit, mit der 202 Beschr„nkung der Beharrlichkeit sie vorgetragen wurde, der gefhlsm„áigen, immer extremen Einstellung des groáen Volkes Rechnung trug und deshalb auch geglaubt wurde. Wie sehr diese Art von Propaganda wirksam war, zeigte am schlagendsten die Tatsache, daá sie nach vier Jahren nicht nur den Gegner noch streng an der Stange zu halten vermochte, sondern sogar unser eigenes Volk anzufressen begann. Daá unserer Propaganda dieser Erfolg nicht beschieden war, durfte einen wirklich nicht wundern. Sie trug den Keim der Unwirksamkeit schon in ihrer inneren Zweideutigkeit. Endlich war es schon infolge ihres Inhalts wenig wahrscheinlich, daá sie bei den Massen den notwendigen Eindruck erwecken wrde. Zu hoffen, daá es mit diesem faden Pazifistensplwasser gelingen k”nnte, Menschen zum Sterben zu berausche, brachten nur unsere geistfreien "Staatsm„nner" fertig. So war dies elende Produkt zwecklos, ja sogar sch„dlich. Aber alle Genialit„t der Aufmachung der Propaganda wird zu keinem Erfolge fhren, wenn nicht ein fundamentaler Grundsatz immer gleich scharf bercksichtigt wird. Sie hat sich auf wenig zu beschr„nken und dieses ewig zu wiederholen. Die Beharrlichkeit ist hier wie bei so vielem auf der Welt die erste und wichtigste Voraussetzung zum Erfolg. Gerade auf dem Gebiete der Propaganda darf man sich niemals von Žstheten oder Blasierten leiten lassen: Von den ersteren nicht, weil sonst der Inhalt in Form und Ausdruck in krzester Zeit, statt fr die Masse sich zu eignen, nur mehr fr literarische Teegesellschaften Zugkraft entwickelt; vor den zweiten aber hte man sich deshalb „ngstlich, weil ihr Mangel an eigenem frischen Empfinden immer nach neuen Reizen sucht. Diesen Leuten wird in kurzer Zeit alles berdrssig; sie wnschen Abwechslung und verstehen niemals sich in die Bedrfnisse ihrer noch nicht so abgebrhten Mitwelt hineinzuversetzen oder diese gar zu begreifen. Sie sind immer die ersten Kritiker der Propaganda oder besser ihres Inhaltes, der ihnen zu althergebracht, zu abgedroschen, dann wieder zu berlebt usw. erscheint. Sie wollen immer Neues, suchen Abwechslung und werden dadurch zu wahren Todfeinden 203 Die feindliche Kriegspropaganda jeder wirksamen politischen Massengewinnung. Denn sowie sich die Organisation und der Inhalt einer Propaganda nach ihren Bedrfnissen zu richten beginnen, verlieren sie jede Geschlossenheit und zerflattern statt dessen vollst„ndig. Propaganda ist jedoch nicht dazu da, blasierten Herrchen laufend interessante Abwechslung zu verschaffen, sondern zu berzeugen, und zwar die Masse zu berzeugen. Diese aber braucht in ihrer Schwerf„lligkeit immer eine bestimmte Zeit, ehe sie auch nur von einer Sache Kenntnis zu nehmen bereit ist, und nur einer tausendfachen Wiederholung einfachster Begriffe wird sie endlich ihr Ged„chtnis schenken. Jede Abwechslung darf nie den Inhalt des durch die Propaganda zu Bringenden ver„ndern, sondern muá stets zum Schlusse das gleiche besagen. So muá das Schlagwort wohl von verschiedenen Seiten aus beleuchtet werden, allein das Ende jeder Betrachtung hat immer von neuem beim Schlagwort selber zu liegen. Nur so kann und wird die Propaganda einheitlich und geschlossen wirken. Diese groáe Linie allein, die nie verlassen werden darf, l„át bei immer gleichbleibender konsequenter Betonung den endgltigen Erfolg heranreifen. Dann aber wird man mit Staunen feststellen k”nnen, zu welch ungeheuren, kaum verst„ndlichen Ergebnissen solch eine Beharrlichkeit fhrt. Jede Reklame, mag sie auf dem Gebiete des Gesch„ftes oder der Politik liegen, tr„gt den Erfolg in der Dauer und gleichm„áigen Einheitlichkeit ihrer Anwendung. Auch hier war das Beispiel der feindlichen Kriegspropaganda vorbildlich: auf wenige Gesichtspunkte beschr„nkt, ausschlieálich berechnet fr die Masse, mit unermdlicher Beharrlichkeit betrieben. W„hrend des ganzen krieges wurden die einmal als richtig erkannten Grundgedanken und Ausfhrungsformen angewendet, ohne daá auch nur die geringste Žnderung jemals vorgenommen worden w„re. Sie war im Anfang scheinbar verrckt in der Frechheit ihrer Behauptungen, wurde sp„ter unangenehm und ward endlich geglaubt. Nach viereinhalb Jahren brach in Deutschland 204 Die feindliche Kriegspropaganda eine Revolution aus, deren Schlagworte der feindlichen Kriegspropaganda entstammten. In England aber begriff man noch etwas: daá n„mlich fr diese geistige Waffe der m”gliche Erfolg nur in der Masse ihrer Anwendung liegt, der Erfolg jedoch alle Kosten reichlich deckt. Die Propaganda galt dort als Waffe ersten Ranges, w„hrend sie bei uns das letzte Brot stellenloser Politiker und Druckp”stchen bescheidener Helden darstellte. Ihr Erfolg war denn auch alles in allem genommen gleich Null. 7. Kapitel Die Revolution Mit dem Jahre 1915 hatte die feindliche Propaganda bei uns eingesetzt, seit 1916 wurde sie immer intensiver, um endlich zu Beginn des Jahres 1918 zu einer f”rmlichen Flut anzuschwellen. Nun lieáen sich auch schon auf Schritt und Tritt die Wirkungen dieses Seelenfanges erkennen. Die Armee lernte allm„hlich denken, wie der Feind es wollte. Die deutsche Gegenwirkung aber versagte vollst„ndig. Die Armee besaá in ihrem damaligen geistigen und willensm„áigen Leiter wohl die Absicht und Entschlossenheit, den Kampf auch auf diesem Felde aufzunehmen, allein ihr fehlte das Instrument, das hierfr n”tig gewesen w„re. Auch psychologisch war es falsch, diese Aufkl„rung durch die Truppe selber vornehmen zu lassen. Sie muáte, wenn sie wirkungsvoll sein sollte, aus der Heimat kommen. Nur dann durfte man auf Erfolg bei M„nnern rechnen, die zum Schlusse ja fr diese Heimat unsterbliche Taten des Heldenmutes und der Entbehrungen seit schon bald vier Jahren vollbracht hatten. Allein, was kam aus der Heimat? War dieses Versagen Dummheit oder Verbrechen? Im Hochsommer 1918, nach dem R„umen des sdlichen Marneufers, benahm sich vor allem die deutsche Presse schon so elend ungeschickt, ja verbrecherisch dumm, daá mir mit t„glich sich mehrendem Grimme die Frage aufstieg, ob denn wirklich gar niemand da w„re, der dieser geistigen Verprassung des Heldentums der Armee ein Ende bereiten wrde? Was geschah in Frankreich, als wir im Jahre 1914 in unerh”rtem Siegessturme in dieses Land hineinfegten? Was tat Italien in den Tagen des Zusammenbruches seiner 206 Psychologischer Massenmord Isozofront? Was Frankreich wieder im Frhjahr 1918, als der Angriff der deutschen Divisionen die Stellungen aus den Angeln zu heben schien, und der weitreichende Arm der schweren Fernkampfbatterien an Paris zu klopfen begann? Wie war dort immer den zurckhastenden Regimentern die Siedehitze nationaler Leidenschaft in die Gesichter gepeitscht worden! Wie arbeitete dann die Propaganda und geniale Massenbeeinflussung, um den Glauben an den endgltigen Sieg erst recht in die Herzen der gebrochenen Fronten wieder hineinzuh„mmern! Was geschah indessen bei uns? Nichts oder gar noch Schlechteres als dieses. Damals stiegen mir oft Zorn und Emp”rung auf, wenn ich die neuesten Zeitungen zu lesen erhielt und man diesen psychologischen Massenmord, der da verbrochen wurde, zu Gesicht bekam. ™fter als einmal qu„lte mich der Gedanke, daá, wenn mich die Vorsehung an die Stelle dieser unf„higen oder verbrecherischen Nichtsk”nner oder Nichtwoller unseres Propagandadienstes gestellt h„tte, dem Schicksal der Kampf anders angesagt worden w„re. In diesen Monaten empfand ich zum ersten Male die ganze Tcke des Verh„ngnisses, das mich an der Front und in einer Stelle hielt, in der mich der Zufallsgriff jedes Negers zusammenschieáen konnte, w„hrend ich dem Vaterlande an anderem Orte andere Dienste zu leisten vermocht h„tte! Denn daá mir dieses gelungen sein wrde, war ich schon damals vermessen genug zu glauben. Allein ich war ein Namenloser, einer unter acht Millionen! So war es besser, den Mund zu halten und so gut als m”glich seine Pflicht an dieser Stelle zu tun. * Im Sommer 1915 fielen uns die ersten feindlichen Flugbl„tter in die Hand. 207 Die ersten feindlichen Flugbl„tter Ihr Inhalt war fast stets, wenn auch mit einigen Abwechslungen in der Form der Darstellung, derselbe, n„mlich: daá die Not in Deutschland immer gr”áer werde; die Dauer des Krieges endlos sei, w„hrend die Aussicht, ihn zu gewinnen, immer mehr schwinde; das Volk in der Heimat sehne sich deshalb auch nach Frieden, allein der "Militarismus", sowie der "Kaiser" erlaubten dies nicht; die ganze Welt - der dies sehr wohl bekannt sein - fhre deshalb auch nicht den Krieg gegen das deutsche Volk, sondern vielmehr ausschlieálich gegen den einzig Schuldigen, den Kaiser; der Kampf werde daher nicht frher ein Ende nehmen, bis dieser Feind der friedlichen Menschheit beseitigt sei; die freiheitlichen und demokratischen Nationen wrden aber nach Beendigung des Krieges das deutsche Volk in den Bund des ewigen Welttfriedens aufnehmen, der von der Stunde der Vernichtung des "preuáischen Militarismus" an gesichert sei. Zur besseren Illustration des so Vorgebrachten wurden dann nicht selten "Briefe aus der Heimat" abgedruckt, deren Inhalt diese Behauptungen zu best„tigen schien. Im allgemeinen lachte man damals nur ber alle diese Versuche. Die Flugbl„tter wurden gelesen, dann nach rckw„rts geschickt zu den h”heren St„ben und meist wieder vergessen, bis der Wind abermals eine Ladung von oben in die Gr„ben hineinbef”rderte; es waren n„mlich meistens Flugzeuge, die zum Herberbringen der Bl„tter dienten. Eines muáte bei dieser Art von Propaganda bald auffallen, daá n„mlich in jedem Frontabschnitt, in dem sich Bayern befanden, mit auáerordentlicher Konsequenz immer gegen Preuáen Front gemacht wurde, mit der Versicherung, daá nicht nur einerseits Preuáen der eigentlich Schuldige und Verantwortliche fr den ganzen Krieg sei, sondern daá andererseits gegen Bayern im besonderen auch nicht das geringste an Feindschaft vorhanden w„re; freilich k”nnte man ihm aber auch nicht helfen, solange es eben im Dienste des preuáischen Militarismus mittue, diesem die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Die Art der Beeinflussung begann tats„chlich schon im 208 Die Jammerbriefe aus der Heimat Jahre 1915 bestimmte Wirkungen zu erzielen. Die Stimmung gegen Preuáen wuchs unter der Truppe ganz ersichtlich - ohne daá von oben herunter auch nur ein einziges Mal dagegen eingeschritten worden w„re. Dies war schon mehr als eine bloáe Unterlassungssnde, die sich frher oder sp„ter einmal auf das unseligste r„chen muáte, und zwar nicht an den "Preuáen", sondern an dem deutschen Volke, und dazu geh”rt nicht zum allerletzten denn doch auch Bayern selber. In dieser Richtung begann die feindliche Propaganda schon vom Jahre 1916 an unbedingte Erfolge zu zeitigen. Ebenso bten die Jammerbriefe direkt aus der Heimat l„ngst ihre Wirkung aus. Es war nun gar nicht mehr notwendig, daá der Gegner sie noch besonders durch Flugbl„tter usw. der Front bermittelte. Auch dagegen geschah, auáer einigen psychologisch blitzdummen "Ermahnungen" von "Regierungsseite" nichts. Die Front wurde nach wie vor mit diesem Gift berschwemmt, das gedankenlose Weiber zu Hause zusammenfabrizierten, ohne natrlich zu ahnen, daá dies das Mittel war, dem Gegner die Siegeszuversicht auf das „uáerste zu st„rken, also mithin die Leiden ihrer Angeh”rigen an der Kampffront zu verl„ngern und zu versch„rfen. Die sinnlosen Briefe deutscher Frauen kosteten in der Folgezeit Hunderttausenden von M„nnern das Leben. So zeigten sich im Jahre 1916 bereits verschiedene bedenkliche Erscheinungen. Die Front schimpfte und "masselte", war schon in vielen Dingen unzufrieden und manchmal auch mit Recht emp”rt. W„hrend sie hungerte und duldete, die Angeh”rigen zu Hause im Elend saáen, gab es an anderer Stelle šberfluá und Prasserei. Ja, sogar an der Kampffront selber war in dieser Richtung nicht alles in Ordnung. So kriselte es schon damals ganz leicht - allein, dies waren noch immer "interne" Angelegenheiten. Der gleiche Mann, der erst geschimpft und geknurrt hatte, tat wenige Minuten sp„ter schweigend seine Pflicht, als ob es selbstverst„ndlich gewesen w„re. Dieselbe Kompagnie, die erst unzufrieden war, klammerte sich an das Stck Graben, das 209 Verwundet sie zu schtzen hatte, wie wenn Deutschlands Schicksal von diesen hundert Metern Schlamml”chern abh„ngig gewesen w„re. Es war noch die Front der alten, herrlichen Heldenarmee! Den Unterschied zwischen ihr und der Heimat sollte ich in grellem Wechsel kennenlernen. Ende September 1916 rckte meine Division in die Sommeschlacht ab. Sie war fr uns die erste der nun folgenden ungeheuren Materialschlachten und der Eindruck denn auch ein nur schwer zu beschreibender - mehr H”lle als Krieg. In wochenlangem Wirbelsturm des Trommelfeuers hielt die deutsche Front stand, manchmal etwas zurckgedr„ngt, dann wieder vorstoáend, niemals aber weichend. Am 7. Oktober 1916 wurde ich verwundet. Ich kam glcklich nach rckw„rts und sollte mit einem Transport nach Deutschland. Es waren nun zwei Jahre verflossen, seit ich die Heimat nicht mehr gesehen hatte, eine unter solchen Verh„ltnissen fast endlose Zeit. Ich konnte mir kaum mehr vorstellen, wie Deutsche aussehen, die nicht in Uniform stecken. Als ich in Hermies im Verwundeten- Sammellazarett lag, zuckte ich fast wie im Schreck zusammen, als pl”tzlich die Stimme einer deutschen Frau als Krankenschwester einen neben mir Liegenden ansprach. Nach zwei Jahren zum erstenmal ein solcher Laut! Je n„her dann aber der Zug, der uns in die Heimat bringen sollte, der Grenze kam, um so unruhiger wurde es nun im Innern eines jeden. Alle die Orte zogen vorber, durch die wir zwei Jahre vordem als junge Soldaten gefahren waren: Brssel, L”wen, Lttich, und endlich glaubten wir das erste deutsche Haus am hohen Giebel und seinen sch”nen L„den zu erkennen. Das Vaterland! Im Oktober 1914 brannten wir vor strmischer Begeisterung, als wir die Grenze berfuhren, nun herrschte Stille und Ergriffenheit. Jeder war glcklich, daá ihn das Schicksal noch einmal schauen lieá, was er mit seinem Leben so 210 Das Rhmen der eigenen Feigheit schwer zu schtzen hatte; und jeder sch„mte sich fast, den andern in sein Auge sehen zu lassen. Fast am Jahrestage meines Ausmarsches kam ich in das Lazarett zu Beelitz bei Berlin. Welcher Wandel! Vom Schlamm der Sommeschlacht in die weiáen Betten dieses Wunderbaues! Man wagte ja anfangs kaum, sich richtig hineinzulegen. Erst langsam vermochte man sich an diese neue Welt wieder zu gew”hnen. Leider aber war diese Welt auch in anderer Hinsicht neu. Der Geist des Heeres an der Front schien hier schon kein Gast mehr zu sein. Etwas, das an der Front noch unbekannt war, h”rte ich hier zum ersten Male: das Rhmen der eigenen Feigheit! Denn was man auch drauáen schimpfen und "masseln" h”ren konnte, so war dies doch nie eine Aufforderung zur Pflichtverletzung oder gar eine Verherrlichung des Angsthasen. Nein! Der Feigling galt noch immer als Feigling und sonst eben als weiter nichts; und die Verachtung, die ihn traf, war noch immer allgemein, genau so wie die Bewunderung, die man dem wirklichen Helden zollte. Hier aber im Lazarett war es schon zum Teil fast umgekehrt: Die gesinnungslosesten Hetzer fhrten das groáe Wort und versuchten mit allen Mitteln ihrer j„mmerlichen Beredsamkeit, die Begriffe des anst„ndigen Soldaten als l„cherlich und die Charakterlosigkeit des Feiglings als vorbildlich hinzustellen. Ein paar elende Burschen vor allem gaben den Ton an. Der eine davon rhmte sich, die Hand selber durch das Drahtverhau gezogen zu haben, um so in das Lazarett zu kommen; er schien nun trotz dieser l„cherlichen Verletzung schon endlose Zeit hier zu sein, wie er denn ja berhaupt nur durch einen Schwindel in den Transport nach Deutschland kam. Dieser giftige Kerl aber brachte es schon so weit, die eigene Feigheit mit frecher Stirne als den Ausfluá h”herer Tapferkeit als den Heldentod des ehrlichen Soldaten hinzustellen. Viele h”rten schweigend zu, ander gingen, einige aber stimmten auch bei. Mir kroch der Ekel zum Halse herauf, allein der Hetzer wurde ruhig in der Anstalt geduldet. Was sollte man 211 Die Drckebergerei machen? Wer und was er war, muáte man bei der Leitung genau wissen und wuáte es auch. Dennoch geschah nichts. Als ich wieder richtig gehen konnte, erhielt ich Erlaubnis, nach Berlin fahren zu drfen. Die Not war ersichtlich berall sehr herbe. Die Millionenstadt litt Hunger. Die Unzufriedenheit war groá. In verschiedenen, von Soldaten besuchten Heimen war der Ton „hnlich dem des Lazaretts. Es machte ganz den Eindruck, als ob mit Absicht diese Burschen gerade solche Stellen aufsuchen wrden, um ihre Anschauungen weiterzuverbreiten. Noch viel, viel „rger waren jedoch die Verh„ltnisse in Mnchen selber! Als ich nach Ausheilung aus dem Lazarett entlassen und dem Ersatzbataillon berwiesen wurde, glaubte ich die Stadt nicht mehr wieder zu erkennen. Žrger, Miámut und Geschimpfe, wohin man nur kam! Beim Ersatzbataillon selber war die Stimmung unter jeder Kritik. Hier wirkte noch mit die unendlich ungeschickte Art der Behandlung der Feldsoldaten von seiten alter Instruktionsoffiziere, die noch keine Stunde im Felde waren und schon aus diesem Grunde nur zu einem Teile ein anst„ndiges Verh„ltnis zu den alten Soldaten herzustellen vermochten. Diese besaáen nun einmal gewisse Eigenheiten, die aus dem Dienste an der Front erkl„rlich waren, den Leitern dieser Ersatztruppenteile indessen g„nzlich unverst„ndlich blieben, w„hrend sie der ebenfalls von der Front gekommene Offizier sich wenigstens zu erkl„ren wuáte. Letzterer selbst war von den Mannschaften natrlich auch ganz anders geachtet als der Etappenkommandeur. Aber von dem ganz abgesehen, war die allgemeine Stimmung miserabel; die Drckebergerei galt schon fast als Zeichen h”herer Klugheit, das treue Ausharren aber als Merkmal innerer Schw„che und Borniertheit. Die Kanzleien waren mit Juden besetzt. Fast jeder Schreiber ein Jude und jeder Jude ein Schreiber. Ich staunte ber diese Flle von K„mpfern des auserw„hlten Volkes und konnte nicht anders, als sie mit den sp„rlichen Vertretern an der Front zu vergleichen. Noch schlimmer lagen die Dinge bei der Wirtschaft. Hier 212 Die Preuáen-Hetze war das jdische Volk tats„chlich "unabk”mmlich" geworden. Die Spinne begann, dem Volke langsam das Blut aus den Poren zu saugen. Auf dem Umwege ber die Kriegsgesellschaften hatte man das Instrument gefunden, um der nationalen und freien Wirtschaft nach und nach den Garaus zu machen. Es wurde die Notwendigkeit einer schrankenlosen Zentralisation betont. So befand sich tats„chlich schon im Jahre 1916/17 fast die gesamte Produktion unter der Kontrolle des Finanzjudentums. Gegen wen aber richtete sich aber nun der Haá des Volkes? In dieser Zeit sah ich mit Entsetzen ein Verh„ngnis herannahen, das, nicht zur richtigen Stunde noch abgewendet, zum Zusammenbruch fhren muáte. W„hrend der Jude die gesamte Nation bestahl und unter seine Herrschaft preáte, hetzte man gegen die "Preuáen". Genau wie an der Front, geschah auch zu Hause von oben gegen diese Giftpropaganda nichts. Man schien gar nicht zu ahnen, daá der Zusammenbruch Preuáens noch lange keinen Aufschwung Bayerns mit sich bringe, ja, daá im Gegenteil jeder Sturz des einen den anderen rettungslos mit sich in den Abgrund reiáen muáte. Mir tat dies Gebaren unendlich leid. Ich konnte in ihm nur den genialsten Trick des Juden sehen, der die allgemeine Aufmerksamkeit von sich ab- und auf andere hinlenken sollte. W„hrend Bayer und Preuáe stritten, zog er beiden die Existenz unter der Nase fort; w„hrend man in Bayern gegen den Preuáen schimpfte, organisierte der Jude die Revolution und zerschlug Preuáen und Bayern zugleich. Ich konnte diesen verfluchten Hader unter den deutschen St„mmen nicht leiden und war froh, wieder an die Front zu kommen, zu der ich mich sofort nach meiner Ankunft in Mnchen von neuem meldete. Anfang M„rz 1917 war ich denn auch wieder bei meinem Regiment. * 213 Neues Hoffen des Heeres Gegen Ende des Jahres 1917 schien der Tiefpunkt der Niedergeschlagenheit des Heeres berwunden zu sein. Die ganze Armee sch”pfte nach dem russischen Zusammenbruch wieder frische Hoffnung und frischen Mut. Die šberzeugung, daá der Kampf nun dennoch mit einem Siege Deutschlands enden wrde, begann die Truppe immer mehr zu erfassen. Man konnte wieder singen h”ren, und die Unglcksraben wurden seltener. Man glaubte wieder an die Zukunft des Vaterlandes. Besonders der italienische Zusammenbruch des Herbstes 1917 hatte die wundervollste Wirkung ausgebt; sah man doch in diesem Siege den Beweis fr die M”glichkeit, auch abseits des russischen Kriegsschauplatzes die Front durchbrechen zu k”nnen. Ein herrlicher Glaube str”mte nun wieder in die Herzen der Millionen und lieá sie mit aufatmender Zuversicht dem Frhjahr 1918 entgegenharren. Der Gegner aber war ersichtlich deprimiert. In diesem Winter blieb es etwas ruhiger als sonst. Es trat die Ruhe vor dem Sturme ein. Doch w„hrend gerade die Front die letzten Vorbereitungen zur endlichen Beendigung des ewigen Kampfes vornahm, endlose Transporte an Menschen und Material an die Westfront rollten und die Truppe die Ausbildung zum groáen Angriff erhielt, brach in Deutschland das gr”áte Gaunerstck des ganzen Krieges aus. Deutschland sollte nicht siegen: in letzter Stunde, da der Sieg sich schon an die deutschen Fahnen zu heften drohte, griff man zu einem Mittel, das geeignet erschien, mit einem Schlage den deutschen Angriff des Frhjahrs im Keime zu ersticken, den Sieg unm”glich zu machen: Man organisierte den Munitionsstreik. Wenn er gelang, muáte die deutsche Front zusammenbrechen und der Wunsch des "Vorw„rts", daá der Sieg sich dieses Mal nicht mehr an die deutschen Fahnen heften m”ge, in Erfllung gehen. Die Front muáte unter dem Mangel an Munition in wenigen Wochen durchstoáen sein; die Offensive war damit verhindert, die Entente gerettet, das internationale Kapital aber zum Herrn Deutschlands 214 Ruálands Zusammenbruch gemacht, das innere Ziel des marxistischen V”lkerbetruges erreicht. Zerbrechung der nationalen Wirtschaft zur Aufrichtung der Herrschaft des internationalen Kapitals - ein Ziel, das dank der Dummheit und Gutgl„ubigkeit der einen Seite und der bodenlosen Feigheit der anderen ja auch erreicht ist. Allerdings hatte der Munitionsstreik in bezug auf die Aushungerung der Front an Waffen nicht den letzten gehofften Erfolg: er brach zu frhzeitig zusammen, als daá der Munitionsmangel als solcher - so wie der Plan vorhanden war - das Heer zum Untergange verdammt h„tte. Allein um wieviel entsetzlicher war der moralische Schaden, der angerichtet worden war! Erstens: Fr was k„mpfte das Heer noch, wenn die Heimat selber den Sieg gar nicht wollte? Fr wen die ungeheuren Opfer und Entbehrungen? Der Soldat soll fr den Sieg fechten, und die Heimat streikt dagegen! Zweitens aber: Wie war die Wirkung auf den Feind? Im Winter 1917/18 stiegen zum ersten Male trbe Wolken am Firmament der alliierten Welt auf. Fast vier Jahre lang war man gegen den deutschen Recken angerannt und konnte ihn nicht zum Sturze bringen; dabei war es aber nur der Schildarm, den dieser frei zur Abwehr hatte, w„hrend das Schwert bald im Osten, bald im Sden zum Hiebe ausholen muáte. Nun endlich war der Riese im Rcken frei. Str”me von Blut waren geflossen, bis es ihm gelang, den einen der Gegner endgltig niederzuschlagen. Jetzt sollte im Westen zum Schild das Schwert kommen, und wenn es dem Feinde bisher nicht glckte, die Abwehr zu brechen, nun sollte der Angriff ihn selber treffen. Man frchtete ihn und bangte um den Sieg. In London und Paris jagte eine Beratung die andere. Selbst die feindliche Propaganda tat sich schon schwer; es war nicht mehr so leicht, die Aussichtslosigkeit des deutschen Sieges nachzuweisen. Das gleiche jedoch galt an den Fronten, an denen d”siges Schweigen herrschte, auch fr die alliierten Truppen 215 Niedergeschlagenheit der Alliierten selber. Den Herrschaften war die Frechheit pl”tzlich vergangen. Auch ihnen begann langsam ein unheimliches Licht aufzugehen. Ihre innere Stellung zum deutschen Soldaten hatte sich jetzt ge„ndert. Bisher mochte er ihnen als ein ja doch zur Niederlage bestimmter Narr gelten; nun aber stand vor ihnen der Vernichter des russischen Verbndeten. Die aus der Not geborene Beschr„nkung der deutschen Offensiven auf den Osten erschien nunmehr als geniale Taktik. Drei Jahre waren diese Deutschen gegen Ruáland angerannt, anfangs scheinbar ohne auch nur den geringsten Erfolg. Man lachte fast ber dieses zwecklose Beginnen; denn endlich muáte ja doch der russische Riese in der šberzahl seiner Menschen Sieger bleiben. Deutschland aber an Verblutung niederbrechen. Die Wirklichkeit schien dieses Hoffen zu best„tigen. Seit den Septembertagen 1914, da sich zum ersten Male die endlosen Haufen russischer Gefangener aus der Schlacht von Tannenberg auf Straáen und Bahnen nach Deutschland zu w„lzen begannen, nahm dieser Strom kaum mehr ein Ende - allein fr jede geschlagene und vernichtete Armee stand eine neue auf. Unersch”pflich gab das Riesenreich dem Zaren immer neue Soldaten und dem Kriege seine neuen Opfer. Wie lange konnte Deutschland dieses Rennen mitmachen? Muáte nicht einmal der Tag kommen, an dem nach einem letzten deutschen Siege immer noch nicht die letzten russischen Armeen zur allerletzten Schlacht antreten wrden? Und was dann? Nach menschlichem Ermessen konnte der Sieg Ruálands wohl hinausgeschoben werden, aber er muáte kommen. Jetzt waren alle diese Hoffnungen zu Ende: der Verbndete, der die gr”áten Blutopfer auf den Altar der gemeinsamen Interessen niedergelegt hatte, war am Ende seiner Kraft und lag vor dem unerbittlichen Angreifer auf dem Boden. Furcht und Grauen schlichen in die Herzen der bisher blindgl„ubigen Soldaten ein. Man frchtete das kommende Frhjahr. Denn wenn es bisher nicht gelang, den Deutschen zu besiegen, da er nur zum Teil sich auf der Westfront zu stellen vermochte, wie sollte man jetzt noch 216 "Deutschland vor der Revolution!" mit dem Siege rechnen, da die gesamte Kraft des unheimlichen Heldenstaates sich zum Angriff gegen den Westen zusammenzuballen schien? Die Schatten der Sdtiroler Berge legten sich beklemmend auf die Phantasie; bis in den flandrischen Nebel gaukelten die geschlagenen Heere Cadornas trbe Gesichte vor, und der Glaube an den Sieg wich der Furcht vor der kommenden Niederlage. Da - als man aus den khlen N„chten schon das gleichm„áige Rollen der anrckenden Sturmarmeen des deutschen Heeres zu vernehmen glaubte und in banger Sorge dem kommenden Gericht entgegenstarrte, da zuckte pl”tzlich ein grellrotes Licht aus Deutschland auf und warf den Schein bis in den letzten Granattrichter der feindlichen Front: im Augenblick, da die deutschen Divisionen den letzten Unterricht zum groáen Angriff erhielten, brach in Deutschland der Generalstreik aus. Zun„chst war die Welt sprachlos. Dann aber strzte sich die feindliche Propaganda erl”st aufatmend auf diese Hilfe in zw”lfter Stunde. Mit einem Schlage war das Mittel gefunden, die sinkende Zuversicht der alliierten Soldaten wieder zu heben, die Wahrscheinlichkeit des Sieges aufs neue als sicher hinzustellen zu lassen und die bange Sorge vor den kommenden Ereignissen in entschlossene Zuversicht umzuverwandeln. Nun durfte man den des deutschen Angriffs harrenden Regimentern die šberzeugung in die gr”áte Schlacht aller Zeiten mitgeben, daá nicht der Verwegenheit des deutschen Sturmes die Entscheidung ber das Ende dieses Krieges zukomme, sondern der Ausdauer seiner Abwehr. Mochten die Deutschen nun Siege erringen soviel sie noch wollten, in ihrer Heimat stand die Revolution vor dem Einzug und nicht die siegreiche Armee. Diesen Glauben begannen englische, franz”sische und amerikanische Zeitungen in die Herzen ihrer Leser zu pflanzen, w„hrend eine unendliche geschickte Propaganda die Truppen der Front emporriá. "Deutschland vor der Revolution! Der Sieg der Alliierten unaufhaltbar!" Dies war die beste Medizin, um dem schwankenden 217 Die Folgen des Munitions-Streiks Poilu und Tommy auf die Beine zu helfen. Nun konnten Gewehre und Maschinengewehre noch einmal zum Feuern gebracht werden, und an Stelle einer in panischem Schrecken davonjagenden Flucht trat hoffnungsvoller Widerstand. Dieses war das Ergebnis des Munitionstreiks. Er st„rkte den Siegesglauben der feindlichen V”lker und behob die l„hmende Verzweiflung der alliierten Front - in der Folge hatten Tausende von deutschen Soldaten dies mit ihrem Blute zu bezahlen. Die Urheber dieses niedertr„chtigsten Schurkenstreiches aber waren die Anw„rter auf die h”chsten Staatsstellen des Deutschlands der Revolution. Wohl konnte auf deutscher Seite zun„chst die sichtbare Rckwirkung dieser Tat scheinbar berwunden werden, auf der Seite des Gegners jedoch blieben die Folgen nicht aus. Der Widerstand hatte die Ziellosigkeit einer alles verlorengebenden Armee verloren, und an seine Stelle trat die Erbitterung eines Kampfes um den Sieg. Denn der Sieg muáte nun nach menschlichem Ermessen kommen, wenn die Westfront dem deutschen Angriff auch nur wenige Monate standhielt. In den Parlamenten der Entente aber kannte man die M”glichkeit der Zukunft und bewilligte unerh”rte Mittel zur Fortfhrung der Propaganda zur Zersetzung Deutschlands. * Ich hatte das Glck, die beiden ersten und die letzte Offensive mitmachen zu k”nnen. Es sind dies die ungeheuersten Eindrcke meines Lebens geworden; ungeheuer deshalb, weil nun zum letzten Male „hnlich wie im Jahre 1914 der Kampf den Charakter der Abwehr verlor und den des Angriffs bernahm. Ein Aufatmen ging durch die Gr„ben und Stollen des deutschen Heeres, als endlich nach mehr als dreij„hrigem Ausharren in der feindlichen H”lle der Tag der Vergeltung kam. Noch einmal jauchzten die siegreichen Bataillone, und die letzten Kr„nze unsterblichen Lorbeers hingen sie an die siegumwitterten Fahnen. Noch einmal brausten die Lieder des Vaterlandes 218 Letzte Kr„nze unsterblichen Lorbeers die endlosen Marschkolonnen entlang zum Himmel empor, und zum letzten Male l„chelte die Gnade des Herrn seinen undankbaren Kindern. * Im Hochsommer des Jahres 1918 lag dumpfe Schwle ber der Front. Die Heimat stritt sich. Um was? Man erz„hlte sich vieles in den einzelnen Truppenteilen des Feldheeres. Der Krieg w„re nun aussichtslos, und nur Narren k”nnten noch an den Sieg glauben. Das Volk bes„áe kein Interesse mehr am weiteren Aushalten, sondern nur mehr das Kapital und die Monarchie - dies kam aus der Heimat und wurde auch an der Front besprochen. Sie reagierte zun„chst nur sehr wenig darauf. Was ging uns das allgemeine Wahlrecht an? Hatten wir etwa deshalb vier Jahre lang gek„mpft? Es war ein niedertr„chtiger Banditenstreich, auf solche Weise den toten Helden das Kriegsziel im Grabe zu stehlen. Nicht mit dem Rufe "Es lebe das allgemeine und geheime Wahlrecht" waren die jungen Regimenter einst in Flandern in den Tod gegangen, sondern mit dem Schreie "Deutschland ber alles in der Welt". Ein kleiner aber doch nicht ganz unbedeutender Unterschied. Die aber nach dem Wahlrecht riefen, waren zum gr”áten Teil nicht dort gewesen, wo sie dieses nun erk„mpfen wollten. Die Front kannte das ganze politische Parteipack nicht. Man sah die Herren Parlamentarier nur zu einem Bruchteil dort, wo die anst„ndigen Deutschen, wenn sie nur gerade Glieder besaáen, sich damals aufhielten. So war denn die Front in ihren alten Best„nden fr dieses neue Kriegsziel der Herren Ebert, Scheidemann, Barth, Liebknecht usw. nur sehr wenig empf„nglich. Man verstand gar nicht, warum auf einmal die Drckeberger das Recht besitzen konnten, ber das Heer hinweg sich die Herrschaft im Staate anzumaáen. Meine pers”nliche Einstellung war von Anfang an fest: Ich haáte das ganze Pack dieser elenden, volksbetrgerischen 219 Die Zunahme der Zersetzungserscheinungen Parteilumpen auf das „uáerste. Ich war mir l„ngst darber im klaren, daá es sich bei diesem Gelichter wahrlich nicht um das Wohl der Nation handelte, sondern um die Fllung leerer Taschen. Und daá sie jetzt selbst bereit waren, dafr das ganze Volk zu opfern und wenn n”tig Deutschland zugrunde gehen zu lassen, machte sie in meinen Augen reif fr den Strick. Auf ihre Wnsche Rcksicht nehmen, hieá die Interessen das arbeitenden Volkes zugunsten einer Anzahl von Taschendieben opfern, sie aber erfllen konnte man nur dann, wenn man bereit war, Deutschland aufzugeben. So aber dachten noch immer die weitaus meisten des k„mpfenden Heeres. Nur der aus der Heimat kommende Nachschub wurde rapid schlechter und schlechter, so daá sein Kommen keine Verst„rkung, sondern eine Schw„chung der Kampfkraft bedeutete. Besonders der junge Nachschub war zum groáen Teil wertlos. Es war oft nur schwer zu glauben, daá dies S”hne desselben Volkes sein sollten, das einst seine Jugend zum Kampf um Ypern ausgeschickt hatte. Im August und September nahmen die Zersetzungserscheinungen immer schneller zu, trotzdem die feindliche Angriffswirkung mit dem Schrecken unserer Abwehrschlachten von einst nicht zu vergleichen war. Sommeschlacht und Flandern lagen demgegenber grauenerregend in der Vergangenheit. Ende September kam meine Division zum drittenmal an die Stellen, die wir einst als junge Kriegsfreiwilligen-Regimenter gestrmt hatten. Welch eine Erinnerung! Im Oktober und November 1914 hatten wir dort die Feuertaufe erhalten. Vaterlandsliebe im Herzen und Lieder auf den Lippen war unser junges Regiment in die Schlacht gegangen wie in den Tanz. Teuerstes Blut gab sich da freudig hin im Glauben, dem Vaterlande so seine Unabh„ngigkeit und Freiheit zu bewahren. Im Juli 1917 betraten wir zum zweiten Male den fr uns alle geheiligten Boden. Schlummerten doch in ihm die besten Kameraden, Kinder noch fast, die einst mit strahlenden 220 Der jngere Nachschub versagte Augen fr das einzige teure Vaterland in den Tod hineingelaufen waren! Wir Alten, die mit dem Regiment einst ausgezogen, standen in ehrfrchtiger Ergriffenheit an dieser Schwurst„tte von "Treue und Gehorsam bis in den Tod". Diesen Boden, den das Regiment drei Jahre vorher gestrmt, sollte es nun in schwerer Abwehrschlacht verteidigen. In dreiw”chigem Trommelfeuer bereitete der Engl„nder die groáe Flandernoffensive vor. Da schienen die Geister der Verstorbenen lebendig zu werden; das Regiment krallte sich in den schmutzigen Schlamm und biá sich hinein in einzelne L”cher und Krater und wich nicht und wankte nicht und wurde so wie schon einmal an dieser Stelle immer kleiner und dnner, bis der Angriff des Engl„nders am 31. Juli 1917 endlich losbrach. In den ersten Augusttagen wurden wir abgel”st. Aus dem Regiment waren einige Kompagnien geworden: die schwankten schlammberkrustet zurck, mehr Gespenstern als Menschen „hnlich. Allein auáer einigen hundert Metern Granatl”chern hatte der Engl„nder sich nur den Tod geholt. Nun, im Herbste des Jahres 1918, standen wir zum drittenmal auf dem Sturmboden von 1914. Unser einstiges Ruhest„dtchen Comines war jetzt zum Kampffeld geworden. Freilich, wenn auch das Kampfgel„nde das gleiche war, die Menschen hatten sich ge„ndert: es wurde nunmehr in der Truppe auch "politisiert". Das Gift der Heimat begann wie berall, so auch hier wirksam zu werden. Der jngere Nachschub aber versagte vollst„ndig - er kam von zu Hause. In der Nacht vom 13. zum 14. Oktober ging das englische Gasschieáen auf der Sdfront vor Ypern los; man verwendete dabei Gelbkreuz, das uns in der Wirkung noch unbekannt war, soweit es sich um die Erprobung am eigenen Leibe handelte. Ich sollte es noch in dieser Nacht selbst kennenlernen. Auf einem Hgel sdlich von Wervick waren wir noch am Abend des 13. Oktober in ein mehrstndiges Trommelfeuer von Gasgranaten gekommen, das sich dann die ganze Nacht hindurch in mehr oder minder heftiger 221 Vergiftet durch Gelbkreuz Weise fortsetzte. Schon gegen Mitternacht schied ein Teil von uns aus, darunter einige Kameraden gleich fr immer. Gegen Morgen erfaáte auch mich der Schmerz von Viertelstunde zu Viertelstunde „rger, und um sieben Uhr frh stolperte und schwankte ich mit brennenden Augen zurck, meine letzte Meldung im Kriege noch mitnehmend. Schon einige Stunden sp„ter waren die Augen in glhende Kohlen verwandelt, es war finster um mich geworden. So kam ich in das Lazarett Pasewalk in Pommern, und dort muáte ich - die Revolution erleben! * Es lag etwas Unbestimmtes, aber Widerliches schon lange in der Luft. Man erz„hlte sich, daá es in den n„chsten Wochen "los" gehe - ich vermochte mir nur nicht vorzustellen, was darunter zu verstehen sei. Ich dachte in erster Linie an einen Streik, „hnlich dem des Frhjahrs. Ungnstige Gerchte kamen dauernd aus der Marine, in der es g„ren sollte. Allein auch dieses schien mir mehr die Ausgeburt der Phantasie einzelner Burschen als Angelegenheit gr”áerer Massen zu sein. Im Lazarett selbst redete wohl jeder von der hoffentlich doch bald herbeieilenden Beendigung des Krieges, allein auf ein "Sofort" rechnete niemand. Zeitungen konnte ich nicht lesen. Im November nahm die allgemeine Spannung zu. Und dann brach eines Tages pl”tzlich und unvermittelt das Unglck herein. Matrosen kamen auf Lastkraftwagen und riefen zur Revolution auf, ein paar Judenjungen waren die "Fhrer" in diesem Kampfe um die "Freiheit, Sch”nheit und Wrde" unseres Volksdaseins. Keiner von ihnen war an der Front gewesen. Auf dem Umweg eines sogenannten "Tripperlazaretts" waren die drei Orientalen aus der Etappe der Heimat zurckgegeben worden. Nun zogen sie in ihr den roten Fetzen auf. Mir war es in der letzten Zeit etwas besser ergangen. Der bohrende Schmerz in den Augenh”hlen lieá nach; es gelang mir langsam, meine Umgebung in groben Umrissen 222 "Republik" wieder unterscheiden zu lernen. Ich durfte Hoffnung hegen, wenigstens so weit wieder sehend zu werden, um sp„ter irgend einem Berufe nachgehen zu k”nnen. Freilich, daá ich jemals wieder wrde zeichnen k”nnen, durfte ich nicht mehr hoffen. So befand ich mich immerhin auf dem Wege der Besserung, als das Ungeheuerliche geschah. Meine erste Hoffnung war noch immer, daá es sich bei dem Landesverrat nur um eine mehr oder minder ”rtliche Sache handeln konnte. Ich versuchte auch einige Kameraden in dieser Richtung zu best„rken. Besonders meine bayerischen Lazarettgenossen waren dem mehr als zug„nglich. Die Stimmung war da alles andere eher als "revolution„r". Ich konnte mir nicht vorstellen, daá auch in Mnchen der Wahnsinn ausbrechen wrde. Die Treue zum ehrwrdigen Hause Wittelsbach schien mir denn doch fester zu sein als der Wille einiger Juden. So konnte ich nicht anders als glauben, daá es sich um einen Putsch der Marine handle, der in den n„chsten Tagen niedergeschlagen werden wrde. Die n„chsten Tage kamen, und mit ihnen die entsetzlichste Gewiáheit meines Lebens. Immer drckender wurden nun die Gerchte. Was ich fr eine lokale Sache gehalten hatte, sollte eine allgemeine Revolution sein. Dazu kamen die schmachvollen Nachrichten von der Front. Man wollte kapitulieren. Ja, war so etwas berhaupt auch nur m”glich? Am 10. November kam der Pastor in das Lazarett zu einer kleinen Ansprache; nun erfuhren wir alles. Ich war, auf das „uáerste erregt, auch bei der kurzen Rede anwesend. Der alte, wrdige Herr schien sehr zu zittern, als er uns mitteilte, daá das Haus Hohenzollern nun die deutsche Kaiserkrone nicht mehr tragen drfe, daá das Vaterland "Republik" geworden sei, daá man den Allm„chtigen bitten msse, diesem Wandel seinen Segen nicht zu versagen und unser Volk in den kommenden Zeiten nicht verlassen zu wollen. Er konnte dabei wohl nicht anders, er muáte in wenigen Worten des k”niglichen Hauses gedenken, wollte dessen Verdienste in Pommern, in Preuáen, nein um das deutsche Vaterland wrdigen, und - da 223 Umsonst alle Opfer begann er leise in sich hineinzuweinen - in dem kleinen Saale aber legte sich tiefste Niedergeschlagenheit wohl auf alle Herzen, und ich glaube, daá kein Auge die Tr„nen zurckzuhalten vermochte. Als aber der alte Herr weiter zu erz„hlen versuchte und mitzuteilen begann, daá wir den langen Krieg nun beenden máten, ja daá unser Vaterland fr die Zukunft, da der Krieg jetzt verloren w„re und wir uns in die Gnade der Sieger beg„ben, schweren Bedrckungen ausgesetzt sein wrde, daá der Waffenstillstand im Vertrauen auf die Groámut unserer bisherigen Feinde angenommen werden sollte - da hielt ich es nicht mehr aus. Mir wurde es unm”glich, noch l„nger zu bleiben. W„hrend es mir um die Augen wieder schwarz ward, tastete und taumelte ich zum Schlafsaal zurck, warf mich auf mein Lager und grub den brennenden Kopf in Decke und Kissen. Seit dem Tage, da ich am Grabe der Mutter gestanden, hatte ich nicht mehr geweint. Wenn mich in meiner Jugend das Schicksal unbarmherzig hart anfaáte, wuchs mein Trotz. Als sich in den langen Kriegsjahren der Tod so manchen lieben Kameraden und Freund aus unseren Reihen holte, w„re es mir fast wie eine Snde erschienen, zu klagen - starben sie doch fr Deutschland! Und als mich endlich selbst - noch in den letzten Tagen des frchterlichen Ringens - das schleichende Gas anfiel und sich in die Augen zu fressen begann, und ich unter dem Schrecken, fr immer zu erblinden, einen Augenblick verzagen wollte, da donnerte mich die Stimme des Gewissens an: elender J„mmerling, du willst wohl heulen, w„hrend es Tausenden hundertmal schlechter geht als dir, und so trug ich denn stumpf und stumm mein Los. Nun aber konnte ich nicht mehr anders. Nun sah ich erst, wie sehr alles pers”nliche Leid versinkt gegenber dem Unglck des Vaterlandes. Es war also alles umsonst gewesen. Umsonst all die Opfer und Entbehrungen, umsonst der Hunger und Durst von manchmal endlosen Monaten, vergeblich die Stunden, in denen wir, von Todesangst umkrallt, dennoch unsere Pflicht taten, und vergeblich der Tod von zwei Millionen, die dabei 224 Umsonst alle Opfer starben. Muáten sich nicht die Gr„ber all der Hunderttausende ”ffnen, die im Glauben an das Vaterland einst hinausgezogen waren, um niemals wiederzukehren? Muáten sie sich nicht ”ffnen und die stummen, schlamm- und blutbedeckten Helden als Rachegeister in die Heimat senden, die sie um das h”chste Opfer, das auf dieser Welt der Mann seinem Volke zu bringen vermag, so hohnvoll betrogen hatte? Waren sie dafr gestorben, die Soldaten des Augusts und Septembers 1914, zogen dafr die Freiwilligen-Regimenter im Herbste desselben Jahres den alten Kameraden nach? Sanken dafr diese Knaben von siebzehn Jahren in die flandrische Erde? War dies der Sinn des Opfers, das die deutsche Mutter dem Vaterlande darbrachte, als sie mit wehem Herzen die liebsten Jungen damals ziehen lieá, um sie niemals wiederzusehen? Geschah dies alles dafr, daá nun ein Haufen elender Verbrecher die Hand an das Vaterland zu legen vermochte? Hatte also dafr der deutsche Soldat im Sonnenbrand und Schneesturm hungernd, drstend und frierend, mde von schlaflosen N„chten und endlosen M„rschen ausgeharrt? Hatte er dafr in der H”lle des Trommelfeuers und im Fieber das Gaskampfes gelegen, ohne zu weichen, immer eingedenk der einzigen Pflicht, das Vaterland vor dem Einfall der Feinde zu bewahren? Wahrlich, auch diese Helden verdienten einen Stein: "Wanderer, der du nach Deutschland kommst, melde der Heimat, daá wir hier liegen, treu dem Vaterland und gehorsam der Pflicht." Und die Heimat - ? Allein - war es nur das einzige Opfer, das wir zu w„gen hatten? War das vergangene Deutschland weniger wert? Gab es nicht auch einer Verpflichtung der eigenen Geschichte gegenber? Waren wir noch wert, den Ruhm der Vergangenheit auch auf uns zu beziehen? Wie aber war diese Tat der Zukunft zur Rechtfertigung zu unterbreiten? Elende und verkommene Verbrecher! Je mehr ich mir in dieser Stunde ber das ungeheuere 225 Beschluá, Politiker zu werden Ereignis klar zu werden versuchte, um so mehr brannte mir die Scham der Emp”rung und der Schande in der Stirn. Was war der ganze Schmerz der Augen gegen diesen Jammer? Was folgte, waren entsetzliche Tage und noch b”sere N„chte - ich wuáte, daá alles verloren war. Auf die Gnade des Feindes zu hoffen, konnten h”chstens Narren fertig bringen oder - Lgner und Verbrecher. In diesen N„chten wuchs mir der Haá, der Haá gegen die Urheber dieser Tat. In den Tagen darauf wurde mir auch mein Schicksal bewuát. Ich muáte nun lachen bei dem Gedanken an meine eigene Zukunft, die mir vor kurzer Zeit noch so bittere Sorgen bereitet hatte. War es nicht zum Lachen, H„user bauen zu wollen auf solchem Grunde? Endlich wurde mir auch klar, daá doch nur eingetreten war, was ich so oft schon befrchtete, nur gefhlsm„áig nie zu glauben vermochte. Kaiser Wilhelm II. hatte als erster deutscher Kaiser den Fhrern des Marxismus die Hand zur Vers”hnung gereicht, ohne zu ahnen, daá Schurken keine Ehre besitzen. W„hrend sie die kaiserliche Hand noch in der ihren hielten, suchte die andere schon nach dem Dolche. Mit dem Juden gibt es kein Paktieren, sondern nur das harte Entweder - Oder. Ich aber beschloá, Politiker zu werden. 8. Kapitel Beginn meiner politischen T„tigkeit Noch Ende November 1918 kam ich nach Mnchen zurck. Ich fuhr wieder zum Ersatzbataillon meines Regimentes, das sich in der Hand von "Soldatenr„ten" befand. Der ganze Betrieb war so widerlich, daá ich mich sofort entschloá, wenn m”glich wieder fortzugehen. Mit einem treuen Feldzugskameraden, Schmiedt Ernst, kam ich nach Traunstein und blieb bis zur Aufl”sung des Lagers dort. Im M„rz 1919 gingen wir wider nach Mnchen zurck. Die Lage war unhaltbar und dr„ngte zwangsl„ufig zu einer weiteren Fortsetzung der Revolution. Der Tod Eisners beschleunigte nur die Entwicklung und fhrte endlich zur R„tediktatur, besser ausgedrckt zu einer vorbergehenden Judenherrschaft, wie sie ursprnglich den Urhebern der ganzen Revolution als Ziel vor Augen schwebte. In dieser Zeit jagten in meinem Kopfe endlose Pl„ne einander. Tagelang berlegte ich, was man nur berhaupt tun k”nne, allein, immer war das Ende jeder Erw„gung die nchterne Feststellung, daá ich als Namenloser selbst die geringste Voraussetzung zu irgendeinem zweckm„áigen Handeln nicht besaá. Auf die Grnde, warum ich auch damals mich nicht entschlieáen konnte, zu einer der bestehenden Parteien zu gehen, werde ich noch zu sprechen kommen. Im Laufe der neuen R„terevolution trat ich zum ersten Male so auf, daá ich mir das Miáfallen des Zentralrates zuzog. Am 27. April 1919 frh morgens sollte ich verhaftet werden - die drei Burschen aber besaáen angesichts des vorgehaltenen Karabiners nicht den n”tigen Mut und zogen wieder ab, wie sie gekommen waren. 227 Er”rterung der Bildung einer neuen Partei Wenige Tage nach der Befreiung Mnchens wurde ich zur Untersuchungskommission ber die Revolutionsvorg„nge beim 2. Infanterieregiment kommandiert. Dies war meine erste mehr oder weniger rein politische aktive T„tigkeit. Schon wenige Wochen darauf erhielt ich den Befehl, an einem "Kurs" teilzunehmen, der fr Angeh”rige der Wehrmacht abgehalten wurde. In ihm sollte der Soldat bestimmte Grundlagen zu staatsbrgerlichem Denken erhalten. Fr mich lag der Wert der ganzen Veranstaltung darin, daá ich nun die M”glichkeit erhielt, einige gleichgesinnte Kameraden kennenzulernen, mit denen ich die augenblickliche Lage grndlich durchzusprechen vermochte. Wir waren alle mehr oder minder fest berzeugt, daá Deutschland durch die Parteien des Novemberverbrechens, Zentrum und Sozialdemokratie, nicht mehr aus dem heranreisenden Zusammenbruche gerettet werden wrde, daá aber auch die sogenannten "brgerlich- nationalen" Gebilde selbst bei bestem Wollen niemals mehr gutzumachen verst„nden, was geschehen. Hier fehlte eine ganze Reihe von Voraussetzungen, ohne die eine solche Arbeit eben nicht gelingen konnte. Die Folgezeit hat unserer damaligen Ansicht recht gegeben. So wurde denn in unserem kleinen Kreise die Bildung einer neuen Partei er”rtert. Die Grundgedanken, die uns dabei vorschwebten, waren dieselben, die dann sp„ter in der "Deutschen Arbeiterpartei" zur Verwirklichung kamen. Der Name der neuzugrndenden Bewegung muáte von Anfang an die M”glichkeit bieten, an die breite Masse heranzukommen; denn ohne diese Eigenschaft schien die ganze Arbeit zwecklos und berflssig. So kamen wir auf den Namen "Sozialrevolution„re Partei"; dies deshalb, weil ja die sozialen Anschauungen der neuen Grndung tats„chlich eine Revolution bedeuteten. Der tiefere Grund hierzu lag aber in folgendem: Wie sehr ich mich auch schon frher mit wirtschaftlichen Problemen besch„ftigt hatte, so war es doch mehr oder weniger immer in den Grenzen geblieben, die sich aus der 228 Die beiden Kapitals-Arten Betrachtung der sozialen Fragen an sich ergaben. Erst sp„ter erweiterte sich dieser Rahmen infolge der Prfung der deutschen Bndnispolitik. Sie war ja zu einem sehr groáen Teil das Ergebnis einer falschen Einsch„tzung der Wirtschaft sowohl wie der Unklarheit ber die m”glichen Grundlagen einer Ern„hrung des deutschen Volkes in der Zukunft. Alle diese Gedanken aber fuáten noch auf der Meinung, daá das Kapital in jedem Falle nur das Ergebnis der Arbeit w„re und mithin, wie diese selbst, der Korrektur all jener Faktoren unterl„ge, die die menschliche T„tigkeit entweder zu f”rdern oder zu hemmen verm”gen. Darin l„ge dann auch die nationale Bedeutung des Kapitals, daá es selber so vollst„ndig von Gr”áe, Freiheit und Macht des Staates, also der Nation, abh„nge, daá diese Gebundenheit allein schon zu einer F”rderung des Staates und der Nation von seiten dieses Kapitals fhren msse, aus dem einfachen Trieb der Selbsterhaltung bzw. der Weitervermehrung heraus. Dieses Angewiesensein des Kapitals auf den unabh„ngigen freien Staat zw„nge dieses also einerseits, fr diese Freiheit, Macht, St„rke usw. der Nation einzutreten. Damit war auch die Aufgabe des Staates dem Kapital gegenber eine verh„ltnism„áig einfache und klare: er hatte nur dafr zu sorgen, daá es Dienerin des Staates bliebe und sich nicht einbilde, Herrin der Nation zu sein. Diese Stellungnahme konnte sich dann in zwei Grenzlinien halten: Erhaltung einer lebensf„higen nationalen und unabh„ngigen Wirtschaft auf der einen Seite, Sicherung der sozialen Rechte der Arbeitnehmer auf der anderen. Den Unterschied dieses reinen Kapitals als letztes Ergebnis der schaffenden Arbeit gegenber einem Kapital, dessen Existenz und Wesen ausschlieálich auf Spekulation beruhen, vermochte ich frher noch nicht mit der wnschenswerten Klarheit zu erkennen. Es fehlte mir hierzu die erste Anregung, die eben nicht an mich herankam. Dieses wurde nun auf das grndlichste besorgt von einem der verschiedenen in dem schon erw„hnten Kurse vortragenden Herren: Gottfried Feder. 229 Die Aufgabe des Programmatikers Zum ersten Male in meinem Leben vernahm ich eine prinzipielle Auseinandersetzung mit dem internationalen B”rsen- und Leihkapital. Nachdem ich den ersten Vortrag Feders angeh”rt hatte, zuckte mir auch sofort der Gedanke durch den Kopf, nun den Weg zu einer der wesentlichsten Voraussetzungen zur Grndung einer neuen Partei gefunden zu haben. * Das Verdienst Feders beruhte in meinen Augen darin, mit rcksichtsloser Brutalit„t den ebenso spekulativen wie volkswirtschaftlichen Charakter des B”rsen- und Leihkapitals festgelegt, seine urewige Voraussetzung des Zinses aber bloágelegt zu haben. Seine Ausfhrungen waren in allen grunds„tzlichen Fragen so richtig, daá die Kritiker derselben von vorneherein weniger die theoretische Richtigkeit der Idee bestritten, als vielmehr die praktische M”glichkeit ihrer Durchfhrung anzweifelten. Allein was so in den Augen anderer eine Schw„che der Federschen Darlegungen war, bildete in den meinen ihre St„rke. * Die Aufgabe des Programmatikers ist nicht, die verschiedenen Grade der Erfllbarkeit einer Sache festzustellen, sondern die Sache als solche klarzulegen; das heiát: er hat sich weniger um den Weg als das Ziel zu kmmern. Hierbei aber entscheidet die prinzipielle Richtigkeit einer Idee und nicht die Schwierigkeit ihrer Durchfhrung. Sowie der Programmatiker versucht, an Stelle der absoluten Wahrheit der sogenannten "Zweckm„áigkeit" und "Wirklichkeit" Rechnung zu tragen, wird seine Arbeit aufh”ren, ein Polarstern der suchenden Menschheit zu sein, um statt dessen zu einem Rezept des Alltags zu werden. Der Programmatiker einer Bewegung hat das Ziel derselben festzulegen, der Politiker seine Erfllung anzustreben. Der eine wird demgem„á in seinem Denken von der ewigen Wahrheit bestimmt, der andere in seinem Handeln mehr von der jeweiligen praktischen Wirklichkeit. Die Gr”áe des einen 230 Programmatiker und Politiker liegt in der absoluten abstrakten Richtigkeit seiner Idee, die des anderen in der richtigen Einstellung zu den gegebenen Tatsachen und einer ntzlichen Verwendung derselben, wobei ihm als Leitstern das Ziel des Programmatikers zu dienen hat. W„hrend man als Prfstein fr die Bedeutung eines Politikers den Erfolg seiner Pl„ne und Taten ansehen darf, das heiát also das Zur-Wirklichkeit- Werden derselben, kann die Verwirklichung der letzten Absicht des Programmatikers nie erfolgen, da wohl der menschliche Gedanke Wahrheiten zu erfassen, kristallklare Ziele aufzustellen vermag, allein die restlose Erfllung derselben an der allgemein menschlichen Unvollst„ndigkeit und Unzul„nglichkeit scheitern wird. Je abstrakt richtiger und damit gewaltiger die Idee sein wird, um so unm”glicher bleibt deren vollst„ndige Erfllung, solange sie nun einmal von Menschen abh„ngt. Daher darf auch die Bedeutung des Programmatikers nicht an der Erfllung seiner Ziele gemessen werden, sondern an der Richtigkeit derselben und dem Einfluá, den sie auf die Entwicklung der Menschheit genommen haben. W„re es anders, drften nicht die Begrnder von Religionen zu den gr”áten Menschen auf dieser Erde gerechnet werden, da ja die Erfllung ihrer ethischen Absichten niemals eine auch nur ann„hernd vollst„ndige sein wird. Selbst die Religion der Liebe ist in ihrem Wirken nur ein schwacher Abglanz des Wollens ihres erhabenen Begrnders; allein ihre Bedeutung liegt in der Richtigkeit, die sie einer allgemeinen menschlichen Kultur-, Sittlichkeits- und Moralentwicklung zu geben versuchte. Die beraus groáe Verschiedenheit der Aufgaben des Programmatikers und des Politikers ist auch die Ursache, warum fast nie eine Vereinigung von beiden in einer Person zu finden ist. Es gilt dies besonders vom sogenannten "erfolgreichen" Politiker kleine Formats, dessen T„tigkeit zumeist wirklich nur eine "Kunst des M”glichen" ist, wie Bismarck die Politik berhaupt etwas bescheiden bezeichnete. Je freier ein solcher "Politiker" sich von groáen Ideen h„lt, um so leichter und h„ufig auch sichtbarer, immer jedoch schneller, werden seine Erfolge sein. Freilich, sie sind 231 Programmatiker und Politiker damit auch der irdischen Verg„nglichkeit geweiht und berleben manchmal nicht den Tod ihrer V„ter. Das Werk solcher Politiker ist im groáen und ganzen fr die Nachwelt bedeutungslos, da ihre Erfolge in der Gegenwart ja nur auf dem Fernhalten aller wirklich groáen und einschneidenden Probleme und Gedanken beruhen, die als solche auch fr die sp„teren Generationen von Wert gewesen sein wrden. Die Durchfhrung derartiger Ziele, die noch fr die fernsten Zeiten Wert und Bedeutung haben, ist fr den Verfechter derselben meistens wenig lohnend und findet nur selten Verst„ndnis bei der groáen Masse, der Bier- und Milcherl„sse zun„chst besser einleuchten als weitschauende Zukunftspl„ne, deren Verwirklichung erst sp„t eintreten kann, deren Nutzen aber berhaupt erst der Nachwelt zugute kommt. So wird schon aus einer gewissen Eitelkeit heraus, die immer eine Verwandte der Dummheit ist, die groáe Masse der Politiker sich fernhalten von allen wirklich schweren Zukunftsentwrfen, um nicht der Augenblickssympathie des groáen Haufens verlustig zu gehen. Der Erfolg und die Bedeutung eines solchen Politikers liegen dann ausschlieálich in der Gegenwart und sind fr die Nachwelt nicht vorhanden. Die kleinen K”pfe pflegt dies ja auch wenig zu genieren; sie sind damit zufrieden. Anders liegen die Verh„ltnisse bei dem Programmatiker. Seine Bedeutung liegt fast immer nur in der Zukunft, da er ja nicht selten das ist, was man mit dem Worte "weltfremd" bezeichnet. Denn wenn die Kunst des Politikers wirklich als eine Kunst des M”glichen gilt, dann geh”rt der Programmatiker zu jenen, von denen es heiát, daá sie den G”ttern nur gefallen, wenn sie Unm”gliches verlangen und wollen. Er wird auf die Anerkennung der Gegenwart fast immer Verzicht zu leisten haben, erntet aber dafr, falls seine Gedanken unsterblich sind, den Ruhm der Nachwelt. Innerhalb langer Perioden der Menschheit kann es einmal vorkommen, daá sich der Politiker mit dem Programmatiker 232 Die Marathonl„ufer der Geschichte verm„hlt. Je inniger aber diese Verschmelzung ist, um so gr”áer sind die Widerst„nde, die sich dem Wirken des Politikers dann entgegenstemmen. Er arbeitet nicht mehr fr Erfordernisse, die jedem n„chstbesten Spieábrger einleuchten, sondern fr Ziele, die nur die wenigsten begreifen. Daher ist dann sein Leben zerrissen von Liebe und Haá. Der Protest der Gegenwart, die den Mann nicht begreift, ringt mit der Anerkennung der Nachwelt, fr die er ja auch arbeitet. Denn je gr”áer die Werke eines Menschen fr die Zukunft sind, um so weniger vermag sie die Gegenwart zu erfassen, um so schwerer ist auch der Kampf und um so seltener der Erfolg. Blht er aber dennoch in Jahrhunderten Einem, dann kann ihn vielleicht in seinen sp„ten Tagen schon ein leiser Schimmer des kommenden Ruhmes umstrahlen. Freilich sind diese Groáen nur die Marathonl„ufer der Geschichte; der Lorbeerkranz der Gegenwart berhrt nur mehr die Schl„fen des sterbenden Helden. Zu ihnen aber sind zu rechnen die groáen K„mpfer auf dieser Welt, die, von der Gegenwart nicht verstanden, dennoch den streit um ihre Ideen und Ideale durchzufechten bereit sind. Sie sind diejenigen, die einst am meisten dem Herzen des Volkes nahestehen werden; es scheint fast so, als fhlte jeder einzelne dann die Pflicht, an der Vergangenheit gut zu machen, was die Gegenwart einst an den Groáen gesndigt hatte. Ihr Leben und Wirken wird in rhrend dankbarer Bewunderung verfolgt und vermag besonders in trben Tagen gebrochene Herzen und verzweifelnde Seelen wieder zu erheben. Hierzu geh”ren aber nicht nur die wirklich groáen Staatsm„nner, sondern auch alle sonstigen groáen Reformatoren. Neben Friedrich dem Groáen stehen hier Martin Luther sowohl wie Richard Wagner. Als ich den ersten Vortrag Gottfried Feders ber die "Brechung der Zinsknechtschaft" anh”rte, wuáte ich sofort, daá es sich hier um eine theoretische Wahrheit handelt, die von immenser Bedeutung fr die Zukunft des deutschen Volkes werden máte. Die scharfe Scheidung des 233 Kampf gegen internationales Finanzkapital B”rsenkapitals von der nationalen Wirtschaft bot die M”glichkeit, der Verinternationalisierung der deutschen Wirtschaft entgegenzutreten, ohne zugleich mit dem Kampf gegen das Kapital berhaupt die Grundlage einer unabh„ngigen v”lkischen Selbsterhaltung zu bedrohen. Mir stand die Entwicklung Deutschlands schon viel zu klar vor Augen, als daá ich nicht gewuát h„tte, daá der schwerste Kampf nicht mehr gegen die feindlichen V”lker, sondern gegen das internationale Kapital ausgefochten werden muáte. In Feders Vortrag sprte ich eine gewaltige Parole fr dieses kommende Ringen. Und auch hier bewies die sp„tere Entwicklung, wie richtig unsere damalige Empfindung war. Heute werden wir nicht mehr verlacht von den Schlauk”pfen unserer brgerlichen Politiker; heute sehen selbst diese, soweit sie nicht bewuáte Lgner sind, daá das internationale B”rsenkapital nicht nur der gr”áte Hetzer zum Kriege war, sondern gerade jetzt nach des Kampfes Beendigung nicht unterl„át, den Frieden zur H”lle zu verwandeln. Der Kampf gegen das internationale Finanz- und Leihkapital ist zum wichtigsten Programmpunkt des Kampfes der deutschen Nation um ihre wirtschaftliche Unabh„ngigkeit und Freiheit geworden. Was aber die Einw„nde der sogenannten Praktiker betrifft, so kann ihnen folgendes geantwortet werden: Alle Befrchtungen ber die entsetzlichen wirtschaftlichen Folgen einer Durchfhrung der "Brechung der Zinsknechtschaft" sind berflssig; denn erstens sind die bisherigen Wirtschaftsrezepte dem deutschen Volke sehr schlecht bekommen, die Stellungnahmen zu den Fragen der nationalen Selbstbehauptung erinnern uns sehr stark an die Gutachten „hnlicher Sachverst„ndiger in frheren Zeiten, zum Beispiel des bayerischen Medizinalkollegiums anl„álich der Frage der Einfhrung der Eisenbahn. Alle Befrchtungen dieser erlauchten Korporation von damals sind sp„ter bekanntlich nicht eingetroffen: die Reisenden in den Zgen des neuen "Dampfrosses" wurden nicht schwindlig, die Zuschauer auch nicht krank, und auf die Bretterz„une, um die 234 Nur eine Doktrin: Volk und Vaterland neue Einrichtung unsichtbar zu machen, hat man verzichtet - nur die Bretterw„nde vor den K”pfen aller sogenannten "Sachverst„ndigen" blieben auch der Nachwelt erhalten. Zweitens aber soll man sich folgendes merken: Jede und auch die beste Idee wird zur Gefahr, wenn sie sich einbildet, Selbstzweck zu sein, in Wirklichkeit jedoch nur ein Mittel zu einem solchen darstellt - fr mich aber und alle wahrhaftigen Nationalsozialisten gibt es nur eine Doktrin: Volk und Vaterland. Fr was wir zu k„mpfen haben, ist die Sicherung des Bestehens und der Vermehrung unserer Rasse und unseres Volkes, die Ern„hrung seiner Kinder und Reinhaltung des Blutes, die Freiheit und Unabh„ngigkeit des Vaterlandes, auf daá unser Volk zur Erfllung der auch ihm vom Sch”pfer des Universums zugewiesenen Mission heranzureifen vermag. Jeder Gedanke und jede Idee, jede Lehre und alles Wissen haben diesem Zweck zu dienen. Von diesem Gesichtspunkte aus ist auch alles zu prfen und nach seiner Zweckm„áigkeit zu verwenden oder abzulehnen. So kann keine Theorie zur t”dlichen Doktrin erstarren, da alles ja nur dem Leben zu dienen hat. So waren die Erkenntnisse Gottfried Feders die Veranlassung, mich in grndlicher Weise mit diesem mir bis dahin noch wenig vertrauten Gebiete berhaupt zu befassen. Ich begann wieder zu lernen und kam nun erst recht zum Verst„ndnis des Inhalts des Wollens der Lebensarbeit des Juden Karl Marx. Sein "Kapital" wurde mir jetzt erst recht verst„ndlich, genau so wie der Kampf der Sozialdemokratie gegen die nationale Wirtschaft, der nur den Boden fr die Herrschaft des wirklich internationalen Finanz- und B”rsenkapitals vorzubereiten hat. * Allein noch in einer anderen Hinsicht waren diese Kurse fr mich von gr”áter Folgewirkung. 235 Der "Bildungsoffizier" Ich meldete mich eines Tages zur Aussprache. Einer der Teilnehmer glaubte, fr die Juden eine Lanze brechen zu mssen, und begann sie in l„ngeren Ausfhrungen zu verteidigen. Dieses reizte mich zu einer Entgegnung. Die weitaus berwiegende Anzahl der anwesenden Kursteilnehmer stellte sich auf meinen Standpunkt. Das Ergebnis aber war, daá ich wenige Tage sp„ter dazu bestimmt wurde, zu einem damaligen Mnchener Regiment als sogenannter "Bildungsoffizier" einzurcken. Die Disziplin dieser Truppe war zu dieser Zeit noch ziemlich schwach. Sie litt unter den Nachwirkungen der Soldatenratsperiode. Nur ganz langsam und vorsichtig konnte man dazu bergehen, an Stelle des "freiwilligen" Gehorsams - wie man den Saustall unter Kurt Eisner so sch”n zu bezeichnen pflegte - wieder die milit„rische Disziplin und Unterordnung einzufhren. Ebenso sollte die Truppe selber national und vaterl„ndisch fhlen und denken lernen. In diesen beiden Richtungen lagen die Gebiete meiner neuen T„tigkeit. Ich begann mit aller Lust und Liebe. Bot sich mir doch jetzt mit einem Male die Gelegenheit, vor einer gr”áeren Zuh”rerschaft zu sprechen; und was ich frher immer, ohne es zu wissen, aus dem reinen Gefhl heraus einfach angenommen hatte, traf nun ein: ich konnte "reden". Auch die Stimme war schon soviel besser geworden, daá ich wenigstens in kleinen Mannschaftszimmern berall gengend verst„ndlich blieb. Keine Aufgabe konnte mich glcklicher machen als diese, denn nun vermochte ich noch vor meiner Entlassung in der Institution ntzliche Dienste zu leisten, die mir unendlich am Herzen gelegen hatte: im Heere. Ich durfte auch von Erfolg sprechen: Viele Hunderte, ja wohl Tausende von Kameraden habe ich im Verlaufe meine Vortr„ge wieder zu ihrem Volk und Vaterland zurckgefhrt. Ich "nationalisierte" die Truppe und konnte auf diesem Wege mithelfen, die allgemeine Disziplin zu st„rken. Wieder lernte ich dabei eine Anzahl von gleichgesinnten Kameraden kennen, die sp„ter mit den Grundstock der neuen Bewegung zu bilden begannen. 9. Kapitel Die "Deutsche Arbeiterpartei" Eines Tages erhielt ich von der mir vorgesetzten Dienststelle den Befehl, nachzusehen, was es fr eine Bewandtnis mit einem anscheinend politischen Verein habe, der unter dem Namen "Deutsche Arbeiterpartei" in den n„chsten Tagen eine Versammlung abzuhalten beabsichtige, und in der ebenfalls Gottfried Feder sprechen sollte; ich máte hingehen und mir den Verband einmal ansehen und dann Bericht erstatten. Die Neugierde, die von seiten des Heeres damals den politischen Parteien entgegengebracht wurde, war mehr als verst„ndlich. Die Revolution hatte dem Soldaten das Recht der politischen Bet„tigung gegeben, von dem nun auch gerade die Unerfahrensten den reichlichsten Gebrauch machten. Erst in dem Augenblick, da Zentrum und Sozialdemokratie zum eigenen Leidwesen erkennen muáten, daá die Sympathien der Soldaten sich von den revolution„ren Parteien weg der nationalen Bewegung und Wiedererhebung zuzuwenden begannen, sah man sich veranlaát, der Truppe das Wahlrecht wieder zu entziehen und die politische Bet„tigung zu untersagen. Daá Zentrum und Marxismus zu dieser Maánahme griffen, war einleuchtend, denn wrde man diese Beschneidung der "staatsbrgerlichen Rechte" - wie man die politische Gleichberechtigung des Soldaten nach der Revolution nannte - nicht vorgenommen haben, h„tte es schon wenige Jahre sp„ter keinen Novemberstaat, aber damit auch keine weitere nationale Entehrung und Schande mehr gegeben. Die Truppe war damals auf dem besten Wege, der Nation ihre Blutsauger und Handlanger der Entente im 237 Die "Deutsche Arbeiterpartei" Innern vom Halse zu schaffen. Daá aber auch die sogenannten "nationalen" Parteien begeistert fr die Korrektur der bisherigen Anschauungen der Novemberverbrecher stimmten und so mithalfen, das Instrument einer nationalen Erhebung unsch„dlich zu machen, zeigte wieder, wohin die immer nur doktrin„ren Vorstellungen dieser Harmlosesten der Harmlosen zu fhren verm”gen. Dieses wirklich an geistiger Altersschw„che krankende Brgertum war allen Ernstes der Meinung, daá die Armee wieder das werde, was sie war, n„mlich ein Hort deutscher Wehrhaftigkeit, w„hrend Zentrum und Marxismus ihr nur den gef„hrlichen nationalen Giftzahn auszubrechen gedachten, ohne den nun aber einmal eine Armee ewig Polizei bleibt, jedoch keine Truppe ist, die vor dem Feind zu k„mpfen vermag; etwas, was sich in der Folgezeit wohl zur Genge bewiesen hat. Oder glaubten etwa unsere "nationalen Politiker", daá die Entwicklung der Armee anders als eine nationale h„tte sein k”nnen? Das s„he diesen Herren verflucht „hnlich und kommt davon, wenn man im Kriege statt Soldat zu sein, Schw„tzer, also Parlamentarier ist und keine Ahnung mehr hat, was in der Brust von M„nnern vorgehen mag, die die gewaltigste Vergangenheit erinnert, einst die ersten Soldaten der Welt gewesen zu sein. So entschloá ich mich, in die schon erw„hnte Versammlung dieser mir bis dahin ebenfalls noch ganz unbekannten Partei zu gehen. Als ich abends in das fr uns sp„ter historisch gewordene "Leiberzimmer" des ehemaligen Sterneckerbr„ues in Mnchen kam, traf ich dort etwa 20-25 Anwesende, haupts„chlich aus den unteren Schichten der Bev”lkerung. Der Vortrag Feders war mir schon von den Kursen her bekannt, so daá ich mich mehr der Betrachtung des Vereines selber widmen konnte. Der Eindruck auf mich war weder gut noch schlecht; eine Neugrndung, wie eben so viele andere auch. Es war gerade damals die Zeit, in der sich jeder berufen fhlte, eine neue Partei aufzumachen, der mit der bisherigen Entwicklung 238 Die "Deutsche Arbeiterpartei" nicht zufrieden war und zu den gegebenen Parteien kein Vertrauen mehr besaá. So schossen denn berall diese Vereine nur so aus dem Boden, um nach einiger Zeit sang- und klanglos wieder zu verschwinden. Die Begrnder besaáen zumeist keine Ahnung davon, was es heiát, aus einem Verein eine Partei oder gar eine Bewegung zu machen. So erstickten diese Grndungen fast immer von selbst in ihrer l„cherlichen Spieáerhaftigkeit. Nicht anders beurteilte ich nach etwa zweistndigem Zuh”ren die "Deutsche Arbeiterpartei". Als Feder endlich schloá, war ich froh. Ich hatte genug gesehen und wollte schon gehen, als die nun verkndete freie Aussprache mich doch bewog, noch zu bleiben. Allein auch hier schien alles bedeutungslos zu verlaufen, bis pl”tzlich ein "Professor" zu Worte kam, der erst an der Richtigkeit der Federschen Grnde zweifelte, sich dann aber - nach einer sehr guten Erwiderung Feders - pl”tzlich auf den "Boden der Tatsachen" stellte, nicht aber ohne der jungen Partei auf das angelegentlichste zu empfehlen, als besonders wichtigen Programmpunkt den Kampf um die "Lostrennung" Bayerns von "Preuáen" aufzunehmen. Der Mann behauptete mit frecher Stirne, daá in diesem Falle sich besonders Deutsch”sterreich sofort an Bayern anschlieáen wrde, daá der Friede dann viel besser wrde und „hnlichen Unsinn mehr. Da konnte ich denn nicht anders, als mich ebenfalls zum Wort zu melden und dem gelahrten Herrn meine Meinung ber diesen Punkt zu sagen - mit dem Erfolge, daá der Herr Vorredner, noch ehe ich fertig war, wie ein begossener Pudel das Lokal verlieá. Als ich sprach, hatte man mit erstaunten Gesichtern zugeh”rt, und erst als ich mich anschickte, der Versammlung gute Nacht zu sagen und mich zu entfernen, kam mir noch ein Mann nachgesprungen, stellte sich vor (ich hatte den Namen gar nicht richtig verstanden) und drckte mir ein kleines Heftchen, ersichtlich eine politische Broschre, in die Hand, mit der dringenden Bitte, diese doch ja zu lesen. Das war mir sehr angenehm, denn nun durfte ich hoffen, vielleicht auf einfachere Weise den langweiligen Verein 239 Die "Deutsche Arbeiterpartei" kennenzulernen, ohne noch weiterhin so interessante Versammlungen besuchen zu mssen. Im brigen hatte dieser augenscheinliche Arbeiter auf mich einen guten Eindruck gemacht. Damit also ging ich. Ich wohnte zu jener Zeit noch in der Kaserne des 2. Infanterieregiments, in einem kleinen Stbchen, das die Spuren der Revolution noch sehr deutlich an sich trug. Tagsber war ich fort, meistens bei dem Schtzenregiment 41 oder auch in Versammlungen, auf Vortr„gen bei irgendeinem anderen Truppenteil usw. Nur nachts schlief ich in meiner Behausung. Da ich jeden Morgen frh schon vor 5 Uhr aufzuwachen pflegte, hatte ich mir die Spielerei angew”hnt, den M„uslein, die in der kleinen Stube ihre Unterhaltung trieben, ein paar Stcklein harte Brotreste oder - rinden auf den Fuáboden zu legen und nun zuzusehen, wie sich die possierlichen Tierchen um diese paar Leckerbissen herumjagten. Ich hatte in meinem Leben schon soviel Not gehabt, daá ich mir den Hunger und daher auch das Vergngen der kleinen Wesen nur zu gut vorzustellen vermochte. Auch am Morgen nach dieser Versammlung lag ich gegen 5 Uhr wach in der Klappe und sah dem Treiben und Gehusche zu. Da ich nicht mehr einschlafen konnte, erinnerte ich mich pl”tzlich des vergangenen Abends, und nun fiel mir das Heft ein, das mir der eine Arbeiter mitgegeben hatte. So begann ich zu lesen. Es war eine kleine Broschre, in der der Verfasser, eben dieser Arbeiter, schilderte, wie er aus dem Wirrwarr marxistischer und gewerkschaftlicher Phrasen wieder zu nationalem Denken gelangte; daher auch der Titel "Mein politisches Erwachen". Da ich erst angefangen hatte, las ich das Schriftchen mit Interesse durch; spiegelte sich ja in ihm ein Vorgang ab, den ich „hnlich zw”lf Jahre vorher am eigenen Leibe auch durchzumachen hatte. Unwillkrlich sah ich meine eigene Entwicklung wieder vor mir lebendig werden. Ich dachte im Laufe des Tages noch einige Male ber diese Sache nach und wollte sie endlich schon wieder beiseite legen, als ich noch keine Woche sp„ter zu meinem Erstaunen eine Postkarte erhielt des Inhalts, daá ich in 240 Die "Ausschuásitzung" die Deutsche Arbeiterpartei aufgenommen w„re: ich m”chte mich dazu „uáern und deshalb am n„chsten Mittwoch zu einer Ausschuásitzung dieser Partei kommen. Ich war ber diese Art, Mitglieder zu "gewinnen", allerdings mehr als erstaunt und wuáte nicht, ob ich mich darber „rgern oder ob ich dazu lachen sollte. Ich dachte ja gar nicht daran, zu einer fertigen Partei zu gehen, sondern wollte meine eigene grnden. Dieses Ansinnen kam fr mich wirklich nicht in Frage. Schon wollte ich meine Antwort den Herren schriftlich zugehen lassen, als die Neugierde siegte, und ich mich entschloá, am festgelegten Tage zu erscheinen, um meine Grnde mndlich auseinanderzusetzen. Der Mittwoch kam. Der Gasthof, in dem die bewuáte Sitzung stattfinden sollte, war das "Alte Rosenbad" in der Herrnstraáe; ein sehr „rmliches Lokal, in das sich nur alle heiligen Zeiten jemand zu verirren schien. Kein Wunder im Jahre 1919, da der Speisezettel auch der gr”áeren Gastst„tten nur sehr bescheiden und drftig anzulocken vermochte. Diese Wirtschaft aber kannte ich bis dorthin berhaupt nicht. Ich ging durch das schlecht beleuchtete Gastzimmer, in dem kein Mensch saá, suchte die Tre zum Nebenraum und hatte dann die "Tagung" vor mir. Im Zwielicht einer halb demolierten Gaslampe saáen an einem Tisch vier junge Menschen, darunter auch der Verfasser der kleinen Broschre, der mich sofort auf das freudigste begráte und als neues Mitglied der Deutschen Arbeiterpartei willkommen hieá. Ich war nun doch etwas verblfft. Da mir mitgeteilt wurde, daá der eigentliche "Reichsvorsitzende" erst komme, so wollte ich auch mit meiner Erkl„rung noch warten. Endlich erschien dieser. Es war der Leitende der Versammlung im Sterneckerbr„u anl„álich des Federschen Vortrags. Ich war unterdessen wieder neugierig geworden und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Nun lernte ich wenigstens die Namen der einzelnen Herren kennen. Der Vorsitzende der "Reichsorganisation" war ein Herr Harrer, der von Mnchen Anton Drexler. 241 Die "Ausschuásitzung" Es wurde nun das Protokoll der letzten Sitzung verlesen und dem Schriftfhrer das Vertrauen ausgesprochen. Dann kam der Kassenbericht an die Reihe - es befanden sich in dem Besitze des Vereins insgesamt 7 Mark und 50 Pfennig -, wofr der Kassier die Versicherung allseitigen Vertrauens erhielt. Dies wurde wieder zu Protokoll gebracht. Dann kamen vom 1. Vorsitzenden die Antworten auf einen Brief aus Kiel, einen aus Dsseldorf und einen aus Berlin zur Verlesung, alles war mit ihnen einverstanden. Nun wurde der Einlauf mitgeteilt: ein Brief aus Berlin, einer aus Dsseldorf und einer aus Kiel, deren Ankunft mit groáer Befriedigung aufgenommen zu werden schien. Man erkl„rte diesen steigenden Briefverkehr als bestes und sichtbares Zeichen der umsichgreifenden Bedeutung der "Deutschen Arbeiterpartei", und dann - dann fand eine lange Beratung ber die zu erteilenden neuen Antworten statt. Frchterlich, frchterlich. Das war ja eine Vereinsmeierei aller„rgster Art und Weise. In diesen Klub sollte ich eintreten? Dann kamen die Neuaufnahmen zur Sprache, das heiát: es kam meine Einfangung zur Behandlung. Ich begann nun zu fragen - jedoch auáer einigen Leits„tzen war nichts vorhanden, kein Programm, kein Flugblatt, berhaupt nichts Gedrucktes, keine Mitgliedskarten, ja nicht einmal ein armseliger Stempel, nur ersichtlich guter Glaube und guter Wille. Mir war das L„cheln wieder vergangen, denn was war dies anderes als das typische Zeichen der vollkommenen Ratlosigkeit und des g„nzlichen Verzagtseins ber alle die bisherigen Parteien, ihr Programme, ihre Absichten und ihre T„tigkeit? Was diese paar jungen Menschen da zusammentrieb zu einem „uáerlich so l„cherlichen Tun, war doch nur der Ausfluá ihrer inneren Stimme, die ihnen, wohl mehr gefhlsm„áig als bewuát, das ganze bisherige Parteiwesen als nicht mehr geeignet zu einer Erhebung der deutschen Nation sowie zur Heilung ihrer inneren Sch„den erscheinen lieá. Ich las mir schnell die Leits„tze durch, die in Maschinenschrift vorlagen, und ersah auch aus ihnen mehr 242 Eine Entscheidung fr immer ein Suchen als ein Wissen. Vieles war da verschwommen oder unklar, manches fehlte, aber nichts war vorhanden, das nicht wieder als Zeichen einer ringenden Erkenntnis h„tte gelten k”nnen. Was diese Menschen empfanden, das kannte auch ich: es war die Sehnsucht nach einer neuen Bewegung, die mehr sein sollte als Partei im bisherigen Sinne des Wortes. Als ich an diesem Abend wieder nach der Kaserne ging, hatte ich mir mein Urteil ber diesen Verein schon gebildet. Ich stand vor der wohl schwersten Frage meines Lebens: sollte ich hier beitreten, oder sollte ich ablehnen? Die Vernunft konnte nur zur Ablehnung raten, das Gefhl aber lieá mich nicht zur Ruhe kommen, und je ”fter ich mir die Unsinnigkeit dieses ganzen Klubs vor Augen zu halten versuchte, um so ”fter sprach wieder das Gefhl dafr. In den n„chsten Tagen war ich ruhelos. Ich begann hin und her zu berlegen. Mich politisch zu bet„tigen, war ich schon l„ngst entschlossen; daá dies nur in einer neuen Bewegung zu geschehen vermochte, war mir ebenso klar, nur der Anstoá zur Tat hatte mir bis dahin immer noch gefehlt. Ich geh”re nicht zu den Menschen, die heute etwas beginnen, um morgen wieder zu enden und wenn m”glich zu einer neuen Sache berzugehen. Gerade diese šberzeugung aber war mit der Hauptgrund, warum ich mich so schwer zu einer solchen neuen Grndung zu entschlieáen vermochte, die entweder alles werden muáte oder sonst zweckm„áigerweise berhaupt unterblieb. Ich wuáte, daá dies fr mich eine Entscheidung fr immer werden wrde, bei der es ein "Zurck" niemals geben k”nnte. Fr mich war es dann keine vorbergehende Spielerei, sondern blutiger Ernst. Ich habe schon damals immer eine instinktive Abneigung gegenber Menschen besessen, die alles beginnen, ohne auch nur etwas durchzufhren. Diese Hansdampfe in allen Gassen waren mir verhaát. Ich hielt die T„tigkeit dieser Leute fr schlechter als Nichtstun. Das Schicksal selbst schien mir jetzt einen Fingerzeig zu geben. Ich w„re nie zu einer der bestehenden groáen Parteien gegangen und werde die Grnde dafr noch n„her 243 Ein Namenloser klarlegen. Diese l„cherliche kleine Sch”pfung mit ihren paar Mitgliedern schien mir den einen Vorzug zu besitzen, noch nicht zu einer "Organisation" erstarrt zu sein, sondern die M”glichkeit einer wirklichen pers”nlichen T„tigkeit dem einzelnen freizustellen. Hier konnte man noch arbeiten, und je kleiner die Bewegung war, um so eher war sie noch in die richtige Form zu bringen. Hier konnte noch der Inhalt, das Ziel und der Weg bestimmt werden, was bei den bestehenden groáen Parteien von Anfang an schon wegfiel. Je l„nger ich nachzudenken versuchte, um so mehr wuchs in mir die šberzeugung, daá gerade aus einer solchen kleinen Bewegung heraus dereinst die Erhebung der Nation vorbereitet werden konnte - niemals aber mehr aus den viel zu sehr an alten Vorstellungen h„ngenden oder gar am Nutzen des neuen Regiments teilnehmenden politischen Parlamentsparteien. Denn was hier verkndet werden muáte, war eine neue Weltanschauung und nicht eine neue Wahlparole. Allerdings ein unendlich schwerer Entschluá, diese Absicht in die Wirklichkeit umsetzen zu wollen. Welche Vorbedingungen brachte ich denn selber zu dieser Aufgabe mit? Daá ich mittellos und arm war, schien mir noch das am leichtesten zu Ertragende zu sein, aber schwerer war es, daá ich nun einmal zu den Namenlosen z„hlte, einer von den Millionen war, die der Zufall eben leben l„át oder aus dem Dasein wieder ruft, ohne daá auch nur die n„chste Umwelt davon Kenntnis zu nehmen geruht. Dazu kam noch die Schwierigkeit, die sich aus meinem Mangel an Schulen ergeben muáte. Die sogenannte "Intelligenz" sieht ja ohnehin immer mit einer wahrhaft unendlichen Herablassung auf jeden herunter, der nicht durch die obligaten Schulen durchgezogen wurde und sich so das n”tige Wissen einpumpen lieá. Die Frage lautet ja doch nie: was kann der Mensch, sondern was hat er gelernt? Diesen "Gebildeten" gilt der gr”áte Hohlkopf, wenn er nur in gengend Zeugnisse eingewickelt ist, mehr als der hellste Junge, dem diese kostbaren Tten 244 Mitglied Nummer sieben eben fehlen. Ich konnte mir also leicht vorstellen, wie mir diese "gebildete" Welt entgegentreten wrde, und habe mich dabei auch nur insofern get„uscht, als ich diese Menschen damals doch noch fr besser hielt, als sie leider in der nchternen Wirklichkeit zum groáen Teil sind. So wie sie sind, erstrahlen freilich die Ausnahmen, wie berall, immer heller. Ich aber lernte dadurch immer zwischen den ewigen Schlern und dem wirklichen K”nnern zu unterscheiden. Nach zweit„gigem qualvollen Nachgrbeln und šberlegen kam ich endlich zur šberzeugung, den Schritt tun zu mssen. Es war den entscheidendste Entschluá meines Lebens. Ein Zurck konnte und durfte es nicht mehr geben. So meldete ich mich als Mitglied der Deutschen Arbeiterpartei an und erhielt einen provisorischen Mitgliedsschein mit der Nummer: sieben. 10. Kapitel Ursachen des Zusammenbruches Die Tiefe des Falles irgendeines K”rpers ist immer das Maá der Entfernung seiner augenblicklichen Lage von der ursprnglich eingenommenen. Dasselbe gilt auch ber den Sturz von V”lkern und Staaten. Damit aber kommt der vorherigen Lage oder besser H”he eine ausschlaggebende Bedeutung zu. Nur was sich ber die allgemeine Grenze zu erheben pflegt, kann auch ersichtlich tief fallen und strzen. Das macht fr jeden Denkenden und Fhlenden den Zusammenbruch des Reiches so schwer und entsetzlich, da er den Sturz aus einer H”he brachte, die heute, angesichts des Jammers der jetzigen Erniedrigung, kaum mehr vorstellbar ist. Schon die Begrndung des Reiches schien umgoldet vom Zauber eines die ganze Nation erhebenden Geschehen. Nach einem Siegeslaufe ohnegleichen erw„chst endlich als Lohn unsterblichen Heldentums den S”hnen und Enkeln ein Reich. Ob bewuát oder unbewuát, ganz einerlei, die Deutschen hatten alle das Gefhl, daá dieses Reich, das sein Dasein nicht dem Gemogel parlamentarischer Fraktionen verdankte, eben schon durch die erhabene Art der Grndung ber das Maá sonstiger Staaten emporragte; denn nicht im Geschnatter einer parlamentarischen Redeschlacht, sondern im Donner und Dr”hnen der Pariser Einschlieáungsfront vollzog sich der feierliche Akt einer Willensbekundung, daá die Deutsche, Frsten und Volk, entschlossen seien, in Zukunft ein Reich zu bilden und aufs neue die Kaiserkrone zum Symbol zu erheben. Und nicht durch Meuchelmord war es geschehen, nicht Deserteure und Drckeberger waren die Begrnder des Bismarckschen Staates, sondern die Regimenter der Front. 246 Die Vorzeichen des Zusammenbruchs Diese einzige Geburt und feurige Taufe allein schon umwoben das Reich mit dem Schimmer eines historischen Ruhmes, wie er nur den „ltesten Staaten - selten - zuteil zu werden vermochte. Und welch ein Aufstieg setzte nun ein. Die Freiheit nach Auáen gab das t„gliche Brot im Innern. Die Nation wurde reich an Zahl und irdischen Gtern. Die Ehre des Staates aber und mit ihr die des ganzen Volkes war gehtet und beschirmt durch ein Heer, das am sichtbarsten den Unterschied zum einstigen deutschen Bunde aufzuzeigen vermochte. So tief ist der Sturz, der das Reich und das deutsche Volk trifft, daá alles wie von Schwindel erfaát, zun„chst Gefhl und Besinnung verloren zu haben scheint; man kann sich kaum mehr der frheren H”he erinnern, so traumhaft unwirklich gegenber dem heutigen Elend erscheint die damalige Gr”áe und Herrlichkeit. So ist es denn auch erkl„rlich, daá man nur zu sehr geblendet wird vom Erhabenen und dabei vergiát, nach den Vorzeichen des ungeheuren Zusammenbruchs zu suchen, die doch irgendwie schon vorhanden gewesen sein muáten. Natrlich gilt das nur fr die, denen Deutschland mehr war als ein reiner Aufenthaltsraum zum Geldverdienen und -verzehren, da ja nur sie den heutigen Zustand als Zusammenbruch zu empfinden verm”gen, w„hrend er den anderen die l„ngst ersehnte Erfllung ihrer bisher ungestillten Wnsche ist. Die Vorzeichen aber waren damals sichtbar vorhanden, wenn auch nur sehr wenige versuchten, aus ihnen eine gewisse Lehre zu ziehen. Heute aber ist dies n”tiger denn je. So wie man zur Heilung einer Krankheit nur zu kommen vermag, wenn der Erreger derselben bekannt ist, so gilt das gleiche auch vom Heilen politischer Sch„den. Freilich pflegt man die „uáere Form einer Krankheit, ihre in das Auge stechende Erscheinung, leichter zu sehen und zu entdecken, als die innere Ursache. Dies ist ja der Grund, warum so viele Menschen ber die Erkenntnis „uáerer 247 Die Ursachen des Zusammenbruchs Wirkungen berhaupt nicht hinauskommen und sie sogar mit der Ursache verwechseln, ja das Vorhanden sein einer solchen am liebsten ganz zu leugnen versuchen. So sehen auch jetzt die meisten unter uns den deutschen Zusammenbruch in erster Linie nur in der allgemeinen wirtschaftlichen Not und den daraus sich ergebenden Folgen. Diese hat fast jeder pers”nlich mit zu tragen - ein triftiger Grund also zum Verstehen der Katastrophe fr jeden einzelnen. Viel weniger aber sieht die groáe Masse den Zusammenbruch in politischer, kultureller, sittlich-moralischer Hinsicht. Hier versagen bei vielen das Gefhl und auch der Verstand vollkommen. Daá dies bei der groáen Masse so ist, mag noch hingehen, daá aber auch in Kreisen der Intelligenz der deutsche Zusammenbruch in erster Linie als "wirtschaftliche Katastrophe" angesehen und mithin die Heilung von der Wirtschaft erwartet wird, ist mit eine der Ursachen, warum es bisher gar nicht zu einer Genesung kommen konnte. Erst dann, wenn man begreift, daá auch hier der Wirtschaft nur die zweite oder gar dritte Rolle zuf„llt und politischen, sittlich-moralischen sowie blutsm„áigen Faktoren die erste, wird man zu einem Verstehen der Ursachen des heutigen Unglcks kommen und damit auch die Mittel und Wege zu einer Heilung zu finden verm”gen. Die Frage nach den Ursachen des deutschen Zusammenbruches ist mithin von ausschlaggebender Bedeutung,, vor allem fr eine politische Bewegung, deren Ziel ja eben die šberwindung der Niederlage sein soll. Aber auch bei einem solchen Forschen in der Vergangenheit muá man sich sehr hten, die mehr in das Auge springenden Wirkungen mit den weniger sichtbaren Ursachen zu verwechseln. Die leichteste und daher auch am meisten verbreitete Begrndung des heutigen Unglcks ist die, daá es sich dabei um die Folgen des eben verlorenen Krieges handle, mithin dieser die Ursache des jetzigen Unheils sei. Es mag viele geben, die diesem Unsinn ernstlich glauben werden, es gibt aber noch mehr, aus deren Munde eine 248 Die Ursachen des Zusammenbruchs solche Begrndung nur Lge und bewuáte Unwahrheit sein kann. Dieses letztere gilt fr alle heute an den Futterkrippen der Regierung Befindlichen. Denn haben nicht gerade die Verknder der Revolution einst dem Volke immer wieder auf das angelegentlichste vorgehalten, daá es sich fr die breite Masse ganz gleichbleibe, wie dieser Krieg ausgehe? Haben sie nicht im Gegenteil auf das ernsteste versichert, daá h”chstens der "Groákapitalist" ein Interesse an der siegreichen Beendigung des ungeheuren V”lkerringens haben k”nne, niemals aber das deutsche Volk an sich oder gar der deutsche Arbeiter? Ja, erkl„rten denn diese Weltvers”hnungsapostel nicht gerade im Gegenteil, daá durch die deutsche Niederlage nur der "Militarismus" vernichtet, das deutsche Volk aber seine herrlichste Auferstehung feiern wrde? Pries man denn nicht in diesen Kreisen die Gte der Entente und schob man dort nicht die Schuld des ganzen blutigen Ringens auf Deutschland? H„tte man es aber zu tun vermocht ohne die Erkl„rung, daá auch die milit„rische Niederlage fr die Nation ohne besondere Folgen sein wrde? War denn nicht die ganze Revolution mit der Phrase verbr„mt, daá durch sie der Sieg der deutschen Fahne verhindert wrde, dadurch aber das deutsche Volk seiner inneren und auch „uáeren Freiheit erst recht entgegengehen werde? War dies etwa nicht so, ihr elenden und verlogenen Burschen? Es geh”rt schon eine wahrhaft jdische Frechheit dazu, nun der milit„rischen Niederlage die Schuld am Zusammenbruch beizumessen, w„hrend das Zentralorgan aller Landesverr„ter, der Berliner "Vorw„rts", doch schrieb, daá das deutsche Volk dieses Mal seine Fahne nicht mehr siegreich nach Hause bringen drfe! Und jetzt soll es der Grund unseres Zusammenbruches sein? Es w„re natrlich ganz wertlos, mit solchen vergeálichen Lgnern streiten zu wollen, und ich wrde deshalb auch gar keine Worte darber verlieren, wenn nicht dieser Unsinn leider auch von so vielen v”llig gedankenlosen Menschen 249 Die Schuldigen am Zusammenbruch nachgeplappert wrde, ohne daá gerade Bosheit oder bewuáte Unwahrhaftigkeit dazu die Veranlassung g„ben. Weiter auch sollen diese Er”rterungen fr unsere K„mpfer der Aufkl„rung Hilfsmittel bieten, die ohnehin sehr n”tig sind in einer Zeit, da einem das gesprochene Wort oft schon im Munde verdreht zu werden pflegt. So ist zu der Behauptung, der verlorene Krieg trage die Schuld am deutschen Zusammenbruche, folgendes zu sagen: Allerdings war der Verlust des Krieges von einer entsetzlichen Bedeutung fr die Zukunft unseres Vaterlandes, allein sein Verlust ist nicht eine Ursache, sondern selber nur wieder eine Folge von Ursachen. Daá ein unglckliches Ende dieses Kampfes auf Leben und Tod zu sehr verheerenden Folgen fhren muáte, war ja jedem Einsichtigen und nicht B”swilligen vollkommen klar. Leider aber gab es auch Menschen, denen diese Einsicht zur richtigen Zeit zu fehlen schien, oder die, entgegen ihrem besseren Wissen, dennoch diese Wahrheit erst abstritten und wegleugneten. Das waren zum gr”áten Teil diejenigen, die nach der Erfllung ihres geheimen Wunsches auf einmal die sp„te Einsicht in die Katastrophe, die durch sie mit angerichtet wurde, erhielten. Sie aber sind die Schuldigen am Zusammenbruche und nicht der verlorene Krieg, wie sie pl”tzlich zu sagen und zu wissen belieben. Denn der Verlust desselben war ja nur die Folge ihres Wirkens und nicht, wie sie jetzt behaupten wollen, das Ergebnis einer "schlechten" Fhrung. Auch der Gegner bestand nicht aus Feiglingen, auch er wuáte zu sterben, seine Zahl war vom ersten Tage an gr”áer als die des deutschen Heeres, und seiner technischen Rstung standen die Arsenale der ganzen Welt zur Verfgung; mithin kann die Tatsache, daá die deutschen Siege, die vier Jahre lang gegen eine ganze Welt erfochten wurden, bei allem Heldenmute und aller "Organisation" nur der berlegenen Fhrung zu verdanken waren, nicht aus der Welt geleugnet werden. Die Organisation und Leitung des deutschen Heeres waren das Gewaltigste, was die Erde bisher je gesehen. Ihre M„ngel lagen in der 250 Gehen V”lker an verlorenen Kriegen zugrunde? Grenze der allgemeinen menschlichen Zul„nglichkeit berhaupt. Daá dieses Heer zusammenbrach, war nicht die Ursache unseres heutigen Unglcks, sondern nur die Folge anderer Verbrechen, eine Folge, die allerdings selber wieder den Beginn eines weiteren und dieses Mal sichtbareren Zusammenbruches einleitete. Daá dem so ist, geht aus folgendem hervor: Muá eine milit„rische Niederlage zu einem so restlosen Niederbruch einer Nation und eines Staates fhren? Seit wann ist dies das Ergebnis eines unglcklichen Krieges? Gehen denn berhaupt V”lker an verlorenen Kriegen an und fr sich zugrunde? Die Antwort darauf kann sehr kurz sein: Immer dann, wenn V”lker in ihrer milit„rischen Niederlage die Quittung fr ihre innere F„ulnis, Feigheit, Charakterlosigkeit, kurz Unwrdigkeit erhalten. Ist es nicht so, dann wird die milit„rische Niederlage eher zum Antrieb eines kommenden gr”áeren Aufstieges als zum Leichenstein eines V”lkerdaseins. Die Geschichte bietet unendlich viele Beispiele fr die Richtigkeit dieser Behauptung. Leider ist die milit„rische Niederlage des deutschen Volkes nicht eine unverdiente Katastrophe, sondern eine verdiente Zchtigung der ewigen Vergeltung. Wir haben diese Niederlage mehr als verdient. Sie ist nur die gr”áte „uáere Verfallserscheinung unter einer Reihe von inneren, die vielleicht in ihrer Sichtbarkeit den Augen der meisten Menschen verborgen geblieben waren, oder die man nach der Vogel-Strauá-Manier nicht sehen wollte. Man beachte doch einmal die Begleiterscheinungen, unter denen das deutsche Volk diese Niederlage entgegennahm. Hatte man nicht in vielen Kreisen in der schamlosesten Weise geradezu Freude ber das Unglck des Vaterlandes ge„uáert? Wer aber tut dieses, wenn er nicht wirklich eine solche Strafe verdient? Ja ging man nicht noch weiter und rhmte sich, die Front endlich zum Weichen gebracht zu haben? Und diese tat nicht etwa der Feind, nein, nein, solche Schande luden Deutsche auf ihr Haupt! 251 Von den Deutschen jeder Dritte ein Verr„ter Traf sie etwa das Unglck zu Unrecht? Seit wann aber geht man dann noch her und miát sich selbst auch noch die Schuld am Kriege zu? Und zwar wider bessere Erkenntnis und besseres Wissen! Nein und nochmals nein: in der Art und Weise, in der das deutsche Volk seine Niederlage entgegennahm, vermag man am deutlichsten zu erkennen, daá die wahre Ursache unseres Zusammenbruches ganz wo anders zu suchen ist als in dem rein milit„rischen Verlust einiger Stellungen oder dem Miálingen einer Offensive; denn h„tte wirklich die Front als solche versagt und w„re durch ihr Unglck das Verh„ngnis des Vaterlandes hervorgerufen worden, so wrde das deutsche Volk die Niederlage ganz anders aufgenommen haben. Dann h„tte man das nun folgende Unglck mit zusammengebissenen Z„hnen ertragen oder von Schmerz berw„ltigt beklagt; dann wrden Wut und Zorn die Herzen erfllt haben gegen den durch die Tcke des Zufalls oder auch des Schicksals Willen zum Sieger gewordenen Feind; dann w„re die Nation „hnlich dem r”mischen Senat den geschlagenen Divisionen entgegen getreten mit dem Danke des Vaterlandes fr die bisherigen Opfer und der Bitte, am Reiche nicht zu verzweifeln. Selbst die Kapitulation aber w„re nur mit dem Verstande unterzeichnet worden, w„hrend das Herz schon der kommenden Erhebung geschlagen h„tte. So wrde eine Niederlage aufgenommen worden sein, die nur dem Verh„ngnis allein zu danken gewesen w„re. Dann h„tte man nicht gelacht und getanzt, h„tte sich nicht der Feigheit gerhmt und die Niederlage verherrlicht, h„tte nicht die k„mpfende Truppe verh”hnt und ihre Fahne und Kokarde in den Schmutz gezerrt, vor allem aber: dann w„re es nie zu jener entsetzlichen Erscheinung gekommen, die einen englischen Offizier, Oberst Repington, zu der ver„chtlichen Žuáerung veranlaáte: "Von den Deutschen ist jeder dritte Mann ein Verr„ter." Nein, diese Pest h„tte dann niemals zu jener erstickenden Flut anzusteigen vermocht, die nun seit fnf Jahren aber auch den letzten Rest von Achtung auf seiten der brigen Welt fr uns ertr„nkte. 252 Moralische Entwaffnung des gef„hrlichen Ankl„gers Daran sieht man die Lge der Behauptung, daá der verlorene Krieg die Ursache des deutschen Zusammenbruches w„re, am allerbesten. Nein, dieser milit„rische Zusammenbruch war selber nur die Folge einer ganzen Reihe von Krankheitserscheinungen und ihrer Erreger, die schon in der Zeit des Friedens die deutsche Nation heimgesucht hatten. Es war dies die erste allen sichtbare katastrophale Folge einer sittlichen und moralischen Vergiftung, einer Minderung des Selbsterhaltungstriebes und der Voraussetzungen hierzu, die schon seit vielen Jahren die Fundamente des Volkes und Reiches zu unterh”hlen begonnen hatten. Es geh”rte aber die ganze bodenlose Verlogenheit des Judentums und seiner marxistischen Kampforganisation dazu, die Schuld am Zusammenbruche gerade dem Manne aufzubrden, der als einziger mit bermenschlicher Willens- und Tatkraft versuchte, die von ihm vorausgesehene Katastrophe zu verhten und der Nation die Zeit der tiefsten Erniedrigung und Schmach zu ersparen. Indem man Ludendorff zum Schuldigen am Verluste des Weltkrieges stempelte, nahm man dem einzigen gef„hrlichen Ankl„ger, der gegen die Verr„ter des Vaterlandes aufzustehen vermochte, die Waffe des moralischen Rechtes aus der Hand. Man ging dabei von dem sehr richtigen Grundsatze aus, daá in der Gr”áe der Lge immer ein gewisser Faktor des Geglaubtwerdens liegt, da die breite Masse eines Volkes im tiefsten Grunde ihres Herzens leichter verdorben, als bewuát und absichtlich schlecht sein wird, mithin bei der primitiven Einfalt ihres Gemtes einer groáen Lge leichter zum Opfer f„llt als einer kleinen, da sie selber ja wohl manchmal im kleinen lgt, jedoch vor zu groáen Lgen sich doch zu sehr sch„men wrde. Eine solche Unwahrheit wird ihr gar nicht in den Kopf kommen, und sie wird an die M”glichkeit einer so ungeheuren Frechheit der infamsten Verdrehung auch bei anderen nicht glauben k”nnen, ja selbst bei Aufkl„rung darber noch lange zweifeln und schwanken und wenigstens irgendeine Ursache doch noch als wahr annehmen; daher denn auch von der frechsten 253 Katastrophe besser als schleichende Krankheit Lge immer noch etwas brig und h„ngen bleiben wird - eine Tatsache, die alle groáen Lgenknstler und Lgenvereine dieser Welt nur zu genau kennen und deshalb auch niedertr„chtig zur Anwendung bringen. Die besten Kenner aber dieser Wahrheit ber die M”glichkeiten der der Anwendung von Unwahrheit und Verleumdungen waren zu allen Zeiten die Juden; ist doch ihr ganzes Dasein schon auf einer einzigen groáen Lge aufgebaut, n„mlich der, daá es sich bei ihnen um eine Religionsgenossenschaft handle, w„hrend es sich um eine Rasse - und zwar was fr eine - dreht. Als solche aber hat sie einer der gr”áten Geister der Menschheit fr immer festgenagelt in einem ewig richtigen Satze von fundamentaler Wahrheit: er nannte sie "die groáen Meister der Lge". Wer dieses nicht erkennt oder nicht glauben will, der wird nimmermehr auf dieser Welt der Wahrheit zum Siege zu verhelfen verm”gen. Fr das deutsche Volk darf man es fast als ein groáes Glck betrachten, daá die Zeit seiner schleichenden Erkrankung pl”tzlich in einer so furchtbaren Katastrophe abgekrzt wurde, denn im anderen Falle w„re die Nation wohl langsamer, aber um so sicherer zugrunde gegangen. Die Krankheit w„re zu einer chronischen geworden, w„hrend sie in der akuten Form des Zusammenbruches mindestens den Augen einer gr”áeren Menge klar und deutlich wurde. Der Mensch wurde nicht durch Zufall der Pest leichter Herr als der Tuberkulose. Die eine kommt in schrecklichen, die Menschheit aufrttelnden Todeswellen, die andere im langsamen Schleichen; die eine fhrt zur entsetzlichen Furcht, die andere zur allm„hlichen Gleichgltigkeit. Die Folge aber ist, daá der Mensch der einen entgegentrag, w„hrend er die Schwindsucht mit schw„chlichen Mitteln einzud„mmen versucht. So wurde er der Pest Herr, w„hrend die Tuberkulose ihn selber beherrscht. Genau so verh„lt es sich auch mit Erkrankungen von Volksk”rpern. Wenn sie nicht katastrophal auftreten, beginnt sich der Mensch langsam an sie zu gew”hnen und geht 254 Krankheits-Erreger und -Erscheinungen endlich an ihnen, wenn auch erst nach Zeiten, so doch um so gewisser zugrunde. Es ist dann schon ein - freilich bitteres - Glck, wenn das Schicksal sich entschlieát, in diesen langsamen F„ulnisprozeá einzugreifen und mit pl”tzlichem Schlage das Ende der Krankheit dem von ihr Erfaáten vor Augen fhrt. Denn darauf kommt eine solche Katastrophe ”fters als einmal hinaus. Sie kann dann leicht zur Ursache einer nun mit „uáerster Entschlossenheit einsetzenden Heilung werden. Aber auch in einem solchen Falle ist die Voraussetzung doch wieder das Erkennen der inneren Grnde, die zu der in Frage stehenden Erkrankung die Veranlassung geben. Das Wichtigste bleibt auch hier die Unterscheidung der Erreger von den durch sie hervorgerufenen Zust„nden. Diese wird um so schwerer werden, je l„nger die Krankheitsstoffe in dem Volksk”rper sich befinden und je mehr sie diesem schon zu einer selbstverst„ndlichen Zugeh”rigkeit geworden waren. Denn es kann sehr leicht vorkommen, daá man nach einer bestimmten Zeit unbedingt sch„dliche Gifte als Bestandteil des eigenen Volkstums ansieht, oder doch h”chstens als notwendiges šbel duldet, so daá ein Suchen nach dem fremden Erreger gar nicht mehr fr notwendig erachtet wird. So waren im langen Frieden der Vorkriegsjahre sehr wohl gewisse Sch„den aufgetreten und als solche erkannt worden, obwohl man sich um den Erreger derselben so gut als gar nicht kmmerte, von einigen Ausnahmen abgesehen. Diese Ausnahmen waren auch hier wieder in erster Linie die Erscheinungen des wirtschaftlichen Lebens, die dem einzelnen st„rker zum Bewuátsein kamen als etwa die Sch„den auf einer ganzen Reihe von anderen Gebieten. Es gab viele Verfallszeichen, die zum ernsten Nachdenken h„tten anregen mssen. * In wirtschaftlicher Hinsicht w„re hierzu folgendes zu sagen: 255 Verfallszeichen im Vorkriegs-Deutschland Durch die rasende Vermehrung der deutschen Volkszahl vor dem Kriege trat die Frage der Schaffung des n”tigen t„glichen Brotes in immer sch„rfer werdender Weise in den Vordergrund alles politischen Handelns. Leider konnte man sich nicht entschlieáen, auf billigerem Wege das Ziel auch erreichen zu k”nnen. Der Verzicht auf die Gewinnung neuen Bodens und ihr Ersatz durch den Wahn einer weltwirtschaftlichen Eroberung muáte am Ende zu einer ebenso schrankenlosen wie sch„dlichen Industrialisierung fhren. Die erste Folge von schwerster Bedeutung war die dadurch hervorgerufene Schw„chung des Bauernstandes. In dem gleichen Maáe, in dem dieser zurckging, wuchs die Masse des groást„dtischen Proletariats immer mehr an, bis endlich das Gleichgewicht vollst„ndig verloren wurde. Nun kam auch der schroffe Wechsel von arm und reich so beieinander, daá die Folgen davon sehr traurige sein konnten und muáten. Not und h„ufige Arbeitslosigkeit begannen ihr Spiel mit den Menschen und lieáen als Erinnerung Unzufriedenheit und Verbitterung zurck. Die Folge davon schien die politische Klassenspaltung zu sein. Bei aller wirtschaftlichen Blte wurde so der Unmut dennoch immer gr”áer und tiefer, ja es kam so weit, daá die šberzeugung "es k”nne so nicht mehr lange weiter gehen" eine allgemeine wurde, ohne daá aber die Menschen sich eine bestimmte Vorstellung von dem, was h„tte kommen sollen, machten oder auch nur machen konnten. Es waren die typischen Zeichen einer tiefen Unzufriedenheit, die auf solche Weise sich zu „uáern versuchten. Schlimmer als diese aber waren andere Folgeerscheinungen, die die Verwirtschaftlichung der Nation mit sich brachte. In eben dem Maáe, in dem die Wirtschaft zur bestimmenden Herrin des Staates aufstieg, wurde das Geld der Gott, dem alles zu dienen und vor dem sich jeder zu beugen hatte. Immer mehr wurden die himmlischen G”tter 256 Die Herrschaft des Geldes als veraltet und berlebt in die Ecke gestellt und statt ihnen der Weihrauch dem G”tzen Mammon dargebracht. Eine wahrhaft schlimme Entartung setzte ein, schlimm besonders deshalb, weil sie zu einer Zeit eintrat, da die Nation h”chste heldische Gesinnung in einer vermutlich drohenden kritischen Stunde n”tiger denn je brauchen konnte. Deutschland muáte sich gefaát machen, eines Tages mit dem Schwert fr seinen Versuch, auf dem Wege einer "friedlichen, wirtschaftlichen Arbeit" sich das t„gliche Brot zu sichern, einzustehen. Die Herrschaft des Geldes wurde leider auch von der Stelle aus sanktioniert, die sich am meisten dagegen h„tte auflehnen mssen: Seine Majest„t der Kaiser handelte unglcklich, als er besonders den Adel in den Bannkreis des neuen Finanzkapitals hineinzog. Freilich muáte man ihm zugute rechnen, daá leider selbst Bismarck in dieser Hinsicht die drohende Gefahr nicht erkannte. Damit aber waren die ideellen Tugenden praktisch hinter den Wert des Geldes getreten, denn es war klar, daá, auf solchem Wege erst begonnen, der Schwertadel in kurzer Zeit schon hinter dem Finanzadel zurcktreten muáte. Geldoperationen gelingen leichter als Schlachten. So war es auch nicht mehr einladend fr den wirklichen Helden oder auch Staatsmann, in Beziehung zum n„chstbesten Bankjuden gebracht zu werden: der wirklich verdienstvolle Mann konnte kein Interesse an der Verleihung billiger Dekorationen mehr besitzen, sondern lehnte dankend fr sich ab. Aber auch rein blutsm„áig betrachtet war eine solche Entwicklung tief traurig: der Adel verlor immer mehr die rassische Voraussetzung zu seinem Dasein, und zu einem groáen Teile w„re viel eher die Bezeichnung "Unadel" fr ihn am Platze gewesen. Eine schwere wirtschaftliche Verfallserscheinung war das langsame Ausscheiden des pers”nlichen Besitzrechtes und allm„hlich šbergehen der gesamten Wirtschaft in das Eigentum von Aktiengesellschaften. Damit erst war die Arbeit so recht zum Spekulationsobjekt 257 Internationalisierung ber die Aktie gewissenloser Schacherer herabgesunken; die Entfremdung des Besitzes gegenber dem Arbeitnehmer aber wurde in das unendliche gesteigert. Die B”rse begann zu triumphieren und schickte sich an, langsam aber sicher, das Leben der Nation in ihre Obhut und Kontrolle zu nehmen. Die Internationalisierung der deutschen Wirtschaft war schon vor dem Kriege ber dem Umwege der Aktie in die Wege geleitet worden. Freilich versuchte ein Teil der deutschen Industrie, sich noch mit Entschiedenheit vor diesem Schicksale zu bewahren. Sie fiel schlieálich aber auch dem vereinigten Angriff des gierigen Finanzkapitals, das diesen Kampf besonders mit Hilfe seines treuesten Genossen, der marxistischen Bewegung, ausfocht, zum Opfer. Der dauernde Krieg gegen die deutsche "Schwerindustrie" war der sichtbare Beginn der durch den Marxismus erstrebten Internationalisierung der deutschen Wirtschaft, die allerdings erst durch den Sieg des Marxismus in der Revolution ganz zu Ende gefhrt werden konnte. w„hrend ich dieses niederschreibe, ist ja endlich auch der Generalangriff gegen die deutsche Reichsbahn gelungen, die nun zu H„nden des internationalen Finanzkapitals berwiesen wird. Die "internationale" Sozialdemokratie hat damit wieder eines ihrer Hochziele erreicht. Wie weit diese "Verwirtschaftung" des deutschen Volkes gelungen war, geht wohl am ersichtlichsten daraus hervor, daá endlich nach dem Kriege einer der fhrenden K”pfe der deutschen Industrie und vor allem des Handels die Meinung zu „uáern vermochte, daá die Wirtschaft als solche allein in der Lage w„re, Deutschland wieder aufzurichten. Dieser Unsinn wurde in dem Augenblick verzapft, da Frankreich den Unterricht seiner Lehranstalten in erster Linie wieder auf die humanistischen Grundlagen stellte, um so dem Irrtum vorzubeugen, als ob die Nation und der Staat ihr Fortbestehen etwa der Wirtschaft und nicht ewigen ideellen Werten verdanken. Die Žuáerung, die damals ein Stinnes in die Welt setzte, richtete die unglaublichste Verwirrung an; wurde sie doch sofort aufgegriffen, um nun in staunenswerter Schnelligkeit zum Leitmotiv all der Kurpfuscher 258 Halbheit - Erziehungsfehler und Salbader zu werden, die das Schicksal seit der Revolution als "Staatsm„nner" ber Deutschland losgelassen hatte. * Eine der b”sesten Verfallserscheinungen war in Deutschland der Vorkriegszeit die allenthalben immer mehr um sich greifende Halbheit in allem und jedem. Sie ist immer eine Folge von eigener Unsicherheit ber irgendeine Sache, sowie einer aus diesen und anderen Grnden resultierenden Feigheit. Gef”rdert wurde diese Krankheit noch durch die Erziehung. Die deutsche Erziehung vor dem Kriege war mit auáerordentlich vielen Schw„chen behaftet. Sie war in sehr einseitiger Weise auf die Anzchtung von reinem "Wissen" zugeschnitten und weniger auf das "K”nnen" eingestellt. Noch weniger Wert wurde auf die Ausbildung des Charakters des einzelnen gelegt - soweit diese berhaupt m”glich -, ganz wenig auf die F”rderung der Verantwortungsfreudigkeit und gar nicht auf die Erziehung des Willens und der Entschluákraft. Ihre Ergebnisse waren wirklich nicht die starken Menschen, sondern vielmehr die gefgigen "Vielwisser", als die wir Deutsche vor dem Kriege ja allgemein galten und demgem„á auch eingesch„tzt wurden. Man liebte den Deutschen, da er sehr gut zu verwenden war, allein man achtete ihn wenig, gerade infolge seiner willensm„áigen Schw„che. Nicht umsonst verlor gerade er am leichtesten unter fast allen V”lkern Nationalit„t und Vaterland. Das sch”ne Sprichwort "Mit dem Hute in der Hand kommt man durch das ganze Land" besagt alles. Geradezu verh„ngnisvoll wurde diese Gefgigkeit aber, als sie auch die Form bestimmte, unter der allein es gestattet war, dem Monarchen entgegenzutreten. Die Form verlangte demgem„á: Nie widersprechen, sondern alles und jedes gutheiáen, was Seine Majest„t zu geruhen beliebt. Gerade an dieser Stelle aber war freie Manneswrde 259 Totengr„ber der Monarchie am n”tigsten, die monarchische Institution muáte sonst eines Tages an dieser Kriecherei zugrunde gehen; denn es war Kriecherei und sonst nichts weiter! Und nur elenden Kriechern und Schliefern, kurz, der ganzen Dekadenz, die sich an den allerh”chsten Thronen von jeher wohler gefhlt hatte als die redlichen und anst„ndig ehrlichen Seelen, vermag dies als die allein gegebene Form des Verkehrs mit den Tr„gern einer Krone zu gelten! Diese "alleruntert„nigsten" Kreaturen haben allerdings, bei aller Demut vor ihrem Herrn und Brotgeber, schon von jeher die gr”áte Unverfrorenheit der anderen Menschheit gegenber bewiesen, am st„rksten dann, wenn sie sich mit frecher Stirne als einzig "monarchisch" den brigen Sndern vorzustellen beliebten; eine wirkliche Unversch„mtheit, wie sie nur so ein geadelter oder auch ungeadelter Spulwurm fertigbringt! Denn in Wahrheit sind diese Menschen noch immer die Totengr„ber der Monarchie und besonders des monarchischen Gedankens gewesen. Es ist dies auch gar nicht anders denkbar: Ein Mann, der bereit ist, fr eine Sache einzustehen, wird und kann niemals ein Schleicher und charakterloser Kriecher sein. Wem es wirklich ernst ist um die Erhaltung und F”rderung einer Institution, der wird mit der letzten Faser seines Herzens an ihr h„ngen und es gar nicht zu verwinden verm”gen, wenn sich in ihr irgendwelche Sch„den zeigen. Der wird dann allerdings nicht in aller ™ffentlichkeit herumschreien, wie dies in genau so verlogener Weise die demokratischen "Freunde" der Monarchie taten, wohl aber Seine Majest„t, den Tr„ger der Krone selber, auf das ernstlichste warnen und zu bestimmen versuchen. Er wird sich dabei nicht auf den Standpunkt stellen und stellen drfen, daá es Seiner Majest„t dabei frei bleibe, doch noch nach seinem Willen zu handeln, auch wenn dies ersichtlich zu einem Unheil fhren muá und wird, sondern er wird in einem solchen Falle die Monarchie vor dem Monarchen in Schutz zu nehmen haben, und zwar auf jede Gefahr hin. Wenn der Wert dieser Einrichtung in der jeweiligen Person des Monarchen l„ge, dann w„re dies die schlechteste Institution, die sich nur denken l„át; 260 Die monarchistische Idee denn die Monarchen sind nur in den seltensten F„llen Auslesen der Weisheit und Vernunft oder auch nur des Charakters, wie man dies gerne hinstellen m”chte. Das glauben nur die berufsm„áigen Kriecher und Schleicher, aber alle geraden Menschen - und dies sind denn doch noch die wertvollsten des Staates - werden sich durch das Vertreten eines solchen Unsinns nur zurckgestoáen fhlen. Fr sie ist eben Geschichte Geschichte und Wahrheit Wahrheit, auch wenn es sich dabei um Monarchen handelt. Nein, das Glck, einen groáen Monarchen als groáen Menschen zu besitzen, wird den V”lkern so selten zuteil, daá sie schon zufrieden sein mssen, wenn die Bosheit des Schicksals wenigstens vom aller„rgsten Miágriff absieht. Somit kann der Wert und die Bedeutung der monarchischen Idee nicht in der Person des Monarchen selber liegen, auáer der Himmel entschlieát sich, die Krone einem genialen Helden wie Friedrich dem Groáen oder einem weisen Charakter wie Wilhelm I. auf die Schl„fen zu drcken. Dies kommt in Jahrhunderten einmal vor und kaum ”fters. Sonst aber tritt die Idee hier vor die Person, indem nun der Sinn dieser Einrichtung ausschlieálich in der Institution an sich zu liegen hat. Damit aber f„llt der Monarch selber in den Kreis des Dienens. Auch er ist nun nur mehr ein Rad in diesem Werke und ist als solches demselben verpflichtet. Auch er hat sich nun dem h”heren Zwecke zu fgen und "monarchisch" ist dann nicht mehr, wer den Tr„ger der Krone schweigend an derselben freveln l„át, sondern wer dies verhtet. L„ge nicht der Sinn in der Idee, sondern in der "geheiligten" Person um jeden Preis, drfte ja nicht einmal die Absetzung eines ersichtlich geisteskranken Frsten vorgenommen werden. Es ist notwendig, heute schon dies niederzulegen, tauchen doch in letzter Zeit immer mehr die Erscheinungen wieder aus dem Verborgenen hervor, deren j„mmerlicher Haltung der Zusammenbruch der Monarchie nicht am wenigsten mit zuzuschreiben ist. Mit einer gewissen naiven Unverfrorenheit reden diese Leute jetzt wieder nur mehr von "ihrem K”nig" - den sie aber denn doch vor wenigen 261 Die "K„mpfer" fr die Monarchie Jahren erst in der kritischen Stunde auf das allerj„mmerlichste im Stiche gelassen hatten - und beginnen, jeden Menschen, der es nicht fertigbringen will, in ihre verlogenen Tiraden miteinzustimmen, als schlechten Deutschen hinzustellen. Und in Wahrheit sind dies doch genau dieselben Hasenfáe, die im Jahre 1918 vor jeder roten Armbinde auseinander- und auf- und davonsausten, ihren K”nig K”nig sein lieáen, die Hellebarde schleunigst mit einem Spazierstock vertauschten, neutrale Krawatten umbanden und als friedliche "Brger" aber auch schon spurlos verschwanden! Mit einem Schlage waren sie damals weg, diese k”niglichen K„mpen, und erst nachdem sich der revolution„re Sturmwind, dank der T„tigkeit anderer soweit wieder gelegt hatte, daá man sein "Heil dem K”nig, Heil" wieder in die Lfte hinausschmettern konnte, begannen diese "Diener und Ratgeber" der Krone wieder vorsichtig aufzutauchen. Nun aber sind sie alle da und „ugen sehnsuchtsvoll nach den Fleischt”pfen Žgyptens zurck, konnten sich kaum mehr halten vor K”nigstreue und Tatendrang, bis wohl wieder die erste rote Binde eines Tages auftauchen wird und der ganze Interessenspuk der alten Monarchie aufs neue, wie die M„use vor der Katze, ausreiát! W„ren die Monarchen nicht selber schuld an diesen Dingen, k”nnte man sie nur auf das herzlichste bedauern ob ihrer Verteidiger von heut. Sie drfen aber jedenfalls berzeugt sein, daá man mit solchen Rittern wohl Throne verliert, aber keine Krone erficht. Diese Devotheit jedoch war ein Fehler unserer ganzen Erziehung, der sich nun an dieser Stelle in besonders entsetzlicher Weise r„chte. Denn ihr zufolge konnten sich diese jammervollen Erscheinungen an allen H”fen halten und die Grundlagen der Monarchie allm„hlich aush”hlen. Als das Geb„ude dann endlich ins Wanken kam, waren sie wie weggeblasen. Natrlich: Kriecher und Speichellecker lassen sich fr ihren Herrn nicht totschlagen. Daá die Monarchen dies niemals wissen und fast grunds„tzlich auch nicht lernen, ist von jeher zu ihrem Verderben geworden. * 262 Die Feigheit vor der Verantwortung Eine Folgeerscheinung verkehrter Erziehung war Feigheit vor der Verantwortung und die daraus sich ergebende Schw„che in der Behandlung selbst lebenswichtiger Probleme. Der Ausgangspunkt dieser Seuche liegt bei uns allerdings zu einem groáen Teile in der parlamentarischen Institution, in der die Verantwortungslosigkeit geradezu in Reinkultur gezchtet wird. Leider ging diese Erkrankung langsam aber auch auf das gesamte sonstige Leben ber, am st„rksten auf das staatliche. Man begann berall der Verantwortung auszuweichen und griff aus diesem Grunde am liebsten zu halben und ungengenden Maáregeln; erscheint doch bei ihrer Anwendung das Maá der pers”nlich zu tragenden Verantwortung immer auf den kleinsten Umfang herabgedrckt. Man betrachte nur die Haltung der einzelnen Regierungen gegenber einer Reihe von wahrhaft sch„dlichen Erscheinungen unseres ”ffentlichen Lebens, und man wird die frchterliche Bedeutung dieser allgemeinen Halbheit und Feigheit vor der Verantwortung leicht erkennen. Ich nehme nur einige F„lle aus der Unmasse vorhandener Beispiele heraus: Man pflegt gerade in Journalistenkreisen die Presse gerne als eine "Groámacht" im Staate zu bezeichnen. Tats„chlich ist ihre Bedeutung denn auch eine wahrhaft ungeheuerliche. Sie kann berhaupt gar nicht bersch„tzt werden; bewirkt sie doch wirklich die Fortsetzung der Erziehung im sp„teren Alter. Man kann dabei ihre Leser im groáen und ganzen in drei Gruppen einteilen: erstens in die, die alles, was sie lesen, glauben; zweitens in solche, die gar nichts mehr glauben; drittens in die K”pfe, welche das Gelesene kritisch prfen und danach beurteilen. Die erste Gruppe ist ziffernm„áig die weitaus gr”áte. Sie besteht aus der groáen Masse des Volkes und stellt demgem„á den geistig einfachsten Teil der Nation vor. 263 Die drei Zeitungsleser-Gruppen Sie kann aber nicht etwa in Berufen genannt werden, sondern h”chstens in allgemeinen Intelligenzgraden. Ihr geh”ren alle an, denen selbst„ndiges Denken weder angeboren noch anerzogen ist, und die teils aus Unf„higkeit, teils aus Nichtk”nnen alles glauben, was man ihnen schwarz auf weiá gedruckt vorsetzt. Auch jene Sorte von Faulpelzen geh”rt dazu, die wohl selber denken k”nnte, aber aus reiner Denkfaulheit heraus dankbar alles aufgreift, was ein anderer schon gedacht hat, in der bescheidenen Voraussetzung, daá dieser sich schon richtig angestrengt haben wird. Bei all diesen Menschen nun, die die groáe Masse vorstellen, wird der Einfluá der Presse ein ganz ungeheuerer sein. Sie sind nicht in der Lage oder nicht willens, das ihnen Dargebotene selber zu prfen, so daá ihre gesamte Einstellung zu allen Tagesproblemen nahezu ausschlieálich auf die „uáere Beeinflussung durch andere zurckzufhren ist. Dies kann von Vorteil sein dann, wenn ihre Aufkl„rung von ernster und wahrheitsliebender Seite vorgenommen wird, ist jedoch von Unheil, sowie dies Lumpen und Lgner besorgen. Die zweite Gruppe ist in der Zahl schon wesentlich kleiner. Sie ist zum Teil aus Elementen zusammengesetzt, die erst zur ersten Gruppe geh”rten, um nach langen bitteren Entt„uschungen nun in das Gegenteil umzuschlagen und berhaupt nichts mehr zu glauben, soferne es nur gedruckt vor ihr Auge kommt. Sie hassen jede Zeitung, lesen sie entweder berhaupt nicht, oder „rgern sich ausnahmslos ber den Inhalt, da er ihrer Meinung nach ja doch nur aus Lge und Unwahrheit zusammengesetzt ist. Diese Menschen sind sehr schwer zu behandeln, da sie auch der Wahrheit immer miátrauisch gegenberstehen werden. Sie sind damit fr jede positive Arbeit verloren. Die dritte Gruppe endlich ist die weitaus kleinste; sie besteht aus den geistig wirklich feinen K”pfen, die natrliche Veranlagung und Erziehung selbst„ndig denken gelehrt hat, die sich ber alles ihr eigenes Urteil zu bilden versuchen und die alles Gelesene auf das grndlichste noch einmal einer eigenen Prfung und Weiterentwicklung unterziehen. 264 Staat und Presse Sie werden keine Zeitung anschauen, ohne in ihrem Gehirne dauernd mitzuarbeiten, und der Verfasser hat dann keinen leichten Stand. Die Journalisten lieben solche Leser denn auch nur mit Zurckhaltung. Fr die Angeh”rigen dieser dritten Gruppe ist allerdings der Unsinn, den eine Zeitung zusammenschmieren mag, wenig gef„hrlich oder auch nur bedeutungsvoll. Sie haben sich ohnehin zumeist im Laufe eines Lebens angew”hnt, in jedem Journalisten grunds„tzlich eine Spitzbuben zu sehen, der nur manches Mal die Wahrheit spricht. Leider aber liegt die Bedeutung dieser prachtvollen Menschen eben nur in ihrer Intelligenz und nicht in der Zahl - ein Unglck in einer Zeit, in der die Weisheit nichts und die Majorit„t alles ist! Heute, da der Stimmzettel der Masse entscheidet, liegt der ausschlaggebende Wert eben bei der zahlreichsten Gruppe, und diese ist die erste: der Haufe der Einf„ltigen oder Leichtgl„ubigen. Es ist ein Staats- und Volksinteresse ersten Ranges, zu verhindern, daá diese Menschen in die H„nde schlechter, unwissender oder gar belwollender Erzieher geraten. Der Staat hat deshalb die Pflicht, ihre Erziehung zu berwachen und jeden Unfug zu verhindern. Er muá dabei besonders der Presse auf die Finger sehen; denn ihr Einfluá ist auf diese Menschen der weitaus st„rkste und eindringlichste, da er nicht vorbergehend, sondern fortgesetzt zur Anwendung kommt. In der Gleichm„áigkeit und ewigen Wiederholung dieses Unterrichts liegt seine ganz unerh”rte Bedeutung. Wenn also irgendwo, dann darf gerade hier der Staat nicht vergessen, daá alle Mittel einem Zwecke zu dienen haben; er darf sich nicht durch das Geflunker einer sogenannten "Pressefreiheit" beirren und beschw„tzen lassen seine Pflicht zu vers„umen und der Nation die Kost vorzuenthalten, die sie braucht und die ihr gut tut; er muá mit rcksichtsloser Entschlossenheit sich dieses Mittels der Volkserziehung versichern und es in den Dienst des Staates und der Nation stellen. Welche Kost aber hat die deutsche Presse der Vorkriegszeit den Menschen vorgesetzt? War es nicht das „rgste 265 Staat und Presse Gift, das man sich nur vorzustellen vermag? Wurde dem Herzen unseres Volkes nicht schlimmster Pazifismus zu einer Zeit eingeimpft, da die andere Welt sich schon anschickte, Deutschland langsam aber sicher abzudrosseln? Hatte diese Presse nicht schon im Frieden dem Gehirn des Volkes den Zweifel an das Recht des eigenen Staates eingefl”át, um es so in der Wahl der Mittel zu seiner Verteidigung von vornherein zu beschr„nken? War es nicht die deutsche Presse, die den Unsinn der "westlichen Demokratie" unserem Volke schmackhaft zu machen verstand, bis dieses endlich, von all den begeisterten Tiraden gefangen, glaubte, seine Zukunft einem V”lkerbunde anzuvertrauen zu k”nnen? Hat sie nicht mitgeholfen, unser Volk zu einer elenden Sittenlosigkeit zu erziehen? Wurden nicht Moral und Sitte von ihr l„cherlich gemacht, als rckst„ndig und spieáig gedeutet, bis endlich auch unser Volk "modern" wurde? Hat sie nicht in dauerndem Angriff die Grundfesten der Staatsautorit„t so lange unterh”hlt, bis ein einziger Stoá gengte, um dieses Geb„ude zum Einsturz zu bringen? Hat sie nicht einst gegen jeden Willen, dem Staate zu geben, was des Staates ist, mit allen Mitteln angek„mpft, nicht in dauernder Kritik das Heer herabgesetzt, die allgemeine Wehrpflicht sabotiert, zur Verweigerung der milit„rischen Kredite aufgefordert usw., bis der Erfolg nicht mehr ausbleiben konnte? Die T„tigkeit der sogenannten liberalen Presse war Totengr„berarbeit am deutschen Volk und Deutschen Reich. Von den marxistischen Lgenbl„ttern kann man dabei berhaupt schweigen; ihnen ist das Lgen genau so Lebensnotwendigkeit wie der Katze das Mausen; is